11. Januar 2018 / 13:46 Uhr

Ritterhude-Coach Geils: Auch "Schweineübungen" müssen sein

Ritterhude-Coach Geils: Auch "Schweineübungen" müssen sein

Thomas Müller
Zeigte sich sehr enttäuscht: Ritterhude-Coach Julian Geils.
Fußballtrainer und Physiotherapeut in Personalunion: Julian Geils von der TuSG Ritterhude. © Hans-Henning Hasselberg
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Der Fußballtrainer und Physiotherapeut spricht im Interview über Sportverletzungen und wie sie vermieden werden können

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Julian Geils ist Leitender Physiotherapeut an der Klinik Lilienthal. In der Jugend spielte der 34-Jährige unter anderem beim VSK Osterholz-Scharmbeck, er wechselte dann von A-Jugend-Regionalligist FC Union zum Lüssumer TV, seiner ersten Herrenstation. Es folgten Stopps beim FC Bremerhaven und Brinkumer SV, wo Geils erstmals Oberligaluft schnupperte. Danach kickte er zwei Jahre als Vertragsspieler bei Viertligist MSV Neuruppin, ehe Geils im Sommer 2007 beim SV Blau-Weiß Bornreihe landete. Im Januar 2012 schloss sich der Kreis. Geils kehrte als spielender Co-Trainer zurück zu dem Verein, wo seine Laufbahn als kleiner Junge begonnen hatte - zur TuSG Ritterhude. Verein und Trainer haben gerade die weitere Zusammenarbeit bis Sommer 2019 vereinbart. Im Interview spricht der Physiotherapeut Und Fußballtrainer über Sportverletzungen und wie sie vermieden werden können.

Als Trainer Peter Stöger beim 1. FC Köln entlassen wurde, hat der neue Sportdirektor Armin Veh nachgekartet und gesagt, dass die 13 Verletzten in der Hinrunde mit ein Grund seien, weshalb der FC Bundesliga-Schlusslicht ist. Kann man so einen Zusammenhang überhaupt herstellen zwischen Trainerarbeit und der Krankenabteilung?

Julian Geils: Ja, schon, weil der Trainer ja tagtäglich mit den Spielern arbeitet, wobei in der Bundesliga ja ein riesiger Staff dahintersteckt mit Athletik-Trainer, den Physios und den Co-Trainern und natürlich der medizinischen Abteilung, die sagt, ob ein Spieler wieder auf den Platz darf oder nicht. In gewisser Weise ist aber auch der Cheftrainer mitverantwortlich. Ihm allein das anzukreiden, finde ich etwas schwierig. Vielleicht steckte in dem Fall auch verletzter Stolz dahinter, weil Stöger in Köln ja sehr beliebt war. So sollte man nicht miteinander umgehen.

Inwieweit kann Julian Geils – als Trainer und von Berufs wegen Physiotherapeut – vorbeugend tätig werden, um die Verletzungsgefahr zu minimieren?

Ich bringe schon ein gewisses medizinisches Know-how mit in meine Trainingssteuerung. Bei der TuSG bin ich aber hauptsächlich Trainer. Wir haben ja einen Physiotherapeuten mit Michael Selke. Wir haben seit dieser Saison mit Frauke Thöne eine Mannschaftsärztin. Denen überlasse ich das Feld. Ich werde aber auch schon mal von den Spielern gefragt, und ich sage auch meine Meinung dazu. Aber ich überlasse den beiden schon die Entscheidungsfreiheit. Im Training machen wir natürlich Stabilitätsübungen und ein entsprechendes
Aufwärmprogramm. Wir achten schon auf motorisches Training.

Die Mannschaftsärztin kam auf Ihr Betreiben zur TuSG?

Ja, genau. Wobei das fast aus einem Spaß heraus entstanden ist. Es haben ja alle mitbekommen, dass wir aufgestiegen sind. Hier im Krankenhaus arbeiten wir eng zusammen mit
Unfallchirurgen und Orthopäden sowieso. Und dann kam halt so ein flapsiger Spruch: Wenn ihr aufsteigt, braucht ihr sicherlich eine Teamärztin. Darauf bin dann zurückgekommen. Da kam sie aus der Nummer nicht mehr heraus. Aber sie fand die Aufgabe auch sehr interessant. Sie ist übrigens Unfallchirurgin.

