06. November 2020 / 15:55 Uhr

1. FC Germania Egestorf/Langreder schießt sich mit Schalldämpfer Richtung Aufstiegsrunde

1. FC Germania Egestorf/Langreder schießt sich mit Schalldämpfer Richtung Aufstiegsrunde

David Lidón
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Die Egestorfer sind auf dem besten Weg in die Aufstiegsrunde.
Die Egestorfer sind auf dem besten Weg in die Aufstiegsrunde. © deisterpics/Stefan Zwing
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Hinten bereits meisterhaft: Mit nur vier Gegentoren bei einer gespielten Partie weniger liegt der 1. FC Germania auf dem zweiten Platz der Oberliga – im Sturm hapert es aber noch. Was sonst bei den Deisterstädtern bereits gut funktioniert und wo noch an den Stellschrauben zu drehen ist.

Die Unbespielbarkeit des Platzes an der Ammerke hat dafür gesorgt, dass der 1. FC Germania Egestorf/Langreder am vergangenen Sonntag nicht die Möglichkeit erhalten hat, den notwendigen Punkt gegen Arminia Hannover einzufahren, um als Spitzenreiter der Oberliga Hannover/Braunschweig in die Corona-Unterbrechung zu gehen. „Wir haben eine gute Halbserie gespielt“, sagt Trainer Paul Nieber. Für das Argument, dass die zweitplatzierten Egestorfer die beste Mannschaft der bisherigen Saison in der Staffel gewesen sind, spricht, dass sie die Duelle beim Tabellenführer SV Ramlingen/Ehlershausen (2:1) sowie gegen den Dritten Lupo Martini Wolfsburg (2:0) für sich entschieden haben. Was bei den Deisterstädtern bereits gut funktioniert und wo noch an Stellschrauben zu drehen ist, erläutert diese Analyse.

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Zweitjüngster niedersächsischer Oberligist

Die Mannschaft: Nach nur einem Punkt aus den ersten zwei Begegnungen, beides Heimspiele, wurden bereits Erinnerungen an die Vorsaison wach, als die Germania den Regionalliga-Aufstieg durch einen schlechten Start verschenkt hatte. Ab dem 3. Spieltag stimmten dann die Resultate für die Nieber-Elf, die fortan in der Liga ungeschlagen blieb. Erstaunlich, da die Egestorfer mit ihrem Altersschnitt von 22,7 das zweitjüngste Team aller 20 niedersächsischen Oberligisten hinter dem FC Eintracht Northeim (21,3) stellen. Es ist zwar kein Zufall, dass neben Torhüter Ole Schöttelndreier mit Marvin Stieler (31 Jahre), Kapitän Joshua Siegert (26) und Robin Gaida (25) ausschließlich die drei erfahrensten Akteure der Calenberger in allen acht Partien so gut wie durchgespielt haben, dennoch ist die fehlende Routine der jungen Mannschaft kein Faktor, der gegen die Germania spricht. Der Kader umfasst 33 Spieler. Logischerweise schafft es mehr als ein Drittel der Egestorfer am Wochenende nicht in das 19-Mann-Aufgebot, dennoch sind bei den Heimspielen alle da, um ihre Mitspieler zu unterstützen – der Teamgeist stimmt. „Es tut mir jedes Mal leid für die Spieler, die nicht nominiert werden können. Wenn man sieht, wie die Bank besetzt ist und welche Spieler es am Spieltag nicht geschafft haben, sieht man, wie stark der Kader ist“, sagt Nieber.

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Jugendförderer Paul Nieber

Der Trainer: Im Gespräch ist Paul Nieber ein sehr besonnener Zeitgenosse, der seine Worte bewusst wählt. Während der 90 Minuten wird aus dem 32-Jährigen jedoch ein Lautsprecher an der Seitenlinie, der unaufhörlich Kommandos an seine Elf weitergibt. Oft lässt der Lehrer die Unparteiischen auch wissen, wenn er mit ihren Entscheidungen nicht einverstanden ist. Das brachte ihm eine Rote Karte gegen die SVG Göttingen ein. Leidenschaftlich setzt sich Nieber auch für die Jugendförderung ein – gleich acht Talente schafften es im Sommer aus der U19 des JFV Calenberger Land in seinen Kader. Der Erfolg gibt ihm und seinem Weg Recht.

