Dorfmerkingen feiert den Landespokal Oh wie ist das schön! RB Leipzigs Pokalgegner Dorfmerkingen hat den Landespokalsieg zünftig gefeiert. © Verein
Dorfmerkingen feiert den Landespokal

RB Leipzig ist nicht allein Schuld: In Dorfmerkingen herrscht Ausnahmezustand

Der Fleck auf der Landkarte in der Ostalb zwischen Aalen und Heidenheim ist klein. Die Aufregung seit dem DFB-Pokal-Los ist dagegen umso größer. Die Sportfreunde erwarten den Vizemeister. Wir haben dem beschaulichen 1000-Einwohner-Ort und seinen Kickern einen Besuch abgestattet.

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Kein Zug, ein Bus pro Tag. Der Weg ins rund 1000 Einwohner zählende Örtchen ist ohne Auto beschwerlich. Gut, dass es auf der Vereinshomepage die Rubrik „Dorfmerkingen finden“ gibt. Sonst würden sich hier nur Hase und Igel gute Nacht sagen. Der Fleck auf der Landkarte in der Ostalb zwischen Aalen und Heidenheim ist so klein, dass Reisende noch nicht einmal eine Übernachtungsmöglichkeit finden. Auch kein Restaurant.

So bejubelt Dorfmerkingen das Pokallos RB Leipzig

Deshalb ist das idyllisch am Dorfrand gelegene Sportheim Talblick der Treffpunkt für Jung und Alt. Der Fußballclub Sportfreunde Dorfmerkingen verbindet. „Hier ist jeder von Geburt an dabei. Es gibt keinen Haushalt im Dorf, der nichts mit dem Verein zu tun hat“, sagt Medienkoordinator Martin Schill. Sein Vater Josef hat bei der Organisation für das DFB-Pokalspiel gegen RB Leipzig den Hut auf, besitzt den Spitznamen Hoeneß des Härtsfelds (Name der karg besiedelten Hochfläche).

Im kleinen Sportheim treffen sich die Dorfbewohner jeden Donnerstag zum Stammtisch, lassen sich hinter dem großen Holtresen das ein oder andere Bier ausschenken. „Wir haben ja hier sonst nichts zu bieten, außer das Vereinsleben“, sagt Ortsvorsteher Gerhard Hügler. Wimpel und Pokale schmücken das vor wenigen Jahren hübsch renovierte Gebäude. Eine richtige Fußballkneipe eben. Hier, auf den alten Holzstühlen und den großen Fernsehbildschirmen, schauen die Kicker aller Mannschaften gemeinsam die Spiele der Champions League – nun steht die Königsklasse mit der Partie gegen RB Leipzig vor der eigenen Haustür.

Wilde Monate

Kurz vor dem spektakulärsten Spiel der Vereinshistorie ist zwischen den üppig grünen Wiesen und Feldern der Ostalb mehr los als sonst. Um die 100 Fans schauen beim Training vorbei, sowie mehrere Fernsehteams und Journalisten. Gegen den Vizemeister spielt man nur einmal im Leben. Deshalb genießen die Sportfreunde den Trubel in vollen Zügen. „Es ist das Größte, was wir in der Vereinsgeschichte je hatten“, sagt Martin Schill, der vor 37 Jahren direkt in einen selbstgenähten schwarz-roten Strampler des Clubs gesteckt wurde.

FOTOS: Zu Besuch bei den Sportfreunden Dorfmerkingen

Seit Monaten herrscht quasi Ausnahmezustand rings um den „Doublesieger“, der nach dem Aufstieg in die Verbandsliga (6. Liga) und dem Gewinn des Baden-Württembergischen Pokals (3:1 gegen die Stuttgarter Kickers) extra T-Shirts anfertigen ließ. Empfang auf dem größten Balkon der Stadt, Autokorso, Eintrag ins goldene Buch. Die Euphorie des doppelten Triumphs ist noch genauso spürbar, wie schon die Vorfreude auf die erste Runde des DFB-Pokals. „Die ganze Region steht hinter uns“, sagt der 62-jährige Josef Schill mit leuchtenden Augen. Immerhin spielte der 1922 gegründete Fußballclub erst einmal im DFB-Pokal und nie höher als in der fünften Liga.

