11. November 2016 / 17:48 Uhr

WAZ-Interview mit VfL-Trainer Valérien Ismaël

WAZ-Interview mit VfL-Trainer Valérien Ismaël

Hensel/Pahlmann
Der neue Chef im Interview: Die WAZ-Sportredakteure Engelbert Hensel (l.) und Andreas Pahlmann (r.) sprachen mit Valérien Ismaël.
Der neue Chef im Interview: Die WAZ-Sportredakteure Engelbert Hensel (l.) und Andreas Pahlmann (r.) sprachen mit Valérien Ismaël. © Roland Hermstein
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VfL-Trainer Valérien Ismaël spricht im WAZ-Interview über die Einsamkeit vor der Leinwand, schlechte Erfahrungen und Wohnen in Flughafen-Nähe.

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Erst Interims-, jetzt Cheftrainer des VfL: Valerién Ismaël hat beim Wolfsburger Bundesligisten jetzt dauerhaft das sportliche Sagen. Im WAZ-Interview spricht der 41-Jährige über seine Karriere und darüber, wie der VfL jetzt Fußball spielen muss.

„Ich bin kein Ägypter“, „Diese Fummel hier hast du mir mitgebracht“ und „Gib‘ Küsschen!“ Erkennen Sie diese Sätze?

Natürlich (lacht). Ich weiß, was Sie meinen...

Das waren drei von zwölf Sätzen, die Sie im Film „Asterix bei den Olympischen Spielen“ als Synchronsprecher von Zinédine Zidane sagen mussten. War das der ungewöhnlichste Nebenjob Ihrer bisherigen Karriere?

Ja, das kann man schon so sagen. Ich war damals noch Spieler beim FC Bayern. Es wurde jemand gesucht, der Deutsch mit französischem Akzent spricht, und man hat mich gefragt. Ich dachte, ich gehe da mal kurz hin und habe ein bisschen Spaß. Aber es war richtig harte Arbeit. Man steht da allein in der Mitte eines riesigen Raumes mit Leinwand. Und dann spricht man, wird von außen korrigiert, dann fängt man noch einmal an und noch einmal. Ich habe eine Stunde für zwölf kleine Sätze gebraucht.

Ihre damalige Freundin und heutige Ehefrau hat zu dem Zeitpunkt gehofft, dass Sie nun häufiger mit ihr ins Kino gehen.

Das stimmt, aber die Hoffnung hat sich nicht erfüllt. Heimkino ist eher mein Ding, immer noch. Aber ich schaue gern Filme.

Welchen zuletzt?

Da muss ich überlegen, das war irgendwie leichte Kost... Es war der zweite Avengers-Film, glaube ich. Wir hatten Lust, irgendwas zu gucken, wobei man gut abschalten kann. Und der erste hatte uns schon gefallen. Unterhaltsam.

Ihr Zuhause ist München – wie wichtig ist es für Sie, daheim abschalten zu können?

Wenn ich im Flieger nach München bin, habe ich Fußball noch komplett im Kopf. Wenn ich dann aussteige und zu Hause vielleicht meine kleine Tochter schon mit offenen Armen auf ihren Papa wartet, dann ist das weg, dann bin ich runtergekommen. Gerade in den vergangenen Wochen habe ich gemerkt, wie gut mir das tut.

Mussten Sie dieses Runterkommen lernen? Sie standen ja schon als aktiver Profi oft unter Druck.

Ich habe einen Sohn aus meiner ersten Ehe, der ist jetzt 21. Als er klein war, war ich vielleicht manchmal zu verbissen, zu fokussiert auf Fußball. Daraus lernt man. Wenn ich jetzt zu Hause bin, bin ich nicht der Trainer. Dann bin ich der Papa und der Ehemann. Auch wenn meine Frau dann oft die Erste ist, die mich doch nach Fußball fragt.

Ist das häufige Pendeln nicht ein Problem? Als Cheftrainer sind Sie ja noch etwas mehr in Wolfsburg gefordert...

