09. Juni 2020 / 15:27 Uhr

100 Millionen Euro Schuldenerlass für RB Leipzig: "Nicht ungewöhnlich und nicht zu bemängeln"

100 Millionen Euro Schuldenerlass für RB Leipzig: "Nicht ungewöhnlich und nicht zu bemängeln"

Thomas Fritz
Leipziger Volkszeitung
Prof. Dr. Henning Zülch leitet den Lehrstuhl für Rechnungswesen und Wirtschaftsprüfung an der HHL Leipzig Graduate School of Management.
Prof. Dr. Henning Zülch leitet den Lehrstuhl für Rechnungswesen und Wirtschaftsprüfung an der HHL Leipzig Graduate School of Management. © Michael Bader / Archiv
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Red Bull ist Hauptsponsor und 99-prozentiger Gesellschafter der RasenBallsport Leipzig GmbH. Laut RB Leipzigs Geschäftsbericht 2018/19 hat der österreichische Getränkekonzern dem Dritten der Fußball-Bundesliga 100 Millionen Euro Schulden erlassen und in Eigenkapital umgewandelt. Prof. Henning Zülch von der Handelshochschule Leipzig (HHL) erklärt im SPORTBUZZER-Interview die Hintergründe des Deals. 

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Herr Zülch, RB Leipzig hat im Geschäftsjahr 2018/2019 dank seines Sponsors Red Bull sein Eigenkapital gestärkt. Was bedeutet das konkret aus wirtschaftswissenschaftlicher Sicht?

Zülch: Beschäftigt man sich mit der finanziellen Stabilität eines Unternehmens, dann muss man sich in erster Linie mit der Eigenkapitalquote auseinandersetzen. Diese Quote steht in der Bilanzierung für die Bestandskraft eines Unternehmens. Technisch handelt es sich um das Verhältnis von Eigenkapital zur Summe aller Vermögensgegenstände. Das Eigenkapital dient als Puffer in schwierigen Zeiten.

Was heißt es konkret im aktuellen Fall von RB Leipzig?

Mit der Umwidmung des Red-Bull-Darlehens von 100 Millionen Euro in Eigenkapital stieg die Eigenkapitalquote von vier auf 44 Prozent. Dies ist ein massiver Anstieg, welcher positive Wirkung entfaltet. Zins- und Tilgungszahlungen, die für das Darlehen bisher anfielen, entfallen nunmehr. Das Jahresergebnis verbessert sich, da Zinsaufwendungen ausbleiben. Die Liquiditätssituation entspannt sich. Im Ergebnis werden die Grundpfeiler des künftigen operativen Handelns des Klubs gestärkt. Indes ist zu bemerken, dass durch die Umwidmung keine zusätzlichen Finanzmittel bereitgestellt worden sind. Damit hat RB Leipzig nicht automatisch 100 Millionen Euro mehr auf dem Konto, es handelt sich um einen rein bilanziellen Vorgang.

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Ist diese Umwandlung von Schulden in Fremd- und Eigenkapital rechtskonform?

Ja. Ich würde in diesem Zusammenhang von einer rechtskonformen Bilanzoptimierung sprechen, wenn Verbindlichkeiten in bilanzrechtliches Eigenkapital umgewandelt werden. Dies ist kein ungewöhnlicher Vorgang in der Unternehmenspraxis, unter anderem um die Liquiditätssituation zu verbessern und strategisch planen zu können.

Wie üblich sind denn vergleichbare Transaktionen in der Fußball-Bundesliga? Und wo liegt hier die Gegenleistung durch RB Leipzig?

In der Unternehmenspraxis ist diese Umwandlung nicht ungewöhnlich und auch nicht zu bemängeln. Eine Gegenleistung wurde im kürzlich veröffentlichten Anhang für den Jahresabschluss der RasenBallsport Leipzig GmbH dargelegt. Dabei handelt es sich um einen jährlichen Vorabdividendenanspruch, welcher sich aktuell (Stand: 5. Juni) auf rund 647.000 Euro beläuft und die Liquidität des Klubs wohl weniger belasten würde als die Rückzahlungen im Rahmen des Darlehens von Red Bull zuvor. Eine Gegenleistung existiert also unzweifelhaft.

