Der 2016 verstorbene Günter Moppel Schröter, hier in seiner Wohnung in Berlin, spielte schon bei der Gründung 1953 für Dynamo Dresden. Der 2016 verstorbene Günter "Moppel" Schröter, hier in seiner Wohnung in Berlin, spielte schon bei der Gründung 1953 für Dynamo Dresden. © Jochen Leimert
Der 2016 verstorbene Günter Moppel Schröter, hier in seiner Wohnung in Berlin, spielte schon bei der Gründung 1953 für Dynamo Dresden.

Wie Dynamo Dresden auf Anhieb die erste Meisterschaft gewann

Der SPORTBUZZER blickt in einer mehrteiligen Serie auf "65 Jahre Dynamo Dresden – Titel, Tränen, Traditionen" zurück. Zum Auftakt schauen wir auf die Anfänge des schwarz-gelben Clubs und einen unglaublichen Anfangserfolg.

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Was heute undenkbar scheint, das ist 1953 in der DDR Realität: Wenige Wochen vor dem Ende der Saison wechselt ein Erstligist kurzerhand den Namen. Aus Volkspolizei Dresden wird am 12. April auf Betreiben der Mächtigen im Arbeiter- und Bauernstaat Dynamo Dresden. Die nun in Weinrot und Weiß spielenden Dresdner beflügelt das: Mit fünf Siegen in Folge stürmen sie von Rang acht unaufhaltsam an die Tabellenspitze. Noch am 7.  April schien nach dem 0:2 bei Chemie Leipzig das Aus im Titelrennen besiegelt, doch nun ist nach dem Pokalsieg 1952 auch die erste Meisterschaft greifbar. Auch am letzten Spieltag liegt der amtierende Vizemeister noch ganz vorn, punktgleich mit der BSG Wismut Aue. Meister sind die Dynamos aber noch nicht, denn das bessere Torverhältnis hat damals keine Auswirkungen.

Finale in Berlin

Die Statuten schreiben stattdessen ein Entscheidungsspiel vor, das erst am 5. Juli  – mehr als einen Monat nach dem letzten Punktspiel  – inmitten turbulenter Tage stattfindet. Der Volksaufstand rund um den 17.  Juni macht den Volkssport Nummer eins zur Nebensache. In Berlin fahren sowjetische Panzer auf, auch in Magdeburg, Leipzig, Dresden und im Chemiedreieck um Halle ist die Lage sehr angespannt. In Görlitz und Niesky verliert das SED-Regime zeitweise völlig die Kontrolle. Die Besatzungsmacht erklärt daraufhin für weite Teile ihrer Einflusszone den Ausnahmezustand, der auch am Tag des Oberliga-Endspiels noch gilt.

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Das Finale steigt im Walter-Ulbricht-Stadion von Berlin. Obwohl die Partei- und Staatsführung in diesen Tagen eigentlich große Menschenaufläufe fürchtet, ist sie bemüht, Normalität vorzugaukeln. Dank des militärischen Eingreifens der Russen hat sie die Kontrolle wiedergewonnen und ist froh, dass für ein paar Stunden und Tage der Sport die Gespräche in den Betrieben, Familien und Kneipen auf ein unpolitisches Thema lenkt. 40. 000 Zuschauer sind in die am 17. Juni wegen ihres symbolträchtigen Namens noch in Teilen demolierte, aber eilig wieder hergerichtete Arena in Berlin-Mitte gekommen. Die Stimmung machen mehrheitlich die Auer Fans, von denen auf Betreiben des auch selbst anwesenden SED-Parteichefs Ulbricht etwa 600 mit zwei Sonderzügen aus dem Erzgebirge angereist sind. Aus Dresden ist jedoch keiner gekommen, die Sportvereinigung Dynamo begründet das mit dem Ausnahmezustand an der Spree.

DURCHLICKEN: Stadtrundgang auf Dynamos Spuren

Entscheidung in der Verlängerung

Zum Entsetzen der Auer gehen die Dresdner schon nach sechs Minuten in Führung: Ein 30-Meter-Freistoß von Linksverteidiger Manfred Michael bringt Aues Keeper Rudolf Schmalfuß in arge Nöte: „Von der Schulter des verdutzten Schmalfuß springt der Ball hoch zur Innenlatte, von dort zu Boden und nochmals zur Innenlatte. Erst dann kann Schmalfuß das Leder fassen“, schreiben die „Sächsischen Neuesten Nachrichten“. Schiedsrichter Gerhard Schulz aus Leipzig hat keinen Videobeweis, gibt den Treffer aber. Bis kurz vor Halbzeit hält die nicht sonderlich überzeugende Dynamo-Elf die Führung, doch dann gleicht der gebürtige Zwickauer Willy Tröger per Flachschuss für Aue aus. Nach Wiederanpfiff ist es Armin Günther, der unter dem Jubel der Wismut-Kumpel auf den Tribünen das 2:1 für die Erzgebirgler erzielt.

1954: Der Dresdner Günter Schröter (weiße Hose) bringt den gegnerischen Torhüter in Bedrängnis. 1954: Der Dresdner Günter Schröter (weiße Hose) bringt den gegnerischen Torhüter in Bedrängnis. © Imago

Die sehen bis kurz vor Schluss wie die Sieger aus, doch dann segelt in der 88. Minute ein Eckball vor das Wismut-Tor. Die Auer bekommen ihn nicht weg, die Dresdner nicht ins Tor. Plötzlich fällt die Kugel Günter Schröter vor die Füße, Dynamos Auswahlstürmer überlegt für nur kurz: „Was jetzt? Vor mir ein Wald von unterschiedlich bestrumpften Beinen. Keine Lücke. Oder doch eine ganz kleine?“ Dann haut er an den Ball und macht im Blindflug das 2:2. Wie er die Lücke gefunden hat, weiß er später nicht mehr: „Dass ich sie getroffen hatte, merkte ich erst, als meine Freunde auf mich sprangen und meine gefühllose Beine einknicken wollten“, erinnert er sich Jahre später in der Fachzeitschrift „Die neue Fußballwoche“.

„Moppel“, wie den nur 1,68 Meter kleinen Dribbler alle nennen, kann am 5. Juli 1953 schließlich noch einmal jubeln, denn Karl-Heinz Holze schafft in der 113. Minute mit einem 20-Meter-Hammer das 3:2. Das ist der Sieg  – Dynamo ist keine drei Monate nach seiner Umbenennung erstmals Meister. Die Spieler erhalten als Prämie eine Aktentasche aus Leder und sind trotzdem glücklich. Im Stadion ist auch ein gewisser Walter Fritzsch, der den scheidenden Trainer Paul Döring beerben soll. Der Planitzer meint gegenüber der Presse: „Der Sieg von Dynamo war verdient, da sie die größeren Reserven hatten.“ Kondition ist für Fritzsch schon damals ein großes Thema. Dynamos späterer Meistermacher kann sein hartes Training im Sommer 1953 aber noch nicht in Dresden einführen, denn die Sportgemeinschaft zieht ihm noch nach seinem Eintreffen an der Elbe den Ungarn János Gyarmati vor. Fritzsch verschwindet enttäuscht und bekommt erst 1969 eine zweite Chance in Dresden. Zwei Jahre später wird Dynamo das zweite Mal DDR-Meister.

DURCHKLICKEN: Dynamo-Spieler von einst

Dieser Text und weitere Folgen unserer Serie entstammen dem Buch "Einmal Dynamo, immer Dynamo! 111 Geschichten aus der Historie von Dynamo Dresden", erschienen 2017 im Verlag Schwarzkopf & Schwarzkopf Berlin.

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