13. Dezember 2016 / 12:14 Uhr

Weltmeister im Konjunktiv

Weltmeister im Konjunktiv

Ronny Müller
Zwischen 2011 und 2013 war Sergej Evljuskin unumstrittener Stammspieler beim damaligen Drittligisten Babelsberg 03.
Zwischen 2011 und 2013 war Sergej Evljuskin unumstrittener Stammspieler beim damaligen Drittligisten Babelsberg 03. © dpa
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Der Ex-Babelsberger Sergej Evljuskin erzählt, warum er den Sprung in die Bundesliga verpasste.

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Früher wurde Sergej Evljuskin „Kaiser“ gerufen. Der Vergleich mit Franz Beckenbauer war einerseits ein Spaß, andererseits gar nicht so weit hergeholt. Denn Evljuskin war Kapitän der Junioren-Nationalmannschaft. 42 Mal lief der Fußballer für Deutschland auf – er durfte Mesut Özil, Jérôme Boateng und Benedikt Höwedes rüffeln, wenn sie nicht spurten. 2006 und 2007 erhielt der Sohn einer kirgisischen Aussiedlerfamilie die Fritz-Walter-Medaille in Gold als bester deutscher Nachwuchsspieler. Das Tor zur Bundesliga, zu Ruhm und Reichtum stand weit offen.

Doch als Özil, Boateng und Höwedes 2014 Weltmeister wurden, saß Evljuskin vor dem Fernseher und dachte: „Eigentlich wäre ich jetzt Weltmeister“ – so heißt sein Buch, das der 28-Jährige kürzlich herausgegeben hat. Evljuskin: „Ich denke oft: Das, was die jetzt erreicht haben, war für mich eigentlich auch vorgesehen. Da sollte ich jetzt eigentlich auch stehen.“ Der Weltmeister im Konjunktiv ist Stammspieler beim Südwest-Regionalligisten Hessen Kassel. Vierte Liga!

Hartes Brot

Es klingt nach einem harten Brot im Vergleich zu Mario Götze, der als einziger ebenfalls zweimal die Fritz-Walter-Medaille erhielt und im WM-Finale das goldene Tor erzielte.  „Ich wäre kein glücklicherer Mensch, wenn ich 200 Bundesligaspiele absolvierte hätte“, sagt Evljuskin. Aber er hätte sehr wahrscheinlich mehrere Millionen auf dem Konto und müsste sich um seine Zukunft keine Sorgen machen.

Hohe Erwartungen

Jährlich platzen Tausende Träume von der Bundesliga. Evljuskins Traum war jedoch sehr real. Er spielte im Nachwuchs des VfL Wolfsburg, wurde dort Profi. Doch vor zehn Jahren war der Wolfsburger Blick auf die eigenen Talente nicht sehr scharf. Und die Erwartungen an Evljuskin waren sehr hoch. „Die Fritz-Walter-Medaillen waren für mich riesengroße Auszeichnungen. Aber dadurch ist auch viel Druck entstanden. Ich durfte mir keine durchschnittlichen Leistungen erlauben. Ich musste immer sehr gut sein, normal reichte nicht“, erzählt der Mittelfeldspieler im Gespräch mit der MAZ. Sein ehemaliger Trainer Peter Hyballa sagt: „Sergej hat immer gehört, dass er der Begabteste und Größte ist. Ich glaube, das hat ihm mental schon große Schwierigkeiten bereitet.“ Es habe an Kleinigkeiten gelegen, so Evljuskin. Er machte sein Abitur. „Anders als Nationalspieler Julian Draxler, der sich auf Fußball konzentriert hat.“

"Eine Riesen-Qualität"

2010 wollte der Hochbegabte über den Umweg Hansa Rostock in die Bundesliga. Es war die entscheidende Zeit, er musste sich an den Härtegrad des Männerfußballs gewöhnen. Die Kogge stieg 2011 in die 2. Bundesliga auf – und warf Evljuskin von Bord. Nächster Hafen Babelsberg 03: Evljuskins damaliger Mitspieler Almedin Civa schwärmt noch heute von dessen Begabungsbandbreite: „Er hat alle Voraussetzungen gehabt. Technisch, läuferisch, körperlich, nie verletzt, kopfballstark – eine Riesen-Qualität.“ Auch am Fleiß habe es nicht gelegen, ergänzt der heutige sportliche Leiter in Babelsberg. In zwei Jahren kam der Gelobte auf 65 Spiele und zwei Tore. Civa: „Er war auch in der Innenverteidigung überragend.“ Doch der Anruf aus der Bundesliga kam nicht. Stattdessen Abstieg aus der 3. Liga und der Wechsel nach Goslar. Beim Regionalligisten spielte Evljuskin zusammen mit dem ehemaligen Rostocker und Wolfsburger Kevin Pannewitz, der gerade beim Brandenburgligisten Oranienburger FC ein Comeback wagt und nach einer sportlichen sowie beruflichen Perspektive sucht.

Evljuskin, der Dienstagabend im Sport1-Fantalk (22.15 Uhr) zu Gast ist, hat dagegen Betriebswirtschaftslehre studiert, ist aktuell für Sportmanagement eingeschrieben und kann sich eine Zukunft als Polizist vorstellen.  „Es gibt ein Leben nach dem Fußball. Ich sehe mich nicht als gescheitert“, sagt Evljuskin. Auch wenn er heute nur noch „Siggi“ gerufen wird.

Sergej Evljuskin und Christof Dörr: „Eigentlich wäre ich jetzt Weltmeister“, Schwarzkopf & Schwarzkopf, 240 Seiten, 14,99 Euro.

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