30. März 2021 / 07:02 Uhr

27 Jahre nach dem 1:3 des VfB Leipzig: „Das Geld, das uns zur Verfügung stand, hatte Bayern für die Eckfahne“

27 Jahre nach dem 1:3 des VfB Leipzig: „Das Geld, das uns zur Verfügung stand, hatte Bayern für die Eckfahne“

Frank Schober
Leipziger Volkszeitung
37.000 Fans unterstützen den VfB Leipzig gegen Beckenbauers Bayern.
37.000 Fans unterstützen den VfB Leipzig gegen Beckenbauers Bayern. © LVZ-Archiv/Klaus-Dieter Gloger
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Blick zurück: Im Februar 1994 gastierte der FC Bayern München erstmals im Zentralstadion beim VfB Leipzig. Für Franz Beckenbauer war es der erste Auswärtsauftritt als Trainer. Er gewann 3:1. VfB-Trainer Bernd Stange musste im Anschluss seinen Hut nehmen. Das Bundesliga-Abenteuer kam für den Aufsteiger nicht nur sportlich zu früh.

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Leipzig. Am Sonnabend kommen die Bayern nach Leipzig. Zum Spitzenspiel. Zum Bundesliga-Kracher. Als sie am 19. Februar 1994 zum ersten Mal im Zentralstadion antraten, gastierten sie beim Tabellenletzten. „Wir hatten uns trotzdem einiges ausgerechnet, denn die Bayern hatten gerade Probleme“, erinnert sich Klaus Dietze, für den nach dem 1:3 klar war, „dass wir den Klassenerhalt nicht schaffen können“. Der damalige Manager des VfB Leipzig verbindet die Niederlage gegen Lothar Matthäus, Mehmet Scholl & Co. damit, dass Trainer Bernd Stange nach der Partie gegen seinen Willen vom VfB-Präsidium entlassen wurde.

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Heerscharen belagern Beckenbauer

Für Stadionsprecher Haig Latchinian ist der Tag in erster Linie mit Franz Beckenbauer verbunden. Der Kaiser hatte schon sämtliche wichtige europäische Stadien als Spieler oder Trainer erlebt, doch die größte deutsche „Fußball-Schüssel“ betrat er das erste Mal. Gegen die Bayern kamen 37.000 – dies bedeutete das erste und einzige Mal in jener Saison ausverkauftes Haus. Dietze: „Wir hatten wegen diverser Sicherheitsauflagen eigentlich nur eine Genehmigung für 35 .000. Wenn wir erfolgreicher gespielt hätten, wäre es häufiger voll gewesen. Die Sucht der Menschen nach Bundesliga-Fußball war damals schon groß.“

DURCHKLICKEN: Das Duell VfB Leipzig vs. Bayern München anno 1994

Für Franz Beckenbauer war es die zweite Partie als Cheftrainer des FC Bayern, für Bernd Stange die letzte als Coach des VfB Leipzig. Im Nachgang der 1:3-Niederlage der Gastgeber gegen den Rekordmeister wurde der Trainer der Leipziger entlassen. Zur Galerie
Für Franz Beckenbauer war es die zweite Partie als Cheftrainer des FC Bayern, für Bernd Stange die letzte als Coach des VfB Leipzig. Im Nachgang der 1:3-Niederlage der Gastgeber gegen den Rekordmeister wurde der Trainer der Leipziger entlassen. © LVZ-Archiv / Klaus-Dieter Gloger

Heerscharen von Fotografen belagerten Beckenbauer vor und während der Partie. Die Lichtgestalt des deutschen Fußballs war in der Winterpause dem glücklosen Erich Ribbeck als Bayern-Coach gefolgt und stand nach der Auftaktniederlage gegen Stuttgart unter Druck. Für die Bayern, die am Saisonende Meister wurden, lief es in Leipzig optimal. Als die letzten Besucher gerade Platz genommen hatten, stand es nach vier Minuten durch Tore von Scholl und Sternkopf 0:2. Dietze: „Wir waren zu ängstlich.“ Als der VfB in Hälfte zwei Druck machte, traf Darko Pancev nur den Pfosten. Zu allem Überfluss sah Torsten Kracht im ersten Heimspiel nach seiner Rückkehr aus Stuttgart von FIFA-Schiri Hellmut Krug die Rote Karte. Latchinian hatte in der Lok-Jugend selbst mit Maik Kischko, Torsten Kracht und Jürgen Rische gespielt. Der damals 25-jährige Journalistikstudent und heutige LVZ-Reporter sagt: „Die Fans haben den VfB bis zum Schluss unterstützt und sind nicht zu den Bayern umgeschwenkt. Das war nicht selbstverständlich“ Vor den Spielen hatte er – wie heute bei RB Leipzig üblich – auch die Hymne des Gegners gespielt.



