14. Februar 2022 / 10:44 Uhr

Abkehr von der Punktejagd im Kinderfußball? Reaktionen aus dem Leipziger Land zur Spielregel-Reform

Abkehr von der Punktejagd im Kinderfußball? Reaktionen aus dem Leipziger Land zur Spielregel-Reform

Heiko Henschel
Leipziger Volkszeitung
Der Modus „Funino“ soll zukünftig vermehrt im Kleinfeldbereich angewendet werden. 
Der Modus „Funino“ soll zukünftig vermehrt im Kleinfeldbereich angewendet werden.  © Picasa
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Wohin steuert der Kinderfußball? Die Spielfelder sollen kleiner werden, die Anzahl an Spieler und Spielerinnen pro Mannschaft reduziert und dem Leistungsprinzip soll der Rücken zugekehrt werden. Dies sorgt natürlich für reichlich Diskussionsstoff. Wir haben für Euch einige Stimmen aus dem Leipziger Land zusammengetragen.

Borna/Grimma. Eine abermalige Reform der Spielregeln im Kinderfußball der Altersklassen G-F- und teilweise E-Junioren liegt in der geöffneten Schublade, zwei Jahre hat die sogenannte Pilotphase in Anspruch genommen. Sie trifft nicht überall auf Zustimmung - wir haben Stimmen im Leipziger Land gesammelt.

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Spaß am Sport erhöhen

Vorbehaltlich der Zustimmung des DFB-Bundestags am 11. März sollen die Veränderungen ab der Saison 2024/2025 auf Bundesebene umgesetzt werden. Es geht in der Praxis unter anderem um noch kleinere Spielfelder, um eine nochmals reduzierte Anzahl an Spielern pro Mannschaft, um die noch striktere Abkehr von der Punktejagd.

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Die Initiatoren wollen durch die Maßnahmen den auch bei den jüngsten Kickern zu verzeichnenden coronabedingten Mitgliederrückgang stoppen und möchten durch mehr Ballkontakte sowie häufigere Torerfolge den Spaß am Sport erhöhen. Auf ungeteilte Zustimmung stoßen die Pläne allerdings keinesfalls, die Kritik basiert insbesondere auf dem fehlenden Leistungsprinzip, obendrein wird ein erhöhter personeller und materieller Aufwand befürchtet. Der generelle Verzicht auf Torhüter ruft die meisten Skeptiker auf den Plan, gefolgt von der Abschaffung der Meisterschaftsrunden. Doch auch mit Mini-Spielfeldern, extrem kleinen Team-Stärken und gleichmäßig verteilten Einsatzzeiten mittels fester Rotation kann sich laut einer ersten Umfrage des Amateurfußball-Bündnisses „GABFAF“ die Mehrzahl der befragten Teilnehmer nicht anfreunden. Welchen Standpunkt vertreten Vereinsverantwortliche aus der Region in dieser Sache? Wir haben uns umgehört und dabei festgestellt, dass die Meinungen ziemlich weit auseinander gehen.

So ist man bei den Sportfreunden Neukieritzsch ob der ins Haus stehenden Veränderungen nicht unbedingt von der Euphorie überwältigt und hält die Umstellung für etwas zu gewaltig, wie Nachwuchsleiter Timo Heller durchblicken lässt. Mit der erneute Radikalkur werde wohl ein Stückchen übers Ziel hinaus geschossen, der jetzige Zustand sei ein durchaus zufriedenstellendes Mittelding zwischen den vergangenen und den womöglich zukünftigen Regularien. „Natürlich ist die Idee löblich, doch die Umsetzung eben recht kompliziert. Schließlich benötigen wir dann zusätzliches Equipment und mehr Übungsleiter in den einzelnen Altersklassen. Gerade für die kleinen Vereine im ländlichen Raum dürften sich dadurch Schwierigkeiten ergeben, die Schere zwischen denen und den Leistungszentren geht dadurch vielleicht noch weiter auseinander. Und ob zwei bis drei Spieler pro Mannschaft ohne Torhüter wirklich der Weisheit letzter Schluss sind? Bolzplatz-Niveau kann niemand wollen. Ich glaube, dieser Schritt ist ein wenig zu groß.“

