27. April 2020 / 05:00 Uhr

"Abpfiff – der Betzenberg-Krimi" von Udo Röbel - Kapitel 1 des SPORTBUZZER-Romans hier lesen

"Abpfiff – der Betzenberg-Krimi" von Udo Röbel - Kapitel 1 des SPORTBUZZER-Romans hier lesen

Udo Röbel
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Lest hier Kapitel 1 des neuen Fußball-Krimis Abpfiff von Udo Röbel.
Lest hier Kapitel 1 des neuen Fußball-Krimis "Abpfiff" von Udo Röbel.
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Ab sofort veröffentlicht der SPORTBUZZER täglich ein neues Kapitel von "Abpfiff – der Betzenberg-Krimi" von Udo Röbel. Im ersten Kapitel lernen wir Karl-Heinz Feldkamp kennen. Aber nicht den Trainer, wie ihr vielleicht jetzt denkt, sondern den abergläubischsten FCK-Fan aller Zeiten. Aber lest am besten selbst.

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Abpfiff - der Betzenberg-Krimi: KAPITEL 1

Wenn du Feldkamp heißt, und auch noch Karl-Heinz mit Vornamen, dann ist das so eine Sache in der Pfalz. Da gibt es keinen, der dir nicht gleich auf die Schulter klopft und mit der Zunge schnalzt und sagt: „Ach, der ‚Kalli‘! Was waren das noch Zeiten?!“

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Gut, vielleicht doch nicht jeder.

Denn auch in der Pfalz soll es Leute geben, die bei dem Namen Feldkamp nicht gleich an den 1. FC Kaiserslautern denken und an die ruhmreichen Zeiten, als der „Kalli“ noch Trainer auf dem Betzenberg war. Schließlich ist das lange vorbei. Der „Kalli“ ist über 80 jetzt und lebt schon lange nicht mehr in der Pfalz. Genauso wie der „Kalli“, den ich jetzt meine, der es als junger Mann nicht ausgehalten hat in der Pfalz, der hinausmusste in die Welt, um Journalist zu werden.

Darum geht es in "Abpfiff – der Betzenberg-Krimi"

Das hat er auch geschafft, sogar Chefredakteur ist er geworden. Jetzt ist er auch schon in Rente, und seine Haare sind fast schon so weiß wie die von dem anderen „Kalli“. Von der Pfalz ist ihm nicht mehr geblieben als seine Mutter und seine Schwester, und dass er jedes Spiel vom 1. FC Kaiserslautern im Fernsehen guckt.

Auf dem Berg leiden sie seit Jahren wie der Hund, weil nichts ist wie früher und der 1. FC Kaiserslautern schon lange nicht mehr in der Bundesliga. In diesem Jahr sieht’s noch schlimmer aus. Wenn kein Wunder passiert, steigen sie sogar noch aus der 3. Liga ab.

Daran muss auch der „Kalli“ gerade wieder denken. Also der „Kalli“, den ich meine. Nicht der Trainer, sondern der „Kalli“, mit dem ich damals zusammen in die Schule gegangen bin. Auf das Kurfürst-Ruprecht-Gymnasium in Neustadt. Mit Latein und Altgriechisch noch als Pflichtfächern. Was dem „Kalli“ auch prompt das Genick gebrochen hat. Denn in Mathe hatte er schon ab der Untersekunda immer eine Sechs. Und als dann in der Unterprima noch die Sechs in Griechisch dazukam, haben sie ihn durchrasseln lassen, ein Jahr vor dem Abitur.

Der „Kalli“ hat es dann noch einmal probiert. Doch da war nicht mehr viel zu machen: In Mathe war er wie gesagt schon ab der zehnten Klasse ein hoffnungsloser Fall, und als er dann die Unterprima wiederholen sollte, saßen da gerade noch sechs andere in der Klasse, die sich mit dem alten Homer und Platon herumschlugen, weil Griechisch inzwischen nicht mehr Pflichtfach war, sondern freiwillig. Und die waren dem Feldkamp natürlich schon Lichtjahre voraus, und außerdem: Mit 17 willst du ganz anderen Dingen auf den Grund gehen als den philosophischen Gedankengängen eines Sokrates.

