01. Oktober 2019 / 10:46 Uhr

13 Zweitwohnungen, 747 Spiele: Leipziger Frank Engel feiert 50-jähriges Trainerjubiläum

13 Zweitwohnungen, 747 Spiele: Leipziger Frank Engel feiert 50-jähriges Trainerjubiläum

Stephanie Riedel
Leipziger Volkszeitung
März 2016: Als Leiter der DFB-Nachwuchsförderung besucht Frank Engel das U17 EM-Qualifikationsspiel der deutschen U17 gegen die Slowakei.
Frank Engel hält nichts vom braven Ruhestand. © imago images / Manngold
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Er begann seine Laufbahn an der Seitenlinie 1969 bei der BSG Chemie. Inzwischen gibt Frank Engel sein Wissen an den Trainernachwuchs weiter. Im Interview spricht er über seine Geschichte in Ost und West

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Leipzig. Nein, Frank Engel hat sich keiner Verjüngungskur unterzogen. Der Leipziger feiert sein 50-jähriges Trainerjubiläum. Am Dienstag vor genau fünf Jahrzehnten begann die Trainerkarriere des 68-Jährigen bei der BSG Chemie Leipzig. Er übernahm eine Trainingseinheit der Nachwuchs-Kicker. Von da an ging es steil aufwärts. Engel war im Nachwuchs des DDR-Verbandes tätig, Cheftrainer diverser Vereine in der Regional- und Oberliga. Und er schnupperte Trainerluft in Ägypten und Südkorea. Als Co-Trainer von Jörg Berger coachte er Eintracht Frankfurt, Alemannia Aachen und Hansa Rostock. Über zehn Jahre war er danach beim DFB tätig, als Trainer mehrerer U-Nationalteams und Talentförderer. Auf seinem Konto stehen 13 Zweitwohnungen, 271 Länderspiele, 476 Ligaspiele. Der SPORTBUZZER sprach mit Frank Engel über fünf ereignisreiche Jahrzehnte.

Sie jetten zu Kongressen um die Welt. Wer pflegt den Garten und putzt den Pool?

Das macht meine Frau, wenn ich nicht da bin. Das geht nur mit einer starken Frau an der Seite. Aber es ist deutlich ruhiger geworden.

DURCHKLICKEN: Bilder aus der Karriere von Frank Engel

Juli 1993: Frank Engel (Deutschland, li.) und Giovanni Trapattoni (Italien) anlässlich der WM-Neuauflage von 1974 zwischen BRD und DDR in Steinach. Zur Galerie
Juli 1993: Frank Engel (Deutschland, li.) und Giovanni Trapattoni (Italien) anlässlich der WM-Neuauflage von 1974 zwischen BRD und DDR in Steinach. ©

Sie sind seit drei Jahren DFB-Nachwuchsleiter a.D. – und noch immer aktiv?

Ich bin beim Bund Deutscher Fußball-Lehrer verantwortlich für die Fortbildungen der Fußballlehrer und A-Lizenz-Trainer. Das macht viel Spaß. Da kann ich meine langjährigen Erfahrungen weitergeben und muss mich auch noch ständig weiterbilden. Und ich sehe noch genügend Spiele. Also langweilig ist mir nicht.

Was bleibt aus fünf Jahrzehnten?

Ich möchte nichts von dem missen, was ich gemacht habe, sowohl im Männer- als auch im Nachwuchsbereich. Vielleicht ist Engel der Einzige in Deutschland, der von der E-Jugend bis zur Nationalmannschaft alles trainiert hat. Ich habe in zwei Systemen die gleiche Aufgabe als Nachwuchsverantwortlicher im Fußballverband und als Männertrainer erfüllt. Und war zwei Jahre im Ausland. Das sind Erfahrungen und Erlebnisse, die mir keiner nehmen kann. Ich habe dem Fußball alles zu verdanken, bin immer mit der Zeit gegangen und glaube, dass meine hohe Fach- und Sozialkompetenz nicht verloren gegangen sind. Wir hatten an der DHfK ein überragendes Hochschulstudium mit einer hervorragenden Trainerausbildung. Was uns bisschen abging, war die Professionalität im Hinblick auf das Management. Es gab auch nicht diese Riesentransfers. Dadurch erhielten eigene Nachwuchsspieler schneller Spieleinsätze.

