31. Dezember 2018 / 07:55 Uhr

96-Profi Edgar Prib im emotionalen Interview: "Habe unsere Spiele mit Tränen in den Augen geschaut"

96-Profi Edgar Prib im emotionalen Interview: "Habe unsere Spiele mit Tränen in den Augen geschaut"

Dirk Tietenberg
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Lange litt Edgar Prib und kämpfte gleich zwei Mal in Folge für ein Comeback im Profifußball. Sein emotionales Interview. 
Lange litt Edgar Prib und kämpfte gleich zwei Mal in Folge für ein Comeback im Profifußball. Sein emotionales Interview.  © Petrow/Montage
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Im ersten Teil vom großen Interview mit Edgar Prib spricht der 96-Pechvogel über seine lange Leidenszeit nach zwei Kreuzbandrissen, Gedanken an das Karriere-Ende und seine spezielle Therapie mit dem Klavier. 

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Wie war das erste Jahr ohne Fußballspiel?

Ein Jahr ohne Pflichtspiel. Das ist echt schlimm, echt traurig, wenn man das so sieht. Ich war ja nicht weit entfernt. Ich hatte nach der ersten Verletzung mit der Mannschaft schon trainiert. Aber es sollte nicht sein. Was soll ich sagen?

Es sollte nicht sein. Kam der Einstieg nach der ersten Verletzung zu früh?

Der Fehler war, und das habe ich jetzt eingesehen, dass ich an dem Tag zu müde war. Ich habe zu viel gewollt. Ich habe mich müde trainiert. Im letzten Schritt der Reha musst du Teile mit der Mannschaft mitmachen, um die Belastung mitzukriegen. Da kann man viel simulieren, aber man muss schon dabei sein, sonst kriegt man's nicht hin. Allerdings habe damals bei meinem Return-play-Test noch eine zusätzliche Trainingsempfehlung erhalten. Ich musste zusätzlich Krafttraining machen. Das habe ich vor dem Mannschaftstraining gemacht, das macht die Muskeln müde.

Und heute?

Heute bin ich in vielen Bereichen deutlich stärker. Ich sollte einfach zwei Tage vor dem Mannschaftstraining keine Kraftübungen mehr machen. Damals waren es zwei Einheiten täglich. Das war der Fehler. Ich war zu müde. Das Pensum war zu hoch. Daran hat keiner Schuld. Das ist einfach eine Erfahrung, die man macht, sinnlos vielleicht.

Bilder vom Training von Hannover 96 (29. Dezember 2018)

AndrŽé Breitenreiter gibt seinem Team Anweisungen. Zur Galerie
AndrŽé Breitenreiter gibt seinem Team Anweisungen. ©
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Wie müde hat Sie die erneute Verletzung gemacht?

Ich war nach der ersten Verletzung erstmal total geschockt. Ich habe Tränen vergossen. Der erste Lichtblick war das Joggen nach zwölf Wochen. Das sind die Lichtblicke, diese Momente, wenn es vorangeht. Wenn ich merke: „Boah, ich bin jetzt wieder auf dem Platz, hier hab ich gute Laune mir geht’s gut, geil.“ Ich habe trainiert, stand kurz vor der Rückkehr. Und dann, dann kam der zweite Schock. Und der hat richtig wehgetan. Innerlich. Daran hatte ich zu knabbern. Da hinterfragst du halt auch alles.

Mach ich weiter, höre ich auf?

Natürlich. Das schoss mir alles rein. Ich war traurig ohne Ende, konnte nichts mehr glauben, hatte keinen Bock auf Nichts.

Auch nicht aufs Klavierspielen?

Nein, auch das nicht. Klavierspielen ist meine Leidenschaft. Nach der ersten OP saß ich am Klavier, nachdem ich das Bein ein bisschen beugen konnte. Nach der zweiten OP saß ich anderthalb Monate nicht am Klavier. Ich kann es kaum beschreiben. Ich war einfach lustlos. Ich habe für mich beschlossen, erstmal nicht mehr im Stadion zu sein. Die erste Reha habe ich beim Doc Axel Partenheimer in der Praxis gemacht. Ich habe drei Monate das Haus kaum verlassen. Die Physios Ralf Blume und Steffen Gniesmer haben mich zu Hause behandelt. Ich wollte keinen sehen.

