17. Mai 2020 / 05:00 Uhr

"Abpfiff – der Betzenberg-Krimi" von Udo Röbel - Kapitel 21: Arbeit für den Feldkamp

"Abpfiff – der Betzenberg-Krimi" von Udo Röbel - Kapitel 21: Arbeit für den Feldkamp

Udo Röbel
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Lest hier Kapitel 21 des Fußball-Krimis Abpfiff von Udo Röbel.
Lest hier Kapitel 21 des Fußball-Krimis "Abpfiff" von Udo Röbel.
Anzeige

Der nächste Teil von "Abpfiff – der Betzenberg-Krimi": Heute Kapitel 21, in welchem der Kevin gesteht, wie er dem Sandig einen teuflischen Cocktail gemixt hat, und der Feldkamp ihn nur mit Mühe davon abhalten kann, zur Polizei zu gehen.

Anzeige

Abpfiff - der Betzenberg-Krimi: KAPITEL 21

Das Eineinhalb-Zimmer-Apartment vom Kevin sieht aus wie ein Minimuseum. Oder fast schon wie ein Mausoleum, denkt der Feldkamp, als er zur Tür reinkommt. In dem Schlamassel, in dem der FCK gerade steckt, muss man da nicht auch Angst haben, dass vom Betze einmal nicht mehr bleibt als ein monumentales Grabmal? 

Überall in der Wohnung hängen alte Trikots, Fanschals und Poster aus den längst vergangenen ruhmreichen Zeiten an den Wänden. Darunter ist auch eines von Pavel Kuka und Miroslav Kadlec, den beiden Publikumslieblingen von damals. Wie sie sich auf der Meisterschaftsfeier 1998 glückselig in den Armen liegen. Und bei dem Anblick wird dem Feldkamp wieder einmal warm und gleichzeitig eiskalt ums Herz. Denn die beiden Tschechen gehörten auch zu den tragischen Helden, die den ersten Abstieg des FCK aus der Bundesliga nicht verhindern konnten.

Die letzten drei Kapitel verpasst? Hier lesen!

Nach 33 Jahren.

Am 18. Mai 1996.

Das letzte Spiel der Saison.

In Leverkusen.

Völler gegen Brehme.

Alles oder nichts.

Bayer genügt ein Unentschieden, um dem Abstieg zu entgehen. Für Lautern zählt nur ein Sieg. Und am Ende fehlen zehn Minuten.

Das Herz vom Feldkamp beginnt schneller zu schlagen. Auch heute noch, über 20 Jahre später. Plötzlich fühlt er sich wieder zurückversetzt in den abgedunkelten Fernsehraum in der Clubanlage in der Türkei, wo er mit seiner Familie Urlaub macht.

Kein Internet. Kein Liveticker. Quälende Stunden am Pool. Bis endlich die „Sportschau“ beginnt und er schreiend und jubelnd durch den ganzen Raum hüpft, als Kuka in der 58. Minute das 1:0 für den FCK köpft.

Und dann das Fallbeil! Zehn Minuten vorm Abpfiff! Reinke kann einen Distanzschuss nur zur Seite abklatschen. Direkt vor die Füße von diesem Münch, der das Ding eiskalt in den Winkel zimmert.

„Diese Scheißpillendreher“, flucht der Kevin in diesem Augenblick. Als ob er dem Feldkamp gerade in den Kopf geschaut hat und seine Gedanken ahnt. „Das war doch die größte Unsportlichkeit überhaupt! Dass die den Ball nicht zu uns zurückgespielt haben, wie es sich gehört hätte, nachdem wir ihn ins Toraus geschossen hatten, weil der Marschall verletzt am Boden lag. So konnte es doch erst zum Ausgleich kommen!“

„Ja“, antwortet der Feldkamp. „Aber vielleicht sind sie deshalb auch nie Meister geworden danach. Sondern immer nur Bayer Vizekusen, weil der Fußballgott sich das für immer und ewig gemerkt hat.“

Darum geht es in "Abpfiff – der Betzenberg-Krimi"

