23. Februar 2021 / 09:00 Uhr

Zum 90. Geburtstag von Täve Schur: „Er ist Trabi gefahren, wenn andere sich einen Lada gegönnt haben“

Zum 90. Geburtstag von Täve Schur: „Er ist Trabi gefahren, wenn andere sich einen Lada gegönnt haben“

Frank Schober
Leipziger Volkszeitung
Michael Schiffner (l.) und Günter Lux können sich an zahlreiche Anekdoten aus ihrer gemeinsamen Zeit mit Täve Schur erinnen.
Michael Schiffner (l.) und Günter Lux können sich an zahlreiche Anekdoten aus ihrer gemeinsamen Zeit mit Täve Schur erinnen. © Christian Modla
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90 Jahre. So alt wird Gustav-Adolf, genannt „Täve“, Schur am Dienstag. Aus diesem Anlass erinnern sich im SPORTBUZZER zwei der wenigen noch lebenden Zeitzeugen an die Leipziger Jahre der DDR-Sport und -Radsportlegende. Günter Lux (81) fuhr mit dem Jubilar Rennen, Michael Schiffner (71) ist der Sohn seines Trainers Werner Schiffner.

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Leipzig. Die DDR hat zwischen 1956 und 1988 viele erfolgreiche Sportlerinnen und Sportler hervorgebracht. Gustav-Adolf Schur war – vor allem am olympischen Edelmetall gemessen – keineswegs der sportlich überragende Athlet. Doch wie kommt es, dass „Täve“ der mit großem Abstand populärste DDR-Sportler war und ist?

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"Natürlich und bodenständig geblieben"

Auf diese Frage gibt es für Günter Lux eine ganz einfache Antwort. „Das liegt an seiner Natürlichkeit und Bodenständigkeit. Er war nie abgehoben, ist immer Trabi gefahren, wenn andere sich einen Lada gegönnt haben. Und er hat sich immer mit Hinz und Kunz unterhalten, war mit allen gleich per Du“, sagt der 81-Jährige, der von 1959 bis 1964 beim SC DHfK Leipzig an Schurs Seite trainierte und mit dem heutigen Jubilar Rennen fuhr.

DURCHKLICKEN: Bilder aus Täve Schurs Radsport-Karriere

1953: Täve Schur (l.) gewinnt das Amateur-Eintagesrennen Berlin-Leipzig. Das Rennen wurde meist zu Beginn der Saison im April gefahren und wurde deshalb auch Osterfahrt genannt. Zur Galerie
1953: Täve Schur (l.) gewinnt das Amateur-Eintagesrennen Berlin-Leipzig. Das Rennen wurde meist zu Beginn der Saison im April gefahren und wurde deshalb auch Osterfahrt genannt. ©

Günter Lux gehört zu den wenigen Zeitzeugen aus der Ära Schur, die heute noch leben. Gemeinsam mit Michael Schiffner (71) erinnert sich Lux („Wir waren im Club wie eine Familie“) an alte Zeiten. Schiffners Vater Werner war mit Herbert Weisbrod der Trainer der DHfK-Renner, die quasi in der ganzen Republik gesichtet und ans Internat in der Nähe des Leipziger Sportforums delegiert worden waren. In Täves Unterkunft auf dem Gelände des jetzigen Olympiastützpunktes hat der SC DHfK noch heute seine Geschäftsstelle samt Fitness- und Saunabereich. Nur ein Sportinternat gibt es aus Brandschutzgründen seit wenigen Jahren nicht mehr.

Dass Täve Schur Privilegien und auch kleinere Extrawürste stets ablehnte, unterstreicht die Story, die Schiffner und Lux gleich zu Beginn auspacken. Schur sei bereits Weltmeister und längst ein Idol gewesen, als er eines Tages von einem Polizisten angehalten wurde. Der Gesetzeshüter hatte den Star nicht erkannt und wollte ihm während der Leipziger Messe 10 DDR-Mark für falsches Abbiegen abknöpfen. Schur habe die Strafe akzeptiert, hatte aber in seinen Trainingsklamotten kein Geld dabei. Also ging er am Nachmittag auf die nächste Polizeiwache, wo er erkannt wurde und die Strafe erlassen bekommen sollte. „Doch Täve bestand darauf, seine 10 Mark zu bezahlen. Vorher wäre er dort nicht wieder verschwunden“, sagt Lux mit einem Lachen im Gesicht.


Nicht unbedingt das meiste Talent

Die Trainer waren damals absolute Persönlichkeiten, niemand habe es gewagt, über die Trainingsinhalte zu diskutieren. Doch nach Feierabend blühte der Flachs, gab es schon mal Wasserschlachten auf dem Flur. Legendär waren die von den Sportlern organisierten Faschingsfeiern. Und wenn der Schabernack mal etwas übertrieben wurde, fand der Trainer seinen Trabi umgesetzt zwischen zwei Bäumen wieder. Die Radsportler hatten das Motto ausgerufen: Vier Mann, vier Ecken! Die „Edelpappe“ steckte nun fest, Ausparken war unmöglich.