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"Müssen auch lernen, mit Niederlagen umzugehen"

Der SFN-Jugendchef hätte sich sowieso gewünscht, dass die Vereine stärker in das Projekt eingebunden werden. Er hat obendrein die Befürchtung, dass der Wettkampfcharakter absolut zu kurz kommen könnte: „Die Kids eifern doch ihren Idolen aus der Nationalmannschaft und der Bundesliga nach, wollen ihre persönliche Erfolgsgeschichte schreiben, da gehören halt auch Resultate und Tabellen dazu.“

Bei Heike Boguth (Nachwuchsleiterin des FSV Brandis) hält sich die Begeisterung ebenfalls in Grenzen, wenngleich sie sich der Sache nicht völlig verschließen möchte. Im Gegenteil – seit circa einem Jahr habe man im Trainingsbetrieb der G- und F-Jugend bereits einiges Neues getestet, so zum Beispiel das Spiel auf vier Tore. Allerdings sei das Ganze für die Kinder schon sehr ungewohnt gewesen. „Denn sie sehen den Fußball im Fernsehen mit zwei Toren und denken dann, wir spielen hier bei uns gar keinen richtigen Fußball. Klar, die Kids sollen alle ständig mit dem Ball beschäftigt werden und viele Tore schießen. Das ist der Kernpunkt der Überlegungen, aber die da oben machen es sich wohl ein bisschen zu einfach.“

Die FSV-Funktionärin verweist darauf, dass allein die Bewältigung der durch die Pandemie hervor gerufenen sportlichen Zwangspausen einem mächtigen Kraftakt gleichkam und noch weitere Anstrengungen erfordern wird. Vor allem für die kleineren Vereine werde es garantiert schwierig, die Sportler komplett wieder hinter dem Ofen hervor zu locken. In dem Zusammenhang schweifen ihre Gedanken nochmals in Richtung der DFB-Pläne bezüglich der Kleinfeldregeln, insbesondere des angedachten Verzichts auf Staffeln und Ergebnisse: „Die Heranwachsenden müssen schließlich auch lernen, mit Niederlagen umzugehen. Das prägt doch den jungen Menschen.“

Geschmäcker sind verschieden

Norman Lein (Nachwuchsleiter beim BC Hartha) kann dem Vorstoß des Dachverbandes dagegen eine Menge Gutes abgewinnen, bei ihm geht der Daumen eindeutig nach oben. „Ich finde das ganz super, wir trainieren bereits seit etwas zwei Jahren auf diesem Level. Mehr Ballkontakte, mehr Spielzeit, kein Leistungsdruck – das ist klasse. Der Sächsische Fußballverband hat schon reichlich Vorarbeit geleistet. Meines Wissens hat das Ganze vor allem im Raum Dresden und Chemnitz ein breites Echo hervorgerufen, hoffentlich springt der Fußballverband Muldental/Leipziger Land bald auf diesen Zug auf.“

Selbst die allgemeine Skepsis hinsichtlich der verspäteten Keeper-Ausbildung kann der Harthaer Jugendverantwortliche nicht so richtig nachvollziehen: „Unter meiner Regie gibt es beim BC in den unteren Altersgruppen schon längst keinen festen Torwart mehr. Die Frage ist doch, was soll der mit seinen 1,20 Meter in der fünf mal zwei Meter großen Kiste? Lieber stelle ich die Kids immer wieder auf unterschiedlichen Positionen auf. Verteidiger, Mittelfeldspieler, Stürmer – da können sie alles mal ausprobieren. Eine vielfältige Ausbildung wird sich später positiv auszahlen.“

Wohin also steuert der Kinderfußball? Die Geschmäcker sind definitiv verschieden, so wie im wahren Leben. Für Diskussionsstoff ist in den kommenden Wochen und Monaten auf jeden Fall weiterhin reichlich gesorgt. Egal, wie die Entscheidung am 11. März in Bonn ausfällt.

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