Mit langer Hose kaum zu erkennen: Günther Schulz (l.) und Stephan Schmidt musste nach einem Zweikampf ein Bein amputiert werden. Über ihr gemeinsames Schicksal sprachen sie in Saabrücken miteinander. Mit langer Hose kaum zu erkennen: Günther Schulz (l.) und Stephan Schmidt musste nach einem Zweikampf ein Bein amputiert werden. Über ihr gemeinsames Schicksal sprachen sie in Saabrücken miteinander. © Robert Hiersemann /privat
Mit langer Hose kaum zu erkennen: Günther Schulz (l.) und Stephan Schmidt musste nach einem Zweikampf ein Bein amputiert werden. Über ihr gemeinsames Schicksal sprachen sie in Saabrücken miteinander.

Sie verloren ihr Bein nach einem Zweikampf: Ein Schicksal, zwei Geschichten

Stephan Schmidt und Günther Schulz spielten beide Fußball, bis ihnen in der Folge eines schlimmen Zweikampfes das Bein amputiert wurde. Ein Treffen zwischen zwei Generationen, die ein Schicksal teilen.

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Der 78-jährige Günther Schulz nimmt einen großen Schluck aus seinem Bierglas und hört gespannt zu. "Manchmal nerven mich die Blicke der Leute, da werde ich aggressiv", meint der 23-jährige Stephan Schmidt, der Schulz gegenübersitzt, "aber sonst geht es mir gut." "Das ist der richtige Weg, habe Spaß am Leben, es ist ein Neustart", erwidert Schulz. Das Gespräch im Saarbrücker Restaurant Manin ist kein gewöhnliches, denn auch wenn die beiden Männer aus verschiedenen Generationen stammen, teilen sie doch ein Schicksal. Sie spielten Fußball, verloren durch einen schlimmen Zweikampf ihr Bein. Stephan erst vor einigen Monaten, Günther vor fast 60 Jahren. Schon Anfang Januar wurde Schmidt vom SPORTBUZZER interviewt. Schulz las das Interview. Vier Wochen nach der Veröffentlichung saßen die beiden ehemaligen Kreisliga-Fußballer nun an einem Tisch.

Herr Schulz, Sie haben das Interview mit Stephan gelesen. Weshalb haben Sie sich bei uns gemeldet?

Günther Schulz: Ich bin heute 78 Jahre alt, Stephan ist 55 Jahre jünger. Ich meldete mich, weil ich glaube, dass ich Stephan den einen oder anderen Ratschlag geben kann, wie man über viele Jahre hinweg mit einer Beinamputation gut umgehen kann – und vor allem viel Freude am Leben hat.

Was wissen Sie beide noch vom Unfall?

Stephan Schmidt: 24. Mai 2017, ich sprintete auf den Torwart zu, der in mich hineinrutschte. Mein Bein knallte gegen seinen Körper, brach im Unterschenkel in sich zusammen, ich konnte den Schmerz von innen heraus spüren. Am Spielfeldrand standen mehr als 1100 Zuschauer, doch es war völlig still. Alle waren geschockt.

Schulz: 28. Dezember 1958, schneebedeckter Boden. Knapp 300 Zuschauer schauten zu. Ich stürmte auf den Torwart zu, knallte mit ihm zusammen. Bei mir war es nicht das Schien- und Wadenbein, sondern das Knie, was zerbrach.

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Wie ging es weiter?

Schulz: Ich lag schon ein paar Tage im Krankenhaus, als ich schließlich wegen eines kalten Fußes klagte. Später erfuhr ich, dass eine Arterie im Knie durch einen Knochen abgeklemmt wurde. Eine Infektion kam hinzu, es bestand auf einmal Lebensgefahr. Die Ärzte mussten amputieren.

Wie reagierten Sie darauf?

Schulz: Ich schlug der Krankenschwester die Spritze aus der Hand. Es kam so überraschend. Ich war doch damals erst 18 Jahre alt.

Schmidt: Mein Bein war tot. Es war grün, blau, schwarz, es faulte. Es wurde nicht mehr durchblutet, Ich war froh, als es abkam. So machte es einfach keinen Sinn mehr. Ich hatte große Schmerzen.

Wie erlebten Sie den Moment, als Sie nach der Amputation erwachten?

Schulz: Im ersten Augenblick dachte ich, dass die Ärzte mein Bein doch nicht abgenommen hatten, denn ich spürte meinen Fuß. Bis ich dann im Bett den Bügel sah, der den Stumpf abdeckte. Es war doch ab, das Bein war weg.

Stephan: Mir ging es ähnlich. Ich war komplett weggetreten durch die starken Schmerzmittel. Aber ich spürte mein amputiertes Bein. Ein Freund von mir besuchte mich nach der Operation im Krankenhaus. Später erzählte er mir, dass ich über Schmerzen im rechten Zeh klagte. Doch der Fuß war da schon längst ab.

​Papa, ich will hier raus, hol mich aus dem Krankenhaus.

Erinnern Sie sich an Ihren schwächsten Moment im Krankenhaus?