Ja, deswegen kommt die Familie jetzt häufiger hierher. Aber die Flugverbindung zwischen Hannover und München ist sehr gut. Ich habe in meiner Zeit als Nürnberg-Trainer negative Erfahrungen gemacht, aus denen ich gelernt habe: Es ist wichtig, einen Rückzugsort zu finden, wo sich die Familie wohlfühlt, wo die Ergebnisse keine Rolle spielen, wo man nach Niederlagen nicht angefeindet wird.

Das soll die Familien-Homebase bleiben, egal wohin es Sie in Ihrer Trainer-Karriere noch verschlägt? Bielefeld, Hamburg, München, Wolfsburg...

...Türkei, Frankreich, völlig egal – unser Zuhause soll immer dort bleiben. Und an dem Ort, wo ich arbeite, liegt dann mein voller Fokus auf dem Job. Wir wohnen etwas außerhalb von München, in der Nähe des Flughafens. Und das ist durchaus strategisch gewählt. 15 Minuten nach der Landung sitze ich in meinem Wohnzimmer.

Sie haben Ihre Erfahrungen aus Nürnberg angesprochen. Welche war die sportlich wichtigste?

Dass man nicht immer den Fußball spielen lassen kann, den man als Trainer spielen lassen möchte. Schon gar nicht in der 2. Liga. Dort kommt es auf andere Tugenden an – kompakt zu stehen, Zweikämpfe zu gewinnen und zu kontern. Ballbesitz ist nicht so wichtig. Hannover 96 tut sich aktuell auch darum schwer, der VfB Stuttgart hat sein Spiel aus dem Grund gerade etwas verändert.

Und in der Bundesliga?

Da muss man sich einfach taktisch viel mehr Gedanken machen – weil der Gegner taktisch extrem besser spielt, weil die technisch extrem besseren Spieler weniger Raum für ihr Spiel brauchen.

In Nürnberg ging‘s auch deswegen schief, weil es im Verein Intrigen und Unstimmigkeiten im Management gab. Haben Sie da mal überlegt, ob das Fußballgeschäft wirklich das Richtige für Sie ist?

Nein, aber ich habe gemerkt, dass ich da etwas zu blauäugig rangegangen bin, dass ich viel mehr Fragen vorher hätte stellen müssen. Heute würde ich den Weg anders machen – und es würde mir leichter fallen, das zu antizipieren, was dann passieren kann. Ich wäre besser vorbereitet.

Sie haben BWL studiert und waren bei Hannover 96 vor Ihrer Trainerzeit Assistent im Management. Sie könnten also jetzt statt hier auf dem Trainingsplatz auch gerade oben am Schreibtisch des Managers sitzen...

Als ich meine aktive Karriere beenden musste, war das meine erste Idee, ja. Und ich habe 18 Monate lang alles dafür getan. Aber irgendwann habe ich gemerkt, was mir fehlt – das Kribbeln, der Geruch des Rasens, die Kabine, nahe an den Spielern dran zu sein. Als ich dann meinen ersten Trainerschein gemacht habe, war sofort klar: Ja, das ist es.

Viele Ex-Profis, die Trainer werden, wollen am Anfang Ihren Spielern unbedingt noch alles selbst zeigen, was bei den Spielern oft nicht gut ankommt...

Da habe ich einen Vorteil: Mein rechtes Knie ist so kaputt, dass das gar nicht geht (lacht). Aber es ist tatsächlich so: Als Trainer musst du wissen, dass du jetzt Trainer bist – und eben kein Spieler mehr. Die größte Gefahr besteht, wenn du als Trainer allen zeigen willst, was du noch so mit dem Ball draufhast. Wenn es um Technik geht, dann kann der Co-Trainer das übernehmen. Als Cheftrainer musst du dich eher um die Taktik, um die Philosophie deines Spiels kümmern.

Was würden Sie denn noch auf dem Platz mitmachen?

Lattenschießen, so am Ende des Trainings als Spaß. Das ist okay.

Wie gut sind Sie da noch?

Die Präzision ist noch ganz gut.

Sie waren Verteidiger, da waren aber doch andere Qualitäten gefragt...

