06. April 2021 / 18:06 Uhr

35 Jahre vergehen wie im Flug: SPORTBUZZER-Reporterin Kerstin Förster macht Schluss

35 Jahre vergehen wie im Flug: SPORTBUZZER-Reporterin Kerstin Förster macht Schluss

Kerstin Förster
Leipziger Volkszeitung
Beim LVZ-Leserforum mit Chefreporter Guido Schäfer (r.) schrieb Lothar Matthäus eine persönliche Widmung für Kerstin Förster (li.).
Beim LVZ-Leserforum mit Chefreporter Guido Schäfer (r.) schrieb Lothar Matthäus eine persönliche Widmung für Kerstin Förster (li.). © Christian Modla/Archiv
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Kerstin Förster geht in die passive Phase der Altersteilzeit: Eine persönliche Betrachtung zur Sportstadt Leipzig und zu den Erlebnissen als Leipzigs SPORTBUZZER-Regionalsport-Reporterin.

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Leipzig. Schnelllebige Zeit und doch ausgebremst durch den in aller Welt bekannt hartnäckigen Spielverderber. Man muss/sollte loslassen können. Wohl aber besitze ich noch diverse Souvenirs der am 18. Mai 2004 gescheiterten Leipziger Olympiabewerbung – Aufkleber, Karten, Spielzeug-Truck, Rucksack. Die Symbole der Niederlage wecken tolle Erinnerungen, auch wenn das Thema bei manchem Zeitgenossen ein müdes Lächeln hervorruft. Doch für mich war die Zeit spannend wie kaum eine andere in den 35,5 Jahren bei meiner Volkszeitung, davon fast 30 Jahre als rasende Sportreporterin mit turnerischer Note.

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„Sie müssen sich unbedingt die Herren-Toilette ansehen!“

Jetzt schließt sich der Kreis. Wie schrieb die LVZ im Oktober 1976 zum Drei-Städte-Turnier über mich: „Interessanterweise waren es nicht immer die sogenannten ,Knüller’, die danebengingen – wie Kerstin Schneiders gehockter Salto vorwärts.“ Auf dem Schwebebalken, meinem Lieblingsgerät. Nun habe ich mich aus der aktiven Schaffensphase und dem zuletzt fast verwaisten Büro verabschiedet.

Mehr zum Sport in Leipzig

Tausende Beiträge, von der Nachricht bis zu Reportagen über Leipziger Hoffnungsträger sind entstanden, in Dortmund, Berlin, Klingenthal, Tauberbischofsheim oder Wattenscheid schaute ich vorbei. Allein 85 Porträts wurden von August 2001 bis April 2003 jede Woche in der Ehrenamtsaktion „1000 Dank“ geschrieben, für den unsere Zeitung vom Deutschen Sportbund den Förderpreis „Pro Ehrenamt“ erhielt. Hessens damaliger Sportminister Volker Bouffier würdigte das Ehrenamt als „Kitt der Gesellschaft“, lobte das Engagement der LVZ als beispielhaft und innovativ. Die Scheckübergabe war stets geheim geplant und gipfelte in einer kleinen Vereinsparty.

Zur Preisverleihung mit dem damaligen Chefredakteur Hartwig Hochstein ging es in den 49. Stock der Commerzbank-Filiale in Frankfurt. Eine Anekdote zu dem denkwürdigen Tag sei erlaubt. Nach der offiziellen Beglückwünschung wartete ein Gourmet-Mahl. Am großen Herren-Tisch saß rechts neben mir Günther von Lojewski, links Preisträgerin Celine Fried, Sportdezernentin des Kreises Darmstadt-Dieburg. Zwischen köstlichen Gängen ging es sehr unterhaltsam zu.

Nach Wein (ja) und Zigarre (nein) wandte sich der Gastgeber lächelnd an das Damen-Doppel: „Sie müssen sich unbedingt die Herren-Toilette auf der Etage ansehen!“ Wie bitte? Ich hatte richtig gehört. Wiederholung: „Das müssen Sie gesehen haben!“ Weil Frau von Natur aus neugierig ist und diese WC-Einladung garantiert einmalig war, folgten wir dem „Toiletten-Mann“ in das Heiligtum hoch über Mainhatten. Wir schauten über das typische Klo-Inventar hinweg auf eine Panorama-Glas-Wand. Was bot sich uns für eine grandiose Aussicht auf die City.

