10. September 2018 / 15:22 Uhr

Vom "Urknall" zum TV Bremen-Walle 1875

Vom "Urknall" zum TV Bremen-Walle 1875

Redaktion Sportbuzzer
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Blickrichtung Zukunft: Kapitän Niklas Sudmann verbindet den alten TuS Walle mit dem neuen TV Bremen-Walle 1875. © Paul Vogt
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1994 gewannen die Handballdamen des TuS Walle den Europapokal der Pokalsieger, 2008 folgte die Insolvenz - doch zehn Jahre später lebt der Verein weiter: im TV Bremen-Walle 1875

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Dass am Hohweg heutzutage Landesliga-Fußball gespielt wird, grenzt an ein Fußball-Wunder. Vor einem Jahrzehnt stellten sich die Beteiligten noch die Frage, ob es überhaupt noch Fußball im Breitensport in Walle geben würde. Kürzlich ist die erste Herrenmannschaft des TV Bremen Walle 1875 in ihre zweite Landesliga-Saison gestartet. Damit spielt sie weiter in Bremens zweithöchster Liga.

Rückblick: Anfang der 90er Jahre sorgte der TuS Walle für große Furore in ganz Deutschland. Erst vom Mäzen Volker Brüggemann, später vom CDU-Politiker Jens Eckhoff gemanagt, stieg das Handballdamenteam des TuS Walle in die Bundesliga auf, errang mehrfach den Deutschen Meistertitel und Pokal. 1994 gewann der Klub den Europapokal der Pokalsiegerinnen. Doch das teure Abenteuer vertrug der kleine Stadtteilklub nicht. Im Dezember 2007 mussten die Verantwortlichen beim Bremer Amtsgericht Insolvenz anmelden. Verbindlichkeiten von über 720 000 Euro führten zur Zahlungsunfähigkeit. Ende Februar 2008 erklärte der zuständige Insolvenzverwalter, der Verein sei insolvent und es gäbe keine Rettung mehr. Die Konsequenz: Der Turn- und Sportverein Walle Bremen von 1891 existiert nicht mehr.

Walle-Jugendleiter Jürgen Lange: "1875 hat uns sehr gut aufgenommen, auch wenn es am Anfang sehr viel Skepsis gab"

Heute, zehn Jahre später, lebt der TuS weiter, mit ihm viele der alten Mitglieder – auch die Fußballabteilung. Möglich wurde dies durch den Nachbarverein TV Bremen 1875. Dieser erklärte sich bereit, die verbleibenden Mitglieder samt ihrer Sportarten aufzunehmen. Nicht nur das. Auf der Mitgliederversammlung am 11. März 2008 stimmte die Versammlung mit großer Mehrheit dem Antrag zu, den Vereinsnamen zu ändern. Der Großverein TV Bremen-Walle 1875 entstand, den Neuankömmlingen sollte ein sportliches Heimatgefühl gegeben werden. „1875 hat uns sehr gut aufgenommen“, bestätigt Jürgen Lange, „auch wenn es am Anfang Skepsis gab.“

Der 50-Jährige kam 2003 in den Verein. 2008 übernahm er das Amt des Jugendleiters, das er schon zwei Jahre lang als Stellvertreter ausgefüllt hatte. Neben seiner Tätigkeit als Jugendleiter trainierte er auch regelmäßig Jugendteams. Lange hat die Jahre vor der Insolvenz hautnah miterlebt. „Die Katastrophe steckte im Verein drin.“ Damit meinte er: Die Stimmung im Verein war schlecht, Trainer, Spieler und Eltern kamen nicht miteinander aus. Laut Lange gab es einige, die wegen der Insolvenz den Verein verlassen haben und dabei „ihr Gesicht wahrten“.

Es wäre möglicherweise auch ohne Insolvenz passiert, dass im Verein Verantwortliche gegangen wären und die Fußballabteilung eine Umstrukturierung durchlebt hätte. So diente die Insolvenz aber als „Urknall“, resümiert Lange. Es wurde alles versucht, den TuS Walle am Leben zu halten. Kredite aufnehmen, Sponsoren finden. Es klappte nicht. Ein „Versagensgefühl“ entstand. „Wir trauern dem TuS Walle hinterher“, betont auch Ulfert Bitomsky, nachdrücklich. Der heute 35-Jährige kam 1993 in den Verein. Nach einem kurzen Intermezzo beim Nachbarverein Weser 08, kehrte er 2009 zum TV Bremen-Walle 1875 zurück. Erst als Trainer der zweiten Herren, seit 2011 als Trainer und Teammanager der Ersten.

