07. Juni 2021 / 07:49 Uhr

200 Zuschauer, schwüle Wärme und zwei Teams, heiß wie Omas altes Bügeleisen

200 Zuschauer, schwüle Wärme und zwei Teams, heiß wie Omas altes Bügeleisen

Frank Müller
Leipziger Volkszeitung
TZ Bärenpokal, SV Naundorf - FSV Blau-Weiss Wermsdorf
Die Wermsdorfer bejubeln ihren Treffer. © Alexander Prautzsch
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Im Achtelfinale des Bärenpokals unterlag der SV Naundorf gegen den FSV Blau-Weiß Wermsdorf mit 1:2. Es war das erste Pflichtspiel in Nordsachsen seit Monaten. Trotz der Niederlage waren die Verantwortlichen stolz, denn der Verein organisierte die Partie bravourös, inklusive Hygienekonzept, Tests und Vielem mehr.

Naundorf. Schwülwarmes Wetter, erwartungsfrohe Emsigkeit – Sommerleben auf dem Waldsportplatz von Naundorf. Endlich wieder. Wobei es mit dem „wieder“ so eine Sache ist. Eigentlich ist vor dem Achtelfinal-Nachholspiel um den Bärenpokal des Nordsächsischen Fußballverbandes alles ein wenig anders als es bei Fußballspielen vor der über sieben Monate langen Pandemie-Zwangspause war.

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Sinkende Zahlen an Neuansteckungen ließen die Hoffnung bei Verbandsspielleiter Volkmar Beier und den noch im Pokalwettbewerb befindlichen Vereinen jüngst aufkeimen, nun doch noch einen Sieger 2020/21 ermitteln zu können. Während es bis zur Zwangsunterbrechung der Spiele schon sieben Teams bis ins Viertelfinale geschafft hatten, war die Achtelfinalpartie zwischen dem SV Naundorf und Pokalverteidiger Blau-Weiß Wermsdorf noch offen. Also musste diese Begegnung zuerst über die Bühne gehen, und zwar möglichst bald, um auch die restlichen Runden inklusive Endspiel noch bis Ende Juni zu schaffen. So das Ziel der meisten Teilnehmer sowie des NFV.

DURCHKLICKEN: Die Bilder zur Pokal-Niederlage von Naundorf

Am Sonntagnachmittag gewann der FSV Blau-Weiß Wermsdorf im Achtelfinale des Bärenpokals mit 2:1 gegen den SV Naundorf. Zur Galerie
Am Sonntagnachmittag gewann der FSV Blau-Weiß Wermsdorf im Achtelfinale des Bärenpokals mit 2:1 gegen den SV Naundorf. ©

„Das haben wir eingesehen, obwohl es für uns eine Woche später besser gewesen wäre, da dann die Testpflicht für die Zuschauer entfallen wäre“, sagt Naundorfs Fußball-Abteilungsleiter Dennis Große. „Aber ich wusste auch, dass unsere Spieler spielen wollten. So haben wir unser Gesundheitskonzept für Spiele mit Zuschauern wieder herausgeholt. Das sieht 200 Zuschauer vor, die alle getestet sein müssen. So ist es mit dem Gesundheitsamt abgestimmt.“ Üblicherweise kommen zu den Nordsachsenliga-Spielen 50 bis 100 auf den Sportplatz an der Bahnhofstraße. Vor dieser sehen zwölf „Kiebitze“ ohne Ticket und Test ebenfalls zu, aber eben aus etwa 50 Meter Entfernung.


"Kleiner Dorfverein mit prima Zusammenhalt“

Vorige Woche gingen die Naundorfer die diesmal weit größere Aufgabe an, um das Match am Sonntag zu stemmen. Die Absprache mit Volkmar Beier und auch mit den Wermsdorfern habe prima geklappt, so Große, alle Beteiligten wirkten sehr konstruktiv zusammen. „Volkmar hat Riesenanteil, dass der Pokal auch dieses Jahr ausgespielt wird“, lobt Große. Beier gibt das Kompliment zurück: „Ich ziehe vor allen Beteiligten den Hut, und ganz besonders vor den Naundorfern und Wermsdorfern, die durch ihre Arbeit das erste Spiel mit Zuschauern nach Monaten in Nordsachsen ermöglicht haben.“

Dass es am Ende ein 1:2 aus Sicht der Gastgeber wurde, bezeichnet Große nach Abpfiff als „am Ende maximal unglücklich“, wirkt ansonsten aber stolz, besonders auf die 25 seiner etwa 250 Vereinsmitglieder, die an der Vorbereitung dieses ganz besonderen Achtelfinals mitgewirkt haben. Immerhin rechnete man damit, an die 200 Zuschauer vorab testen zu müssen. „Natürlich haben wir gehofft, dass etliche schon Doppel-Impfnachweise mitbringen, sich vorab testen lassen würden oder schon genesen sind“, bekennt Große. Um am Sonntag den Andrang in Grenzen zu halten, ermöglichte der Verein bereits am Sonnabend auf dem Waldsportplatz Tests.

