29. Dezember 2019 / 07:34 Uhr

96-Märchenstürmer Weydandt schwärmt von "Prinz Harry"

96-Märchenstürmer Weydandt schwärmt von "Prinz Harry"

Dirk Tietenberg
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Erst im vergangenen Jahr wurde Hendrick Weydandt Fußballprofi, jetzt ist er eine feste Größe bei Hannover 96.
Erst im vergangenen Jahr wurde Hendrick Weydandt Fußballprofi, jetzt ist er eine feste Größe bei Hannover 96. © dpa
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Die NP-Sportlerwahl 2019 – am 21. Januar küren wir unsere Top-Athleten bei der Sportgala im Theater am Aegi. Sie bestimmen mit Ihrer Wahl, wer oben steht. Wir stellen täglich einen Kandidaten vor. Diesmal: 96-Stürmer Hendrik Weydandt (24).

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Hendrik Weydandt, noch einmal das Thema Märchenprinz, müssen wir nochmal machen ...

Nur noch einmal? Das ist okay (lacht).

Wie wäre es, wenn Sie sich als Sportler des Jahres in Hannover die Krone aufsetzen?

Natürlich würde ich mich freuen. Im vergangenen Jahr haben die beiden Füllkrugs gewonnen und da habe ich das erste Mal so richtig wahrgenommen, was für eine Größenordnung diese Auszeichnung hat. Hannover ist kein so ganz kleiner Fleck auf der Karte, das ist schon Wahnsinn. Dass ich nominiert werde, hätte ich mir nie erträumt. Als ich davon gehört habe, war ich wieder der kleine Junge, der denkt: Ui, das ist krass! Da musste ich schon mal zwei Minuten darüber nachdenken, was das eigentlich für mich bedeutet.

Und was?

Man darf die Bodenhaftung nicht verlieren. Aber diese Nominierung steckt für mich ganz oben in der Schublade. Ich bin gebürtiger Hannoveraner. Ist das eigentlich ein Kriterium?

Ist es nicht.

Umso schöner!

Kandidat für die NP-Sportlerwahl 2019: Hendrik Weydandt

Sie sind in guter Gesellschaft, Weltmeister und Olympiasieger sind dabei. Der Handballer Morten Olsen zum Beispiel. Sie kennen ihn persönlich?

Über die Recken Fabian Böhm und Timo Kastening ein bisschen. Timo und ich sind echt als Freunde zusammengewachsen. Wir sind auf der gleichen Wellenlänge. Wir sind 1995er-Jahrgang, die können wahrscheinlich alle miteinander (lacht).

Ist es seltsam für Sie, als Gewinner des Jahres 2019 zu gelten, obwohl Hannover 96 nicht viel gewonnen hat?

Das war schon Ende der letzten Saison paradox. Viele haben gesagt: Komm mal her, ich klopfe dir jetzt mal auf die Schulter, vergiss mal den Abstieg mit 96, schau mal lieber, was du erreicht hast. Ich kann diese Sichtweise verstehen, aber es fühlt sich nicht so an, dass es ein positives Jahr war. Es war eben ein sehr schwieriges Jahr für mein Team, meinen Verein und für meine Stadt. Mein persönlicher Erfolg ist leider nur ein Teil des großen Ganzen. Und das große Ganze überschattet entsprechend den Einzelnen. So sehe ich das.

Wenn Sie es anders sehen würden, wären Sie wahrscheinlich Tennisspieler geworden.

Ja, wobei ich tatsächlich Tennis und Fußball parallel gespielt habe. Ich habe mich letztlich für Fußball entschieden. Aber Tennis habe ich echt gerne gespielt. Ein geiler Sport.

Hendrik Weydandts Fußballkarriere in Bildern:

Hendrik Weydandt (rechts) begann seine Fußballkarriere beim TSV Groß Munzel. Zur Galerie
Hendrik Weydandt (rechts) begann seine Fußballkarriere beim TSV Groß Munzel. ©

Tennisspieler sind einsam. Wie Stürmer vielleicht?

Vielleicht. Stürmer sind ja besondere Typen. Anders.

Wie anders? Haben Stürmer eine besondere Macke?

