28. April 2020 / 05:00 Uhr

"Abpfiff – der Betzenberg-Krimi" von Udo Röbel - Kapitel 2: Der tote Schiri

"Abpfiff – der Betzenberg-Krimi" von Udo Röbel - Kapitel 2: Der tote Schiri

Udo Röbel
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Lest hier Kapitel 2 des neuen Fußball-Krimis Abpfiff von Udo Röbel.
Lest hier Kapitel 2 des neuen Fußball-Krimis "Abpfiff" von Udo Röbel.
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Der nächste Teil von "Abpfiff – der Betzenberg-Krimi": Dieses Mal sucht der Feldkamp einen toten Schiedsrichter im falschen Hotel und erinnert sich mit Grausen an das letzte Spiel, das er auf dem Betzenberg gesehen hat. Lest hier Kapitel 2.

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Abpfiff - der Betzenberg-Krimi: KAPITEL 2

Als der Feldkamp wieder in seinem Auto sitzt, muss er erst einmal durchatmen. Was ihm da sein ältester Sohn gerade am Handy erzählt hat, ist wirklich ein Ding: Den Sandig haben sie tot in seinem Hotelzimmer gefunden. Den Schiedsrichter Sandig, den sie in der Pfalz alle hassen bis aufs Blut. Einer von denen, die immer beweisen wollen, dass sie alles sind – nur kein Heimschiedsrichter. Besonders auf dem Betzenberg, wo er uns im Laufe der Zeit bestimmt fünf Elfmeter nicht gegeben hat, aber dafür bestimmt drei unberechtigte Rote Karten.

Kapitel 1 verpasst? Hier lesen!

Und nun ist er also tot. Und der Feldkamp hat gar nicht gewusst, dass er heute auch wieder den FCK hätte pfeifen sollen. Und in der ganzen Aufregung hat er ganz vergessen, seinen Sohn zu fragen, wie er eigentlich gestorben ist, der Sandig.

Sein Ältester ist auch Journalist geworden. Er lebt und arbeitet in Berlin für dieses große Nachrichtenmagazin. Die Gene halt. Nur dass er mit Fußball so gar nichts am Hut hat. Dafür kann er recherchieren wie ein Spürhund. Wenn der sich erst einmal in eine Geschichte verbissen hat, gibt er keine Ruhe, bis er nicht auch den letzten Knochen ausgegraben hat.

„Über die Todesursache ist noch nichts bekannt“, sagt er, als ihn der Feldkamp noch einmal anruft. „Zumindest offiziell noch nichts. Vielleicht war es ja Selbstmord. Wie damals bei dem Babak Rafati in Köln. Nur dass den damals seine Kollegen noch haben retten können.“

„Ja, ich erinnere mich“, unterbricht ihn der Feldkamp. „Das war doch 2011, vor dem Bundesliga-Spiel Köln gegen Mainz? Und warum hat der sich damals noch gleich umbringen wollen?“

„Er selbst hat später einmal von Depressionen gesprochen“, sagt sein Sohn. „Vielleicht auch ausgelöst dadurch, dass er zwei Monate vorher von der Liste der Fifa-Schiedsrichter gestrichen worden war. Und von den Bundesliga-Spielern war er zuvor viermal zum schlechtesten Bundesliga-Schiedsrichter gewählt worden.“

Na ja, denkt der Feldkamp. Da kannst du schon depressiv werden, wenn sie dir ständig sagen, dass du die Vollpfeife der Nation bist. Gleichzeitig kommt er sich ein bisschen schlecht vor bei diesem Gedanken. Weil sich das nun eigentlich nicht gehört, so über einen Menschen zu denken, der sich aus Verzweiflung das Leben hat nehmen wollen. Aber der Sandig? Dieser eitle Gockel? So selbstherrlich, wie der immer über den Platz stolziert ist? Nein! Von dem kann er sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass der Depressionen gehabt haben soll.

„Ich bin ja gerade unten in der Pfalz“, sagt er zu seinem Sohn, „auf dem Weg zur Oma. Ich kann mich ja mal umhören. Vielleicht finde ich ja etwas heraus über den Sandig.“

Der Feldkamp schaut auf die Uhr. Kurz vor 12 Uhr erst. In Haßloch erwarten sie ihn eigentlich erst am späten Nachmittag. Genug Zeit hätte er, vorher schnell noch einmal in Kaiserslautern vorbeizufahren, um sich im Dorint umzuhören, dem Hotel direkt neben dem Stadion, dort, wo immer die Gastmannschaften absteigen und in dem sie den Sandig tot in seinem Zimmer gefunden haben.

