06. Dezember 2019 / 10:20 Uhr

Was ein echter Dynamo-Dresden-Fan wissen muss: 101 schwarz-gelbe Momente in Buchform

Was ein echter Dynamo-Dresden-Fan wissen muss: 101 schwarz-gelbe Momente in Buchform

Christian Ruf
Dresdner Neueste Nachrichten
Fußball, 3. Liga, Saison 2015/2016, 36. Spieltag, SG Dynamo Dresden - FC Erzgebirge Aue, Samstag (30.04.2016), DDV-Stadion Dresden. Dresdens Fans im K-Block mit einen lila Schwein. RM001

Football 3 League Season 2015 2016 36 Matchday SG Dynamo Dresden FC Ore Mountains Aue Saturday 30 04 2016 DDV Stadium Dresden Dresden supporters in K Block with a purple Pig RM001
Das lila Schwein schwebte 2016 beim Sachsenderby gegen Aue über dem K-Block. © imago/Robert Michael
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SPORTBUZZER-Redakteur Jochen Leimert beschreibt 101 Dinge, „die ein echter Dynamo-Dresden-Fan wissen muss“. Neben altbekannten Höhepunkten der Vereinsgeschichte gibt es durchaus allerlei neue Begebenheiten, die der Journalist für dieses Buch ausgegraben hat.

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Dresden. Nichts prägt den Charakter und das Leben mehr als die Wahl des favorisierten Fußballvereins. Anders als mit Arbeitsstelle, Lebenspartner oder Automarke ist der Mensch mit ihm bis ans Ende seiner Tage verbandelt wie mit der eigenen Haut. Diese mag Falten kriegen, doch ablegen kann man sie nicht. Selbst wenn man das manchmal gern möchte. Einmal „Clubberer“, also Nürnberg-Fan, oder Anhänger des närrischen FC in Kölle, und es schockt einen nichts mehr im Leben. Nichts tut so weh wie der erste Abstieg, nicht mal der erste Liebeskummer. Der FC Bayern München mag „ein wunderbarer“ Verein sein, ein Leuchtturm der sportlichen Dominanz und der wirtschaftlichen Vernunft, aber als Herzensklub ist er nicht zu empfehlen. Denn wie sollen die Heranwachsenden etwas über das harte Leben lernen, wenn ihr Verein sie nicht fordert. Ein solcher Verein, der einem alles abverlangt, ist seit langem auch Dynamo Dresden.

Dynamos Titel und Pokale

Es gab durchaus glänzende Zeiten, in denen allerlei Titel und Pokale abfielen, aber es gab auch viele Momente, die unglaublich weh taten, nicht nur in jüngster Zeit. Wer als Dynamo-Fan an Uerdingen anno 1986 denkt, an die höchste EC-Pleite im Hanappi-Stadion in Wien oder auch an den Absturz aus der Bundesliga 1995 um gleich zwei Klassen, der kriegt noch heute die Krise. An diese und andere schreckliche, aber eben auch an die vielen schönen Momente, die man als Anhänger der SGD erlebte oder zumindest um sie weiß, erinnert Jochen Leimert in seinem Buch „101 Dinge, die ein echter Dynamo-Dresden-Fan wissen muss".

DURCHKLICKEN: Ein Blick in die Dynamo-Geschichte

20. September 1967 - erstes Europapokalspiel der SG Dynamo Dresden gegen die Glasgow Rangers. Austragungsort war das Steyer-Stadion. (@ Archiv Dresdner Fußball-Museum) Zur Galerie
20. September 1967 - erstes Europapokalspiel der SG Dynamo Dresden gegen die Glasgow Rangers. Austragungsort war das Steyer-Stadion. (@ Archiv Dresdner Fußball-Museum) ©

Das Büchlein soll nicht zuletzt „einen kleinen Beitrag dazu leisten, dass auch jüngere Anhänger einen Zugang … zu wichtigen Ereignissen der von Sternstunden und Tragödien gekennzeichneten Vereinshistorie finden“, hält der Autor im Vorwort fest. Wer nun denkt, dass er den Inhalt des Buches kennt, weil er bereits ein ähnlich gestricktes Buch des Sportjournalisten Leimert durchgeschmökert hat, sollte sich vielleicht doch die Mühen der Leseebenen unterziehen. Es gibt durchaus allerlei neue Begebenheiten, die Leimert für dieses Werk ausgegraben hat. So widmet er sich beispielsweise dem Umstand, dass Frank Ganzera 1971 mal mit seinem Bruder Hubert in der Oberliga gegen den BFC kickte. Es war übrigens ein Spiel, bei dem bei den Berlinern auch noch ein Spieler namens Mielke eingewechselt wurde.

