23. Dezember 2020 / 17:23 Uhr

50 Jahre Elfmeterschießen: Sportwissenschaftler Memmert räumt mit den größten Elfmetermythen auf

50 Jahre Elfmeterschießen: Sportwissenschaftler Memmert räumt mit den größten Elfmetermythen auf

Sönke Gorgos
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Sportwissenschaftler Prof. Dr. Daniel Memmert hat sich mit der Psychologie des Elfmeters befasst. Der <b>SPORT</b>BUZZER sprach mit ihm über die größten Mythen.
Sportwissenschaftler Prof. Dr. Daniel Memmert hat sich mit der Psychologie des Elfmeters befasst. Der SPORTBUZZER sprach mit ihm über die größten Mythen. © imago images/Montage
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Das Elfmeterschießen wird 50! Im Interview mit dem SPORTBUZZER spricht Professor Daniel Memmert von der Sporthochschule Köln, Co-Autor des Buches „Elfmeter: Die Psychologie des Strafstoßes“ anlässlich des runden Geburtstags über die größten Mythen, die sich rund um Elfmeter ranken.

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Engländer können keine Elfmeter schießen. Und der Gefoulte sollte niemals selbst antreten. Stimmen diese Elfmetermythen? Darüber hat der SPORTBUZZER im Rahmen der Serie zum fünfzigsten Geburtstag des Elfmeterschießens mit Prof. Dr. Daniel Memmert von der Sporthochschule Köln gesprochen, gemeinsam mit Benjamin Noël Co-Autor des Buchs „Elfmeter: Die Psychologie des Strafstoßes“ (Hogrefe, 19.95 Euro).

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SPORTBUZZER: Herr Professor, es gibt eine Erzählung von Peter Handke namens „Die Angst des Tormanns beim Elfmeter“, deren Titel zu einem geflügelten Wort wurde. Hat der Torwart wirklich mehr Angst als der Schütze?

Daniel Memmert: Das kann man nicht sagen! Die Wahrscheinlichkeit, einen Elfmeter zu verwandeln, liegt in Nicht-Corona-Zeiten bei 75 Prozent – ein extrem robuster Wert. Der Schütze hat eine hohe, der Torwart eine geringe Wahrscheinlichkeit. Daher kommt vielleicht der Mythos. Auf der anderen Seite wird dem Torwart nie die Schuld gegeben, wenn er einen reinlässt. Der Druck liegt beim Schützen, denn alle erwarten von ihm, dass er trifft. Somit könnte man es sogar umdrehen. Heutzutage werden die Torhüter extrem gut vorbereitet. Die Angst des Versagens beim Schützen ist viel größer, weil die Last des Treffenmüssens auf seinen Schultern liegt.

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Ein weiterer Mythos besagt, dass man Elfmeterschießen nicht trainieren kann. Sie haben bereits angedeutet, dass das Gegenteil der Fall ist. Was kann trainiert werden – und was lässt sich über aktuelle Entwicklungen sagen?


Es gibt sowohl die Arbeit auf dem Trainingsplatz als auch die psychologisch-kognitive Komponente. Zuletzt war etwas auffällig: In der Bundesliga gab es bis Anfang November eine Serie, in der alle Elfmeter verwandelt wurden – eine 100-Prozent-Quote bei saisonübergreifend 35 Versuchen, die mich überrascht hat. Ich habe versucht, dies zu analysieren, wissenschaftliche Studien sind dazu in Vorbereitung: Es kann zum einen daran liegen, dass die Fans wegen Corona jetzt im Stadion nicht mehr für Irritationen sorgen können. Auf der anderen Seite dürfen Elfmeter mittlerweile verzögert werden. Das ist etwas, das Schützen sehr trainieren und das für die Torhüter schwierig zu sein scheint. Wir haben in unserem Buch auch andere Strategien untersucht – beispielsweise, dass der Spieler sich vor dem Anlauf nicht umdreht, sondern den Torwart weiter anschaut. Oder dass er nach dem Pfiff des Schiedsrichters abwartet, um dem Torhüter Stärke zu zeigen. Es ist auch so, dass der Schütze eher flach schießen sollte. Hohe Bälle landen zwar häufiger im Tor, aber die Wahrscheinlichkeit ist auch groß, dass man verschießt.

So hat der Torwart die größten Chancen, einen Elfmeter zu halten

Sie schreiben auch, dass Torhüter von Routinen Gebrauch machen sollten. Was wäre ihre Handlungsempfehlung für Keeper bei Elfmeterschießen?

Für den Torwart ist die beste Strategie, sich auf der Torlinie leicht um 10 cm nach links oder rechts zu verschieben, um so implizit und unterbewusst eine Seite anzubieten. In Experimenten hat zu 80 Prozent der Schütze auf die größere Seite geschossen. Er kann auch ablenken, Unruhe stiften und sich größer machen. Und er kann selbst die Ausführung des Strafstoßes versuchen zu verzögern. Das wird inzwischen auch immer häufiger umgesetzt. Dadurch ist der Schütze sehr lange in einer Stresssituation. Aber leider darf er den Winkel nicht mehr verkleinern und die Torlinie verlassen – ein weiterer Punkt, der wichtig ist.

Thema Nationalitäten: Sie sind der Frage auf den Grund gegangen, ob Engländer wirklich schlechtere Elfmeterschützen sind als Deutsche. Was können Sie darüber sagen?

Es gibt zu diesem Thema seit diesem Jahr eine neue Studie. Wir konnten darin in einer sehr großen Stichprobe aufzeigen, dass es keine großen Unterschiede gibt, die sich von der Nationalität des Schützen ableiten. Die Engländer sind im Mittelfeld, die Deutschen zwar etwas besser, aber nicht signifikant.

Memmert: "Verteidiger müssten eigentlich besser schießen als Offensive"

Sie schreiben, dass Torhüter und Verteidiger nicht unbedingt schlechtere Schützen sind als Offensive.

Wir haben historische Daten ausgewertet: Verteidiger haben bei Weltmeisterschaften keine höhere Trefferquote. Das ist überraschend, weil sie eigentlich besser schießen müssten.

Warum?

Es gibt eine einflussreiche Theorie, die einfach gesprochen besagt, dass Pflichtaufgaben (z.B. einen Elfmeter zu treffen) mit einem Pflichtfokus ("Ich muss treffen") zu lösen sind. Wir haben festgestellt, dass pflichtbewusste Menschen eine höhere Wahrscheinlichkeit haben, bei Elfmetern zu treffen, als sogenannte hoffnungsorientierte. Menschen, die ein höheres Pflichtgefühl haben, sind eher Abwehrspieler – das weiß man. In den Experimenten treffen sie häufiger. Diejenigen, die Hoffnungstypen sind, also Kreative und Stürmer, treffen etwas weniger. Letztlich hängt aber auch viel von der Ansprache ab.

Sollte ein Spieler, der im Spiel verschossen hat, im Elfmeterschießen noch mal antreten?

Dazu gibt es noch keine Studie. Ich würde es nicht befürworten, weil Spieler und Torwart schnell in eine Art "Privatduell" geraten und der Torwart vom Schützen schon etwas gelernt hat. Ich würde einen Spieler nicht doppelt schießen lassen – aber das ist nur eine Privatmeinung, dazu haben wir keine Daten.

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Die letzte Frage ist wieder ein Mythos, mit dem es aufzuräumen gilt. Sollte der Gefoulte selbst antreten?

Einer meiner Kollegen hat dazu eine Studie vorgelegt. Es lässt sich ganz klar sagen, dass es möglich ist. Es gibt kein Problem und keinen signifikanten Unterschied.