Meine Diagonalbälle waren meine Stärke (lacht).

Welche Qualität war es, die Sie als Spieler in die Bundesliga gebracht hat?

Ich war neugierig. Klaus Allofs, damals Bremer Manager, hat mich in Straßburg besucht und wir haben über die Bundesliga geredet. Er spricht gut Französisch, wir haben uns toll unterhalten, er hat mir den Reiz der Bundesliga erklärt. Und weil ich schon als Kind in Straßburg immer die deutsche Sportschau geguckt habe, hatte ich einen Eindruck vom deutschen Fußball und das Gefühl, dass ich mit meiner Art ganz gut passen könnte.

Hätten Sie mit Ihm auch Deutsch reden können? Ihre Mutter stammt aus dem Elsass, wo auch Deutsch gesprochen wird.

Ja, meine Mutter spricht immer noch perfekt Deutsch. Aber ich habe meine ersten Worte auf Deutsch tatsächlich 2003 in Bremen gelernt. Vorher konnte ich nichts.

Ist da nicht durch die Familie schon vorher etwas hängengeblieben?

Nein, wenn sich meine Großeltern unterhalten haben, sprachen sie einen speziellen Elsässer Dialekt, der nicht leicht zu verstehen ist. Und in der Schule hatte ich mehr Lust auf Englisch als auf Deutsch – ich hatte sehr früh das Ziel, Fußballprofi zu werden, da erschien mir Englisch irgendwie auch nützlicher.

Wie sprechen Sie mit Ihrer Tochter?

Ich spreche Französisch, wir hören französische Lieder, ich lese aus französischen Büchern vor. Meine Frau redet Deutsch mit ihr. Wir machen das ziemlich konsequent, weil wir die Zweisprachigkeit bewusst fördern wollen.

Sie haben seit 2013 die deutsche Staatsbürgerschaft – fühlen Sie sich als Deutscher oder als Franzose?

Die Staatsbürgerschaft anzunehmen, ist für mich ein klares Bekenntnis gewesen. Ich bin seit 13 Jahren hier, es ist ein tolles Land – und es ist meine Heimat geworden.

Welches Klischee über Franzosen trifft auf Sie zu?

Ausgiebig essen. Wenn wir mit der Familie und Freunden beim Essen zusammen sind, bleiben wir sehr, sehr lange am Tisch sitzen, reden, trinken. An Feiertagen gehen wir manchmal dann zwischendurch gemeinsam spazieren – aber nur, um uns hinterher wieder an den Tisch zu setzen. Wenn das ein Klischee ist, dann erfülle ich das gern.

Ihr Vater stammt aus Guadeloupe in der Karibik, welche Beziehung haben Sie zu diesen Inseln?

Ich war mit fünf Jahren mal dort, seitdem nicht mehr. Mein Vater, der in Straßburg lebt, reist häufiger dorthin, es gibt einige Verwandte dort, zu denen ich nicht so viel Kontakt habe. Aber ich würde gern mit meiner Frau und meiner Tochter in den nächsten Jahren mal dorthin reisen, damit sie auch diesen Teil ihrer Wurzeln kennenlernt.

Schauen sich Ihre Frau und Ihre Tochter die Wolfsburger Heimspiele an?

Klar. Sie waren gegen Leverkusen hier, kommen jetzt am nächsten Mittwoch wieder und bleiben dann bis zum Spiel gegen Schalke.

Was für ein Spiel werden Sie dann sehen?

Ich hoffe, dass wir die Leistung vom 3:0 in Freiburg bestätigen können. Und dass wir vom Ergebnis her nachlegen und unsere Fans zurück ins Boot holen können.

Mario Gomez hatte nach dem 1:3 in Darmstadt gefordert, dass die Mannschaft einfacher spielen muss. Täuscht der Eindruck, oder passiert das seitdem tatsächlich?

Das täuscht nicht. Aber ich hatte ja auch von Anfang an gesagt, dass wir mehr Tiefe im Spiel brauchen, dass wir nach der Balleroberung schneller den Steilpass spielen müssen.

