23. Mai 2020 / 19:07 Uhr

96-Pokalheld Schjönberg über Finale 1992: "Hätte den Elfmeter auch ohne Publikum verwandelt"

96-Pokalheld Schjönberg über Finale 1992: "Hätte den Elfmeter auch ohne Publikum verwandelt"

Jonas Freier
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
23. Mai 1992, 20.37 Uhr: Michael Schjönberg verwandelt den entscheidenden Elfmeter zum 4:3 gegen Gladbachs Torhüter Uwe Kamps.
23. Mai 1992, 20.37 Uhr: Michael Schjönberg verwandelt den entscheidenden Elfmeter zum 4:3 gegen Gladbachs Torhüter Uwe Kamps. © imago images/Sportbuzzer Hannover
Anzeige

Hannover 96-Mai-Feiertage: Am 23. Mai 1954 wurde Hannover deutscher Meister, am 23. Mai 1992 Pokalsieger. Und morgen vor 22 Jahren, am 24. Mai 1998, schaffte 96 die Rückkehr in die 2. Liga. Ein Gespräch über Fußball und Corona mit dem 92er-Pokalhelden Michael Schjönberg (53).

Anzeige
Anzeige

Nicht nur der heutige Auftaktsieg nach der Corona-Pause gegen den VfL Osnabrück bietet Anlass zum Feiern. Vor genau 28 Jahren gewann Hannover 96 den DFB-Pokal. Der SPORTBUZZER hat mit dem Pokalhelden von 1992 Michael Schjönberg geredet und ihn gefragt, was er von Geisterspielen hält und welche Erinnerungen er an diesen besonderen Abend in Berlin hat.

Hallo, Herr Schjönberg, wie geht es Ihnen in Dänemark?

Danke, wir sind da Gott sei Dank gesund durchgekommen. Ich unterrichte schwer erziehbare Jugendliche in einer Einrichtung in Odense, die waren ja die ganze Zeit über wie kaserniert – für die war das schlimm. Das Schlimmste für mich war, dass ich meinen sieben Mo­na­te alten Enkel Hugo nicht gesehen habe.

Sie sind Opa, Glückwunsch!

Danke, das ist ein großes Glück. Jetzt mit den Corona-Lockerungen darf ich wieder Kontakt zu ihm haben.

23. Mai 1992, Berlin: Hier jubeln die 96-Pokalsieger nach dem finalen Elfmeterschießen gegen Gladbachh – von links: Torwart Jörg Sievers, Michael Schjönberg mit Pokal, Oliver Freund, Bernd Heemsoth,
Roman Wojcicki, Axel Sundermann, Jörg-Uwe Klütz, Uwe Jursch, Mathias Kuhlmey und Michael Koch.
23. Mai 1992, Berlin: Hier jubeln die 96-Pokalsieger nach dem finalen Elfmeterschießen gegen Gladbachh – von links: Torwart Jörg Sievers, Michael Schjönberg mit Pokal, Oliver Freund, Bernd Heemsoth, Roman Wojcicki, Axel Sundermann, Jörg-Uwe Klütz, Uwe Jursch, Mathias Kuhlmey und Michael Koch. © imago sportfotodienst
Anzeige

Genau vor 28 Jahren sind Sie mit 96 Pokalsieger geworden. Hätte der damalige Zweitligist 96 den Favoriten Gladbach auch in einem Geisterspiel geschlagen?

Nein, das glaube ich nicht. Ein volles Stadion hat schon einen sehr großen Einfluss. ich habe das ja ganz besonders extrem in meiner Zeit beim 1. FC Kaiserslautern erlebt. Auf dem Betzenberg, da konnte uns nichts passieren. In Hannover hat uns das Publikum 1992 zu den Siegen im Viertelfinale gegen Karlsruhe und im Halbfinale gegen Werder Bremen getragen. Für mich persönlich war es ein Riesenvorteil, vor vollem Haus zu spielen. Das hat dir einen enormen Schub gegeben.

Hätten Sie den entscheidenden Elfmeter im Pokalfinale auch in einem leeren Stadion verwandelt?

Was glauben Sie denn? Na­tür­lich! Bei einem Elfmeter bist du eh in einem Tunnel. Wenn ich mir damals Gedanken gemacht hätte, wie viele Leute im Stadion zuschauen, dann hätte ich mir in die Hosen gemacht und wäre nach Hause gegangen.