Wie viel Prozent am Erfolg einer Mannschaft hat die Physis und die Verletzungsfreiheit?

Natürlich kann es Punkte kosten, wenn ein wichtiger Spieler verletzt ausfällt. Als Trainer muss man aber auch in der Vorbereitung darauf achten, dass die Spieler fit sind. Dass man im
Zweifel einen Spieler nicht wieder zu früh ins Training schickt. Ich gebe aber auch viel Verantwortung an den einzelnen Spieler ab. Jeder muss selbst in sich hinein spüren: Geht es schon, oder geht es nicht? Manchmal muss man die Verantwortung aber auch wieder entziehen, wenn man sieht: Oh, der humpelt ja noch. Das ist schon nicht unwichtig. Wolfgang
 Sidka, mein Trainer in Neuruppin, hat mal gesagt: Ein Bundesliga-Profi macht zehn bis 15 Spiele in der Saison, in denen er wirklich fit ist. Sonst ist er immer angeschlagen oder hat irgendwas. Ich weiß aber nicht, ob er das aus einer Statistik hat oder es rein gefühlsmäßig gesagt hat. Das wird bei den Amateuren, die ja auch eine berufliche Belastung haben, nicht ganz anders sein.

Sie haben gesagt, dass Spieler auch in sich hineinspüren müssen. Sind sie dazu überhaupt in der Lage? Es ist ja oft die Rede davon, dass gerade junge Menschen immer weniger koordinative und motorische Fähigkeiten besitzen.

Ja, das ist ganz gewiss so. Aber wir reden hier von ausgebildeten Fußballern. In der Landesliga spielen wir im Leistungsbereich. Die Jungs haben schon ein gutes Körpergefühl, sonst
wären sie nicht in der Lage, im Leistungssport mitzuhalten. Mit der mangelnden Beweglichkeit – das stimmt schon. Ich war kürzlich mit meiner Familie auf einem Indoor-Spielplatz, und ich habe viele kleine Kinder da gesehen mit deutlichem Übergewicht. Da sage ich dann als Physiotherapeut: Okay, das werden später alles meine Patienten. Auch wenn das nicht besonders toll ist. Motorik und Körpergefühl werden nicht besser vor der Playstation.

Ist Ihnen in jüngster Zeit eine Häufung ganz bestimmter Sportverletzungen aufgefallen?

Bei uns nicht. Ich habe schon das Gefühl, dass wir durch das spezifische Training relativ wenig Muskelverletzungen haben. Das richtige Vorbereiten ist wichtig und wie die Muskelfasern richtig beansprucht werden. Die sind nicht dafür zuständig, ob ich jetzt umknicke oder nicht oder wie schnell ich reagiere. Das kann man nicht willkürlich machen. Nur durch individuelle Übungen verbessert sich das. Die Koordination ist ganz, ganz wichtig. Wir machen auch immer wieder Sprungübungen, bei denen man kurz stabil stehen muss. Weil: Wenn ich springe und nicht stabil stehe, ist die Gefahr größer, dass ich umknicke.

Oder wir machen eine Übung, für die es einen Trainer oder Physiotherapeuten braucht und die meine Spieler besonders unangenehm finden: Ausfallschritte. Das kräftigt die
Gesäßmuskulatur und die hintere Oberschenkelmuskulatur. So kommt es zu einer Ansteuerung gewisser Muskelfasern. Dadurch bekomme ich in der Regel weniger Muskelfaserrisse. Aber das ist eine Schweineübung – die tut weh. Und zwei Tage später hat man einen tierischen Muskelkater. Dafür muss man seinen inneren Schweinehund überwinden. Für diese Übungen braucht es einen Physiotherapeuten. Weil: Allein macht man es nicht.

