27. Dezember 2017 / 14:38 Uhr

Skispringen: Bundestrainer Schuster im Interview - "Die Zeit der Ausreden ist vorbei"

Skispringen: Bundestrainer Schuster im Interview - "Die Zeit der Ausreden ist vorbei"

Redaktion Sportbuzzer
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Werner Schuster (r.) mit seinem Tournee-Mitfavoriten Richard Freitag.
Werner Schuster (r.) mit seinem Tournee-Mitfavoriten Richard Freitag. © Getty
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Mit Richard Freitag und Andreas Wellinger gehören zwei Deutsche zu den Mitfavoriten auf den Sieg bei der Vierschanzentournee. Gibt es den ersten deutschen Sieg seit Sven Hannawald? Der SPORTBUZZER sprach mit Bundestrainer Werner Schuster.

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16 Jahre ist es her, dass Sven Hannawald die Vierschanzentournee gewann. Doch wenn es am Freitag in Oberstdorf erstmals auf die Schanze geht, stehen zwei Nachfolger bereit, die endlich wieder für einen deutschen Gesamtsieg beim Skisprung-Event sorgen wollen: Richard Freitag, der in diesem Winter bereits drei Weltcups gewonnen hat und damit an der Spitze steht („Es ist eine ganz schöne Situation. Ich versuche das, was ich zurzeit habe, zu genießen.“) und Andreas Wellinger („Die Stärke, die wir im Moment haben: dass jeder die Leistung zeigt und abruft.“).

Skisprung-Bundestrainer Werner Schuster spricht im SPORTBUZZER-Interview über die besonderen Qualitäten seiner beiden Topflieger, das Thema Druck und was ihm persönlich ein Tournee-Triumph bedeuten würde.

SPORTBUZZER*: Werner Schuster, würden Sie der Aussage zustimmen, dass die Chancen auf einen deutschen Gesamtsieg bei der Vierschanzentournee diesmal so gut stehen wie noch nie in Ihrer Amtszeit?
*

Wenn ich in all den Jahren eins gelernt habe: Die Tournee kann man nur bedingt planen. Jeder Topspringer kommt in diesen zehn Tagen auf vier Schanzen mal in eine schwierige Situation, und wer die am besten bewältigt, gewinnt am Ende. In diesem Winter kommt noch erschwerend hinzu, dass zwischen dem letzten Weltcup-Springen in Engelberg und dem Tournee-Auftakt in Oberstdorf fast zwei Wochen liegen. Da kann auch bei der Konkurrenz viel passieren. So wie zum Beispiel, als Anders Jacobsen vor ein paar Jahren plötzlich mit einem neuen Ski ganz vorn war oder Thomas Diethart alle überrascht hat. Eins steht aber fest: Wir haben diesmal eine grandiose Situation mit zwei Trümpfen. Das war so nach dem Ausfall von Severin Freund beim besten Willen nicht zu erwarten.

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Nach Wellinger im Vorwinter ist nun auch noch Freitag in die Rolle des Siegspringers geschlüpft.

Richard Freitag ist ein Riesengeschenk. Er schöpft endlich stabil sein Potenzial aus. Besonders schön finde ich, dass Richard und Andreas so gut miteinander auskommen. Sie respektieren und pushen sich sportlich gegenseitig. Das ist genau der Spirit, auf den ich mein Team eingeschworen habe. Ich habe ihnen gesagt: Wir schaffen es nur zusammen, wenn Severin nicht da ist.

​"RICHARD FREITAG KANN DIE TOURNEE"

Aber jetzt wird ein immenser Druck von Medien und Öffentlichkeit entstehen, schließlich gehen Freitag und Wellinger als die beiden Besten im Gesamtweltcup in die Tournee.