Schmidt: Ich konnte mich nicht gut alleine waschen. Die Schwestern kamen meist mit einer Waschschüssel, doch das wollte ich nicht. Deshalb fuhr ich mit dem Rollstuhl allein ins Badezimmer und wusch mich dort, so gut es ging. Doch das klappte nicht immer. An einem Tag war mein Vater zu Besuch und half mir dabei. Doch ich wollte es selbst können. Ich fing an zu weinen. "Papa, ich will hier raus, hol mich aus dem Krankenhaus."

Sie blieben insgesamt zehn Wochen dort.

Schulz: Ich feierte Silvester noch ganz fröhlich mit einem Cognac im Krankenbett. Von der Amputation ahnte ich da noch nichts. Doch es kam dann leider so. Die Besuche an den Tagen nach der Amputation waren schwer. Onkel und Tanten kamen vorbei, sie wussten von nichts, bis ich ihnen zeigte, dass mir mein Bein abgenommen worden war. Für einige war das sehr schlimm.

Günther Schulz spielt noch regelmäßig Tennis und Beachvolleyball. Günther Schulz spielt noch regelmäßig Tennis und Beachvolleyball. © privat

Fühlen Sie sich durch dieses ähnliche Schicksal miteinander verbunden?

Schmidt: Ich finde es toll, dass Günther den langen Weg von Hannover nach Saarbrücken auf sich genommen hat, um mit mir über unsere Amputation zu reden. Ich glaube, dass mir solch ein Treffen helfen kann.

Günther, Stephan ist jung, er hat sein ganzes Leben vor sich. Welche Ratschläge haben Sie für ihn?

Schulz: Dein Leben nach der Amputation ist ein Neubeginn. Lote aus, was dir Spaß macht. Du spielst aktuell Krückenfußball. Das ist ein toller Neustart. Eine Sache ist wichtig zu wissen: Die Wirbelsäule von Beinamputierten wird ungleichmäßig belastet. Gehe regelmäßig schwimmen! Es hilft dir später extrem.

Schmidt: Ich warte noch auf meine Badeprothese. Aber das kann ich mir gut vorstellen.

Wie häufig werfen ihnen fremde Menschen dumme Blicke zu?

Schulz: Am Strand fällt meine Prothese natürlich auf. Kinder sind da super. Sie sind sehr direkt, fragen einfach, was los ist. Ich erkläre ihnen dann was passiert ist - und fertig. Mit einigen Erwachsenen ist das anders. Ich komme aus Laatzen in Niedersachsen, nach meiner Amputation lebten dort knapp 6000 Menschen. Jeder kannte sich, und ich war eine traurige Berühmtheit. Besuche im Freibad wurden zum Spießroutenlauf. Diese mitleidigen Blicke. Das tat schon weh.

Der schlimme Zweikampf von Stephan Schmidt ereignete sich am 24. Mai 2017. Der schlimme Zweikampf von Stephan Schmidt ereignete sich am 24. Mai 2017. © privat

Herr Schulz ist oberschenkelamputiert, Herrn Schmidt wurde der Unterschenkel abgenommen.

Schmidt: "Nur" der Unterschenkel. Ach, na das ist doch nicht so schlimm." Das höre ich sehr oft. Aber diesen Teil meines Körpers kann mir nichts in der Welt ersetzen. Doch wenn man es mit anderen Fällen vergleicht, habe Ich nur einen Kratzer.

Wie gehen Amputierte untereinander miteinander um?

Schmidt: Amputierte sind da locker, wir machen sogar unsere Späße.

Haben Sie ein Beispiel dafür?

Schmidt: Auch beim Krückenfußball ist mal einer schlecht drauf. Dann setzt es meist sofort einen Spruch: "Na, bist du wieder mit dem falschen Bein aufgestanden?"

Schön, dass Sie so locker damit umgehen können.

Schmidt: Warum denn auch nicht? Noch ein Beispiel: Auf den Nutella-Gläsern ist aktuell auf der Rückseite ein Flamingo abgedruckt. Der steht auf einem Bein. Ich habe das Foto letztens abfotografiert und in unsere WhatsApp-Gruppe der Krückenfußballer geschickt. "Eine Frage Jungs", schrieb ich dazu, "Mögt ihr eigentlich Flamingos?" Alle feixten.

Auch Günther lacht laut.

Herr Schulz, Sie sind verheiratet. Stephan hat eine Freundin. Wie gehen Ihre Partnerinnen mit den Umständen um?

Schulz: Wir lernten uns beim Tanzen an der Nordsee kennen, da hatte ich schon eine Prothese. Es war nie ein großes Thema.

Schmidt: Normalerweise ist die Prothese kein Problem. Nur wenn meine Freundin sieht, wie ich in die Dusche hüpfen muss, wird sie manchmal traurig. "Wie unfair es ist, dass dir das passiert ist", meint sie dann. Sie findet es ungerecht.

Verständlich.

Schulz: Aber ich kann damit gut umgehen. Und es gibt aktuell allen Grund zur Freude. Wir erwarten im Sommer unser erstes Kind. Eine tolle Vorstellung, bald Papa zu sein.

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