Darum geht es in "Abpfiff – der Betzenberg-Krimi"

Je länger er darüber nachdenkt, umso mehr packt ihn ein Gefühl, von dem er gar nicht mehr wusste, dass es noch in ihm steckt: dieses Prickeln wie früher, als er noch als Reporter unterwegs war. Immer auf der Jagd nach der großen Story. Und dieses Gefühl tut immer noch gut.

Entschlossen schiebt er Plainride in den CD-Spieler seines alten Golfs 2.0 Turbodiesel. Knüppelharter Stoner Rock aus Köln. Für den Feldkamp die beste Autobahnmusik überhaupt. Was aber vielleicht auch daran liegt, dass Plainride die Band von seinem Jüngsten ist, der in Köln lieber Rockstar studiert als Psychologie.

Egal. Mit jedem Kilometer, mit dem er jetzt Richtung Betzenberg jagt, fühlt sich der Feldkamp plötzlich jünger und jünger.

So lange, bis er oben auf dem Berg ankommt.

So lange, bis ihm wieder klar wird, was für ein alter Knochen er doch inzwischen ist.

Denn das Dorint gibt es natürlich nicht mehr. Schon lange nicht mehr. Und das ist auch kein Wunder. Das letzte Mal, dass er hier war, liegt schon ein halbes Leben zurück. 1991 war das. Ja genau: am 8. Juni 1991. Der Tag, an dem er extra aus Hamburg eingeflogen war. Der Tag, an dem er mit dem FCK die vorzeitige Meisterschaft feiern wollte. Der Tag, an den er sich noch heute mit Grausen erinnert: Der FCK, im Jahr davor nur mit knapper Not dem Abstieg entronnen, war mit 46:18 Punkten – ja, damals galt noch die alte Punkteregelung – Tabellenführer. Vier Punkte vor den Bayern. Und wieder einmal ein Schlüsselspiel gegen Gladbach. Ein Unentschieden am vorletzten Spieltag zu Hause gegen die „Fohlen“ hätte genügt, um vorzeitig deutscher Meister zu werden. Dementsprechend euphorisch waren die Fans. Überall in der Stadt waren schon die Stände für die Meisterschaftsfeier aufgebaut. Diese Nacht sollten der Riesling und das Bier in Strömen fließen – nur dass der große Kater dann schon gleich nach dem Abpfiff eingesetzt hat.

Die alten Bilder …

Plötzlich hat sie der Feldkamp alle wieder vor Augen, als sei es erst gestern gewesen: die Spieler von Gladbach, die sich die Zeit bis zum Anpfiff im Hotel am Flipper und am Kicker vertrieben. So jung und klein waren sie ihm damals vorgekommen, fast wie Milchbubis. Aber eben auch so unbekümmert, wie du sein musstest, wenn du damals auf dem Betze gewinnen wolltest.

„Was wollen die denn?“, hat er damals gedacht. Die hauen wir doch weg nachher! Doch erstens kommt es anders – und zweitens als man denkt: In der neunten Spielminute das 0:1! Durch einen gewissen Thomas Kastenmaier. Nach einem katastrophalen Fehler von Torwart Gerry Ehrmann.

Na ja, hat der Feldkamp gedacht. Das kann auch dem Besten mal passieren. Kein Grund zur Panik.

In der 20. Minute dann das 0:2! Wieder dieser Kastenmaier. Mit einem direkt verwandelten Freistoß. Diesmal unhaltbar. Trotzdem immer noch grenzenloser Optimismus auf dem Berg. Keiner, der in der Halbzeit nicht in seine Bratwurst gebissen hat, ohne zu sagen: „Das biegen wir noch locker um. Schließlich haben wir in dieser Saison noch kein einziges Heimspiel verloren.“

Angriff auf Angriff ist dann in der zweiten Halbzeit auf das Gladbacher Tor gerollt. Doch in dem steht ein Uwe Kamps, der an diesem Tag das Spiel seines Lebens macht. Dinger hält der – unglaublich! Und wenn er einmal nicht die Fingerspitzen am Ball hat, helfen ihm Latte oder Pfosten.

Das ist der Autor Udo Röbel

So verrinnt Minute um Minute, der Berg ist nur noch ein einziges Seufzen, Ächzen und Stöhnen. Ein Stoßgebet nach dem anderen haben sie gen Himmel geschickt – bis es dann endgültig still gewesen ist im Stadion: in der 82. Minute auch noch das 0:3! Durch Peter Wynhoff nach einem der wenigen Gladbacher Entlastungsangriffe.

Die ersten der 38 000 Zuschauer im ausverkauften Stadion drängen zum Ausgang. Keiner unter ihnen, der noch einen Pfifferling auf den FCK gegeben hätte. Und der Feldkamp guckt nur noch versteinert auf den Platz. Genauso wie sein Namensvetter, der Karl-Heinz Feldkamp auf der Trainerbank.