Das ist doch eine grandiose Situation. Druck haben wir sowieso die ganze Zeit, und ich gehe lieber so in diese sechs intensiven Wochen mit der Tournee, der Skiflug-WM in Oberstdorf und den Olympischen Spielen. Irgendwann geht jede Serie mal zu Ende, auch so eine Unserie wie die der deutschen Springer bei der Tournee. Die Jungs haben in den vergangenen Jahren viel Lehrgeld bezahlt, aber sie sind reifer geworden. Andreas Wellinger hat schon im vergangenen Jahr mit drei Medaillen bei der WM bewiesen, was er bei Großereignissen leisten kann. Richard Freitag war in den letzten sechs Jahren fünfmal unter den Top Ten bei der Tournee. Er kann die Tournee. Und wenn Markus Eisenbichler noch seine Form stabilisiert und locker bleibt, dann kann er auch ganz vorn mitmischen. Die Zeit der Ausreden ist vorbei!

Was unterscheidet eigentlich Ihre beiden so unterschiedlichen Vorflieger Freitag und Wellinger?

Andreas ist größer, deshalb muss er vor allem über seine langen Hebel und die Harmonie im Bewegungsablauf kommen. Er ist ein sehr begabter Springer, bringt eine gewisse Leichtigkeit mit und hat sich in einem Reifeprozess zum echten Profi entwickelt. Richie kommt sportlich eher von der dynamischen Seite, hat seinen Sprung aber in letzter Zeit adaptiert. Er nimmt viel mehr Geschwindigkeit in den Flug mit und kann deshalb nun auf allen Schanzen vorn mit dabei sein. Richard ist feinfühlig, akribisch und sensibel. Er muss die Leichtigkeit finden und loslassen – das ist ihm in diesem Winter bislang so gut wie nie zuvor gelungen.

Andreas Wellinger gehört mit seinen 22 Jahren zu den Jüngsten im DSV-Team
Andreas Wellinger gehört mit seinen 22 Jahren zu den Jüngsten im DSV-Team © imago

Glauben Sie, dass Richard Freitag auch mit der neuen Favoritensituation gut umgehen kann?

Das ist jetzt die nächste Herausforderung, die er lösen muss. Sein großer Trumpf ist das Selbstvertrauen, was er sich erarbeitet hat. Es macht Spaß, ihm zuzuhören. Viele sagen in einer solchen Situation einfach immer: „Ich will Spaß haben.“ Aber Richard ist total authentisch und hat enorm an Reife und Stabilität gewonnen. Das ist auch ein Verdienst unseres norwegischen Co-Trainers Roar Ljökelsöy, der auch speziell für Richie zuständig ist. Seine Devise ist immer: „Stay relaxed, stay offensive.“ (Bleib entspannt, bleib angriffslustig.) So gehen wir mal in die Tournee rein.

"RICHARDS GROSSER TRUMPF IST DAS SELBSTVERTRAUEN"

Wer gehört für Sie denn zum Favoritenkreis bei dieser Tournee?

Unsere zwei gehören dazu, dazu Stefan Kraft. Er hat die Tournee ja schon mal gewonnen, genau wie Kamil Stoch, der immer besser in Form kommt. Den Norweger Daniel-André Tande habe ich auch auf der Rechnung.

Wie viel würde Ihnen ein Sieg eines Ihrer Springer bei der Vierschanzentournee persönlich bedeuten?

Es wäre schon schön, es einmal erleben zu dürfen. Das ist jetzt mein zehntes Jahr im deutschen Team, und es war uns nie vergönnt. Vor zwei Jahren war Severin einmal nahe dran, und dann haben sie ihm Peter Prevc vor die Nase gesetzt. Ich bewerte das Projekt Deutschland sowieso als Erfolg, aber es wäre schon cool, mal in Bischofshofen beim Tournee-Finale feiern zu können. Wie wichtig diese Vierschanzentournee ist, habe ich neulich erst wieder beim Weltcup in Russland mitbekommen: Da hat mir am Aeroflot-Schalter am Flughafen jemand erzählt, dass er um den Jahreswechsel immer die Tournee im Fernsehen anschaut. Von Olympia oder der WM war keine Rede. Einen Sieg im Weltcup bekommt nur die Community mit, den Triumph bei der Tournee alle.

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