Siegerposing: Anna-Lena Stolze mit Marie Müller (VfL Bochum) und der EM-Trophäe. © DFB

Viel Schule und ganz große Ziele

Anna-Lena Stolze macht Urlaub vom Fußballerinnen-Dasein in Wolfsburg. In Stockelsdorf feiert die U17-Europameisterin heute Geburtstag – und hat als nun 16-Jährige nicht nur die WM im Blick.

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Soviel darf an dieser Stelle schon verraten werden: Im Hause Stolze in Stockelsdorf steht heute Krabbensalat auf dem Frühstückstisch. Schließlich ist es ein besonderer Tag: Anna-Lena Stolze, von den Lesern der Lübecker Nachrichten zum „Talent des Jahres 2015“ gewählt, hat Geburtstag. Ihren 16. – und sie feiert ihn bei ihrer Familie. Was nicht selbstverständlich ist für die Ausnahmefußballerin, die seit einem Jahr des Sports wegen in Wolfsburg lebt.

Weil Anna-Lena die Zeitung nie vor dem Frühstück liest, wird die Überraschung gelingen. „Krabbensalat isst sie für ihr Leben gern“, weiß Birgit Stolze und beschreibt am Beispiel des nordseefrischen Brotaufstrichs, wie sehr sich ihre Tochter seit dem Umzug nach Wolfsburg verändert hat: „Als wir vor ein paar Tagen einkaufen waren, hatte ich den Krabbensalat schon in den Händen. Da meinte sie: ,Mama, der ist doch so teuer.’ Das hat sie früher nie interessiert.“

Seit sie in der Fußballerinnen-WG des VfL Wolfsburg lebt und dort den Einkauf mit ihren sieben Mitbewohnerinnen allein erledigen muss, hat sich das geändert. „Wie sie insgesamt viel erwachsener geworden ist, mir manchmal wie eine 18-Jährige vorkommt“, sagt die Mama. Die ist einerseits zwar oft nicht so glücklich, dass ihre Tochter die meiste Zeit des Jahres weit weg ist. „Aber durch ihren Reifeschub sind uns wohl viele pubertäre Auseinandersetzungen erspart geblieben. Jetzt diskutiere ich mit einer jungen Frau.“

Bei Anna-Lena hört sich das nach inzwischen drei Wochen Sommerferien in Stockelsdorf (mit täglichen Läufen laut Trainingsplan) so an: „Auch meine Freunde hier merken, dass ich selbständiger, selbstbewusster geworden bin.“ Und sie weiß um eine gewisse „Verwechslungsgefahr“: „Selbstbewusst – das ist nicht das Gleiche wie eingebildet.“
Zusätzlich zu ihrem Geburtstag wartet heute die Abi-Feier ihres Bruders Jan-Eric auf Anna-Lena, die selbst gerade ihre Mittlere Reife auf der Eichendorffschule in Wolfsburg gemacht hat und nun ihr Abitur anpeilt. Und morgen geht’s in ihren Ferien schon wieder um Schule. Dann will sie „unbedingt dabei sein“, wenn die einstigen Stockelsdorfer Klassenkameraden ihren Abschlussball feiern.

Am Montag fährt sie zurück nach Wolfsburg. Nach einem Jahr in der WG bekommt sie ein größeres Zimmer, das von Freundin Michaela Brandenburg, die als inzwischen 18-Jährige dem „VfL-Nest“ entwachsen ist, sich eine eigene Wohnung in der Stadt genommen hat. Ob Anna-Lena in zwei Jahren den gleichen Weg geht, weiß die seit heute 16-Jährige noch nicht. 2018 endet ihr Vertrag beim VfL. Verlängert sie ihn bis zum angepeilten Abitur 2019? „Das hängt dann von der sportlichen Perspektive ab. Es ist fast das Schwerste, in Wolfsburg den Sprung in die erste Mannschaft zu schaffen. Wenn ich erkenne, dass es dafür nicht reicht, gehe ich vielleicht woanders hin“, lässt sie sich alle Wege offen.

Das erste Jahr in Wolfsburg verlief allerdings vielversprechend – wenn auch nach etwas Anlaufzeit: Zunächst eine beinahe komplett verpasste Vorbereitung wegen Knieproblemen, dann insgesamt fünf Spiele ohne Treffer. „Ich habe immer von meinen Toren gelebt, das war immer eine Stärke von mir“, sagt sie. Es brauchte Durchhaltevermögen, bis im sechsten Saisonspiel der Knoten gelöst war, es „endlich bergauf“ ging – und mit der Torjäger-Krone endete: Ihre 24 Treffer (mehr schoss keine U17-Spielerin in einer der drei Bundesligen) hatten großen Anteil daran, dass Wolfsburgs B-Mädchen die erfolgreichste Saison ihrer Erstliga-Zugehörigkeit spielten. Zudem kam sie als 15-Jährige bereits zu sechs Einsätzen in der U23 des VfL.
Und als die Bundesliga-Mannschaft von Ralf Kellermann nach ihrer Vizemeisterschaft noch zwei „Jubiläumsspiele“ absolvierte und sieben Nationalspielerinnen zum DFB-Lehrgang waren, schoss sich die mit Abstand jüngste Spielerin auf dem Platz beim 13:0 gegen Erzgebirge Aue per Dreier-Pack binnen 30 Minuten weiter nach oben auf Kellermanns Notizblock.

Auf der VfL-Homepage war nachher zu lesen: „Stolze hat das letzte Wort.“ Auch beim VfL schmückt man sich inzwischen gern mit den Taten der blonden Stürmerin, die es in den Auswahlteams des DFB auf 24 Spiele, 21 Tore und 19 Vorlagen gebracht hat. Und es wären vermutlich noch mehr gewesen, wenn sie vor der EM in Weißrussland nicht durch einen Muskelfaserriss im Oberschenkel zwei Wochen ausgefallen wäre. „Ich war froh, dass ich dennoch mitfahren durfte. Ich hätte natürlich gern mehr gespielt, wusste aber auch um meinen Trainingsrückstand“, blickt sie auf die Tage im Mai zurück, die mit dem 3:2-Endspielsieg im Elfmeterschießen gegen Spanien einen triumphalen Abschluss fanden. Es war ihr erster internationaler Titel.

Nun ist die WM in Jordanien (30. September bis 21. Oktober) das große Ziel, mit Venezuela, Kamerun und Kanada als Vorrundengegner. Auf dem Weg dorthin setzt sie auf eine „hoffentlich komplette Vorbereitung ohne Verletzungen“ und – künftig fest in der U23 des VfL eingeplant – auf ein schnelles erstes Saisontor. Anna-Lena will sich „warmschießen“ für die WM, bei der die U17-Mädels den nächsten großen Triumph ansteuern. Wenn der gelingt, gibt’s anschließend sicher eine ähnlich ausgiebige Feier wie bei der EM. Und beim nächsten Besuch in Stockelsdorf dann wohl auch wieder Krabbensalat.

Region/Lübeck VfL Wolfsburg (Frauen) VfL Wolfsburg II (Frauen)

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