Haben die Spieler Sie nicht besucht?

Doch. Wir haben einen Abend gemacht, wo wir uns über alles unterhalten haben.

Und einen hinter die Binde gekippt haben?

Mit ein paar Bierchen, ja. Das muss halt mal sein. Der Abend hat geholfen. Charlie Benschop war auch oft verletzt, hat wenig Spiele gemacht. Das bringt Verbundenheit und das hilft. Die, die in der Zeit bei mir waren, haben mir sehr geholfen. Ein guter Kumpel aus Hamburg ist gekommen. Es hat mir auch geholfen, mit meinem Vater über andere Sachen als Fußball zu reden, Geschichten von meinem Patenkind zu hören. Ich habe alles getan, um nicht zu viel an Fußball zu denken.

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Auch kein Fußball geguckt?

Unsere Spiele habe ich schon geschaut, aber mit Tränen in den Augen, muss ich sagen. Es tut immer noch weh, aber heute bin ich … ich bleibe einfach mal chronologisch. Ich war lustlos damals. Die ersten sechs Wochen in Schiene und dann noch drei Wochen auf Krücken. Da muss man dann einfach durch. Das Training, zuerst am Oberkörper, hat dann wieder gutgetan. Training ist Therapie – so nenne ich das. Dann habe ich mich auch wieder als Klavier gesetzt.

Was passierte in dem Moment?

Ich habe mich geärgert, dass ich ein paar Stücke verlernt habe (lacht).

Was haben Sie zuerst gespielt?

Das Stück von Ludovicio Einaudi – wie heißt denn das? Das Stück aus dem Film Ziemlich beste Freunde: Una Mattina. Wunderschön. Ich kann es nicht perfekt, aber es ist wunderschön.

Wie war das?

Es therapiert. Schöne Klänge, schöne Akkorde. Ich hätte früher damit anfangen sollen. In der Zeit danach kehren Kleinigkeiten zurück: Das Training, die Kraft, die man zuerst in den Oberkörper bekommt. Das fühlt sich gut an. Trotzdem bin ich hier am Stadion noch nicht wieder aufgetaucht.

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Wie ging es weiter?

Bei dem früheren 96-Physio Markus Witkop in Gehrden. Er hat ein Fitnessstudio zusätzlich zu den Behandlungsräumen. Dort habe ich den Spruch verinnerlicht: Therapie durch Training. Das hat mir gutgetan. Ich habe mit Kniebeugen angefangen. Gesteigert, gesteigert, gesteigert, bis auf 110 Kilo auf der Hantel. Ich habe gar nicht nachgedacht. Ich bin einfach immer die 20 Minuten nach Gehrden zum Training rausgefahren. Ich habe nicht daran gedacht, wann ich wieder mit Fußball anfangen kann. Mein Kopf hat das verdrängt. Die Fußballwelt ist so klein, ein Witz im Vergleich zu dem, was draußen abgeht. Viel schlimmer ist, wenn jemand aus der Familie krank wird. Mein Anker war, dass ich gesund werde. Und Therapie durch Training, das war mein Spruch, das habe ich mir immer wieder gesagt. Und nicht gedacht: Nur geschaut: Welche fiese Übung hat der Pabel (Björn Pabel, früher auch 96-Physio) sich heute wieder für mich ausgedacht?

Wie lange ging das?

Tja, auf einmal, nach zwei Monaten, war die Kontrolle beim Doc Ulrich Boenisch in Augsburg und er sagte: Du kannst jetzt wieder joggen.

Am Maschsee?

Nein, immer noch in Gehrden. Ein Riesenacker, keine Menschenseele, kein Auto, nichts. Schöne Strecke. Solche Erlebnisse ziehen einen hoch. Und irgendwann bin ich wieder auf dem Platz gestanden mit Dennis Fischer. Ein neuer Athletiktrainer, das Trainingslager mit der Mannschaft, das hat dann wieder gutgetan.

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