25. Juni 2018 / 10:12 Uhr

TV-Kritik zur WM in ARD und ZDF: Claudia Neumann ist nicht das Problem

TV-Kritik zur WM in ARD und ZDF: Claudia Neumann ist nicht das Problem

Imre Grimm
Bei <i>ARD</i> und <i>ZDF</i> läuft es zur WM 2018 bei Weitem nicht perfekt, meint TV-Kritiker Imre Grimm. Die viel diskutierte Kommentatorin Claudia Neumann sei nicht das Problem.
Bei ARD und ZDF läuft es zur WM 2018 bei Weitem nicht perfekt, meint TV-Kritiker Imre Grimm. Die viel diskutierte Kommentatorin Claudia Neumann sei nicht das Problem. © 2018 Getty Images
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Orakel-Nasenbären, Ex-Profis, die sich selbst vermissen, und Rudelbildung im Studio: Bei der Fußball-WM setzen ARD und ZDF auf Rezepte von gestern. Und über Claudia Neumann ergießt sich ein Shitstorm. Dabei ist sie gar nicht das Problem.

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„Leichtigkeit? Du fragst mich nach Leichtigkeit?“ Oliver Kahn malmt bedrohlich mit dem Unterkiefer. Was für eine Quatschidee von Oliver Welke, ausgerechnet ihn nach der fehlenden Leichtigkeit im deutschen Spiel zu fragen. Ihn, den Eiermann des deutschen Fußballs, den Kung-Fu-Kämpfer und Halsknabberer, der stets mit der Leichtigkeit eines Leopard-2-Panzers durch den Strafraum pflügte.

Leichtigkeit! Gutes Stichwort! – würde Gerhard Delling jetzt sagen. Nach zwölf Tagen Weltmeisterschaft, nach mehr als 120 Stunden Livefernsehen zeigt sich, woran es dieser WM medial mangelt. Es ist dasselbe, was unterm Strich auch der deutschen Mannschaft fehlt – trotz des erlösenden Zaubertores von Toni Kroos gegen Schweden: Mut, frische Ideen und eben Leichtigkeit. Stattdessen gibt’s Bräsigkeit und Orakeltiere (allein im öffentlich-rechtlichen Fernsehen tummeln sich acht Ziegen, Hasen und Nasenbären). Und in den Talkshows heulen angejahrte Bundesliga-Blutgrätscher alten Zeiten nach.

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Ein Fest der Nationenklischees

Ja, es ist ein hartes Brot, eine WM zuzutexten. 64 Fußballspiele. Hunderte Stunden. Aber in ihrer ganzen Tonalität, in ihrem Habitus wirken ARD und ZDF bei dieser WM seltsam keimfrei und gestrig. Da stehen alte Männer in verspiegelten Studios herum und erzählen, was der Zufall und jede Menge Nationenklischees ihnen auf die Zunge legen. Nehmen wir ARD-Experte Stefan Kuntz. Das Spiel: Spanien gegen Iran. Kuntz: „Bei dieser Szene haben die Spanier noch einmal durchgeatmet und vielleicht einen Schluck Rioja getrunken.“ Spanien. Rotwein. Weißte? Knickknack. „Hinter der Rastafrisur von Cissé steckt ein strategisch denkender Kopf“, heißt es im ZDF über den Trainer des Senegal – in höchstem Erstaunen darüber, dass Menschen auch ohne Seitenscheitel ganze Sätze sprechen können. Ein österreichischer Sportreporter, zweifellos selbst ein Adonis, fragt in einer Kolumne allen Ernstes: „Wo sind die schönen Olgas von der Wolga?“ So geht das in einer Tour.

Mehr zur WM im TV

Dass es in der Kommentatorenbox mal zu Putzigkeiten kommt – geschenkt. Allein der unermüdliche und geschätzte Sky-Reporter Wolff-Christoph Fuss kommentiert 25 WM-Spiele. Ein Mammutjob. Da kriegt man halt mal auf die Mütze. Als Folge der Hypersensibilität der 24/7-Medienkritiker im Netz haben sich viele Sportreporter ohnehin ein geschmeidiges Nichts antrainiert. Das Problem sind gar nicht die reflexhaft gescholtenen Kommentatoren. Es ist die Rudelbildung im Studio.

Warum bloß ballen sich am Moderatorentisch die Bildbetrachter und Strichleinmaler, während die deutschen Kommentatoren weiterhin mit sich selbst sprechen müssen? Warum installiert man nicht endlich mal einen kompetenten Vizekommentator? Haben Gerd Rubenbauer und Karl-Heinz Rummenigge bei der WM 1990 wirklich alles versaut? Zugegeben: Rummenigge beherrschte es damals glänzend, den schlichten Sport zu verkomplizieren („Wenn man über rechts kommt, muss die hintere Mitte links wandern“). Und die Versuche mit Andy Brehme 1998 endeten verheerend („Die Brasilianer sind auch alle technisch serviert“). Aber warum sieht eine WM im deutschen Fernsehen seit 1982 im Prinzip gleich aus?

Die Staatsfeinde Nummer eins und zwei?

