04. Mai 2018 / 06:00 Uhr

Exklusiv! Per Mertesacker über Druck-Debatte: „Ich wollte mich outen“

Exklusiv! Per Mertesacker über Druck-Debatte: „Ich wollte mich outen“

Heiko Ostendorp
Twitter-Profil
Per Mertesacker spielt seit 2011 für Arsenal. Zuvor stand er bei Hannover 96 und Werder Bremen unter Vertrag.
Per Mertesacker spielt seit 2011 für Arsenal. Zuvor stand er bei Hannover 96 und Werder Bremen unter Vertrag. © Getty
Anzeige

In seinem ersten ausführlichen Interview nach der von ihm entfachten Debatte über den hohen Druck im Profi-Fußball erklärt Weltmeister Per Mertesacker beim SPORTBUZZER, wie es zu seinen Aussagen kam und wie er der Kritik an den Ausführungen begegnet. Zudem spricht er über seine Planungen für die Zukunft.

Buzzer deine Meinung!
  • Fail
    -
    Fail
  • Läuft
    -
    Läuft
  • Krass
    -
    Krass
  • WTF
    -
    WTF
  • Kopf Hoch
    -
    Kopf Hoch
  • Peinlich
    -
    Peinlich
Anzeige

SPORTBUZZER: Herr Mertesacker, Ihr Karriereende steht kurz bevor. Haben Sie noch einen Wunsch?

Per Mertesacker (33): Ich wünsche mir, dass ich gesund bleibe und noch einmal spielen darf. Ich möchte mich fit halten, um im entscheidenden Moment noch mal alles rauszuhauen. Es kann so schnell etwas passieren und du musst da sein. Deshalb bin ich hochgradig fokussiert in jedem Training. Ich sauge das alles auf und bin mir bewusst, dass ich nicht mehr jedes Spiel machen muss und werde. Bereit zu sein im Moment x, dafür bin ich prädestiniert, das ist mein Naturell.

Wie sehen Sie die Situation bei Arsenal?

Die Saison war und ist ja eine ziemliche Achterbahnfahrt. Das stimmt. In der Liga war es sehr schwierig. Wir haben zu keiner Zeit richtig stattgefunden, man hat nie annähernd gedacht, dass wir es unter die ersten vier schaffen könnten. Das tut schon weh, weil wir eigentlich immer dazugehört haben. Deswegen zielte die ganze Saison darauf ab, das Europa-League-Finale zu erreichen und zu gewinnen, um nächste Saison wieder in der Champions League dabei zu sein.

Fußballchef Heiko Ostendorp (l.) beim Interviewtermin mit Mertesacker in London.
Fußballchef Heiko Ostendorp (l.) beim Interviewtermin mit Mertesacker in London. © SPORTBUZZER
Anzeige

Am 11. Mai erscheint Ihr Buch „Weltmeister ohne Talent“ – was hat Sie angetrieben?

Am Anfang dachte ich, dass es Quatsch ist, weil man so etwas eher am Ende seines Lebens macht. Dann habe ich gedacht, dass es gut ist, sich mit all den Themen, die man so erlebt hat, noch mal auseinanderzusetzen. Während der Karriere rauscht das alles an einem vorbei, man hat keine Zeit, sich damit zu beschäftigen. Ich will damit auch ein Kapitel meines Lebens abschließen.

„Fühlte mich als Ersatzspieler plötzlich besser“

Sie haben kürzlich dem Spiegel ein Interview gegeben, das hohe Wellen schlug. Sie haben sehr offen über den Druck im Fußball, von Übelkeit vor wichtigen Spielen gesprochen. Kritiker behaupten, es sei PR für Ihr Buch gewesen. Bereuen Sie die Aussagen?

Nein, gar nicht. Das Lustige ist, dass ich in der letzten Saison erstmals eine völlig neue Rolle hatte als Ersatzspieler und mich plötzlich besser fühlte, mich nicht mehr übergeben musste, die Erwartungshaltung nicht mehr so groß war. In dieser Zeit kam ein Journalist genau mit diesem Thema auf mich zu und ich habe das Ganze zum ersten Mal in meiner Karriere hinterfragt: Ist das eigentlich normal? Warum fühle ich mich jetzt besser? Das Buch hatte ich ja schon vorher gemacht. Deshalb war das keine Promo. Es mag vielleicht helfen, aber beabsichtigt war es sicher nicht (lacht).

Mehr zur Druck-Debatte

Die Reaktionen waren gespalten. Beispielsweise sagte Giovane Elber, dass Sie nicht über Druck sprechen können, da Menschen Druck haben, die mit 500 Euro im Monat klarkommen müssen. Lothar Matthäus kritisierte, dass Sie nach Ihren Aussagen unmöglich Arsenals Nachwuchsakademie leiten könnten…

Ich verlange von niemandem, dass er mich versteht – jeder hat seine eigene Wahrnehmung. Ich wollte das verbalisieren, mich in gewisser Weise outen. An den Reaktionen sieht man, wie groß die Herausforderung ist, mit diesem Thema umzugehen. Ich weiß, dass es mit Sicherheit andere Drucksituationen gibt, aber das hat ja nichts mit meiner persönlichen Geschichte zu tun. Jeder hat seine eigene Geschichte.

Mehr zu Per Mertesacker

„Das zeigt, wie sehr das Thema aufreibt“

Hätten Sie sich gewünscht, dass die Kritiker persönlich auf Sie zugekommen wären?

Nein. Wenn ich das Thema öffentlich mache, muss ich auch damit rechnen, dass es öffentlich diskutiert wird. Ich kann mit allen Lagern leben. Das zeigt mir nur, wie sehr das Thema aufreibt.

Würden Sie unter Ihre Karriere die Note Eins setzen?

(überlegt) Ich hatte keine großen Erwartungen. Es gab andere, deren Erwartungen deutlich höher waren, die es aber nicht geschafft haben. Oder Superstars, die eben nicht Weltmeister wurden. Mir hat keiner so eine Karriere zugetraut, mit 15 war es das erste Mal schon fast vorbei. Was dann trotzdem daraus wurde und dass es bis zu diesem Titel in Brasilien ging – dafür würde ich eine Eins geben.

Mehr zum FC Arsenal

„Habe bei Arsenal eine unglaublich tolle Möglichkeit“

Sie übernehmen ab Sommer die Nachwuchsakademie beim FC Arsenal. Ist London Ihre neue Heimat?

Der Plan, als wir nach London kamen, war, dass wir wieder zurückgehen. Jetzt ist der mittelfristige Plan, dass wir bleiben. Erstens bietet der Verein mir eine unglaublich tolle Möglichkeit, die ich gern wahrnehmen möchte. Unsere Kinder sind hier aufgewachsen und kennen noch nichts anderes. Zudem hatte ich mit meiner Frau den Deal, dass sie entscheiden darf – und sie möchte gern hierbleiben. Wir haben hier etwas außerhalb des Trubels unser kleines Reich gefunden. Dennoch können wir uns immer vorstellen, mal nach Deutschland zurückzukehren.

Per Mertesacker: Seine Karriere in Bildern:

Zur Galerie
Die aktuellen TOP-THEMEN

Mega-Sale: SPORTBUZZER-SHOP

Mehr Fußball vom Sportbuzzer

Anzeige
Sport aus aller Welt