Ist es Zufall, oder woran liegt es, dass etliche bekannte Fußballer aus dem Landkreis mit Schambeinentzündungen zu tun haben?

Früher hieß es: Der hat eine weiche Leiste. Die Diagnostik ist seitdem aber besser geworden. Das Spiel ist aber auch dynamischer und schneller geworden, auch im Amateurbereich. Und dann sind die Adduktoren auch eine ziemlich kräftige Muskelgruppe, die auch aufs Schambein ziehen. Es liegt sicherlich daran, dass das Tempo überall höher wird. Das ist eine total bescheidene Verletzung, man muss extrem lange Geduld haben. Sobald man nämlich irgendetwas merkt, ist es schon zu viel Reizung. Das kann schon beim normalen Gehen der Fall sein. Wenn man etwas merkt, muss man sofort aufhören. Ein sehr, sehr langer Heilungsprozess. Es hat sicherlich auch etwas damit zu tun, dass wir im Alltag immer mehr sitzen. Dadurch wird die Körperhaltung immer schlechter.

Inwieweit braucht man nach Verletzungen nicht nur einen Physiotherapeuten, sondern auch einen Psychologen, weil vielleicht im Kopf Blockaden und eine Angst vor Belastung entstehen?

Da ist jeder Mensch anders. Einige schonen ihren Körper weniger als andere. Im Profi-Bereich sollte sicherlich mental geschult werden, da kann es ja auch um Existenzen gehen. Beachten muss man das aber auch bei Amateuren. Jeder Sportler geht anders mit Verletzungen um. Bei uns hat sich Kenneth Klose einen Kreuzbandriss mit 21 Jahren zugezogen. Wegen starker Schmerzen hat er seine Karriere beendet. Er hatte ein Jahr pausiert, dann wieder angefangen. Im Training hat er wieder etwas gespürt. Das war aber nur eine Dehnung. Die Angst, dass es wieder passiert, war bei ihm aber zu groß. Dann hat er mit etwas aufgehört, das er sehr geliebt hat. Tobias Böttjer war auch oft verletzt, hat sich insgesamt dreimal die Schulter ausgekugelt. Er spielt jetzt mit Bandage. Aber das ist Typ-technisch immer unterschiedlich.

Eben fiel das Stichwort gute Vorbereitung. Die vergangenen Wochen haben hierzulande wieder einmal gezeigt, dass das witterungsbedingt kaum bis gar nicht geht, beziehungsweise es steigt die Gefahr von Verletzungen durch unebene Trainingsflächen. Eigentlich müsste doch jeder größere Verein einen Kunstrasenplatz haben, oder?

Kunstrasen sind auf jeden Fall eine Lösung, weil sie das regelmäßige Trainieren ermöglichen. Allerdings bedeutet Kunstrasen auch eine etwas höhere Belastung für Rücken und Knie. Die Plätze sind stumpfer beim Abbremsen.

Ist Hallentraining im Winter eine wirkliche Alternative?

Auch wir sind in die Halle gegangen, weil unsere Trainingsplätze so oft gesperrt waren. Man muss ja etwas tun. Wenn ich eine Woche nichts tue, bin ich am Wochenende nicht fit. Und nur Laufen gehen? Wir wollen ja auch mit dem Ball arbeiten.

Besteht auf „tiefen“ Rasenplätzen nicht auch eine höhere Verletzungsgefahr?

Auf jeden Fall ist es anstrengender. Die Muskulatur ermüdet eher. Man knickt vielleicht auch eher um, weil der Platz uneben ist. Und bei Kälte ist die Gefahr grundsätzlich auch etwas
größer. Es gibt Jahreszeiten, wo sich die Verletzungen häufen. Oder es sind andere Verletzungen als im Sommer. Das ist so. Aber es betrifft ja auch alle Mannschaften. Keine geht ohne verletzte Spieler durch die Saison.

Welche Verletzungen begegnen Ihnen am häufigsten?