Sie haben Fußball in zwei Systemen gelehrt. Mit welchem Hauptunterschied?

Ich denke, dass der Leistungssport in der DDR das System war, was am besten funktioniert hat. Was heute im DFB-Nachwuchs gemacht wird, gab es auch zu DDR-Zeiten: Trainingszentren, Leistungszentren, Eliteschulen, U-Nationalmannschaften. Natürlich haben sich die Bedingungen und Voraussetzungen enorm weiterentwickelt. Fußball ist nicht nur schneller, es ist auch mehr los – Fußballspiele sind heute Events. Aber: Der Fußball ist Fußball geblieben und gehört unbedingt zu einer funktionierenden Infrastruktur dazu. Schauen wir nur, wie gut RB Leipzig unserer Stadt tut, das ist ein Segen. Das steht auch der positiven Entwicklung vom 1. FC Lok und Chemie nicht entgegen.

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Braucht ein Trainer Talent?

Der Trainer muss die führende Rolle haben und sein Funktionsteam führen, die Zusammenarbeit koordinieren und abstimmen. Der Trainer ist der Schlüssel. Er hat ganz andere Möglichkeiten zu steuern und zu lenken als früher. Ein Trainer brauchte früher Talent. Ein Trainer braucht heute Talent. Wenn man Trainer werden will, muss man eine Berufung dazu haben. Das ist ein Fulltime-Job. Mit zwei wichtigen Komponenten: fachliche Kompetenz und Sozialkompetenz. Es ist entscheidend, wie du ankommst, was du ausstrahlst, ob du eine Linie hast und anerkannt bist.

Julian Nagelsmann?

Ist solch ein Trainer. Ich hatte ihn in Trainerfortbildungen und er ist mir von Beginn an positiv aufgefallen ist. Er war ein bisschen unbequem, wusste was er wollte. Das hat mir gut gefallen.

Waren Jörg Berger und Frank Engel ein Dreamteam?

Wir haben eine sehr gute Zusammenarbeit gehabt. Das hat gepasst. Jörg war ein hervorragender Fußballfachmann, der Fußball gut lesen konnte. Und er war ein unglaublicher Motivator. Meine Stärken würde ich im methodischen Bereich sehen. Ich habe gerne weiterentwickelt und etwas vorangebracht. Wir haben uns sehr gut ergänzt. Bei Jörg habe ich gelernt: Man muss manchmal auch dazwischenknallen.

August 1999: 
Coach Jörg Berger (li.) und Co-Trainer Frank Engel sitzen auf der Bank des Bundesligisten Eintracht Frankfurt.
August 1999: Coach Jörg Berger (li.) und Co-Trainer Frank Engel sitzen auf der Bank des Bundesligisten Eintracht Frankfurt. © imago images / Alfred Harder

Hat nach Ihrer Verabschiedung beim DFB noch mal ein Verein angeklopft?

Ja, es gab einige Anfragen, auch aus dem Ausland. Aber ich habe das alles abgelehnt. Das ist für mich kein Thema mehr. Ich bin fast 50 Jahre durch die Weltgeschichte gezogen. Das war für mich das Wertvollste und das Schönste. Ich bin sehr demütig und dankbar, dass ich ein Leben lang im Fußball und mit den größten Talenten arbeiten durfte.

Sie haben sich also doch fürs Rasenmähen entschieden

Ja (lacht). Es gibt ja noch andere Dinge als Fußball: Familie, Freunde, Sporttreiben und Kultur. Wir gehen gern zu kulturellen Veranstaltungen oder auf Winzerfeste. Ein Gläschen guter Wein ist nicht zu verachten.

Donnerstag, 8 Uhr, Soccerworld: Guido Schäfer gegen Frank Engel. Wer zieht wen ab?

Nee, nee – mit Guido! Wir spielen meist in einer Mannschaft. Es sind trotzdem auch mal harte Kämpfe, macht aber Spaß.

Haben Sie noch eine Anekdote in petto?

Wir sind mit einem blauen DDR-Pass nach Südkorea gereist und dort am 3. Oktober 1990 Bundesbürger geworden. Wir waren die einzigen DDR-Bürger in Südkorea. Das war ergreifend: Wir sind als Ossis raus und als Wessi wieder rein.

Schreiben Sie schon an einem Buch?

Mal sehen. Mir schwebt so was vor. Vielleicht, wenn ich mal Langeweile kriege.