Erst jetzt fällt dem Feldkamp auf, dass der Kevin kein einziges Mal gestottert hat, als er sich über die „Pillendreher“ in Rage redete. Im Gegenteil. Jetzt liest er ihm auch noch fließend einen Wikipedia-Eintrag vor, den er sich auf sein Handy geholt hat: „Hier, Herr Feldkamp! Wussten Sie das eigentlich? ,Das Mutterunternehmen der Werkself, die Bayer AG, schützte sich 2010 den Begriff Vizekusen beim Deutschen Patent- und Markenamt in München als Markennamen, um nach eigener Aussage Missbrauch vorzubeugen. Der Einsatz von Schutzrechten, neben Vizekusen unter anderem auch für den Begriff Pillendreher, wird als Teil einer gekonnten und selbstironischen Marketingstrategie der Bayer AG angesehen. Mit dem ebenso geschützten Begriff Meisterkusen war über die Zweitplatzierungen 1997, 1999, 2000, 2002 und 2011 hinaus bislang kein Erfolg zu erzielen.‘“

„Hm, nee“, murmelt der Feldkamp. „Aber jetzt lass uns mal lieber darüber reden, was eigentlich los ist, Kevin, und wie du auf den Gedanken kommst, dass du den Sandig umgebracht hast.“

Der Kevin ist sofort wieder käseweiß im Gesicht geworden bei dieser Frage. Dann hat er sich auf sein Bett geworfen, in sein Kopfkissen mit dem Betze-Teufel geschluchzt und wieder angefangen, so zu stottern, dass der Feldkamp kaum ein Wort verstanden hat. Zusammengefasst hat sich für den Feldkamp schließlich dieses Bild davon ergeben, was an dem Samstag in der Bar vom Hubertus wirklich passiert ist.

Der Kevin hat den Sandig nämlich sofort erkannt, wie der in die Bar gekommen ist. Gleich auf den ersten Blick, Weil: Die hochnäsige Fresse von dem hätte er sein Leben lang nicht vergessen, wie der immer auf den Elfmeterpunkt gewiesen oder uns eine Rote Karte gezeigt hätte.

Und mit jedem Wodka, den der Sandig bestellt hat, ist bei dem Kevin die Wut auf den immer größer geworden. Und die Angst, dass der den Betze am Sonntag wieder verpfeifen könnte.

Und irgendwann ist dem Kevin dann das Glaubersalz eingefallen, das er am Morgen für seinen Vater aus der Apotheke geholt und noch bei sich in der Tasche hatte. Das Abführmittel, das der Vater zur Vorbereitung auf eine Darmspiegelung gebraucht hat. Und dann hat er sich immer mehr ausgemalt, wie das denn wäre, wenn der Sandig die Scheißerei kriegt und die ganze Nacht nicht vom Klo runterkommt und vielleicht am nächsten Tag noch so k. o. ist, dass er das Spiel nicht pfeifen kann.

Nur getraut hat er sich das erst nicht, das Glaubersalz in den Wodka von dem Sandig zu schütten. Weil das ja ziemlich eklig schmeckt, und der Sandig das wahrscheinlich auch gleich gemerkt hätte.

Aber als der Sandig dann schon ziemlich besoffen gewesen ist und auch noch sein „Betzefeuer“ probieren wollte, da hat der Kevin geglaubt, dass die Gelegenheit jetzt günstig sei dafür. Weil es in dem Cocktail ja von verschiedensten Geschmacksrichtungen nur so wimmelt mit all dem Rum, Wodka, Tequila, Gin und Absinth drin und der Sandig nicht wissen konnte, wie der in Wirklichkeit schmeckt.

An der Stelle hat der Kevin dann langsam wieder aufgehört zu stottern und wieder ganz normal geredet wie vorhin über Fußball. Und der Feldkamp hat sich gedacht, dass der Kevin eigentlich gar keinen Sprachfehler hat, sondern nur sein schlechtes Gewissen ihn immer wieder ins Stottern geraten lässt, wenn er nach dem Sandig und dem Abend in der Bar gefragt wird.

Jetzt aber, da er nicht mehr lügen muss und er sein Gewissen erleichtert hat, kann er auch wieder ganz normal darüber reden: „Wahrscheinlich habe ich ihm zu viel in das Glas gekippt von dem Glaubersalz. Und jetzt bin ich ein Mörder und muss ins Gefängnis.“

Wieder presst der Kevin sein Gesicht in das FCK-Kissen und fängt an zu weinen. Und der Feldkamp steht etwas verwirrt daneben. Weil er es mit weinenden Männern genauso wenig kann wie mit weinenden Frauen, und weil er erst einmal für sich sortieren muss, was ihm der Kevin da gerade erzählt hat.