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Walles Jugendleiter Jürgen Lange. © Paul Vogt
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Mit dem Neuanfang wurde nicht gleich alles besser. Im Gegenteil. Die Nachwehen der Insolvenz machten den Beteiligten ordentlich zu schaffen; Alle Teams mussten von vorne anfangen. Aufgrund des Insolvenzverfahrens durften die Mannschaften eine lange Zeit keine Pflichtspiele bestreiten. Die Arbeit der vorangegangen Jahre war umsonst, innerhalb der Abteilung waren die Aussichten düster. „Tiefpunkt waren sechseinhalb Mannschaften im Verein“, so Jürgen Lange.

„Das war die Phase, in der die Stimmung in der Abteilung ganz unten war. Als wir nicht wussten, ob wir beim TV willkommen waren. Da haben wir uns schon die Sinnfrage gestellt“. Statt in der Umbruchphase aufzugeben, setzten sich die Verantwortlichen zusammen. Klares Ziel: „Wenn es jemals wieder nach oben gehen sollte, dann wollen wir, dass es menschlich passt.“ Schritt für Schritt wurde die Abteilung wieder aufgebaut: Absprachen zwischen den Verantwortlichen sollten von allen mitgetragen werden, die gleichwertige Einbindung jeder Mannschaft – von der ersten Herren bis zur G-Jugend – diente als Schlüssel zum Erfolg.

Allerdings funktioniert auch das beste Konzept nicht, wenn es nicht die passenden Leute dafür im Verein gibt. Abteilungsleiter Sven Gätje zum Beispiel. Oder, so betont Jürgen Lange, Edgar Rothaar. Inzwischen in die wohlverdiente Fußballrente gegangen, ist Rothaar jahrelang für die ganz Kleinen verantwortlich gewesen – schon vor der späteren Insolvenz.

Sein Engagement sorgte dafür, dass wieder vermehrt Kinder zum Verein kamen und geblieben sind. Mit Erfolg: Der Verein setzt voll und ganz auf die Jungen. „Die eine Hälfte von unserem Erfolg. Die Kinder kommen zu uns“, sagt Lange. Er deutet auf die Informationsbox der Fußballabteilung. Zwei Grafiken, mit der Überschrift „Der Walle-Weg“, stechen heraus. Die eine Grafik zeigt den Werdegang aller Jahrgangsmannschaften seit 2008. Erkennbar ist, dass seit 2003 keine Jugendmannschaft aufgehört hat.

„Die andere Hälfte, das ist der sportliche Erfolg.“ Deutlich verzeichnet in der zweiten Grafik, die die Ergebnisse der Herren-Ligen festhält. Denn bei den ersten Herren ging es steil bergauf. 2017 kehrte diese, nach 31 Jahren Abstinenz, in die Landesliga zurück. Auch bei den Herren gab es mehrere Umbrüche. Beim letzten, vor zwei Jahren, profitierte der Verein von den neuen, gefestigten Strukturen. Der Kader ist jung, der Fokus wird auf die Jugend gesetzt.

Statt wie früher nur auf die sportlichen Fähigkeiten der Spieler zu achten, gucken Bitomsky und Co. nun auch verstärkt auf den sozialen Umgang. Im Wesentlichen bestehe die Mannschaft aus einem „erweiterten Freundeskreis“, erklärt Bitomsky. „Wir haben aus der Vergangenheit gelernt.“

Gleich mehrere Spieler der ersten Herren fingen in der G-Jugend beim TuS Walle an. Torwart Jan Stelljes blieb seitdem immer beim Waller Stadteilklub. Andere wie Kapitän Niklas Sudmann sind zurückgekehrt, um bei ihrem Jugendverein zu spielen. Mit diesen jungen Spielern hat sich die Fußballabteilung das Ziel gesetzt, eine feste Größe in der Landesliga zu werden – In enger Zusammenarbeit mit der Jugend des Vereins. Für Jürgen Lange geht das einher mit seinen Zielen: Endlich wieder alle Jahrgänge mit Teams zu füllen. Aktuell fehlt noch eine A-Jugend.

Doch Jürgen Lange und Ulfert Bitomsky haben noch weitere Ziele für den Verein: „Ein eigener Kunstrasen“, sagt Bitomsky. Dem Verein fehlt es an Platz: Zum Spielen, zum Trainieren oder bei den Umkleidekabinen. Statt der sechseinhalb Mannschaften zu den Anfangszeiten beim TV Bremen-Walle 1875, schnüren inzwischen Spieler von 15 Mannschaften ihre Schuhe am Hohweg. „Wir wachsen seit sieben, acht Jahren. Da muss über kurz oder lang etwas passieren“.

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