Scheiße! Scheiße! Scheiße!

Bis plötzlich der Berg in einem einzigen Aufschrei explodiert!

Foulelfmeter für den FCK! In der 89. Minute!

Zurück, zurück auf die Ränge und die Plätze! Gerade noch rechtzeitig, um zu sehen, wie Markus Kranz zum 1:3 verwandelt.

Die alten Bilder …

Ganz klar und deutlich sieht der Feldkamp wieder, wie der Ball neben dem linken Pfosten einschlägt und im Netz zappelt, kann förmlich den Typ neben sich wieder spüren. Groß wie ein Kleiderschrank. Mit Händen wie Schaufelblätter, die ihm gerade so heftig auf die Schulter hauen, dass ihm der Bierbecher aus der Hand rutscht. „Glaab mir, des Ding drehn mer noch!“, brüllt er. So laut, dass es ihm im Ohr geklingelt hat.

Es ist die 91. Minute. Und plötzlich auch noch der Bruno Labbadia! Nur noch 2:3!

„Was hab’ ich dir g’sacht?“, schreit der Kleiderschrank. „Die Beer is noch ned g’schält!“

Was für Nichtpfälzer übersetzt heißt, die Birne sei noch nicht geschält, aber als Beweis dafür herhalten mag, wie überlegen der Pfälzer Dialekt doch in mancher Hinsicht der hochdeutschen Schriftsprache ist, was Ausdrucksschärfe und Gefühlskraft betrifft. Besonders in dem Hexenkessel, der jetzt über das Stadion hinaus bis hinunter in die Stadt schwappt. Dass einer in dieser Situation brüllt: „Die Birne ist noch nicht geschält“, klingt irgendwie blutleer. Genauso saft- und kraftlos, als hätte er geschrien: „Die Sache ist noch nicht gegessen!“

Die 93. Minute und noch einmal Eckball für den FCK. Das Ungetüm neben dem Feldkamp braucht Beistand vor dem drohenden Herzinfarkt. Seine rechte Hand greift nach der linken vom Feldkamp und droht sie zu zerquetschen.

Die Ecke. Getreten von Lelle.

Jaaa!!! Jaaa!!!

Der Ball ist doch schon drin!!!

Und dann kriegt dieser Kamps doch noch irgendwie seine Finger dran.

Aus! Aus! Das Spiel ist aus!

Totenstille im Stadion. Totenstille in der ganzen Stadt. Totenstille auch im Hotel. Bis auf den Portier, der den Feldkamp abpasst, als er sich um Jahre gealtert zurück ins Haus schleicht: „Herr Feldkamp, da hat eben gerade jemand aus Hamburg für Sie angerufen. Ob sie mal zurückrufen könnten. Es sei dringend.“

Wie gesagt, damals hat es noch nicht die Smartphones gegeben. Gott sei Dank! Wie sich der Feldkamp gerade erinnert. Die hätten ihn damals bombardiert mit Anrufen, Nachrichten oder Whatsapps. Ein Blick auf den Zettel, den ihm der Portier über den Tresen schiebt, reichte ihm. Die Nummer seiner Zeitung. Die Durchwahl der Sportredaktion. Er hat sofort gewusst, was die von ihm wollen. Kannst Du uns vielleicht noch einen kleinen Bericht schreiben? Eine Stadt unter Schock oder so? Am besten aus der Sicht eines Fans? Gern auch in Ichform geschrieben.

Aber das hat dem Feldkamp jetzt gerade noch gefehlt, dass er auch noch einen Bericht schreiben soll über seinen Schmerz. So hat er den Zettel zerknüllt, ihn wieder zurückgeschoben zu dem Portier und ist runter in die Bar, wo auf den Fernsehschirmen schon die „Sportschau“ angefangen hatte.

Aber auch hier Totenstille. Kein Fan, mit dem man gemeinsam den Kummer hätte ersaufen können. Selbst den Barmann scheint es gerissen zu haben. Als der auch nach mehrmaligem Rufen nicht erscheint, geht der Feldkamp wieder hoch zur Rezeption und verlangt die Rechnung. Weg! Nur noch weg aus dieser Grabeskammer!

Tja, das war das letzte Mal, dass der Feldkamp auf dem Betzenberg gewesen ist. Nie wieder, hat er sich damals geschworen. Nie wieder gehe ich ins Stadion! Wenn ich dem FCK doch nur Unglück bringe …

Hier das nächste Kapitel lesen

Lest auch Kapitel 3, in welchem der Feldkamp wie der Ochs vorm Berg steht. Erst vor einem Bratwurststand und dann vor einem Hotelportier.