Lizenz nach Torjäger-Verkauf

Beckenbauer versuchte nach dem 3:1 dem Tabellenletzten den Rücken zu stärken: „Der VfB hat nach dem 0:3 wirklich gut gespielt. Wer weiß, wie es nach dem zweiten Leipziger Treffer weitergegangen wäre.“ Doch für VfB-Präsident Siegfried Axtmann stand fest: Stange muss gehen. LVZ-Sportchef Winfried Wächter kommentierte: „Axtmann macht es sich einfach, sollte er im ehemaligen DDR-Auswahltrainer den alleinigen Sündenbock für die letzte Tabellenposition des Aufsteigers sehen.“ Für Klaus Dietze bleibt Stanges Entlassung ein Fehler: „Er ist ein absoluter Fachmann. Ich war froh, dass ich ihn für uns gewinnen konnte. Aber den richtigen Rückhalt der Verantwortlichen hatte er leider nie. Wir hätten Geduld haben und mit Stange in die zweite Liga gehen sollen.“ Latchinian: „Es ist unmöglich, wie man damals miteinander umging.“

Klaus Dietze sagt über die Erstligasaison: „Wir waren mit Glück und Geschick aufgestiegen, hatten aber nur einen Zweitligakader und daher keine Chance. Das Geld, das uns zur Verfügung stand, hatte Bayern München für die Eckfahne.“ Der VfB musste Torjäger Bernd Hobsch nach dem Aufstieg verkaufen, um die Lizenz zu bekommen. Dietze: „Wir sind zwar sang- und klanglos abgestiegen, aber wir haben eine bessere Rolle gespielt als einst Tasmania Berlin oder derzeit Schalke. Und ich bin in dem Jahr erwachsen geworden.“ Sprich: Der Profifußball-Manager mit dem garantiert schmalsten Gehalt kam in der Marktwirtschaft an. Gern und häufig habe er sich Rat in Freiburg und Mönchengladbach geholt. „Auch von Bayern-Manager Uli Hoeneß sind wir immer äußerst fair behandelt worden. Andere Vereine hingegen wollten nur billig an unsere Spieler kommen.“

DURCHKLICKEN: Sie trainierten die Probstheidaer von 1991 bis heute

Jürgen Sundermann - 28. Mai 1991 bis 30. Juni 1993 Zur Galerie
Jürgen Sundermann - 28. Mai 1991 bis 30. Juni 1993 ©

Bundesliga wichtig für Leipzig

Den Abstieg des VfB konnte auch „Wundermann“ und Aufstiegstrainer Jürgen Sundermann nicht verhindern. Er gab nach seiner Rückkehr den wandelnden Plattenspieler und wiederholte auch nach der zehnten Nachfrage: „Wir steigen nicht ab.“ Er wurde schnell eines Besseren belehrt. Das Abenteuer Bundesliga, das im August 1993 mit einem 3:3 gegen Dynamo Dresden spektakulär begonnen hatte, ging folgerichtig zu Ende. Der VfB geriet in eine Abwärtsspirale, die mit der Insolvenz und der Neugründung des 1. FC Lok endete.

Für Klaus Dietze steht fest: Das Abenteuer Bundesliga kam für Leipzig zu früh. „Umso mehr freue ich mich, was Red Bull aus einem tollen sportlichen Konzept samt finanzieller Möglichkeiten geschafft hat. Wir hatten eine ähnliche Vision, aber nicht das finanzielle Hinterland.“ Auch die Stadtoberen um Oberbürgermeister Hinrich Lehmann-Grube hätten damals noch nicht begriffen, wie wichtig die Fußball-Bundesliga für Leipzig ist.

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