Von Amsterdam bis Szeged

Von zahlreichen Europa- und Weltmeisterschaften verschiedener Sportarten habe ich live berichtet, von Turnfesten, Länderspielen und der Lipsiade ebenso gern wie Sportlerbällen und dem Marathon. An den Regattastrecken in Amsterdam, Szeged, Posen, Racice und Duisburg arbeitete es sich denkbar einfach, weil unsere Leipziger Starter stets Edelmetall erkämpften. Mein Lieblingskind, die „Typen, Trubel, Temperamente“ haben sich zur kultigen Angelegenheit entwickelt. Aus meiner Idee von 1997, bunte Geschichten weg vom Wettkampfgeschehen ins Blatt zu rücken, sind über 900 Mittwochs-Kolumnen entstanden.

Die Sportstadt – ich entdecke sie an fast jeder Ecke und kenne sie als Leipzigerin aus dem Effeff. Alles gut? Wie im wirklichen Leben wechselten sich die positiven und negativen Geschichten ab. Zu wenig Sportstätten, zu wenig Anerkennung fürs Ehrenamt, Dopingverdacht, persönliche Empfindlichkeiten als „Kaputtmacher“ oder der ewige Kampf um Geld und Sponsoren, seit einem Jahr nun der Pandemie-Wahnsinn – all das ließ mich auch schon mal sprachlos zurück. Doch den richtigen Ton, so meine Lesart, hat die Regionalsportchefin größtenteils gefunden. Dank der familiären Mannschaft und dem kollegialen Team ließ sich der Job, der oft in die Verlängerung ging, bestmöglich erfüllen.

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Aufstiege und Abstürze hat es genug gegeben. Der HCL spielte in der Champions League und musste 2017 Insolvenz anmelden. Der Neustart in Liga drei war nicht so prickelnd, aber ich klemmte mich hinter die Sache, der Verein klotzte ran und ist mittlerweile ein aufstrebender Zweitligist. Anders die Eagles-Basketballerinnen, die in der Beletage spielten und sich hernach ein paar Klassen tiefer wiederfanden.

Mein Ranking der journalistischen Hits würde hier den Rahmen sprengen. Soviel: Weit oben steht das Interview mit Dirk Nowitzki, der 2004 als prominenter Gast bei der Challenge-Tour auf der Alten Messe begrüßt wurde. Legendär das gemeinsame Foto der zierlichen Sportredakteurin (1,58 m) und dem großen Blonden (2,13 m).

Ortswechsel, September 2005, Peterssteinweg 19. Die Jungs der Hockey-Nationalmannschaft verließen frisch, fröhlich und feixend die Kleinbusse vor dem LVZ-Gebäude. Die Erfolgstruppe, damals noch unter Regie von Bundestrainer Bernhard Peters, war sich für einen Boxenstopp auf Trainingstour ins EM-Stadion bei ATV an der Prager Straße nicht zu schade.

Respekt vor Leipziger Helden

Die persönliche Geschichte von Athleten mit all ihren Facetten zu erzählen, das faszinierte mich immer besonders. Mein großer Respekt gilt einmal mehr Ruderin Annekatrin Thiele sowie den Kanuten Tina Dietze und Christian Gille. Diese sympathischen Sportler durfte ich von ihren Karriere-Anfängen bis zum Olympiasieg begleiteten.

Besonders ist mir die Goldstunde von Bambi-Preisträger „Gilli“ 2004 in Athen in Gänsehaut-Erinnerung geblieben. Denn die Turbo-Fuhre mit seinem Canadier-Partner Tomasz Wylenzek verfolgte ich vor dem Großbildschirm mit zahlreichen Daumendrückern in der Peugeot-Sachsen GmbH Wittenberger Straße, wo DHfK-Mann Christian Gille als Kfz-Mechaniker arbeitete.

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Der Endspurt des Leipzig/Essener Duos ging im lauten Jubel unter. „Wahnsinn. Das gibt’s gar nicht. Gilli, Wahnsinn. Das ist der Hammer“, filterte die Augenzeugin aus der glücklichen Menge. Vier Jahre später wurde der Puls erneut in die Höhe geschraubt. Gille/Wylenzek fehlten zum Sieg winzige Millimeterchen. Reporterstimme: „Leider nur Silber.“ Kundenstimme: „Was heißt hier nur Silber. Das ist toll.“

Nur zuschauen, langweilig. Deshalb gab es auch einige persönliche Testläufe. Angefangen mit Frauenfußball bei Lok Engelsdorf über Musketier-Erfahrungen im Fechtclub bis zu coolen Stunden auf dem Eis. Im Boliden habe ich gesessen, Leipzigs Motorsport-Ass Marvin Kirchhöfer medial begleitet, Hamilton, Vettel und Co. in Abu Dhabi vor der Linse gehabt. Einen Kick gab es außerdem mit Effenberg, Maradona-Double und Beckenbauer im Zentralstadion-Tunnel. Schnelllebige Zeit. Man muss loslassen können. An dieser Stelle von mir: 1000 Dank.