Nein, aber jeder Stürmer hat ein persönliches Ziel. Gleichzeitig darf man den Teamgedanken nicht vergessen. Entsprechend ist das bei Stürmern so: Erstens will ich gewinnen und zweitens will ich selbstverständlich ein Tor schießen. Das ist gut so, sonst wäre man im Sturm nicht gut aufgehoben. Man hat den Anspruch auf ein gutes Spiel, eine gute Vorlage, auf etwas Prägnantes, das etwas folgt aus der Aktion. Es geht Stürmern nicht darum, 80 Prozent Ballbesitz zu haben.

Wenn Sie immer torhungrig sind, sind Sie dann satt, wenn Sie ein Tor erzielt haben? Und umgekehrt: Wie geht man damit, wenn nichts Prägnantes passiert?

Satt ist man nie. Ich ruhe mich nach dem Spiel keine paar Tage aus und sage: Super, ich habe getroffen. Das ist Quatsch, wäre auch nicht förderlich. Aber es ist blöd, wenn man nicht trifft. Ich spule mal zum Bochumspiel zurück. Ich habe das Tor zum 2:2 auf dem Fuß und mache es nicht. Wir erzielen keinen Ausgleich, und ich habe mein Tor nicht gemacht. Deshalb konnten wir das Spiel nicht mehr drehen.

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<b>Andreas Toba</b> - Turnen, TKH, Deutscher Meister - 0137/9880822-04 Zur Galerie
Andreas Toba - Turnen, TKH, Deutscher Meister - 0137/9880822-04 ©
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Aber Sie können es nicht ändern ...

Eben. Und das ist auch ein Teil der Kunst: manchmal etwas gleichgültig zu sein. Vergangenes ist vergangen. Diese Sache musste ich lernen.

Wie?

Learning by doimng. Stolpern und aufstehen. Ist wirklich so. Ich hatte da meine Probleme. In Egestorf habe ich zum ersten Mal leistungsorientiert gespielt. Ich hatte Phasen im Spiel, da ist mir etwas nicht gelungen, ich haderte damit und alle weiteren Aktionen haben darunter gelitten. Ich hatte zu viel darüber nachgedacht. In etwa so: Was heißt das jetzt, fürs Spiel, für mich, wie sieht das aus. Die Zeitung erzählt mir das – seit ich bei 96 spiele - später auch noch. Ehrlich: Das ist alles Quatsch. Mir wurde früher nachgesagt, dass ich zu viel nachdenke, zu viel hadere, und dann eine negative Körpersprache habe, die sich auf Mitspieler überträgt. Es war eine Aufgabe, das zu ändern - die musste ich erst bewältigen. Ich musste da rauskommen. 

Moment mal, sind Sie nicht unter anderem wegen Ihrer positiven Körpersprache so beliebt?

Für diese Wertschätzung im Stadion und auch sonst kann ich mich gar nicht genug bedanken. Ich wollte es mir aber selbst beweisen, diesen Makel ablegen zu können. Dass ich Lob von den Fans bekomme, war eigentlich nicht mein ursprünglicher Antrieb. Ich hatte eine Schwäche ausgemacht und habe versucht, sie zu beseitigen.

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Imke Onnen - Hochsprung, Hannover 96, WM-Finalistin - 0137/9880821-01 ©

Schauen Sie sich bei anderen Sportarten was ab, was Mentalität angeht?

Handball ist ein Paradebeispiel für Teamgeist, für positive Energie in schwierigen Momenten. In Egestorf haben wir regelmäßig gegen die Handballmannschaft von Barsinghausen gespielt. Eine Halbzeit Fußball, eine Handball. Das macht schon Bock. Ich komme nur mit dieser Patte (Handball-Harz) nicht klar. Was Handball ausmacht, ist die bedingungslose Unterstützung deines Nebenmannes. Ich gucke mir da schon viel ab.

Wem schauen Sie sich beim Fußball gerne zu?

Mit der Mannschaft treffen wir uns schon häufiger zum Champions-League-Abend.

Und welche Spieler schauen Sie gerne?