Doch Erfahrung mit dem Profi-Fußball besitzt zumindest SfD-Coach Helmut Dietterle, der einst in der Bundesliga für den VfB Stuttgart kickte und Manager in Aalen war. Für ihn hat das Duell auch aus persönlichen Gründen einen Reiz: „Weil es so viele Berührungspunkte gibt, mit den Personen die für RB Leipzig arbeiten. Ralph Hasenhüttl war in Aalen sehr erfolgreich, Ralf Rangnick hat in ganz Baden-Württemberg bei vielen Vereinen einiges erreicht. Zudem kenne ich Jochen Schneider, Frieder Schrof und Thomas Ahlbeck aus Stuttgarter Zeiten.“ Auch zwischen den Spielern gibt es Verbindungen: Torhüter Christian Zech trainierte einst mit Dominik Kaiser zusammen unter Ex-RB-Coach Alexander Zorniger bei Normannia Gmünd. Der Kapitän brach diese Woche extra seine Flitterwochen ab, um beim legendären Duell gegen die Leipziger dabei zu sein.

100 Freiwillige im Einsatz

Die Partie gegen den Bundesligisten bringt den kleinen Verein an seine Belastungsgrenze. Seit der Auslosung im Juni ist ein harter Kern von acht Personen mit der Vorbereitung beschäftigt. Natürlich ehrenamtlich, wie alle guten Seelen bei den Sportfreunden. „Darauf bin ich sehr stolz. Wir sind ein Vorbild in der Region, auch weil hier generationenübergreifend alle helfen“, sagt Dorfmerkingens Ortsvorsteher Hügler. Beim Pokalspiel wird bis auf die Security alles selbst gestemmt: Catering, Stadionsprecher, Balljungen, Feuerwehr. Rund 100 Personen sind im Einsatz. Die fleißigen Helfer der Sportfreunde loben die Kooperation mit den Verantwortlichen von RBL vor der Partie in den höchsten Tönen. „Wir haben ja kaum Erfahrung damit, so ein Spiel zu organisieren“, sagt der 66-jährige SfD-Trainer.

Dafür stellt der Drittligist VfR Aalen sein Stadion zu günstigen Bedingungen zur Verfügung. Denn der Verbandsliga-Aufsteiger muss von seiner idyllischen Sportanlage in die 24 Kilometer entfernte Stadt umziehen. Der vor saftigem grün strotzende Rasen der Sportfreunde ist zwar bundesligatauglich, weil sich ein „positiv Verrückter im Verein dem Platz annimmt und ihn pflegt“, erklärt Stürmer Fabian Weiß. Ringsherum wird die Anlage mit der kleinen Holztribüne, auf der bei Heimspielen bis zu 400 Zuschauer sitzen, den DFB-Anforderungen aber nicht gerecht. Coach Dietterle spornt seine Männer nach dem Training bei der Rasenpflege an: „Los, wir müssen die Löcher jetzt noch zutreten. Ihr habt zwei Minuten Zeit.“.

SFV-Coach Helmut Dietterle ist einer der wenigen, die Erfahrung mit dem Profigeschäft haben. (@ Verein) Helmut Dietterle trainiert die Sportfreunde. © Verein

Das Stadion in Aalen bietet immerhin Platz für 14.500 Zuschauer, mehr als 11.000 Tickets sind schon weg. Zweimal trainieren die Sportfreunde vorher in der Nachbarstadt, um sich an die Bedingungen zu gewöhnen. An einen erneuten Pokalcoup glaubt SfD-Trainer Dietterle aber nicht: „Ich mache mir bei Leipzig keine große Hoffnung, dass die ein bisschen langsam spielen. Da gibt es nur Vollgas.“ Mit einem gemeinsamen Spaghetti-Essen und der kurzen Busfahrt will sich der krasse Außenseiter am Sonntag auf den Pokalhit einstimmen. Das große Ziel: Bloß nicht zweistellig verlieren.