Starke Defensive - breiter Kader

Die Stärken: Das Prunkstück der Egestorfer ist ohne Zweifel die Defensive: Erst vier Gegentore nach acht Partien – mit einer besseren Bilanz kann keine Mannschaft aus der Region Hannover aufwarten, die oberhalb der Bezirksliga um Punkte kämpft. Gaida ist nach seiner langwierigen Schambeinentzündung wieder bei 100 Prozent und bei Standardsituationen vor dem gegnerischen Kasten ein ebenso gefährlicher Kopfballspieler wie Zeki Dösemeci, sein Partner in der Abwehrmitte. Dösemeci hat die Transformation vom Sechser zum Innenverteidiger schon seit geraumer Zeit vollzogen und glänzt immer wieder mit seinem Stellungsspiel und Geschick im Zweikampf. Mit Neuzugang Bo-Börge Drath scheint Nieber den idealen Ersatz auf der rechten Seite der Viererkette für Marko Ilic gefunden zu haben, der seine beeindruckende Schnelligkeit und sein gutes Dribbling seit Saisonbeginn exklusiv vorne rechts zeigen darf.

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Die Tiefe des Kaders lässt für Nieber viele Alternativen auf nahezu allen Positionen zu. Hinzu kommt, dass viele Egestorfer Akteure polyvalent sind. Als Beispiel sei Jonas Lübke genannt: Der 20-Jährige, der von seinem Trainer „als Zukunft dieser Mannschaft“ bezeichnet wird, ist zwar ursprünglich ein defensiver Mittelfeldspieler, hat in den vergangenen Monaten aber auch schon als Zehner und Achter starke Leistungen gezeigt.

Ein Knipser fehlt noch

Die Schwächen: Vergangenen Sommer reiste Tigrinho in seine brasilianische Heimat und konnte bislang aufgrund der Corona-Pandemie nicht zurückkehren. Die Ideen und die individuellen Fähigkeiten des 25-jährigen Offensivallrounders fehlen der Germania insbesondere, wenn sich der Gegner hinten reinstellt. In solchen Momenten bräuchte es einen Tigrinho, um ein Überraschungsmoment zu kreieren. Mitunter fällt dem 1. FC nicht viel ein, wenn der Kontrahent sich in der Defensive verbarrikadiert – und das kommt gerade in Heimspielen des Öfteren vor. Nach acht Saisonspielen hatte Tigrinho in der Vorsaison übrigens bereits sechs Tore erzielt, Dominik Behnsen hatte fünf- und Jos Homeier viermal getroffen. Zurzeit sind Lennart Novotny, Lorenzo Paldino und Dösemeci mit jeweils zwei Treffern die besten Torschützen der Egestorfer – und das in einer besseren Runde mit sieben Punkten mehr auf dem Konto im Vergleich zu 2019/2020 nach acht Begegnungen. Es fehlt noch der Knipser, der die zahlreich herausgespielten Chancen häufiger in Zählbares umwandelt.

Aufstiegsrunde Pflichtaber reicht es für die Regionalliga?

Die Aussichten: Das Erreichen der Aufstiegsrunde ist Pflicht, und die Rückkehr in die Regionalliga das erhoffte Ziel der Egestorfer. Wie die Saison weitergeht und welcher Modus angewendet wird, muss zum jetzigen Zeitpunkt noch mit Fragezeichen versehen werden. Was die Gegner aus der Oberliga-Staffel Weser-Ems/Lüneburg in dieser Saison drauf haben, wird der 1. FC wohl erst erfahren, wenn es bereits ums Ganze geht. Da bleibt keine Zeit zum Warmwerden – diese hat die Germania zuletzt aber immer gebraucht. Wenn Niebers Mannschaft in der Aufstiegsrunde direkt liefert, ist die Regionalliga realistisch. Das Entwicklungspotenzial ist bei der jungen Mannschaft ohnehin groß.

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