Als Stürmer ist mein Paradebeispiel Lewandowski - auch mit seiner Disziplin. Wem ich sehr gerne zusehe, ist Harry Kane (Spitzname „Prince Harry“/Tottenham Hotspur). Er ist ein an sich vollkommener Typ, der zwar kleine Schwächen hat, aber sie so clever mit seinen Stärken umspielt, das ist klasse. Und bei der Messi- oder Ronaldo-Diskussion: Ganz klar Messi.

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TSV Hannover-Burgdorf - Handball, Bundesliga-Spitzenteam - 0137/9880823-01 ©

Körperlich sind Sie stark. Brauchen Sie Muskeln für Ihr Spiel?

Genetisch habe ich das schon so bisschen von Papa und Opa. Aber ich habe mich schon immer wohlgefühlt habe, wenn ich Krafttraining gemacht habe. Damit ich mich kräftig genug fühle, um mich gegen Innenverteidiger durchzusetzen. Ich hatte zuletzt sechs Wochen ein wenig mit meiner Schulter zu kämpfen und durfte kein Krafttraining machen. Das habe ich schon gemerkt, in den Zweikämpfen fühlte ich mich nicht so präsent wie nach zweimal in der Woche Oberkörperkrafttraining.

Können Sie den vielen Stürmern in Hannover und der Region einen Stürmer-Trick eines Profis verraten?

Mein Tipp wäre vielleicht dieser: Wenn eine Situation nicht gelingt, Kopf oben halten und weitermachen. Das ist das A und O für mich. Es hört sich blöd an, aber man braucht ein Stück weit eine Scheiß-egal-Mentalität. Ungefähr so: Ich doch egal, dass ich den Ball aus zwei Metern nicht reingemacht habe, ich bekomme gleich noch eine Gelegenheit und dann mache ich den rein. Ganz schwer ist das. Ich habe das selbst erst spät kapiert, aber es ist wichtig.

Seit anderthalb Jahren sind Sie erst Profi. Wie hat sich das Leben verändert?

Ich fühle mich überhaupt nicht mehr wie vor einem Jahr, als ich gefühlt Amateur-Profi war. Es sind Lücken entstanden im Kader auf und neben dem Platz. Ich habe relativ schnell auch gesagt, dass ich gerne Verantwortung übernehme. Und ich kneife mich auch nicht mehr jeden Tag. Das würde auch Kraft kosten, mich jeden Tag neu einzusortieren. Und das Leben als Profisportler hat auch Auswirkungen aufs Private. Ich fahre natürlich auch nicht mehr zu jeder Geburtstagsfeier – weil es eben nicht professionell wäre.

Das sind die restlichen Spiele von Hannover 96 in der Saison 2019/20 in der 2. Bundesliga nach der Corona-Zwangspause:

28. Spieltag (Mittwoch, 27. Mai, 18.30 Uhr): Karlsruher SC (H) Zur Galerie
28. Spieltag (Mittwoch, 27. Mai, 18.30 Uhr): Karlsruher SC (H) ©

Waren Sie nochmal auf dem Platz in Groß Munzel?

Ich war zweimal noch da. Einmal habe ich zusammen mit meinem früheren Trainer Jan Richard mit den Kids Training gemacht. Ich muss aber nicht ständig in Erinnerung schwelgen und jeden Tag diese Geschichte erzählen. Das Kapitel war wunderschön, aber ich muss mich darauf konzentrieren, was ich jetzt tue. Ich schaffe es zeitlich auch nicht mehr so häufig, dort zu sein.

Können Sie Schulterklopfer von Freunden unterscheiden?

Ja, das liegt mir. Ich habe relativ schnell gemerkt, dass es Prominenz-geile Leute gibt, die das miterleben wollen. Aber das ist mir zu künstlich. Mein Freundeskreis hat sich nicht großartig geändert.

Haben Sie noch ein Märchen, eine Geschichte, die Sie schreiben möchten?

Ich habe jetzt kein spezielles großes Ziel, aus dem ich Motivation schöpfen muss oder einen Punkt, auf dem ich landen möchte. Diesen Tunnelblick finde ich schwierig. Ich habe mal gelernt, je weiter der Horizont, desto wahrscheinlicher, dass ich zufrieden werde.