Der Jahrestag des Pokalsieges mit 96 – immer noch ein besonderer Tag für Sie?

Das weiß ich alles noch genau, sogar die Uhrzeit – es war 20.37 Uhr. Ich habe so viel Glück in meiner Karriere gehabt, darauf stoße ich an, das ist wie Geburtstag. Da warst du dabei, da hast du Geschichte geschrieben – das vergisst du nie.

24. MAI 1998, Hannover: Hier jubeln die 96-Zweitliga-Aufsteiger – 5:1 nach Elfmeterschießen gegen TB Berlin
24. MAI 1998, Hannover: Hier jubeln die 96-Zweitliga-Aufsteiger – 5:1 nach Elfmeterschießen gegen TB Berlin © imago sportfotodienst

Ist so was heutzutage wiederholbar?

Otto (Rehhagel, Anm. d. Red.) hat immer gesagt: Die Schere geht immer weiter auseinander. Und das ist auch der Fall. Man sieht ja, wie es jetzt bei Kaiserslautern in der 3. Liga aussieht – das ist ja noch schlimmer als bei Hannover. Es kommt nie wieder vor, dass eine Mannschaft aus der 2. Liga den Pokal gewinnt. Und es kommt nie wieder vor, dass eine Mannschaft, die gerade aufgestiegen ist, deutscher Meister wird. Es würde mich freuen, wenn es passiert – aber ich glaube nicht daran.

Wie weh tut Ihnen die Entwicklung Ihrer Ex-Klubs?

Es tut mir vor allen Dingen weh, dass ich ihnen nicht helfen kann. Ich habe ja ge­dacht, ich würde immer in Deutschland bleiben – entweder in Hannover oder in Kaiserslautern. Ich drücke beiden Klubs die Daumen – mehr kann ich nicht machen.

Michael Schjönberg heute.
Michael Schjönberg heute. © imago/Digitalsport

Bei 96 waren Sie 2006 ja kurzzeitig Nachfolger von Peter Neururer als Trainer. Warum sind Sie nicht geblieben?

Ich bin ja als 96-Cheftrainer ungeschlagen, habe das Pokalspiel damals in Dresden gewonnen. Aber Martin Kind hat dann gemeint, den Dieter Hecking holen zu müssen. Und der Hecking hat den Dirk Bremser dabeigehabt. Und dann durfte ich die Amateure bei Hannover trainieren. War eine schöne Zeit.

Und bei Kaiserslautern waren Sie auch immer mal wieder als Trainer oder Sportdirektor im Gespräch. Warum ist das nichts geworden?

Das ist Politik. Wenn man nicht mit jemandem be­freun­det ist oder ihn sehr gut kennt oder morgens Brötchen vorbeibringt, ist es schwierig, reinzukommen. Aber mir geht es auch so gut. meine Familie ist gesund, ich bin gesund – ich kann nicht meckern. Überhaupt nicht.

23. Mai 1954: Hier jubelt der deutsche Meister 96 nach dem 5:1-Finalsieg gegen Kaiserslautern.
23. Mai 1954: Hier jubelt der deutsche Meister 96 nach dem 5:1-Finalsieg gegen Kaiserslautern. © imago sportfotodienst

96 hat Sie damals quasi verschenkt – so sind Sie für nur 100 000 Mark Ablöse in Odense und dann in Kaiserslautern gelandet. Ein Geschenk des Himmels ...

So bin ich in die Nationalmannschaft gekommen, war bei vier Endrunden dabei und hatte noch die Möglichkeit, von Kaiserslautern nach Florenz zu wechseln – aber Otto meinte, das wäre keine gute Idee. Ich hatte eine Zeit, die war Wahnsinn. Es stand nicht in den Sternen, dass ich vom Fußball leben sollte.

Mehr zu Hannover 96

Sie reden sehr respektvoll von Otto Rehhagel.

So wie er war, das mag ich, wenn jemand geradeaus ist. Wenn du deine Sachen ge­macht hast, dann hat er dich auch beschützt. Ich konnte auch schlecht spielen, aber wenn die Einstellung da war, war alles in Ordnung. Er hat mich gebraucht und ich ihn – ein guter Mensch.