13. Februar 2018 / 21:16 Uhr

Rote Karte für den Fremdenhass

Rote Karte für den Fremdenhass

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Blau-Weiß-Trainer Alaa Shehabi erklärt die Taktik.
Blau-Weiß-Trainer Alaa Shehabi erklärt die Taktik. © Alexander Prautzsch
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Wie ein Spieler aus Palästina und ein Trainer aus Syrien den Leipziger Fußball-Alltag erleben

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Leipzig. Im hiesigen Fußball kommen sie alle zusammen – Spieler und Fans unterschiedlicher Herkunft. Ob in der Red-Bull-Arena in der Bundesliga oder einige Etagen drunter auf einem Acker „zwischen Schlamm und Wadenbeinbruch“. Schließlich geht es doch nur um das eine: das Runde muss ins Eckige. Auch der DFB ist sich dessen bewusst, der Slogan „Wir sind Vielfalt“ wird seit einigen Jahren als Grundsatz beworben und vorgelebt, in den meisten Vereinen wir Multi-Kulti gelebt und dem Fremdenhass ein Riegel vorgeschoben. Dass es in den Ultragruppierungen jedoch auch einen starken Zulauf der rechten Szene gibt, ist kein offenes Geheimnis mehr, sondern vielmehr ein reales Problem. Die gebotene Plattform ist zu groß und die Anonymität im Stadion zu schützend. Fälle solcher radikaler Bewegungen ziehen sich wie ein roter Faden durch den Fußball.

Mohammed S., seit drei Jahren Topstürmer des Leipziger SC, hatte diese Saison bis jetzt nicht viel zu jubeln. Vorletzter Platz trotz ambitionierter Ziele ist das ernüchternde Zwischenfazit nach der Hinrunde. Es läuft nicht so recht beim Schleußiger Verein, der für sein buntes Multi-Kulti-Team bekannt ist. Mohammed ist eine tragende Säule in der Mannschaft, nicht nur aufgrund seiner unumstrittenen Fähigkeiten, sondern auch wegen seiner Persönlichkeit. Der 31-Jährige ist im LVZ-Gespräch sehr besonnen, höflich, überlegt und intelligent. Vor zwölf Jahren kam er aus Palästina nach Deutschland, um Medizin zu studieren. Freunde, Kontakte, Sprache? Fehlanzeige! Ein ganz neues Leben, ein Schritt, den nicht jeder sich zu trauen vermag und der auch ihn einige Überwindung gekostet hat.

„Ali, mach mir den Döner“

Als er beim Leipziger SC anfing, war aufgrund von Arbeit und Studium die Integration schon stark vorangeschritten. Im Fußball hatte er trotz seines schon langen Aufenthalts jedoch auch zum ersten Mal mit offenem und ausgesprochenen Fremdenhass zu tun. „Die Mehrheit der Gegenspieler und Zuschauer lebt Fairplay und den respektvollen Sportgeist vor, fremdenfeindliche Spieler sind zum Glück absolute Minderheit.“, sagt Mohammed. Sprüche des Gegners wie „Komm Ali, mach mir einen Döner“ oder „Das ist keine Ziege, die du festhalten kannst“ fallen leider trotzdem fast wöchentlich. Ein Umstand, der ihn zunächst überrascht und verletzt hat, aber über den er jetzt hinwegsehen kann. Neben der Angst vor Fremdem sind die Emotionen im Wettkampf sowie die dadurch entstehende Konkurrenz für ihn die häufigsten Faktoren: „Solche Sprüche fallen meist, wenn man gewinnt.“

LSC-Topstürmer Mohammed im Kreis seiner Mitspieler. 
LSC-Topstürmer Mohammed im Kreis seiner Mitspieler.  © Leipziger SC 1901 e.V.
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Spielabbruch ist für ihn keine Maßnahme, eher möchte er den Sprücheklopfern sportlich die Grenzen aufzeigen. Ein härteres Eingreifen seitens des Schiedsrichters wünscht er sich trotzdem:„Egal ob es sich um einen Zuschauer oder um einen Spieler handelt, nach einer ersten Ermahnung sollte der Schiri sich auch trauen, eine rote Karte zu zücken. Das passiert leider zu selten.“

Alaa coacht sein Team auf Deutsch

Alaa Shehabi kam als Flüchtling aus Syrien, 2011 musste er das Fußballspielen in der ersten syrischen Liga sowie seinen Lehrerberuf wegen des Kriegs aufgeben, fünf Jahre lang lebte er unter Besatzung. Seiner Leidenschaft Fußball nachgehen, geschweige denn das Haus verlassen – daran war nicht zu denken. Fünf Jahre später die Flucht nach Deutschland. Dank des Fußballs kam er hier an, seit fast zwei Jahren trainiert er erfolgreich die U19 von Blau-Weiß Leipzig, das Training findet auf deutsch statt. „Das hat mir gerade am Anfang sehr gut getan, um selbst richtig Deutsch zu lernen. Da habe ich von Tag zu Tag richtige Fortschritte gemacht“, sagt der 31-Jährige. Nicht mehr lange, dann kann er auch seinen Beruf als Lehrer wieder aufnehmen. Ein erfolgreiches Beispiel der Integration im Breitensport Fußball, ein Neuanfang – gefördert durch ehrenamtliche Arbeit im Amateurbereich.

Mohammeds letztes Turnier in Palästina beendete er als Torschützenkönig. Nun heißt es, seine Torjägerqualtitäten in der Rückrunde im bitteren Abstiegskampf unter Beweis zu stellen und weiterhin der Ausländerfeindlichkeit oder der Angst vor Fremden entgegenzuwirken. Oder um es mit den Worten einer Zuschauerin sonntags auf einen der zahlreichen Leipziger Sportplätze auf Hinblick der vielen Ausländer beim Leipziger SC zu sagen: „Na guck mal, die machen doch gar keine Probleme! Die sind ja alle friedlich.“

Anton Kämpf

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