Vielleicht hätte es der „Kalli“ aber doch noch geschafft, das Abitur. Denn eigentlich hat er viel mehr in der Birne gehabt als die meisten in unserer Klasse. Nur ist er halt auch stinkfaul gewesen. Und irgendwann kommst du mit Talent allein nicht mehr durch, und wenn du auch noch jeden Abend für die „Rheinpfalz“ unterwegs bist und als freier Mitarbeiter über die Jahreshauptversammlung der Aquarienfreunde oder den Lichtbildervortrag in der Volkshochschule schreibst, statt deine Hausaufgaben zu machen, ist der Ofen dann irgendwann endgültig aus.

Beim „Kalli“ ist das gewesen, als er die erste Mathearbeit im neuen Schuljahr, also in seinem zweiten Jahr in der Unterprima, zurückgekriegt hat. Von einem Lehrer, dem sie im Krieg die rechte Hand weggeschossen hatten und der immer seinen Kugelschreiber auf deinem Kopf hat tanzen lassen. Seinen Namen habe ich bis heute nicht vergessen: Schauer, Studienrat Schauer. Und auch nicht sein Gesicht, als der Feldkamp vor seinen Augen die Klassenarbeit mit der roten Sechs drauf in kleine Schnipsel zerriss.

„Ach, lecken Sie mich doch am Arsch!“, hat der Feldkamp dabei gesagt. Ganz unaufgeregt. Ganz leise. Und dann ist er aufgestanden, hat die Schnipsel in den Papierkorb rieseln lassen und die Tür zum Klassenzimmer hinter sich zugezogen. Das war das letzte Mal, dass wir ihn im Gymnasium gesehen haben.

Denn gleich danach ist er zum Bahnhof gegangen und mit dem Zug nach Ludwigshafen gefahren. Zur Zentrale der „Rheinpfalz“, wo er vier Stunden gewartet hat, bis ihn der Chefredakteur empfangen hat.

Der hat auf den Feldkamp noch mit Engelszungen einzureden versucht. Dass es doch besser sei, erst einmal das Abitur zu machen. Für die Zukunft. Für das Leben. Und überhaupt. Aber der Feldkamp hat sich nicht beirren lassen. Und irgendwann hat das auch der Chefredakteur eingesehen, dass der Feldkamp verloren ist für die Schule und mit aller Macht Journalist werden will, und hat ihm ein Volontariat gegeben.

Am nächsten Tag hat der Feldkamp zusammen mit mir dann denselben Zug von Haßloch nach Neustadt genommen wie immer. Nur dass er vom Bahnhof nicht zum Kurfürst-Ruprecht-Gymnasium gegangen ist, sondern in die Kellereistraße, zur Lokalredaktion der „Rheinpfalz“.

Tja, das war damals noch möglich, dass du von einem Tag auf den anderen die Schule hinschmeißt und Journalist wirst. Auch ohne Studium und tausend Praktika. Und wir alle haben damals schon geahnt, dass aus dem „Kalli“ mal was Großes wird.

Habe ich gerade wieder „Kalli“ gesagt?

Wenn ich es recht bedenke, haben wir damals eigentlich „Kalle“ gesagt zu dem Feldkamp. Denn den richtigen „Kalli“, also den Trainer Feldkamp, den haben wir ja damals noch gar nicht gekannt. Der ist ja erst viel später zum FCK gekommen. Und erst dann, als der sogar Meister geworden ist mit dem Betze, haben wir unseren Feldkamp natürlich auch nur noch den „Kalli“ genannt.

Aber eh wir jetzt immer wieder durcheinanderkommen mit den ganzen „Kalles“ und „Kallis“, bleibe ich ab jetzt doch lieber bei Feldkamp, wenn ich euch von ihm erzähle.

