10. Februar 2019 / 11:30 Uhr

96-Trainer Stephan Schmidt im Interview: "Halt doch einfach mal die Klappe"

96-Trainer Stephan Schmidt im Interview: "Halt doch einfach mal die Klappe"

Dirk Tietenberg
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Stephan Schmidt ist bei Hannover 96 für den Nachwuchs verantwortlich.
Stephan Schmidt ist bei Hannover 96 für den Nachwuchs verantwortlich. © Maike Lobback
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Im SPORTBUZZER-Interview spricht Stephan Schmidt, 96-Trainer der U19, über Talente, Druck für seine jungen Spieler und Erfahrungen, die er in den vergangenen Jahren als Trainer gesammelt hat. 

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Stephan Schmidt (42) war bis 2013 Trainer in Paderborn, ein Vorgänger von André Breitenreiter. Seine Karriere als Fußballlehrer ging steil bergauf, er war ein er drei Hauptfiguren in dem ausgezeichneten Dokumentarfilm „Trainer!“ von Aljoscha Pause. „Ich werde in der ersten Liga trainieren. Das ist Fakt“, sagt er in dem Film. Eine Vorhersage, die sich bisher nicht erfüllte. Aber Schmidt ist weiter auf dem Sprung, wurde um ein Haar Nachfolger von Breitenreiter vor dem 96-Spiel in Dortmund. Seine aktuelle Schlüsselposition bei Hannover 96 ist in der U19 - der letzten Jugendstation, wo sich Karrieren entscheiden.

Herr Schmidt, viele Fußballfans kennen Sie nicht nur aus ihrem Job, sondern aus dem Fernsehen. Der Film-“Trainer!“ hat Sie berühmt gemacht ...

Das ist aber schon ein bisschen her. Das war für meine Persönlichkeits-Entwicklung ein interessanter Schritt. Mit ein bisschen Abstand würde ich allerdings einiges relativieren, weil man sich ja weiterentwickelt. Aber damals war das spannend.

Es ist spannend, zuzuschauen, wie Sie und Ihre Kollegen Frank Schmidt (Heidenheim) und André Schubert (St. Pauli) versuchen, den Erfolg zu planen. Ist Fußball überhaupt planbar?

Einige Dinge sind planbar. Das gilt insbesondere für den Jugendfußball. Wir müssen uns im Nachwuchsbereich von diesem Day-to-Day-Business verabschieden. Es gibt Schnittmengen zum Profibereich, wo auch von Tag zu Tag geplant wird. Aber in der Jugend sollte es anders funktionieren.

Was ist der Unterschied?

Von der Intensität her trainieren die Profis auf einem anderen Level. Aber wir versuchen, die Intensität anzugleichen. Unser Job ist es, die Spieler in möglichst vielen Punkten darauf vorzubereiten. Aber es gibt Grenzen. Stressresistenz im Profibereich kann man kaum Eins-zu-Eins nachahmen. Der Druck, der als Profi auf dich als Spieler zukommt, ist ein ganz anderer.

Aber der Druck im Jugendbereich muss doch riesig sein. Wer zu Ihnen in die U-19-Bundesliga geschafft, der will doch auch Profi werden, oder?

Wir bereiten die Jungs darauf vor, dass es eventuell anders kommt. Wir fahren zweigleisig, wollen, dass die Jungs einen guten Schulabschluss bekommen oder eine Ausbildung beginnen. Die Spieler wissen, dass es nur ganz wenige schaffen. Aber: Sie sollten ihr Ziel vor Augen haben. Unser Job ist es, die Spieler so auszubilden, dass der Sprung zu den Profis relativ gering ist.

Die Bilder vom Bundesliga-Derby (Hinrunde 2018/19) zwischen der U19 von Hannover 96 und dem TSV Havelse

Havelses Samet Gülle verfolgt Christopher Gloster. Zur Galerie
Havelses Samet Gülle verfolgt Christopher Gloster. ©
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Die Jugendlichen gehören zur Elite in ihrem Alter, sie verzichten auf Freizeit, haben etliche Auswahlverfahren hinter sich. Ist das nicht sehr hart für Jugendliche, die keine Abwehrpanzer mit sich herumtragen?

Wir machen ihnen klar, dass sie sich nicht allein auf den Fußball konzentrieren. Wenn ein Jugendspieler die Entscheidung trifft, über den Leistungsfußball in den Profibereich zu kommen, dann muss er auf bestimmte Dinge verzichten. Diesen Verzicht muss man üben. Indem man zum Beispiel seinen Kumpels sagen muss: Hey, ich kann nicht mit euch rausgehen, weil ich ein Spiel habe und mich darauf vorbereiten muss. Der Spieler muss verzichten, hat aber dafür andere Dinge, die andere Jugendliche in dem Alter nicht haben.

