18. März 2022 / 08:52 Uhr

100 Tage im Amt: So hat Domenico Tedesco RB Leipzig verändert

100 Tage im Amt: So hat Domenico Tedesco RB Leipzig verändert

Antje Henselin-Rudolph
Leipziger Volkszeitung
Seit dem 9. Dezember 2021 ist Domenico Tedesco offiziell Coach von RB Leipzig.
Seit dem 9. Dezember 2021 ist Domenico Tedesco offiziell Coach von RB Leipzig. © IMAGO/motivio/Getty (Montage)
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Die Aufgaben waren keine kleinen und und sind es noch. Domenico Tedesco übernahm den Job als Cheftrainer, als RB Leipzig abgeschlagen auf Platz elf der Bundesliga-Tabelle rangierte, weit weg von den eigenen Ansprüchen auf dem Platz. Was hat sich in den ersten 100 Tagen des "Neuen" getan? Eine Analyse.

Leipzig. 100 Tage, die bekommt (im Normalfall) jede und jeder, um sich nach der Übernahme einer Aufgabe zurechtzufinden, einzuarbeiten, zu beweisen. Für Domenico Tedesco endet diese Frist heute. Am 9. Dezember wurde er offiziell als Coach des Bundesliga-Elften RB Leipzig vorgestellt. „Hallo zusammen, ich freue mich sehr“, waren die ersten Worte des 36-Jährigen. Viel ist seit dem passiert.

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Die reinen Zahlen

Der Vizemeister der Vorsaison rangiert inzwischen auf Platz vier, hat das Ziel – einen Champions-League-Platz – wieder fest im Visier. In zwölf Liga-Partien unter Tedesco erspielte sich die Elf 26 Punkte, acht mehr als in den 14 Begegnungen unter Vorgänger Jesse Marsch. Dazu kommen das Erreichen des Viertelfinales in der Europa League sowie der Runde der letzten Vier im DFB-Pokal. Mit dem in Italien geborenen Trainer lernte RB, auch wieder auf fremdem Platz zu gewinnen.

Taktisches

Viererkette oder Dreierkette – Marsch schwankte zwischen den Systemen, kehrte immer wieder zum Quartett in der Defensive zurück, obwohl das Team Probleme hatte, diese Vorgabe umzusetzen. Ähnlich verhielt es sich in der Offensive. Gespielt wurde meist nur mit einem nominellen Angreifer. Yussuf Poulsen oder André Silva lautete die wiederkehrende Frage. Wie auch immer die Antwort lautete, der Ausgewählte hing im Spiel oft in der Luft. Vor allem der Portugiese litt lange an der fehlenden Einbindung in die Abläufe.

Unter Tedesco hat die Viererkette ausgedient. Er vertraut auf ein Trio, am liebsten unter Beteiligung von Josko Gvardiol und Willi Orban. Vorn sind die Zeiten des einsamen Wolfs vorbei. RB interpretiert das Angriffsspiel nun anders. Neben Silva oder Poulsen fungiert Christopher Nkunku regelmäßig (und äußerst erfolgreich) als zweite Spitze. Ergänzt wird das Duo durch einen weiteren kreativen Kopf. Hier hat Tedesco mit Emil Forsberg, Dani Olmo und Dominik Szoboszlai inzwischen die Qual der hochwertigen Wahl.

Effektivität und Mentalität

Viele Chancen, zu wenige Tore – das war eines der großen Leipziger Probleme. In 14 Ligapartien unter Marsch schoss RB 198 Mal in unterschiedlicher Qualität auf des Gegners Kasten, traf aber lediglich 25 Mal. Für ein Tor benötigte das Team also rund acht Versuche. Dieser Wert hat sich inzwischen fast halbiert (siehe Grafik). Tedesco hat dem RB-Spiel demnach zu deutlich mehr Effektivität verholfen.

Auch die Mentalität trägt dazu bei. Im ersten Teil der Saison kam RB oft mit Feuereifer aus der Kabine, mühte sich, kreierte Chancen – und fiel deutlich ab, wenn die Arbeit nicht zeitnah Früchte trug. Inzwischen agiert das Team geduldig, wartet auf Räume und Möglichkeiten.


Jesse Marsch und Domenico Tedesco: RB Leipzigs Entwicklung unter dem jeweiligen Cheftrainer verlief höchst verschieden, wie ein Blick auf einige Kennzahlen zeigt.
Jesse Marsch und Domenico Tedesco: RB Leipzigs Entwicklung unter dem jeweiligen Cheftrainer verlief höchst verschieden, wie ein Blick auf einige Kennzahlen zeigt. © LVZ

Konstanz

Starke Vorstellung (nicht zwangsläufig mit Sieg belohnt) und enttäuschende Darbietung wechselten sich unter Marschs Ägide unschön ab. Aktuell hat RB – abgesehen von der 2:3-Niederlage in München – seit Jahresbeginn nicht mehr verloren.

Stimmung

Dass es im Team passt, betonen Coach und Kicker einmütig und regelmäßig. Das hängt natürlich mit den sportlichen Ergebnissen zusammen. Doch Siege sind nicht alles. Wo Marsch darauf setzte, dass seine Kicker viel untereinander regeln, redet Tedesco. „Dinge wie Motivation, die letzte Ansprache vor dem Spiel. Da trifft er oftmals den richtigen Ton. Sein großer Vorteil ist, dass er viele Sprachen spricht. Das kommt gut an in unserer Mannschaft“, so Orban. Zu Pass kommt dem Coach auch, dass mit Brian Brobbey und Ilaix Moriba zwei zwar hoch talentierte, aber in Einstellung und Umgang schwierige junge Spieler im Winter zunächst verliehen wurden. Kommen sie im Sommer zurück an den Cottaweg, ist der Moderator noch viel stärker gefragt.

Gewinner

Seit dem 9. Dezember leben einige Kicker in besonderer Weise auf. André Silva traf unter Tedesco wettbewerbsübergreifend elfmal, legte drei Tore auf (zuvor 5/5). Benjamin Henrichs, dem Marsch unter vier Augen (aber auch öffentlich) attestierte, bezüglich seiner „Verwendung“ unsicher zu sein, hat seinen Platz gefunden, stand unter dem neuen Coach zehnmal in der Startelf (zuvor vier). Angelino hat zu alter Stärke und vor allem der für ihn vorteilhafteren Position auf der linken Außenbahn zurückgefunden. Seine Flanken finden immer öfter ihren Adressaten (unter Tedesco zwei Tore und sechs Vorlagen, zuvor null Tore, fünf Vorlagen).

Baustellen

Natürlich gibt es immer etwas zu tun oder zu moderieren. Letzteres ist in der Kreativabteilung besonders vonnöten. Seit der Rückkehr von Dani Olmo streiten hier drei Hochbegabte um zumeist einen Platz. Verlierer scheint bisher Dominik Szoboszlai, unter Marsch wettbewerbsübergreifend elfmal von Beginn an auf dem Platz (sieben Tore, eine Vorlage), unter Tedesco lediglich viermal (ein Tor, drei Vorlagen).

Auf dem Rasen bleibt unter anderem der vertikale Pass ein Thema. RB agiert oft mit viel Ballbesitz, findet aber noch zu selten den richtigen Moment für den entscheidenden Zug in den Strafraum.