An die 60 Fans machten davon Gebrauch, doch der relativ große Rest der knapp 200 (darunter etliche Wermsdorfer) musste am Sonntag bewältigt werden. Zum Teil nahm Große die Tests sogar selbst ab. Und das, obwohl der 37-Jährige, der normalerweise noch im Männerteam des SVN mitkickt, gerade eine Knie-Operation hinter sich hat. Helfer hat der gelernte Papiermacher jedoch genügend, darunter sogar mit Annegret Wiesner eine echte Krankenschwester, die am Sonntag nach ihrer Schicht extra auf den Sportplatz eilt. „So ist das bei uns, ich wusste, dass das klappt. Wir sind ein kleiner Dorfverein mit prima Zusammenhalt“, freut sich der Fußball-Chef des SVN.

Wermsdorf dominiert erste halbe Stunde

Also ist am frühen Sonntagnachmittag auf dem Waldsportplatz trotz aller behördlichen Hürden schon vieles vorbereitet. Die Teams sind offenbar heiß wie Omas altes Bügeleisen, beginnen bereits eine Stunde vor Spielbeginn mit der Erwärmung, wohlgemerkt bei feuchtwarmen 28 Grad. Bereits zehn Minuten später schwören sich die Mannschaften auf dem Platz ein, die Trainer finden stimulierende Worte, mentale Stärke ist „in“ und gefragt. Auch Große richtet einige Minuten vor Anpfiff noch ein paar Worte an seine Jungs. „Ich habe ihnen gesagt, dass sie ihre Nervosität in positive Energie umwandeln und die Kulisse genießen sollen.“

Das gelingt am Anfang nicht so richtig, Wermsdorf dominiert in der ersten halben Stunde und kommt schließlich zur Führung: Einen 30-Meter-Freistoß von Wermsdorfs mit einiger Schwungmasse ausgestatteten Libero Denny Beckedahl kann SV-Torwart Maximilian Kaiser nur nach vorn abwehren, Florian Böttger staubt zum 0:1 ab (26.). Schon zuvor hatten die Gäste einige gute Chancen, während die Naundorfer bis dahin in der Offensive praktisch nichts zustande brachten. Das änderte sich bis zur Pause nur wenig. So störte es auch nicht, dass die stattliche Warteschlange am Imbissstand die Sicht aufs Wermsdorfer Tor teilweise verstellte. Denn vor dem Blau-Weiß-Kasten fand ohnehin so gut wie nichts statt.

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Das änderte sich mit Wiederanpfiff total, doch durch den Seitenwechsel verstellte die Kioskschlange den Blick auf den Gästekasten und die nun schneidigen Angriffe der Platzherren nicht mehr. Dennoch erkundigten sich Zuschauer ungeduldig ab und an rufend bei Bekannten, wie denn der Stand der Dinge sei. Eine der lustigen Antworten deprimierte den Rufer: „Der is nich mehr da, der is heemgegang‘“. Dafür blieb der Durst. Tröstend wirkte da nur der Naundorfer Ausgleich zum 1:1 in der 56. Minute: Der schnelle Denny Köhler brach rechts durch und traf ins lange Eck. Fortan wurde der SV-Anhang munter.

Trugen Niederlage mit Fassung

Es folgten weitere gute Chancen für die Truppe von Trainer Helfried Krause, die wie umgewandelt aus der Pause gekommen war. Mit zunehmender Spielzeit verflachte das Geschehen wieder, es drohte die Verlängerung, die eingedenk der langen Spielpause sowie des warmen Wetters sicher zur Tortur geworden wäre. Folglich war das 2:1 zumindest für die Wermsdorfer und ihren Coach Dierk Kupfer doppelt erlösend. Es war das Ergebnis einer Fehlerkette, die Pascal Weidner spitzelnd und in glücklicher Kooperation mit Ball und Innenpfosten zum Siegtor nutzte. Auf der – erfrischend analogen und von Hand zu bedienenden – Anzeigetafel blieb die restlichen zwei Minuten das 2:1 stehen. Der Titelverteidiger ist also weiter im Wettbewerb.

Bemerkenswert übrigens die Leistung von Referee Frank Pöckelmann, der sich gleich Respekt verschaffte. Als ihn ein Gästefan bepöbelte, wies er ihn unter Androhung des Rausschmisses vom Sportplatz zurecht. Das half. Und als ein Wermsdorfer beim Einwurf etliche Meter klaute, sagte er klar: „Ich hatte gesagt, aus der eigenen Hälfte“, und gab „Falschen Einwurf“. Für offenkundige Schleimereien eines Naundorfer Anhängers erwies sich Pöckelmann indes unempfänglich. Die Bemerkung „Schiri weiter so, ich erkenne, wenn Eener gut is“, ließ der Referee lächelnd abtropfen.

Die Gastgeber trugen ihre Niederlage mit Fassung. Für Große und Co. war dieses besondere Spiel erst die erste von weiteren Mammutaufgaben. Sie haben sich vorgenommen, ihr Vereinsheim zu renovieren und zu erweitern. „Es ist einiges in Planung, der Bauantrag ist gestellt und wir hoffen auf Gelder aus dem Leader-Förderprogramm des Landes. Der Antrag dazu geht bis Mitte Juni auf die Reise. Mit einer Entscheidung rechnen wir bis Ende Juli“, berichtet der SVN-Fußball-Chef. Auch am Sitzplatzbereich soll weiter gewerkelt werden. Dahinter zeichnet sich schon ein neuer kleiner Trainingsplatz ab. Vieles passiert in Eigenleistung. Als besonders hilfreich beim Organisieren von Bautechnik erweist sich immer wieder Gesamtvereinsboss Michael Winkler – auch er ein Garant dafür, dass der SV unabhängig vom Pokalausscheiden weiter prächtig im Rennen ist.