Spieler- und Trainerlegenden

Leimert erinnert an zahlreiche Spieler- und Trainerlegenden und informiert zudem u. a. darüber, was es mit dem Dresdner Kreisel auf sich hatte. Das reich illustrierte Buch klärt über kuriose und interessante Fakten auf. Wer wusste denn schon, dass Hans-Jürgen Dörner neben vielen anderen Vereinsrekorden auch den mit den meisten Eigentoren hält? So geht es auch um „Dynamos schönstes Hutgesicht“, um die lila Sau, die beim Sachsenderby gegen Aue durchs Stadion schwebte, um den „Hubschrauber-Föhn“ oder ein verrücktes Trabi-Cabrio im Dynamo-Look. Geboten wird, da verspricht der Klappentext nicht zu viel, eine „informative und amüsante Reise durch die Besonderheiten und Geheimnisse der Geschichte des SG Dynamo Dresden“, bei deren Gründung im April 1953 auch die Absicht dahinter stand, „einen Beitrag zum Aufbau einer sozialistischen Körperkultur in der Deutschen Demokratischen Republik“ zu leisten, wie es damals ein mitbeteiligter Oberstleutnant formulierte. Dynamos Geschichte und Gegenwart „sind manchmal wundersam, schwer erklärbar, aber immer spannend“, versichert Leimert.

DURCHKLICKEN: Dynamo-Spieler von einst

Christian Fröhlich: Der Mittelfeldspieler begann seine Profikarriere bei Dynamo. 1996 wechselte er zur Reserve des TSV 1860 München, wo er ab 1999 zum erweiterten Profikader gehörte. Zu einem Einsatz reichte es aber nie. Nach je einer Saison beim Chemnitzer FC und dem FC St. Pauli heuerte Christian Fröhlich erneut an der Elbe an. in drei Jahren kam er hier auf 85 Einsätze und 22 Tore. Über Carl Zeiss Jena, die Kickers Offenbach und noch einmal den CFC landete der damals 33-Jährige beim Heidenauer SV. Hier beendete er 2014 seine Karriere. Aktuell betreut er die U17 von Carl Zeiss Jena in der Regionalliga Nordost. (@ Picture Point) Zur Galerie
Christian Fröhlich: Der Mittelfeldspieler begann seine Profikarriere bei Dynamo. 1996 wechselte er zur Reserve des TSV 1860 München, wo er ab 1999 zum erweiterten Profikader gehörte. Zu einem Einsatz reichte es aber nie. Nach je einer Saison beim Chemnitzer FC und dem FC St. Pauli heuerte Christian Fröhlich erneut an der Elbe an. in drei Jahren kam er hier auf 85 Einsätze und 22 Tore. Über Carl Zeiss Jena, die Kickers Offenbach und noch einmal den CFC landete der damals 33-Jährige beim Heidenauer SV. Hier beendete er 2014 seine Karriere. Aktuell betreut er die U17 von Carl Zeiss Jena in der Regionalliga Nordost. (@ Picture Point) ©

Eine der prägenden Persönlichkeiten in den Siebziger Jahren war der Meistermacher Walter Fritzsch, der den Dresdner Kreisel in Schwung brachte. Was Leimert zu Fritzsch vermittelt, verdeutlicht, dass dieser eine Mischung aus Quälix, also Felix Magath, und „Zettel-Ewald“, also Felix Lienen, gewesen sein muss. Endlose Läufe und Medizinbälle hatten in Fritzschs Trainingsmethoden ebenso ihren festen Platz wie akribische Partie-Vorbereitungen, ob nun mittels Notizen oder 8-Millimeter-Filmen. Die Spieler hatten zunächst den Aufstand geprobt wie die Plebejer in dem gleichnamigen Trauerspiel von Günter Grass, aber Manfred Scheler, Vorsitzender des Rates des Bezirks, hatte sie vor die Wahl gestellt: Leistungsfußball bei Fritzsch oder Freizeitfußball in der Kreisklasse.

Immer wieder wird deutlich, dass in der angeblich guten alten Zeit natürlich nicht alles schlecht war, dass aber Staat und Partei immer wieder massiv eingriffen, wenn es um das Sportgeschehen ging. Ja, ein Dresdner Sextett war mit von der Partie, als die DDR-Auswahl 1976 Gold in Montreal bei der Olympiade im Fußball bei den Männern holte, aber ein sehr bekannter „Staatsamateur“ aus Dresden durfte nicht mit: Oberliga-Torschützenkönig Hansi Kreische – weil er als „politisch unzuverlässig“ galt.

Vereinsanekdoten der SGD

Auch der Rostocker Torhüter Bernd Jakubowski kam 1976 nicht ganz freiwillig nach Dresden. Erst nachdem er vor die „Wahl“ gestellt wurde: Fußball in Dresden oder Wehrdienst „in irgendeiner trostlosen Kaserne“, wie Leimert festhält. Oder da wäre jener 10. Mai 1980, als Dynamo Dresden am letzten Spieltag ein Unentschieden beim BFC Dynamo genügt hätte, um Meister zu werden – aber mit der Vizemeisterschaft vorlieb nehmen musste. Man unterlag, weil man sich ein Tor einfing, kurz nachdem man selbst einen eindeutigen Elfmeter verweigert bekam. Und dann musste sich Rekordspieler „Dixie“ Dörner nach dem Abpfiff in der Kabine von Stasi-Chef Erich Mielke noch sagen lassen: „Genosse Dörner, es ist euch doch allen klar, dass der Titel in die Hauptstadt gehört, jetzt ist der BFC dran.“