RB-Finanzabteilungsleiter Florian Hopp betonte, dass keine Schenkung durch Red Bull vorliege und daher keine Schenkungssteuer zu entrichten sei. Stimmt das?

Genau. Der Tatbestand einer Schenkung im steuerrechtlichen Sinne ist im vorliegenden Fall nicht erfüllt.

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<b>Samuel Bastien (23), Standard Lüttich:</b>
 Laut belgischen Medien ist Europa-League-Teilnehmer Lüttich mit 14 Millionen Euro verschuldet. Ein Verkauf des Offensivspielers (Marktwert: 4,8 Millionen Euro) würde etwas Geld in die Kasse spülen. In 26 Erstligaspielen kam Bastien auf vier Tore und vier Vorlagen. Bei RB könnte er in der Zentrale für Entlastung sorgen, sollte Emil Forsberg Leipzig verlassen.  Zur Galerie
Samuel Bastien (23), Standard Lüttich: Laut belgischen Medien ist Europa-League-Teilnehmer Lüttich mit 14 Millionen Euro verschuldet. Ein Verkauf des Offensivspielers (Marktwert: 4,8 Millionen Euro) würde etwas Geld in die Kasse spülen. In 26 Erstligaspielen kam Bastien auf vier Tore und vier Vorlagen. Bei RB könnte er in der Zentrale für Entlastung sorgen, sollte Emil Forsberg Leipzig verlassen.  ©

Wann wäre er denn erfüllt?

Vereinfacht gesagt, kann man von einer Schenkung nur sprechen, wenn es keine Gegenleistung gibt. Hier gibt es aber eine Gegenleistung, und zwar die oben genannte Vorabdividende. Wie RB ausgeführt hat, kann die Gesellschafterversammlung jederzeit eine Rückumwandlung beschließen, was aber nur im Falle einer Veräußerung des Klubs eintreten würde. Zum Beispiel haftet Red Bull im Falle einer Insolvenz mit diesen 100 Millionen Euro.

Lässt das Finanzverhalten von RB Rückschlüsse auf die Einhaltung der Financial Fair Play (FFP)-Regelungen der UEFA zu?

Nein. Beim Financial Fair Play stehen die Einnahmen und Ausgaben der letzten drei Jahre im Fokus und nicht das Eigenkapital-Fremdkapital-Verhältnis. Zudem sind zwei Dinge im Rahmen dieser Diskussion zu beachten: Einerseits hat sich RB erfolgreich den Eingangsprüfungen von UEFA und DFL unterzogen und andererseits wird aktuell diskutiert, wie die Regelungen zum FFP künftig ausgelegt werden sollen. Daher läuft die Diskussion zur Einhaltung der besagten UEFA-Regularien in diesem Zusammenhang ins Leere.

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Schuldenerlass, höchstes Transferminus der Bundesliga seit 2016: Wirtschaftet RB aus Ihrer Sicht nachhaltig?

Nachhaltiges Wirtschaften hat mehr Dimensionen als nur die finanzielle. RB ist immer noch ein „Neuling“ in der Bundesliga. Daher sind Investitionen in Infrastruktur und Kader unabdingbar. Dies führt zu erhöhten Auszahlungen in dieser Phase des Wachstums. Daneben bedeutet nachhaltiges Wirtschaften auch, dass ein Verein in Bereichen wie dem sportlichen Erfolg, der Nachwuchsarbeit oder der Fanwohlmaximierung gut bis sehr gut aufgestellt sein muss und eine strategische Grundausrichtung etabliert haben sollte. Dies scheint bei RB Leipzig gegeben zu sein.

*Zur Person: *Henning Zülch ist Professor für Accounting and Auditing an der renommierten HHL Leipzig Graduate School of Management. Er ist Verfasser von über 300 Zeitschriftenbeiträgen zu Themen der Internationalen Rechnungslegung und Finanzkommunikation und beschäftigt sich in seiner Forschung mit der Übertragbarkeit betriebswirtschaftlicher Grundprinzipien auf die erfolgreiche Führung von Sportvereinen.