Feldkamp also.

Das ist der Autor des Krimis: Udo Röbel

Und der ist gerade mit dem Auto unterwegs in die Pfalz, um seine Mutter zu besuchen, die morgen ihren 89. Geburtstag feiert. Von der Geschichte, die ihm gleich passieren wird, hat er natürlich noch keine Ahnung. Erst einmal nämlich muss er pinkeln und fährt am nächsten Autobahn-WC raus.

In dem Pissoir stinkt es wie immer gottserbärmlich. Und wie immer zählt er automatisch die Aluminiumurinale an der Wand. Drei. Alle frei verfügbar. Also sucht er sich das zu seiner linken Hand aus. Schließlich muss ein Heimsieg her. Wenn sie heute nicht gewinnen, dann war’s das wohl mit dem Abstieg.

Gut, ich hätte mir jetzt auch einen appetitlicheren Ort vorstellen können, wo wir dem Feldkamp zum ersten Mal persönlich begegnen. Aber dass wir ihn gerade hier kennenlernen, hat gleich zwei Gründe: Erstens, weil genau hier die Geschichte beginnen wird, die ich euch erzählen will. Und zweitens, weil wir hier gerade mitbekommen haben, wie abergläubisch der Feldkamp mittlerweile geworden ist, was den FCK angeht. Man könnte sogar sagen, dass er eine Vollklatsche hat, was das betrifft. Jedenfalls kenne ich keinen anderen FCK-Fan, der selbst noch beim Pinkeln versucht, den Fußballgott zu beschwören.

Angefangen bei dem Feldkamp hat das alles im letzten Meisterjahr 1998. In dem Jahr, als der Betze aus der 2. Liga wieder aufgestiegen und mit Otto Rehhagel sensationell Meister geworden ist. Gleich im ersten Spiel ein 1:0 bei Bayern München. Und so ging das die ganze Saison weiter, bis auch der Feldkamp langsam daran glaubte, dass die das wirklich schaffen könnten. Und dann ist es passiert. Am drittletzten Spieltag. Der Feldkamp war da schon Chefredakteur und hat gerade vor dem Zigarettenautomaten in der Redaktionskantine gestanden und gedacht: Wenn die jetzt zu Hause auch noch gegen Mönchengladbach gewinnen, dann sind sie so gut wie durch.

Wie fast alle in der Redaktion raucht der Feldkamp Marlboro. Und deshalb ist der Automat auch gleich dreimal damit bestückt. Was bedeutet, dass der Feldkamp gleich dreimal die Auswahl hat, für welchen Ausgabeknopf er sich entscheidet. Normalerweise hat er darüber nie nachgedacht und blind auf irgendeine der drei Tasten gedrückt. Hauptsache, seine Marke.

Aber an diesem Tag ist dann plötzlich etwas in seinem Kopf passiert. Etwas Irres, von dem er bis heute nicht weiß, wieso und warum eigentlich: Drei Tasten, drei Ausgabeschächte, schießt es ihm plötzlich durch das Gehirn. Drei Auswahlmöglichkeiten. Ganz wie auf einem Tippzettel. Die linke Taste steht für Heimsieg, die mittlere für Unentschieden und die rechte für Auswärtssieg. Es war, als ob ihn ein Zauber ergriffen hätte. Irgendwas Magisches. Oder so was wie Voodoo. Plötzlich war ihm klar, dass er mit seiner Wahl jetzt über die Meisterschaft entscheidet.

Er hat sich natürlich für die linke Taste entschieden, unser Feldkamp. Obwohl er einen Augenblick gezögert hat. Doch nicht lieber auf Unentschieden setzen? Mit einem Punkt könnte man ja auch zufrieden sein. Aber was, wenn die Bayern zu Hause gegen Leverkusen gewinnen? Und überhaupt: Wenn überhaupt etwas von seiner humanistischen Schulbildung auf dem altsprachlichen Kurfürst-Ruprecht-Gymnasium in Neustadt bei ihm hängen geblieben ist, dann die Erkenntnis, dass man die Götter nie über Gebühr herausfordern sollte.

