Reinhard Grindel will die Kollektivstrafe zunächst abschaffen. Reinhard Grindel will die Kollektivstrafe zunächst abschaffen. © imago
Reinhard Grindel will die Kollektivstrafe zunächst abschaffen.

Überraschende Wende im Ultra-Streit: DFB will Kollektivstrafe abschaffen

Nach Fehlverhalten einzelner Fans soll die Gesamtheit nicht bestraft werden. Der Verband geht auf die Ultra-Gruppierungen zu und signalisiert Gesprächsbereitschaft.

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Das ist eine überraschende Entwicklung: Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) macht im Streit mit einigen Ultra-Gruppierungen einen großen Schritt auf die Fans zu. Neben einem eindeutigen Angebot zum Dialog sprach sich DFB-Präsident Grindel in einem Statement auf dfb.de auch dafür aus, die Kollektivstrafe gegen Fans abzuschaffen. Wegen Verstößen von einigen Fans waren oft ganze Gruppierungen gewissermaßen "in Sippenhaft" genommen und ebenfalls bestraft worden, obwohl sie überhaupt nichts dafür konnten.

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Worum geht es konkret?

Der Kernsatz des DFB-Textes findet sich fast am Schluss: "Der DFB empfiehlt seinem Kontrollausschuss, bis auf Weiteres darauf zu verzichten, Strafen zu beantragen, die unmittelbare Wirkung auf Fans haben, deren Beteiligung an Verstößen gegen die Stadionordnung nicht nachgewiesen ist."

Was heißt das? Der DFB verzichtet auf kollektive Bestrafungen von Fangruppen, wenn Einzelne Unrecht begangen haben. Die Empfehlung an den Kontrollausschuss ist zumindest inoffiziell als eine Art Befehl zu werten.

Was ist eine Kollektivstrafe?

Eine der bekanntesten Kollektivstrafen der letzten Jahre war die Sperrung der Südtribüne von Borussia Dortmund in der vergangenen Saison. Wegen der Ausschreitungen im Spiel gegen RB Leipzig war die "gelbe Wand" für das anschließende Spiel gegen den VfL Wolfsburg gesperrt worden.

SPORTBUZZER-Chef Marco Fenske hatte die Sperrung damals als "populistisches Zeichen" bezeichnet. "Bestraft werden nicht die asozialen Initiatoren der schäbigen Aktion – die werden einen Spieltag ohne Bundesliga überstehen, sie haben eh kein Interesse am Fußball. Bestraft wird nur am Rande der Verein Borussia Dortmund, der diesen kleinen Teil seiner Zuschauer seit Jahren leider nicht im Griff hat. Die 100 000 Euro Geldstrafe kann Klubboss Hans-Joachim Watzke aus der Portokasse zahlen. Bestraft werden in erster Linie die vielen, vielen Unschuldigen: die fantastischen Fans, die in der Überzahl sind und ihre Mannschaft jeden Spieltag großartig unterstützen. Sie müssen jetzt ein Spiel lang zu Hause in die Röhre schauen", schrieb Fenske in seinem Kommentar.

Genau diese Form der Bestrafung will der DFB nun abschaffen.

Was sagt der DFB noch?

Der DFB-Text im Wortlaut:

Mit Blick auf die Entwicklungen der vergangenen Monate und Wochen in Teilen der Ultraszene veröffentlicht der Deutsche Fußball-Bund (DFB) anbei eine Erklärung seines Präsidenten Reinhard Grindel. Es handelt sich um keine kurzfristige Reaktion auf aktuelle Ereignisse, sondern um eine seit einiger Zeit auf Basis zahlreicher Gespräche vorbereitete Erklärung. Vorausgegangen sind unter anderem der intensive Dialog von DFB und DFL mit der AG Fankulturen, die Einbeziehung der Fachbereiche und ein Austausch mit der unabhängigen Sportgerichtsbarkeit.

Der Fußball begeistert Millionen Menschen in unserem Land, nicht nur in den Stadien der Bundesliga, sondern auch auf den Plätzen unserer Amateurvereine. Der Fußball hat eine große Integrationskraft. Daraus erwächst eine gesellschaftliche Verantwortung. Der Fußball steht für Miteinander, für Solidarität, er steht für Teamgeist und für Fairplay.

