11. März 2022 / 07:32 Uhr

90 Minuten Handball, Deckungsleibchen, Eins Uwe und Tempo, Tempo, Tempo

90 Minuten Handball, Deckungsleibchen, Eins Uwe und Tempo, Tempo, Tempo

Antje Henselin-Rudolph
Leipziger Volkszeitung
Kristian Saeveras hat auch im Training alles im Blick, zeigt starke Paraden.
Kristian Saeveras hat auch im Training alles im Blick, zeigt starke Paraden. © Dirk Knofe
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Nach dem Sensationssieg gegen Flensburg ist für den SC DHfK Leipzig vor dem Spiel in Göppingen. Erstmals durften Fanmitglieder des Handball-Bundesligisten beim Training zugucken. Auch LVZ-Sportchefin Antje Henselin-Rudolph war eingeladen und erlebte aufschlussreiche 90 Minuten.

Leipzig. "Wenn du denen den Fußball nimmst, werden sie verrückt.“ Die da auf dem Feld in der Arena Leipzig kicken, sind allerdings gar keine Fußballer. Die sportliche Leidenschaft und Liebe von Alen Milosevic, Marko Mamic und Co. liegt auf dem Parkett statt auf dem Rasen. Das kleine Spielchen gehört zum Training der Bundesliga-Handballer des SC DHfK Leipzig. „Das ist heute eine kleine Belohnung für den Sieg am Wochenende“, erklärt Coach André Haber. 25:24 hatten die Grün-Weißen da die Nase vorn gegen die SG Flensburg-Handewitt. Den entscheidenden Treffer markierte Sime Ivic per Freiwurf in der letzten Aktion des Spiels.

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„Simon kickt nie mit wegen seines Knies“

Zwei Tage nach dem Triumph, den das Team in der Nacht intensiv gefeiert hatte, ist das Geschehen abgehakt, aber nicht vergessen. Die Konzentration liegt nun bereits auf dem nächsten Gegner. Der heißt Frisch Auf Göppingen, empfängt die Leipziger am Samstag, 20.30 Uhr. „Die sind sehr unangenehm. Da müssen wir wieder 100 Prozent geben“, meint Luca Witzke.

DURCHSCROLLEN: Bilder vom besonderen Training

Fanmitglieder hatten die Möglichkeit, hinter die Kulissen des SC DHfK zu schauen: Führung durch die Leipziger Arena und Zuschauen beim Training standen auf dem Programm. Zur Galerie
Fanmitglieder hatten die Möglichkeit, hinter die Kulissen des SC DHfK zu schauen: Führung durch die Leipziger Arena und Zuschauen beim Training standen auf dem Programm. ©

An diesen 100 Prozent arbeiten sie in den kommenden 90 Minuten. Während das Spielchen „Alt gegen Jung“ noch läuft, arbeiten Simon Ernst, Lovro Jotic und Patrick Wiesmach individuell. „Simon kickt nie mit wegen seines Knies“, erklärt Geschäftsführer Karsten Günther. Auch Jotic muss diesen Körperteil aktuell schonen. Für Wiesmach ist es die erste Einheit nach seiner Corona-Infektion. „Er trägt Pulsgurt. Darf erstmal nur bis Puls 135 mitmachen.“

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20 und mehr Varianten im Angriff

André Haber pfeift unterdessen ab. „Team Alt“ bejubelt ein 3:2. „Die gewinnen meistens“, sagt Günther und grinst. Der Coach rückt sein Headset zurecht. Nein, seine Jungs haben keine Probleme, ihren Chef zu verstehen. Ausnahmsweise sind die Ränge in der Arena heute nicht leer. Der SC DHfK hat an diesem Dienstagabend seine Fanmitglieder zum Zugucken eingeladen. Nach einem Blick hinter die Kulissen mit Sportkoordinator Philipp Müller sitzen die Anhängerinnen und Anhänger jetzt auf der Tribüne. Und die sollen natürlich auch hören können, was da so geredet wird auf dem Parkett. Es ist das erste Angebot dieser Art. Weitere sollen folgen.

Nach dem Fußball ist vor dem eigentlichen Inhalt. An diesem Abend auf dem Plan: eine Angriffsvariante. Von denen studiert das Team eine ganze Reihe rein. „Wir haben etwa 20“, sagt der Trainer. Sie heißen „Eins Uwe“ oder „Jugo“ – und sie müssen sitzen, bei jedem. „Im Spiel muss ein Kommando reichen, dann muss jeder wissen, was er zu machen hat.“ Die Varianten werden deshalb nicht nur praktisch geübt. Es gibt sie auch schriftlich, als eine Art Playbook. „Es ist nicht so wie in der Schule. Aber die müssen die Jungs schon lernen.“

„Die wollen jeden Ball halten“

Haber holt einen weißen Zettel, verließt ein paar Namen. „Ihr nehmt euch bitte Deckungsleibchen.“ Dann geht’s los. Oskar Sunnefeldt hebt den Ball über Keeper Kristian Saeveras. Szenenapplaus, sogar vom norwegischen Schlussmann. Auch die Fans klatschen. „Hätte ich doch meine Rassel mitbringen sollen“, wispert eine Anhängerin. Unterdessen setzt Witzke eine falsche Sperre. „Orr ne“, entfährt es dem 22-Jährigen. „Luca!“, mahnt Kapitän Milosevic – und muss selber lachen. Nächster Versuch. Maciej Gebala bekommt den Ball. Zwei seiner Kollegen versuchen den Zwei-Meter-Hünen am Wurf zu hindern, hängen beinahe wie zwei nasse Säcke an ihm dran – und haben doch keinen Erfolg. Der Pole grinst zufrieden. Weiter geht’s. Ein kurzer Pfiff ertönt. „Nene, das ist Schrott, Sime“, entfährt es Haber.

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Der sonst am Spielfeldrand so explosive Coach spricht leise, unterbricht wenn nötig, geht immer wieder zu einzelnen Spielern, erklärt, lobt hin und wieder. Co-Trainer Milos Putera arbeitet unterdessen gemeinsam mit Wiesmach immer mit dem Torhüter, der gerade nicht an der Team-Übung mitwirkt.

Haber pfeift erneut. Wieder werden Namen verlesen, Leibchen verteilt. Die Aufgabe: Tempospiel in Überzahl. „Wir spielen jeweils Best of Seven, drei Gewinnsätze. Und los!“ Während Putera gemütlich am Rand sitzt und zählt und auch Wiesmach zuschaut (der Puls...), ist jetzt Schnelligkeit gefragt. Um die Überzahl zu schaffen, muss immer der Spieler des verteidigenden Teams, der zuletzt geworfen hat, an der Grundlinie bleiben, darf erst bei Anwurf losrennen, um zu helfen. Das schlaucht. Nach dem ersten Satz geht der Atem bei allen deutlich schwerer. Die Genauigkeit der Würfe nimmt im selben Maße ab. „Hey, konzentrier dich ein bisschen“, raunzt es von der Seite. Saeveras treibt Witzke unterdessen mit einem Grinsen zur Eile an. Einen reinzulassen, um das „Leid“ der Kollegen zu verkürzen? Nicht mit dem 26-Jährigen und Keeper-Kollege Mohamed El-Tayar. „Die wollen jeden Ball halten“, so Haber. „Da muss keiner hoffen.“ Er pfeift ein letztes Mal. Schluss für heute. Göppingen kann kommen.