Tiefe bekomme ich aber auch, wenn ich nach zwei, drei schnellen Querpässen im genau richtigen Moment den Steilpass spiele...

Ja, aber unser Ansatz ist es, auf die Querpässe zu verzichten und lieber gleich in die Spitze zu spielen. Querpässe sind nicht das, was wir im Moment brauchen. Wir müssen jetzt vor allem Intensität in unser Spiel bekommen und brauchen dafür eine große Laufleistung. Auf diesem Weg sind wir jetzt. Die Mannschaft hat das angenommen. Wenn die Leichtigkeit kommt, wenn Siege da sind – dann kommt das Spielerische von allein.

Was meinen Sie mit der größeren Laufleistung?

Es geht darum, dass keiner alleine ist, wenn er einen Weg macht, dass die anderen mitziehen. Wenn der Gegner Ballbesitz hat und der erste Spieler draufgeht, den Ball aber nicht kriegt, dann kommt der zweite. Dann der dritte. Und wenn der ihn auch nicht kriegt, darf man als Mannschaft nicht abschalten, sondern muss weitermachen, vielleicht bis zum siebten oder achten. In Freiburg gab es eine Szene, die typisch war: 44 Sekunden lang hat ein Spieler nach dem anderen den Freiburger, der gerade den Ball hatte, attackiert. Der erste fing an, dann der nächste, dann der nächste – bis wir den Ball hatten. In solchen Momenten merken die Spieler: Ja, es lohnt sich. Es funktioniert.

Immer mehr Trainer verlangen von Ihrer Mannschaft, dass sie im Spiel blitzschnell die Taktik ändern kann. Sie auch?

Ja. Wenn du als Mannschaft heute 34 Bundesliga-Spieltage lang immer dasselbe System spielen willst, dann wird es sehr, sehr schwer.

Also haben heute vor allem die Teams Erfolg, die taktisch hoch-variabel sind?

Als Trainer muss ich erkennen: Was ist die Stärke meiner Mannschaft? Was ist die Stärke meiner Einzelspieler? Und: Wie flexibel ist meine Mannschaft. Habe ich Spieler, die mehre Positionen spielen können oder habe ich Spezialisten? Meistens ist es in einer Mannschaft so: Der Rechtsverteidiger ist Spezialist, der Innenverteidiger ist Spezialist, der Sechser auch und noch der Mittelstürmer. Alle anderen drumherum können mehrere Positionen spielen, darum...

Moment, was ist mit dem Linksverteidiger?

Das ist ein Sonderfall bei uns, weil Rici Rodriguez ein guter Linksverteidiger ist, aber eben auch ein sehr guter Innenverteidiger. Entscheidend ist: Ich muss wissen, was die Mannschaft kann. In Freiburg wusste ich: Ich kann hinten auf Fünferkette umstellen, das wird funktionieren.

Wir erklären Sie Ihren Spielern Taktik?

Es gibt Spieler, mit denen spreche ich einmal darüber – und das reicht dann. Dann gibt es Spieler, die begreifen es besonders gut, wenn man es ihnen auf Video vorführt. Und es gibt Spieler, denen es am meisten bringt, wenn man ihnen direkt auf dem Platz sagt, wie sie sich taktisch bewegen sollen. Ich versuche, alle drei Kanäle immer wieder zu benutzen. Denn dann bin ich mir sicher, alle zu erreichen.

Auf welchem Kanal haben Sie als Spieler am meisten gelernt?

Video. Wenn uns Dinge auf Video gezeigt wurden, wusste ich immer sofort, was der Trainer von mir wollte.

Sie reden beim Training auf dem Platz eher weniger mit den Spielern...

...aber beim Geheimtraining ist das anders. Die Tage, an denen wir ohne Öffentlichkeit trainieren, das sind meine Tage. Da wird alles angehalten, da werden die Übungen unterbrochen, um dem Spieler genau zu erklären, was er machen soll. Es gibt aber auch in den öffentlichen Einheiten Übungen, bei denen ich häufiger eingreife.

Welche zum Beispiel?

