21. August 2020 / 08:23 Uhr

100 Jahre Drei-Städte-Turnen: Historischer Spagat mit Leipziger Sternstunden

100 Jahre Drei-Städte-Turnen: Historischer Spagat mit Leipziger Sternstunden

Kerstin Förster
Leipziger Volkszeitung
Eng verbunden: Paul Reiter und sein Enkel Michael Schmidt in der Markkleeberger Turnhalle.
Eng verbunden: Paul Reiter und sein Enkel Michael Schmidt in der Markkleeberger Turnhalle. © Kerstin Förster
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Berlin, Hamburg, Leipzig - drei Städte mit langer, gemeinsamer Turnhistorie. Die Wettkämpfe des Drei-Städte-Turnen fanden vor bis zu 15.000 Zuschauern statt. Paul Reiter, 97, vom TV Markkleeberg ist Zeitzeuge und erinnert sich.

Leipzig. Das Wort Turnhalle elektrisiert: „Darüber könnte ich einen Vortrag halten“, hebt Paul Reiter lachend an. Denn wenn einer weiß, das sportliche Wohnzimmer zu loben, zu lieben und zu ehren, ist es der 97-jährige Altmeister, der seit 1996 dem TV Markkleeberg die Treue hält und damals auch seinen 14-jährigen Enkel Michael mit in die Halle nahm.

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Am Sommerabend 2020 sind beide vor Ort zum gut besuchten Senioren-Training, der bestens gelaunte Oldie gibt wertvolle Tipps und schlägt als Protagonist einen historischen Bogen. Denn vor 100 Jahren fand in Hamburg das erste „Drei-Städte-Turnen Berlin-Hamburg-Leipzig“ statt. In der Messestadt feierte es 1922 Premiere und entwickelte sich zu Sternstunden der Sportart mit Bestleistungen vor einer begeisterten Kulisse von bis zu 15.000 Zuschauern bei der 23. Auflage in der Messehalle.

Eine Eintrittskarte zum Drei-Städte-Turnen 1930 in Leipzig.
Eine Eintrittskarte zum Drei-Städte-Turnen 1930 in Leipzig. © Sportmuseum Leipzig

Zum Jubiläum ist eine „bemerkenswerte Broschüre“ (Gymmedia) entstanden. Autor Stephan Porwol schrieb zur bisher kaum beleuchteten Thematik seine Masterarbeit und fand zu Recht, dass die Schublade dafür zu schade sei.


„Hamburg als Stadt hat mich fasziniert“

Die Leipziger spielten auf den Wettkampfbühnen im Großen Schauspielhaus, Zirkus oder der Alberthalle eine Hauptrolle. Allen voran in den 30-er Jahren der mehrfache Einzelsieger Kurt Haustein (ATV), der wie etliche weitere Turner im Zweiten Weltkrieg fiel. Dennoch sollte es mit dem populären Städtevergleich weitergehen, aber erst nach sieben Jahren Unterbrechung fand die 46. Auflage nach althergebrachter Form am 20. November 1949 in Berlin in der Sporthalle am Funkturm in Charlottenburg statt.

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Untrennbar verbunden mit der Geschichte des auch in Rundfunk, Fernsehen und Presse vielbeachteten Wettbewerbs ist Stammgast Rudi Schumacher. Der Leipziger zeigte dort noch mit 50 Jahren seinen letzten Kammgriff-Salto am Reck. Die Botschaft des Turn-Enthusiasten lautet zeitlebens: „Wenn der Geist rege arbeitet, zieht auch der Körper mit.“ Schumacher verstarb im Mai 2011, kurz nach seinem 103. Geburtstag. Zu den wenigen noch lebenden Teilnehmern gehören Rudi Albusberger (Hamburg), Werner Schenk (Potsdam) sowie der Leipziger Sportwissenschaftler Prof. Gottfried Stark und eben Sportpädagoge Paul Reiter. Letzterer bestritt mit der Westfalen-Auswahl nationale Meisterschaften, zog dann 1951 ausbildungsbedingt von Gelsenkirchen nach Leipzig. Später promovierte er an der Deutschen Hochschule für Körperkultur (DHfK) und betreute Weltklasseturner wie Pferdsprung-Olympiasieger Klaus Köste.

Einen seiner Schüler hat Paul Reiter regelmäßig in der Markkleeberger Halle vor Augen – den zweifachen olympischen Bronzemedaillengewinner Matthias Brehme (77). „Es macht mir viel Freude, die alten Turner zu treffen“, sagt Reiter, der ob seiner Städtekampf-Teilnahmen bescheiden bemerkt: „Ich war nur dreimal dabei und erinnere mich kaum an die Wettkämpfe. Aber Hamburg als Stadt hat mich fasziniert.“

„Es fehlt an so vielem“

Mit der 50. Auflage des turnerischen Dreiklangs sollte auch der Schlussstrich gezogen werden. Sie fand am 19. April 1957 in Leipzig statt, nachdem sich die Riegen zuletzt 1952 im Osten Berlins gegenübergestanden hatten. Wie im Buch dargelegt, war das Jubiläum unter anderem dem ersten DDR-Turnverbands-Vorsitzenden Erich Riedeberger zu verdanken. Stephan Porwol in seiner Schlussbetrachtung: „Die in den 50-er Jahren mit dem Entstehen der beiden deutschen Staaten auftretenden politischen Spannungen führten schließlich zum Ende des Städtekampfes.“

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Zurück zu Paul Reiter. Fit hält er sich mit täglich 15 Minuten Gymnastik und nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn die seiner Meinung nach unzureichenden sportlichen Möglichkeiten für die junge Generation zur Sprache kommen.

„Es ist ein Drama, wie wir mit der Jugend umgehen, welchen Stellenwert der Sportunterricht besitzt. Es fehlt an so vielem. Dabei kann ich über den Sport den Ehrgeiz wecken, jeder kann sich beweisen, es wird die Feinmotorik verbessert – generell muss Bewegung sein“, wird Dr. Reiter nicht müde, auf die Missstände hinzuweisen. Seinen letzten Auftritt vor Kampfrichtern hatte er mit 83 Jahren beim traditionellen Jahnturnfest in Freyburg. Wie so vieles – 2020 gestrichen. Aber alle hoffen, dass es im nächsten Jahr ein Wiedersehen gibt, zunächst beim Deutschen Turnfest über Himmelfahrt in Leipzig und dann an der Unstrut.