"Die stellen sich das alles zu leicht vor": Der Ex-Hoffenheimer Sejad Salihovic sieht den chinesischen Aufschwung gelassen. © imago

Salihovic: "Ich glaube nicht, dass die Spieler es lange in China aushalten"

Ex-Bundesligaprofi Sejad Salihovic spielte knapp zwei Jahre in China - im Interview spricht er über Geld, Eigenarten in Fernost und darüber, ob man Angst haben muss vor dem Land, das zur Fußballmacht aufsteigen will

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Sejad Salihovic absolvierte für 1899 Hoffenheim und Hertha BSC 176 Bundesligaspiele, bevor er 2015 zum chinesischen Klub Beijing Renhe wechselte – in einen Stadtbezirk Pekings. Im November beendete der Bosnier das Kapitel „China“ vorzeitig - und ist froh, nun wieder in Deutschland zu sein.

Herr Salihovic, täglich wechseln Fußball-Profis nach China. Sie sind den umgekehrten Weg gegangen, warum?
Im Sommer hat mein Klub einen neuen ausländischen Profi für meine Position verpflichtet (es sind nur vier pro Team erlaubt, d. Red.), obwohl ich eigentlich meine Leistung gebracht habe. Aber so ist das halt in China, es kann schnell gehen. Im November haben wir uns auf eine Vertragsauflösung geeinigt. Und jetzt bin ich froh, wieder in Deutschland zu sein.

Würden Sie alles wieder so tun?
Ich habe meine Entscheidung nicht bereut. Ich hatte auch schon drei, vier Jahre zuvor ein Angebot aus China. Aber das war mir zu früh, da war ich noch zu jung. Auch wenn ich sehr viel Geld hätte verdienen können. Aber jetzt noch einmal nach China? Unwahrscheinlich. Obwohl die Summen, die da gerade kursieren, ja einfach nur noch abnormal sind.

Was waren Ihre Gründe für den Wechsel?
Klar, wenn man so ein Angebot bekommt, über drei Jahre, wäre es gelogen wenn man sagt: Ich bin nicht wegen dem Geld dahin gegangen.

Warum, außer des Geldes wegen, wechselt man nach China?
Puh (schnauft durch). Für mich war es auch irgendwie eine Abwechslung. Ein Abenteuer. Und es macht wirklich Spaß, in der ersten Liga zu spielen. Aber es ist auch nicht so einfach, wie sich das viele vorstellen.

Was meinen Sie?
Die Chinesen erwarten halt was von dir, du kommst immerhin als Superstar dahin. Das heißt, du musst Tore schießen, Vorlagen geben, Kilometer abspulen – einfach Leistung bringen, jedes Spiel. Und das ist für den Kopf nicht einfach, auch wenn man sehr viel Geld dafür bekommt. Ich glaube auch nicht, dass all die gewechselten Spieler es lange in China aushalten.

Als Europäer ist es sicherlich auch ein kultureller Schock?
Es kommt immer drauf an. Ich bin halt relativ einfach gestrickt (lacht), von daher war es für mich auch nicht so schwer. Aber natürlich ist die Kultur und vieles anders. Ich habe mich in der ersten Zeit nur von Reis und Eiern ernährt. Neu war auch, ab und zu mit Mundschutz rumzulaufen.

Inwiefern sind die Chinesen noch anders?
Die Disziplin ist natürlich eine ganz andere. Und damit einhergehend auch die Organisation und die Strukturen, die nicht so gut ausgeprägt sind. Physio-Behandlungen, die Ärzteversorgung – das kann man wirklich nicht mit Deutschland vergleichen.

Ist es möglich, sich sozial zu integrieren?
Anfangs war es nicht einfach, ich habe in einer Stadt gelebt, wo quasi keiner Englisch konnte. Da musste man sich mit Händen und Füßen verständigen oder irgendwelchen Apps. Mein Klub hatte zum Glück einen Extra-Dolmetscher. Aber auch für die Familie war es schwierig, meine Frau war anfangs nur zwei Monate mal da. Als der Verein nach Peking umgezogen ist, wurde es etwas besser.

Aber die Lebensqualität war nicht die gleiche wie in Deutschland?
Nein, auf keinen Fall.

Salihovic ist froh, wieder in Deutschland zu sein.

Home Sweet Home 🛫#berlin #ichbineinberliner

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Das lässt man sich mit dem Geld ja aber auch entschädigen…
Jeder Fußballer weiß, dass er bis zu seinem Karriereende zusehen muss, dass er genug verdient hat. Wenn’s gut läuft, spielst du mit 34 noch auf hohem Niveau. Aber dann? Fragt man sich, was man nach dem Fußball kommt.

Muss man Angst vor der Fußballmacht China haben?
Ich glaube nicht. Die stellen sich das alles zu leicht vor, auch mit dem ganzen Geld. Das geht nicht von jetzt auf gleich. Wieviele Chinesen gibt es, zwei Milliarden? Wenn es hoch kommt, haben sie aktuell vielleicht 15 bis 20 gute Spieler. Man braucht Fußballschulen, fähige Trainer – das ist zwar alles angedacht, aber das müssen sie erstmal umsetzten. Ich glaube auch in den nächsten 10 bis 15 Jahren werden sie nicht an das deutsche Niveau herankommen. Das mit dem Geld war vor ein paar Jahren in Russland genau das gleiche – und jetzt hört man nichts mehr. Und wenn der chinesische Präsident auf einmal sagt, er pfeift auf den Fußball, wird auch kein Geld mehr fließen.

Wieviel Potenzial schlummert trotzdem in China?
Wenn man an die 2 Milliarden Menschen denkt, schon viel, aber es wartet halt noch sehr, sehr viel harte Arbeit, um auf das europäische Niveau zu kommen. Das dauert halt. Und da wären wir auch wieder bei der Sache mit den Chinesen und der Disziplin.

Wie steht es um Ihre Disziplin?
Was meine Fitness angeht, bin ich fitter als in manchem Jahr in der Bundesliga. Ich habe sehr hart gearbeitet, trainiere die ganze Zeit in Hoffenheim und befinde mich wirklich auf einem guten Niveau. Ich habe zehn Jahre in der Bundesliga gespielt, habe genug Erfahrung, um Mannschaften dort helfen zu können.

Wieviele Teams könnten sich Ihr China-Gehalt denn leisten?
Vielleicht zwei, drei (lacht). Nein, mir ist klar, dass ich das Geld in der Bundesliga nicht verdienen kann, darüber kann man reden.

Fussball Bundesliga TSG 1899 Hoffenheim (Herren)

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