Wenn wir das Pressing-Spiel üben. Pressing hat viel mit Aggressivität zu tun, mit Bewegung. Wenn ich da als Trainer ganz ruhig und passiv daneben stehe und leise korrigiere, dann wird das nicht funktionieren. Da bin ich dann auch in Bewegung und bin lauter.

Wie sind Ihre Ansprachen vorm Spiel?

Kurz. Ich hatte in Lens mal einen Trainer, Rolland Courbis, der hat vor den Spielen über eine Stunde auf uns eingeredet. Es war unfassbar. Aber er war rhetorisch sehr gut.

Hat das funktioniert?

Ja, weil bei uns inhaltlich sowieso nur fünf Prozent ankamen. Und wir waren auch erfolgreich. Aber ich mochte das nicht, mir war es lieber, wenn der Trainer sagte: „Ich erwarte, das, das und das – fertig.“

Waren Ihre Bundesliga-Trainer auch so?

Ja. Thomas Schaaf war so, Ottmar Hitzfeld war so.

Und Felix Magath?

Der hat nie viel geredet (lacht). Aber alle wussten trotzdem, was er verlangt.

Sie galten schon in Frankreich als sehr disziplinierter Spieler – waren Sie da so etwas wie „der Deutsche“?

Ja, das war vor allem in Straßburg so. Da dachte ich oft: Ich bin hier im falschen Film. Neben dem Trainingsgelände war ein McDonald‘s, und wenn wir um 15 Uhr Training hatten, haben da einige um 14.30 Uhr noch ihren Burger gegessen. Ich habe mich darüber aufgeregt, aber es hat mich irgendwann genervt, immer der Besserwisser zu sein und den Zeigefinger zu heben. Und weil ich der Einzige war, der so tickte, habe ich irgendwann gedacht: Vielleicht bist du selbst nicht normal. Und dann kam ich in die Bundesliga und habe gemerkt: Hier denken alle so wie ich. Es hat sich in dieser Hinsicht wie ein Nach-Hause-kommen angefühlt. Ist lange her.

So lange auch noch nicht. Sie sind 41, könnten also auch gerade noch zur Facebook- und Twitter-Generation gehören...

Ja, aber ich bin da nicht aktiv. Das ist nicht mein Ding. Ich habe mich ohne immer wohl gefühlt und keinen Grund gesehen, das zu ändern. Meine Frau ist da umso mehr unterwegs.

Sie haben als aktiver Spieler starken Konkurrenzkampf erlebt, hatten bei Bayern etwa Lucio, Daniel van Buyten und Martin Demichelis auf Ihrer Position. Wie wichtig ist Konkurrenz für die Leistung?

Die Spieler haben ein Recht auf Vertrauen – das Vertrauen darin, auch nächste Woche wieder zu spielen. Aber dieses Recht müssen sie sich mit Leistung erarbeiten. Wichtig ist, dass jeder spürt: Ich kann mich nicht ausruhen. Als Spieler brauchst du diesen Druck auch für dein eigenes Selbstwertgefühl, weil du dann am Ende sagen kannst: Es war schwer, aber ich habe mich durchgesetzt.

Haben Sie beim VfL das Vertrauen gespürt, obwohl Sie zunächst nur eine Interimslösung waren?

Ja, denn das war absolut nachvollziehbar. Für mich war eine wahre Chance immer da. Dass der Manager parallel andere Optionen prüfen muss, ist doch klar.

War Ihnen auch klar: Wenn ich in Freiburg gewinne, bleibe ich?

Ich habe darüber wirklich nicht nachgedacht. Mein Gedanke war: Wir müssen die Leistung, die wir gegen Leverkusen 60 Minuten lang gezeigt haben, über 90 Minuten zeigen. Darum ging es. Das gehört auch zu den Erfahrungen aus meiner Nürnberger Zeit: Es nützt mir nichts, über Was-wäre-wenn nachzudenken. Also habe ich auf das Spiel am Samstag geschaut. Und nicht auf das, was am Sonntag danach passiert.