Die Antwort der Branche ist stets: Das deutsche Publikum verlange danach. Es sei eben sehr traditionalistisch. Und tatsächlich: Je kommerzieller der Fußball, je korrupter seine Funktionäre, je absurder die Transfersummen, desto größer offenbar die Sehnsucht nach einem fiktiven Gestern. Nach echten Kerlen, die sich für ihr Land zerreißen. Und so heult der Boulevard auf, weil Mesut Özil und Ilkay Gündogan die Hymne nicht mitsingen – wie weiland übrigens schon Franz Beckenbauer, Rummenigge oder Kahn. Zombie-Experten dürfen in Bild breitflächig gegen beide stänkern, als seien sie nach dem dummen Foto mit dem türkischen Präsidenten Erdogan plötzlich die Staatsfeinde Nummer eins und zwei. Özil fühle sich „nicht wohl im DFB-Trikot“, ätzte Fußball-Philosoph Lothar Matthäus über den in Gelsenkirchen geborenen Star, der in 92 Länderspielen für Deutschland auflief. Das trägt auch nicht gerade zur deutschen Leichtigkeit bei.

Matthäus ist nicht allein: Diverse Ligaveteranen vermissen im deutschen Fußball überwiegend sich selbst. Stefan Effenberg, einst glückloser Trainer des SC Paderborn, fordert bei N-TV gleich mal Jogi Löws Job („Warum soll ich mir das nicht zutrauen?“). Der „Promi Big Brother“-Drittplatzierte Mario Basler (30 Länderspiele, zwei Tore) pöbelt bei „Hart aber fair“ in der ARD, er, Basler, hätte im Mexiko-Spiel „ein Tor gemacht und zwei vorbereitet“. Und Waldemar Hartmann brummelt bei „Markus Lanz“ (ZDF): „Fußball ist Krieg.“ Schuss nicht gehört, die Herren?

Zuschauerfrust wegen Claudia Neumann – „Manche drehen völlig durch“

Den Irrglauben, dass früher alles besser war, teilen die verbalen Fliegenfänger offenbar mit manchem Zuschauer. Ein Indiz dafür ist der alberne Shitstorm, den ZDF-Kommentatorin Claudia Neumann auszuhalten hat. Natürlich ist es zulässig, auch an ihr Stimme und Stil zu kritisieren. Was sich aber seit der EM 2016 im Netz über sie ergießt, ist keine sachliche Kritik, sondern nackter Sexismus („So ’ne heisere Krächztussi“). „Hier wird offensichtlich etwas Grundsätzliches berührt“, sagt ZDF-Sportchef Thomas Fuhrmann. „Manche drehen da völlig durch.“ Auch für die britische BBC kommentiert mit Vicki Sparks erstmals eine Frau – Shitstorm. In Schweden sitzt Hanna Marklund am WM-Mikrofon – Shitstorm.

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Tatsächlich scheint es, als diene der Fußball manchem gekränkten hominiden Männchen auch im Jahr 2018 noch immer als Schutzraum, als letzte Zuflucht vor Veganismus, Feminismus und Multikulturalismus. Überfordert von der Rasanz der Weltveränderung, vermeintlich bedroht von Schwulenpropaganda und politischer Korrektheit, sieht mancher Kerl seine Welt am Abgrund, wenn eine Frau bei einer WM nicht mehr bloß dekorative Aufgaben übernimmt, sondern auch noch Spiele kommentiert. WM-Spiele! Als Frau! Fußball war doch immer der letzte Ort, an dem die Welt noch sauber sortiert war: Alle spielen für das Land, aus dem sie stammen. Alle winken mit ihrer Fahne. Dazu sprechen Männer mit zu engen Krawatten. Und die Schneckensammler vom Fifa-Fernsehen zeigen ab und zu eine schnuckelige Schwedin im Fanblock.

„Kwartira“ ist nicht „Beckmanns Sportschule“

Eine positive Überraschung ist dagegen „Kwartira“ – das satirische ARD-Magazin mit Micky Beisenherz und Jörg Thadeusz. Unvergessen ist das Elend von Reinhold Beckmanns „Sportschule“ bei der EM 2016. In diesem Meniskusriss von einer Show schwadronierte Beckmann mit Horst Hrubesch, Jens Nowotny, Christoph Daum und anderen Sturmhaubitzen der Sportunterhaltung über „Männerduft“ in Umkleidekabinen. Da sollte eine Altbuben-WG vor Ort dem „Geist von Malente“ nachjagen. Jenem überstrapazierten Mythos also, der spätestens 1975 zu nerven begann. Der Geist von Malente – das ist nur noch ein Leberwurstbrot mit Gurke mampfendes, Doppelkorn trinkendes, Skat kloppendes, Nachwuchsspieler zusammenscheißendes, müdes, altes Nachtgespenst aus einer Zeit, als Zigarre paffende Vereinsbosse ihre Sekretärinnen in den Hintern kniffen. Für „Kwartira“ also musste man das Schlimmste befürchten. Es blieb aus. „Kwartira“ ist eine hübsche, kecke WM-Nachbetrachtung mit Hirn und Herz, die sauber anknüpft an Tom Theunissens unvergessene TV-Kolumne „Die den Adler tragen“.

Das Sportliche vom Politischen zu trennen ist unmöglich. Eine WM ist immer Projektionsfläche für Sehnsüchte aller Art. Die Sehnsucht nach früher. Die Sehnsucht nach der Unbeflecktheit des Sports. Und – auch das ist erlaubt – die Sehnsucht danach, dass sich alle mal bitte ein bisschen locker machen. Alle bis auf Oliver Kahn natürlich.

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