Welche?

Reisen und besondere Erlebnisse zum Beispiel. Wir waren im Sommer beim Ruhr-Cup, haben gegen Juventus Turin und AS Monaco gespielt (am Ende mit Platz drei nach 1:0 gegen den 1. FC Köln). Solche Erlebnisse bringen Spieler als Persönlichkeit weiter, nicht nur fußballerisch. Die Spieler spüren natürlich den Druck, sie haben es weit gebracht. Wir sagen ihnen deutlich: Junge, pass auf, du hast die Chance, Profi zu werden, aber es packen nur ganz wenige.

Welche Talente schaffen es aktuell nach oben. Ist Tempo alles?

Nein. Auf keinen Fall. Ich betrachte diese Phase im deutschen Fußball schon seit längerer Zeit sehr skeptisch. Besonders bei der Spielintelligenz und der Kreativität sind andere Nationen ein Stück weit besser aufgestellt als wir. Wir müssen auch diese Bereiche in Zukunft besser abdecken. In den jüngeren Jugendbereichen sollte schon darauf geachtet werden.

Weil Tempo nur Veranlagung ist und es sich kaum trainieren lässt?

Für mich ist Tempo nicht das Entscheidende. Das Entscheidende für mich ist die Handlungsschnelligkeit. Ich nenne es „Mental Action Speed“, das Tempo, das du im Kopf hast.

Ist das ein Appell an die F-, E und D-Jugendtrainer?

Für mich ist es unabdingbar, den Kopf zu schulen. Auch in unserer U19. Der Gegner-Raum-und-Zeit-Druck wächst immens. Es geht um richtige Entscheidung in unterschiedlichen Situationen. Danach richten wir unsere Ausbildung aus.

Wie gut sind die Talente, wie stark ist die U-19-Bundesliga?

Alle Spiele sind hochintensiv. Ich kann es schließlich vergleichen. Zwischen 2009 und 2012 war ich U-19-Trainer in Wolfsburg. Das Tempo und die Intensität sind seitdem höher geworden. Aber die Kreativität, die Individualität und die Spielintelligenz auf einzelnen Positionen sind eher abgefallen. Wichtig für mich ist, dass wir als Hannover 96 gegen jede Mannschaft aus größeren NLZs mithalten können.

Hat der DFB Fehler gemacht bei der Ausbildung der Spieler?

Ich möchte das nicht kritisieren. Ich gebe nur meine Gedanken weiter und schaue nach vorne, um Dinge zu verändern. Ich möchte positionsspezifischer arbeiten, insbesondere, was die offensiven Positionen betrifft. Da sind einige Nationen an uns vorbeigegangen. Auf den kreativen Positionen sollen die Spieler ihre Persönlichkeit ausleben. Wenn wir das erreichen, können wir europäisch wieder aufschließen. Von den Top-Nationen sehe ich uns im Moment ein Stück weit entfernt.

Das sind die Talente, die sich bei 96 nicht durchsetzen konnten:

<b>Tor: Timo Königsmann.</b> Der gebürtige Hannoveraner startete seine Karriere in der Jugend von Hannover 96. Den großen Durchbruch in die Profi-Mannschaft schaffte der Torhüter allerdings nicht. In der Regionalliga Nord kam der 21-Jährige für die Reserve von Hannover 96 immerhin auf insgesamt 3510 Einsatzminuten.  Zur Galerie
Tor: Timo Königsmann. Der gebürtige Hannoveraner startete seine Karriere in der Jugend von Hannover 96. Den großen Durchbruch in die Profi-Mannschaft schaffte der Torhüter allerdings nicht. In der Regionalliga Nord kam der 21-Jährige für die Reserve von Hannover 96 immerhin auf insgesamt 3510 Einsatzminuten.  ©

Platz drei mit 96, Anschluss zur Spitze: Wie handlungsschnell ist denn Ihr Team?

Der Primär-Job ist doch, Spieler für den Profibereich bei Hannover 96 zu generieren. Wenn wir es schaffen, die Qualität des Einzelnen zu verbessern, wird auch die Mannschaftsleistung profitieren.

Meine Einstiegsfrage sollte eigentlich sein: Treibt Sie das an, bei 96 erster Meistertrainer seit Fiffi Kronsbein im Jahr 1954 zu sein?