Muskelfaserrisse und Zerrungen sind ziemlich häufig. Und dann natürlich die Bänder. Sprunggelenke, also Außenband und Innenband. Knie mit Innen- und Außenband, Meniskusschaden und Kreuzbandrisse. Die unteren Extremitäten sind deutlich am häufigsten betroffen. Kopfverletzungen gehören aber auch dazu. Ich hatte zum Beispiel neun Gehirnerschütterungen. Ich habe aber auch oft auf Positionen gespielt, auf denen es zum Luftkampf kommt.

Welche medizinischen Veränderungen in der Behandlung von Sportverletzungen hat es gegeben? Bänder wurden früher ja gerne mal operiert, heute eher geschient.

Genau, weil die Bänder mit den Gelenkkapseln direkt verwachsen sind. Man weiß, dass die sich in der Regel auch selber wieder finden und zusammenwachsen. Jede Operation, die
 nicht stattfindet, ist eine gute Operation. Risiken gibt es immer. Seit den 80er-Jahren hat sich ganz viel verändert. Mein Vater (Anm. d. Red.: Ex-Profi Karl-Heinz Geils) hat mir zum Beispiel erzählt, dass sie damals ganz viel Kondition gebolzt haben. Und ich glaube, es war beim 1. FC Köln, dass sie da eine ganz intensive Vorbereitung hatten mit viel Konditionsbolzen – und dann durften sie ein Glas Wasser trinken. Zur Abhärtung! Das war medizinisch damals das, was man Profisportlern empfohlen hat. Völliger Quatsch! So
krasse Erinnerungen habe ich persönlich aber nie gemacht.

Und noch mal zu den Kreuzbändern: Es wird längst nicht mehr jeder Riss operiert. Beim hinteren Kreuzband geht das oft sowieso konservativ, als ohne OP. Ich bin auch jemand, der sagt, dass auch das vordere Kreuzband nicht zwangsläufig operiert werden muss, wenn genügend Stabilität im Kniegelenk ist. Egal, welche Koryphäe auch das Kreuzband operiert: Es ist biomechanisch nicht mehr so gut wie ein natürlich gewachsenes. Man nimmt ja eine Sehne von der hinteren Oberschenkelmuskulatur, dreht sie, und dann wird sie als Kreuzbandersatz eingesetzt. Die Sensomotorik, die sonst in dem Band vorhanden ist, fehlt aber komplett. Das Knie ist ohnehin ein Problemgebiet – ob mit oder ohne OP. Meine persönliche Meinung: Nur operieren, wenn der Patient ein Instabilitätsgefühl hat. Wenn man kein Profi ist, wird das Kreuzband ohnehin erst sechs Wochen nach dem Riss operiert.

Viele sind nach diesen sechs Wochen schon wieder so weit, dass sie theoretisch joggen gehen könnten. Auf jeden Fall fällt ihnen nichts auf. Wenn ihnen der Bus wegfährt, laufen sie hinterher. Wenn ich ohne Schmerzen so weit bin, stellt sich mir die Frage: Warum dann noch eine Operation? Volle Belastung also auch bei nicht operiertem Knie?

Man operiert eher im Hinblick auf die Langzeitwirkung. Das Knie bekommt schneller wieder eine Stabilität. Auf lange Sicht kann es sonst später zu einer Arthrose kommen, also
Gelenkverschleiß. Durch das operierte Kreuzband verschafft man dem Knie eine gewisse Stabilität. Bei all dem darf man aber tatsächlich den Kopf nicht vergessen: Wenn ich Angst habe, in den Zweikampf zu gehen, habe ich auf dem Platz nichts zu suchen.

Fazit: Bei allen drohenden Risiken durch Sportverletzungen sollte der Spaß am Sport immer im Vordergrund stehen?

Ja, jeder Sportler hat ja mal angefangen, weil er zum Beispiel Spaß am Fußball hat. Auch ein Bundesliga-Profi spielt ja, weil er total viel Spaß am Spielen hat. Wenn ich keinen Spaß
mehr habe, habe ich auch keinen Erfolg mehr. Dann kann ich aufhören. Manche quälen sich trotzdem weiter, weil sie davon leben müssen. Aber die Leistung wird nie wieder so sein, als wenn sie Spaß daran haben.

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