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Aber es gibt natürlich auch aparte Momente, die den Charakter einer Schnurre haben, bis in alle Ewigkeiten als Vereinsanekdote taugen. Da wäre etwa Gisela Israel, die sich zwischen 1962 und 1973 als Mannschaftsärztin um Dynamo-Dresden verdient machte. Sie sorgte im Oktober 1967 im Ibrox-Stadion in Glasgow für einen Tumult, für einen Hagel aus (Toiletten-) Papierrollen und Bierdosen – einfach, weil sie in einem Spiel gegen die Rangers ein grünes Wollkleid trug. Grün! In dieser Farbe laufen – ergänzt noch um Weiß – die Fußballer von Celtic Glasgow auf, dem Erzrivalen der Rangers, deren Fans deshalb alles ablehnen was von grüner Farbe ist, mit Ausnahme des Rasens natürlich.

Choreos und die „Dynamo-Omi“

Immer wieder wird dem schwarzgelben Anhang der SGD, darunter auch der „Dynamo-Omi“ Ingrid Beier, Reverenz erwiesen. Dabei wäre der eine oder andere kritische Zwischenton vielleicht nicht ganz verkehrt gewesen. Viele sehen sich ja getreu der Vereinshymne als zwölfter Mann und es ist auch ein starkes Zeichen, dass etwa 2012 exakt 41 .738 Fans für ein Spiel zahlten, das sie nicht besuchten durften, weil Dynamo vom Schiedsgericht des DFB zu einem (Geister-)Spiel vor leeren Rängen verknackt worden war. Aber andererseits kosten Ausschreitungen gewisser „Fans“ und „Ultras“ auch Saison für Saison erhebliche Summen. Der angeblich heiß geliebte Verein ist dann mitgefangen, mitgehangen, macht(e) zu oft gute Miene zum bösen Spiel.

DURCHLICKEN: Stadtrundgang auf Dynamos Spuren

Das alte Gasthaus „Glasewalds Ruh“ in Wilschdorf war einst das Gästehaus des Rates des Bezirkes und wurde bis 1990 auch als Dynamo-Mannschaftsquartier vor Heim- und Auswärtsspielen genutzt. Die Spieler bewohnten Zwei-Bett-Zimmer mit Waschbecken, nutzten Gemeinschaftsduschen. Es gab Aufenthaltsräume mit Billardtischen, Verpflegung vom Feinsten (Südfrüchte!) und draußen ein Volleyball-Feld, auf dem die Spieler gern Fußballtennis spielten. „Da hat Dixie Dörner manchmal mehr geschwitzt als später beim Spiel“, feixt sein ehemaliger Mitspieler und Trainer Dieter Riedel. Derzeit wird das Anwesen saniert. Zur Galerie
Das alte Gasthaus „Glasewalds Ruh“ in Wilschdorf war einst das Gästehaus des Rates des Bezirkes und wurde bis 1990 auch als Dynamo-Mannschaftsquartier vor Heim- und Auswärtsspielen genutzt. Die Spieler bewohnten Zwei-Bett-Zimmer mit Waschbecken, nutzten Gemeinschaftsduschen. Es gab Aufenthaltsräume mit Billardtischen, Verpflegung vom Feinsten (Südfrüchte!) und draußen ein Volleyball-Feld, auf dem die Spieler gern Fußballtennis spielten. „Da hat Dixie Dörner manchmal mehr geschwitzt als später beim Spiel“, feixt sein ehemaliger Mitspieler und Trainer Dieter Riedel. Derzeit wird das Anwesen saniert. © Jochen Leimert

Natürlich ist die eine oder andere Choreo(-grafie) unglaublich bewegend, aber man kann es auch anders als Leimert sehen und es nicht fast verzeihend betrachten, dass es im K-Block derb zur Sache geht. Echte Fans halten sich an das Akronym A.U.A.B., was für „All Ultras Are Bastards“ steht, und leiden daran, dass Dynamo Dresden ob all der Skandale in den letzten Jahrzehnten einen eher schlechten Ruf im Rest der Republik hat.

Buch unterm Weihnachtsbaum?

Zuletzt an dieser Stelle ein dringender Appell: Wenn auf dem Wunschzettel ihres Kindes für Weihnachten ein Trikot des FC Bayer auftaucht, dann sollten Sie als das Kindeswohl im Auge behaltender Erziehungsberechtigter das ignorieren, hingegen ist gegen den Wunsch, dieses Buch unterm Weihnachtsbaum vorzufinden, nichts einzuwenden.

Jochen Leimert: 101 Dinge, die ein echter Dynamo-Dresden-Fan wissen muss. GeraMond Verlag, 192 Seiten, rund 120 Abbildungen, 14,99 Euro, ISBN: 978-3-96453-060-8