Pokalfinder eingeladen

Der Name Sportfreunde ist Programm. Martin Schill erklärt: „Wir wollen den Anti-RB-Scheiß nicht im Stadion haben. A ist das nicht unser Stil, B ist das fadenscheinig. Anti-Stimmung gehört nicht zum Fußball, jeder soll seinen Verein anfeuern.“ Besonders am Herzen liegt ihnen der TSV Neusäß. Die Handballer aus Bayern haben den verloren gegangenen Landespokal aus Mallorca Anfang Juni wieder nach Deutschland gebracht. Dort war er den Fußballern beim Feiern in der berühmten Lokalität „Bierkönig“ abhandengekommen. Per Facebook fahndete der Verein nach seinem besten Stück – mit Erfolg. Die heimliche Übergabe fand auf einer Raststätte an der Autobahn statt, weil die Aufregung in den sozialen Medien nicht zu erahnende Ausmaße angenommen hatte. Nun wollen sich beide Mannschaften am Sonntag nach dem Pokalspiel erstmals richtig kennenlernen, denn die Handballer sind nach Aalen als Zuschauer eingeladen.

Presseerklärung: Dem Fußballverein Sportfreunde Dorfmerkingen aus Baden-Württemberg ist auf ihrer Saison-Abschlussfeier...

Geplaatst door TSV Neusäß Handball op dinsdag 13 juni 2017

Als der Pokal verloren ging, war das Dorf außer Rand und Band: Ein Verlust des knapp zehn Kilogramm schweren Potts aus Bronze hätte bis zu 15.000 Euro gekostet. Immerhin ist das edle Teil in einer Glockengießerei hergestellt worden. „Ich dachte, die Jungs wollen uns verarschen“, erinnert sich Josef Schill. Auch beim baden-württembergischen Verband sorgte die Nachricht für Aufruhr, da es sich beim Pokal um ein Original und nicht um das noch zu fertigende Duplikat handelt. Inzwischen steht das Heiligtum bei einem Vereinsvorsitzenden zu Hause an einem sicheren Ort, wird nur noch für Fotos, wie jetzt, wenn all die Journalisten ins Dorf pilgern, hervor geholt.

Antrittsgeld schon verplant

Egal wie das Spiel am 13. August endet, der Sechstligist hat allein durch die Teilnahme gewonnen. Mit dem Antrittsgeld der ersten DFB-Pokalrunde, das fast so hoch ist wie der Jahresetat von 120.000 Euro, peppen die Sportfreunde ihr Trainingsgelände auf. Die Bagger rollen bereits, neue Umkleideräume und ein Fitnessbereich entstehen. Ein bisschen Ärger herrscht allerdings, weil der Verein von den 140.000 Euro Antrittsprämie nur 100.000 Euro bekommt – den Rest streicht der Landesverband ein.

Martin Schill wird die Pokalpartie als Stadionsprecher begleiten. (@ Verein) Reist als Stadionsprecher mit nach aalen: Martin Schill. © Verein

Aus dem baden-württembergischen Landespokal sind die Sportfreunde in diesem Jahr bereits in der ersten Runde ausgeschieden. Vergangenen Samstag unterlagen sie im ersten Pflichtspiel der Saison dem Fünftligisten SGV Freiberg mit 0:3. Die Vorfreude auf das Duell mit einem noch viel überlegeneren Gegner schmälert das allerdings nicht.

Der jüngste Stadionbesucher gegen RB Leipzig heißt übrigens Lukas Schill. Auch wenn der sieben Wochen junge, kleine Bub noch nicht viel vom Spiel mitbekommen wird – seine Nachfahren werden noch lange von dieser Begegnung sprechen. Auch weil sein Vater Martin Schill Stadionsprecher in der legendären Partie gegen RB Leipzig ist. Schills Frau hat nach Wochen des Ausnahmezustands aber noch einen Wunsch an ihren Mann: „Bitte keine zweite Runde im DFB-Pokal.“

Region/Leipzig RB Leipzig RB Leipzig (Herren) Sportfreunde Dorfmerkingen Sportfreunde Dorfmerkingen (Herren) Fussball DFB-Pokal Sportfreunde Dorfmerkingen-RB Leipzig (13/08/2017 15:30)

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