Kein Kommentar.

Habe ich mir gedacht. Aber Fiffi Kronsbein ist Ihnen ein Begriff?

Natürlich, klar.

Auf welchen Trainer haben Sie geschaut?

Ich hatte das Glück, in der Fußballlehrer-Ausbildung bei Hertha BSC den Trainer Lucien Favre im Praktikum über sieben Jahre kennenzulernen. Ich habe unglaublich viel von ihm gelernt, menschlich, sozial und fachlich. Er ist hochintelligent und weiß, wie er strukturiert und im Detail die Spieler verbessert. Er hat mich geprägt für mein Trainer-Dasein.

Wie sieht denn der Fußball von Stephan Schmidt aus?

Wir möchten kreativen Fußball haben, Rhythmuswechsel, Positionsspiel. In der U19 und der U23 wollen wir die Spieler individuell auf den Profibereich vorbereiten. Da geht es aber nicht darum, welchen Fußball der Stephan Schmidt spielen möchte.

Die Top-Teams Hertha BSC, St. Pauli, Leipzig, Wolfsburg, Hamburger SV haben Sie alle im nächsten Monat hintereinander. Freuen Sie sich schon auf den heißen März?

Das ist doch schön. Wir hatten das ja im Herbst auch schon (zwölf Punkte aus fünf Topspielen). Dieser heiße März wird ein Highlight. Gegen die vermeintlich kleineren Mannschaften müssen wir aber auch bestehen.

Ihr Kapitän hat den prominentesten Fußballnamen. Wie gehen Sie mit Luca Beckenbauer um?

Luca haben wir von den Bayern zu Schalke geholt. Er war damals schon mein Spieler. Er ist eine eigene Persönlichkeit, war damals schon mein Kapitän. Er ist ein Ruhepol, definiert sich über Qualität. Die Zurückhaltung, die er hat, tut ihm gut. Luca soll sich weiter auf seine Leistung konzentrieren und nicht auf seinen Namen. Das macht er auch gut.

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Michael Esser: Steht wie 'ne Eins gegen Knölls Knaller. Auf ihn ist Verlass. Sichere Spieleröffnung, gute Ausstrahlung. Kriegt dafür eine 2. Note 2. Zur Galerie
Michael Esser: Steht wie 'ne Eins gegen Knölls Knaller. Auf ihn ist Verlass. Sichere Spieleröffnung, gute Ausstrahlung. Kriegt dafür eine 2. Note 2. ©
LESENSWERT

Und Tore schießt er auch ...

Ja. Er ist im Kopf sehr weit.

Justin Neiß (9 Tore) und Sebastian Soto (10) sind Ihre Torjäger. Soto war mit den Profis in Marbella im Trainingslager. Ist er so weit für die Profikarriere?

Bitte nicht vergessen, dass er im Sommer erst aus den USA nach Europa gekommen ist. Er ist erst 18. Er hat aber eine Gabe: Er ist relaxt außerhalb des Platzes und sehr fokussiert auf dem Platz. Deshalb sehe ich seine Entwicklung positiv. Wir gehen Schritt für Schritt, das gilt auch für die anderen, die bei den Profis mal reinschnuppern durften. Ich sage den Spielern: Bleibt auf dem Boden.

Sie waren Profitrainer in Paderborn, Cottbus und Würzburg. Wollen Sie wieder in den Profibereich zurück?

Die Erfahrung durfte ich bereits machen, das hat mich geprägt. Ich weiß dadurch, worauf es ankommt bei jungen Spielern. Diego Demme zum Beispiel war mein Spieler in Paderborn, er ist jetzt in Leipzig. Ich kenne die Steps. Aber um auf Ihre Frage zurückzukommen: Ich bin überglücklich mit meinem Job bei Hannover 96. Mein Traum ist es, im Fußball zu sein. Ich bin im Fußball und das genau zur richtigen Zeit am richtigen Ort.

Zurück zu Ihrer Aussage aus der Trainer-Dokumentation: „Ich werde in der ersten Liga trainieren. Das ist Fakt“ Bedauern Sie heute diese Vorhersage?

Ich betrachte heute den jungen Mann von damals. Ich habe den Film zufällig kürzlich nochmal gesehen. Der Ehrgeiz und die Ambitionen sind geblieben. Nur - mit der Erfahrung, die ich heute habe, würde ich diesem jungen Trainer gerne zurufen: „Halt doch mal einfach die Klappe.“

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