Fast hätte er es auch bereut, nicht ein bisschen demütiger gewesen zu sein. Prompt hat der FCK nämlich damals mit 0:2 zurückgelegen! Und der Feldkamp ist beinahe wahnsinnig geworden an diesem Abend. Weil er nicht im Stadion sein konnte. Obwohl er in Baden-Baden war, bei einem von diesen dämlichen Medientreffs, an denen man als Chefredakteur nicht vorbeikommt. Keine zwei Autostunden vom Betze entfernt. Und Handys gab es damals auch noch keine. Also zumindest nicht solche wie heute mit Internet und Liveticker und so. Und Sky oder Premiere, wie das damals noch hieß, hatten sie auch nicht in diesem Hotel, obwohl es angeblich das Beste am Platz war. Was also tun?

Alle zehn Minuten hat sich unser Feldkamp von der Party geschlichen, hat Minister und Promis mitten im Gespräch stehen lassen, ist hinauf in sein Hotelzimmer und hat im Videotext nachgeschaut, wie es steht. Bis dann endlich der Marschall explodiert ist. Kurz vor der Halbzeit noch der Anschlusstreffer zum 1:2. In der 61. Minute dann der Ausgleich. Und mit dem Schlusspfiff sogar noch das 3:2! Olaf Marschall, Fußballgott! Und das alles nur, weil der Feldkamp auf den richtigen Knopf am Zigarettenautomaten gedrückt hat!

Nach diesem Spiel ist das mit dem Zigarettenorakel beim Feldkamp zur Obsession geworden oder hat sich zu einem bedingten Reflex ausgewachsen, wie die Psychologen wohl sagen. Noch heute kann er keine Zigaretten aus dem Automaten ziehen, ohne vorher zu checken, ob man das nächste FCK-Spiel tippen kann. Wie bei dem berühmten Hund des russischen Forschers Iwan Petrowitsch Pawlow, der automatisch anfängt zu sabbern, wenn das Glöckchen klingelt, weil er darauf konditioniert ist, dass es dann auch gleich Futter gibt.

Nur dass bei dem Feldkamp im Lauf der Zeit noch tausend andere pawlowsche Reflexe dazugekommen sind: grüne Ampelphasen, bei Gehwegplatten nicht auf die Fugen treten – oder bei einem Rückstand erst einmal den Fernseher ausmachen und auf dem Balkon eine rauchen …

Doch wie wir alle wissen, hat auch das dem FCK in den folgenden Jahrzehnten immer weniger geholfen. Wobei du dich eh nur an einen erfolgreichen Zauber erinnerst, wenn er auch aufgegangen ist. Wie oft du wieder vom Balkon zurückgekommen bist und der Betze immer noch zurückgelegen hat, das verdrängst du dann schnell. Was Feldkamps Verstand ihm natürlich auch sagt. Und wenn du ihn darauf ansprichst, wird er dir das sogar einräumen und von sich selbst sagen, dass das alles vollkommen ballaballa ist. Nur ist das für ihn immer noch der Versuch, der Mannschaft irgendwie zu helfen, so eine Art Daumendrücken.

Genau wie jetzt in dem Autobahnpissoir kurz vor dem Viernheimer Dreieck. Wenn sie heute nicht gewinnen, ist es vorbei, denkt der Feldkamp und entscheidet sich für das Urinal gleich links.

In dem Moment klingelt sein Handy …

Hier das nächste Kapitel lesen

Lest auch Kapitel 2, in welchem der Feldkamp einen toten Schiedsrichter im falschen Hotel sucht und sich mit Grausen an das letzte Spiel erinnert, das er auf dem Betzenberg gesehen hat.