Wie haben Sie den Moment erlebt, als alle Spieler nach dem dritten Tor in Freiburg auf Sie zugerannt gekommen sind? Das war ja eine bewusste Aktion der Mannschaft.

Ich war mit der Einwechslung von Marcel Schäfer beschäftigt, drehe mich um – und plötzlich stehen alle vor mir. Da habe ich gedacht: Wow, was für eine Geste. Ich bin ein Teamplayer, ich weiß, was das bedeutet. Dieser Moment hat mir bestätigt, dass meine Art, mit der Mannschaft umzugehen, richtig war.

Lassen Sie die Nähe zu den Spielern zu?

Natürlich, das heißt nicht, dass ich ein Kumpeltyp bin. Aber wir verlieren und gewinnen zusammen. Ich habe keine Berührungsängste.

Mario Gomez und Julian Draxler ragen aufgrund ihres Status als deutsche Nationalspieler und aufgrund ihrer Popularität aus diesem Kader etwas heraus. Wie wichtig ist es für Sie, dass gerade diese beiden Spieler funktionieren?

Das ist in erster Linie für die beiden Spieler selbst wichtig. Meine Aufgabe ist es, diese Spieler auf ihr Level zu bringen, ihnen klarzumachen: Deine Qualität ist ein Mehrwert für unsere Mannschaft. Bei Mario hat man das in Freiburg deutlich gesehen: Er hat Wege gemacht und sich mit zwei Toren belohnt.

Julian Draxler wird seit seinem Ich-will-weg-Interview im Sommer sehr kritisch gesehen. Jetzt war er bei dem wichtigen Sieg in Freiburg nicht dabei. Ist das für ihn ein Problem?

Erst mal muss man sagen, dass er seit ich da bin immer wieder mit seinen Verletzungen zu kämpfen hatte, er war nie bei 100 Prozent. Er hatte seine Probleme mit dem Fuß immer im Hinterkopf, hat beim Spiel in Darmstadt auf die Zähne gebissen und es dann gegen Leverkusen noch mal versucht, ehe der Faserriss kam. Wichtig für uns ist: Die Mannschaft muss funktionieren, egal, wer auf dem Platz steht. Und dann kommt die individuelle Qualität dazu – die von Mario, die von Julian, von den anderen.

Was entgegnen Sie denen, die sagen: Kaum spielt Draxler nicht, gewinnt der VfL?

Dass ich daran denke, wie ich die nächsten Spiele mit ihm gewinnen kann. Außerdem: Es kann einfach Zufall sein. Und in Augsburg hat der VfL mit Julian gewonnen.

Da war Dieter Hecking noch da. Wie ist Ihr Draht zu ihm? Er war ja auch Ihr letzter Trainer, damals bei 96...

Ja. Der Draht war immer gut, auch hier. Wenn wir aus der U 23 Vorschläge und Ideen hatten, war er dafür immer offen. Nach der Trennung von ihm hier hatten wir noch SMS-Kontakt. Wir haben uns alles Gute gewünscht.

Dieter Hecking hat schon vor langer Zeit gesagt, dass Valerién Ismaël irgendwann Bundesliga-Trainer werden kann. War Ihnen das auch klar?

Nein. Aber es war immer mein Ziel, mich weiterzuentwickeln. Und grundsätzlich hatte ich immer das Gefühl, dass dieser Verein bereit ist, guten Leuten eine Chance zum Aufstieg zu geben – ob sie Spieler sind, Masseur, Fitnesscoach oder eben Trainer.

Wissen Sie eigentlich, dass Sie der erste Trainer in der Geschichte der Bundesliga sind, der mit einem „I“ beginnt?

Nein, wusste ich nicht (lacht). Aber dann habe ich ja schon mal einen Rekord.

Was ist in dieser Saison für den VfL noch drin?

Das Freiburg-Spiel ist erst einmal die Messlatte. Diese Leistung müssen wir erreichen und toppen, immer und immer wieder. Wenn wir das schaffen und damit punkten, dann können wir vielleicht überlegen, was wir schaffen können. Vielleicht setzen wir uns in der Winterpause noch mal zusammen, dann kann ich mehr dazu sagen...

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