Das Training sei hochprofessionell organisiert gewesen. Lux unterstreicht: „Du bist beim SC DHfK jeden Kilometer motorisiert begleitet worden. Auch ums Material mussten wir uns nicht mehr selber kümmern.“ Doch Schiffner, der in der Generation nach Schur (Friedensfahrt-)Erfolge einfuhr, sagt auch: „Wir Leipziger konnten die Räder reparieren. Als wir mal ohne Mechaniker nach Algerien geschickt wurden, sind Fahrer anderer Clubs dreckverschmiert und entnervt beim einfachen Schlauchwechsel gescheitert.“ Die DDR-Marke „Diamant“ stellte in damaligen Zeiten den Rahmen der Räder, die Schaltung kam aber schon bald von den Italienern.

Geburtstagsgrüße des SC DHfK Leipzig an Täve Schur

Beide Leipziger sind sich einig, dass Schur nicht unbedingt das meiste Talent hatte. „Seine Willensstärke war absolut entscheidend“, so Lux. „Das hat er mal bei der Harz-Rundfahrt besonders unterstrichen. Da sind über 300 Mann gestartet. Täve war besonders motiviert, weil es in seine Heimat ging. Am Ende hat er Magdeburg mit einer Viertelstunde Vorsprung erreicht.“

"Die Herzen der Zuschauer flogen dir zu"

Schon damals galt die Devise: Für den Besten wird gefahren. So hatte Schur seinen ersten WM-Titel zum großen Teil den Helferdiensten von Erich Hagen (1936–1978) zu verdanken. Doch wie lautete die Stallorder auf dem Sachsenring? Schiffner erinnert sich: „,Ecke’ war schon in den Wochen davor in Top-Form und mein Vater sagte: ,Eckstein kann Weltmeister werden.’ Im Rennen hat ,Ecke’ seine Chance beim Schopf gepackt.“ Der langjährige Trainer von Jens Lehmann, Thomas Liese und anderen SC-DHfK-Helden der Wendezeit sieht es so: „Wäre Täve das dritte Mal Weltmeister geworden, hätte ihn der Titel nur ein Stück berühmter gemacht als er schon war. Dass er aber Silber holte und die Legende entstand, er habe einem Teamkollegen zum Sieg verholfen, das hat ihn unsterblich gemacht.“ Der Jubilar selbst schildert die fragliche Szene im großen Geburtstags-Interview mit dem SPORTBUZZER übrigens ganz anders.

DURCHKLICKEN: Täve Schur im Sportmuseum Leipzig

Täve Schur fuhr in seiner aktiven Zeit für den SC DHfK Leipzig und lebte auch in der Messestadt. Aus diesem Grund befinden sich zahlreiche seiner Trophäen, Radsporttechnik und Urkunden im Besitz des hiesigen Sportmuseums. Schur selbst schenkte sie dem Museum. Zur Galerie
Täve Schur fuhr in seiner aktiven Zeit für den SC DHfK Leipzig und lebte auch in der Messestadt. Aus diesem Grund befinden sich zahlreiche seiner Trophäen, Radsporttechnik und Urkunden im Besitz des hiesigen Sportmuseums. Schur selbst schenkte sie dem Museum. ©

Auch Bernd Merbitz, aktueller Präsident des SC DHfK, sagt in seiner Video-Grußbotschaft an den Jubilar: „Alle haben damit gerechnet, dass du den Sprint anziehst und den WM-Titel holst. Aber deine sportliche Fairness hat Eckstein den Sprint anziehen lassen und du bist ganz gelassen Zweiter geworden. Die Herzen der Zuschauer flogen dir zu.“ Letzteres ist unbestritten. Eckstein stammte übrigens aus Zwochau bei Leipzig. Er war vier Jahre jünger als Schur. Bei seiner Beerdigung 2017 trauerte auch Täve am Sarg seines Sportkameraden.

Was Täve nicht schaffte, holte Sohn Jan nach

Günter Lux und Michael Schiffner waren Trainer im Club, als Täves Söhne auftauchten. Gus-Erik (55) war nicht ganz so talentiert, doch der heute 58 Jahre alte Jan Schur setzte sich mit großem Willen durch. Der Name habe ihm nicht geholfen, er musste sich alles erarbeiten. Jan schaffte 1988 das, was seinem Vater nicht gelang – er wurde Olympiasieger im Mannschaftszeitfahren. Er arbeitet heute als Trainer in Cottbus, Gus-Erik führt in Magdeburg „Täves Radladen“. Er kann wegen einer Quarantäne am Dienstag nicht mitfeiern. Es trifft sich bei Schurs also ein kleiner Kreis. Die Töchter Gusti und Susanna sind dabei, sie kümmern sich liebevoll um Täve, dessen Ehefrau Renate im Vorjahr mit 88 Jahren verstorben ist.

Zu Schurs politischer Karriere – von der Volkskammer für die SED bis zum Bundestag für die PDS – meint Lux: „Gustav war ein politischer Mensch. Er ist sich immer treu geblieben.“ Kein Verständnis hat Lux, dass Schur wegen seiner politischen Ansichten die Aufnahme in die Hall of Fame des deutschen Sports verwehrt blieb.

Der Zusammenhalt unter dieser Radsport-Generation war extrem groß. Erinnerungen wurden jahrzehntelang beim „Treff der Alten“ ausgetauscht. „Und nach dem dritten Bier waren alle Weltmeister“, klopft sich Lux auf die Schenkel. Merbitz gibt dem Radsport-Idol Täve aktuell mit auf den Weg: „Du bist ein verdammt lustiger Typ. Behalte dir das bei.“ Wer in neun so wechselvollen Jahrzehnten seinen Humor nicht verloren hat, um dessen Fröhlichkeit muss sich auch jetzt niemand sorgen.