Mich hat in den vergangenen Wochen und Monaten sehr betroffen gemacht, dass es im Zusammenhang mit Fußballspielen zu martialischen Aufmärschen, "Kriegserklärungen" und menschenverachtenden Aktionen gegen Mannschaften und deren Fans gekommen ist. Dafür darf der Fußball in Deutschland nicht stehen. Damit muss Schluss sein.

Es ist Zeit zum Innehalten. Es ist Zeit zum Umdenken.

Auf der ganzen Welt wird Deutschland um seine gute Stimmung in den Stadien beneidet. Fankulturen mit ihren beeindruckenden Choreographien, kreativen Aktionen in den Stadien und gesellschaftlichem Engagement außerhalb schaffen eine einzigartige Atmosphäre. Das erkennt der DFB ausdrücklich an, und hierfür sind wir dankbar. Die Vorstellungen vieler Beteiligter von einem emotionalen und sicheren Stadionerlebnis liegen dabei oft dicht beieinander. Hier müssen wir ansetzen: Wir müssen im Dialog Vertrauen aufbauen, Missverständnisse ausräumen und gemeinsam klare Linien und Grenzen festlegen. Hierzu gehört der Verzicht auf Gewalt.

Der DFB als Dachverband hat mit seiner Arbeitsgruppe Fankulturen einen Dialog für Faninteressen etabliert, der noch intensiver genutzt und konsequenter bekanntgemacht werden muss. Unter der Leitung der DFL diskutieren hier Fanvertreter von "Unsere Kurve", "F_in - Netzwerk Frauen im Fußball", "Queer Football-Fanclubs", "Fan Club Nationalmannschaft" und der "Bundesbehindertenfanarbeitsgemeinschaft (BBAG)" sowie Fanbeauftragte der Klubs und Vertreter der Fanprojekte. Konstruktiv und nachhaltig stehen hier fanrelevante Themen und gemeinsame Lösungen im Mittelpunkt. Bisher haben Ultra-Gruppen die Einladung zur Mitwirkung nicht wahrgenommen.

Zuletzt waren Vertreter des DFB bei Gesprächen mit Fanvertretern in Dresden. Beim gerade zurückliegenden Spitzengespräch haben die Fanvertreter der AG Fankulturen vereinbart, die Einladung an Ultra-Vertreter des Gesprächs in Dresden zu erneuern, um aktiv in den Dialog mit den Verbänden einzutreten. Dies begrüßen wir sehr: Wir wollen nach gemeinsamen Wegen suchen, um zu transparenten und gerechten Maßnahmen zur Wahrung eines positiven Stadionerlebnisses zu kommen. Gleichzeitig wollen wir gemeinsam erörtern, was wir zum Erhalt und zur Verbesserung der Fankultur in unseren Stadien tun können.

Deshalb möchten wir in unseren Verbandsgremien und in der Anfang des Jahres installierten Projektgruppe "Verbandsrecht und Zuschauerverhalten" den Diskurs über Möglichkeiten zur Verhinderung von Zuschauerfehlverhalten einerseits sowie eine Weiterentwicklung der Sportgerichtsbarkeit intensivieren. Vor allem hier soll der Dialog mit den Ultra-Vertretern stattfinden. Bisherige Teilnehmer dieser Projektgruppe sind neben Vertretern der DFB-Sportgerichtsbarkeit sowie der DFB-Hauptabteilung Prävention und Sicherheit auch Vertreter von Profiklubs und DFL sowie Fanorganisationen ("BAFF" und "Unsere Kurve") und unabhängige Wissenschaftler.

Wir haben verstanden, dass es um mehr geht. Der Fußball in Deutschland steht auch für Stehplätze, faire Eintrittspreise und die 50+1-Regel. Der DFB meint es mit dem Angebot zum Dialog ernst. Der DFB empfiehlt seinem Kontrollausschuss, bis auf Weiteres darauf zu verzichten, Strafen zu beantragen, die unmittelbare Wirkung auf Fans haben, deren Beteiligung an Verstößen gegen die Stadionordnung nicht nachgewiesen ist. Wir wollen für diesen Zeitraum keine Sanktionen wie die Verhängung von Blocksperren, Teilausschlüssen oder "Geisterspielen". Die Unabhängigkeit der DFB-Sportgerichtsbarkeit bleibt davon unberührt.

Wir wollen ein Zeichen setzen, um gemeinsam in den Dialog einzutreten.

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