Das ist der Autor Udo Röbel

„Nee, musst du nicht. Ganz bestimmt nicht“, sagt er dann und nimmt den Kevin ein bisschen in den Arm. „Und wenn überhaupt, dann nur wegen fahrlässiger Körperverletzung mit Todesfolge. Und da kannst du auch Bewährung kriegen.“

Viel beruhigen tut das den Kevin erst einmal nicht. Immerhin legt er das Kopfkissen zur Seite und wischt sich mit dem Handrücken die Tränen aus den Augen: „Aber ich habe dem Sandig doch mit voller Absicht das Glaubersalz in seinen Drink gegeben. Und ohne mich würde er doch noch leben. Nee, ich bin ganz eindeutig schuld an seinem Tod!“

Der Feldkamp überlegt einen Moment. Eigentlich hatte er das erst einmal für sich behalten wollen, dass der Sandig nämlich auch noch Kokain genommen hatte und dazu auch noch diese Teufelspillen. Weil die Geschichte ja jetzt gerade danach schreit, auch gedruckt zu werden. Und er hat sie immer noch exklusiv. Jedenfalls so lang, wie auch der Kevin das Wasser halten kann. Und da hat er seine Zweifel, in dem Zustand, in dem der gerade ist.

Aber kann er das dem Kevin jetzt wirklich antun, ihm nicht zu sagen, dass der Sandig vermutlich an ganz anderen Sachen gestorben ist als an seinem Glaubersalz?

„Nein“, sagt der Feldkamp zu sich selbst und schenkt ihm reinen Wein ein.

Der Kevin ist schier außer sich vor neuer Hoffnung. „Was? Das auch noch?“, ruft er. „Dann muss ich vielleicht doch nicht zur Polizei gehen?“

„Auf keinen Fall“, brummt der Feldkamp. „Für die ist der Fall doch eh längst abgeschlossen. Für die war das ein ganz normaler Herzinfarkt. Und wenn die Gerichtsmediziner bei ihren toxikologischen Feinuntersuchungen noch wirklich etwas finden sollten, dann sind das erst einmal Spuren von dem Kokain und diesem illegalen Viagra. Das wird sie dann erst recht in ihrem bisherigen Ergebnis bestätigen, dass der Sandig selbst mit seinem Leben gespielt hat. Wo doch schon das offiziell zugelassene Viagra rezeptpflichtig ist, weil es dir auch auf die Pumpe gehen kann.“

„Ja“, sagt der Kevin. „Allzu viel zerreißt den Sack. Alte pfälzische Müller-Weisheit. Aber das behalte ich vielleicht erst einmal für mich.“

Und der Feldkamp sagt: „Das ist auch besser für dich.“

Und wie auf Kommando müssen plötzlich beide gemeinsam lachen.

Als der Feldkamp wieder in sein Auto steigt, schaut er auf die Uhr. Schon drei Viertel fünf. Was in der Pfalz viertel vor fünf heißt. Soll er sich jetzt noch auf den Weg nach Hamburg machen und in die Nacht hineinfahren?

Eigentlich war der Tag schon lang genug, und außerdem hat er noch nicht den Winzerspieß auf der Speisekarte vom Hubertushof probiert. Und so macht der Hofreiter, nicht verwandt oder verschwägert mit dem gleichnamigen Politiker, ganz schön große Augen, als der Feldkamp schon wieder an seiner Rezeption steht.

Mit großen Erklärungen gibt sich der Feldkamp aber diesmal nicht ab, murmelt etwas von „da ist mir noch was dazwischengekommen“ und eröffnet dem Hofreiter gleich eine Idee, die ihm unterwegs gekommen ist.

„Kannst du mal in anderen Hotels nachfragen, ob da in letzter Zeit auch diese Frau von Lewitz abgestiegen ist?“, fragt er den Hofreiter.

Der guckt ihn an wie ein Auto: „In was für Hotels? In was für Städten?“

Der Feldkamp holt eine alte Ausgabe des „Kicker“ hervor, die noch hinter seinem Fahrersitz zusammen mit leeren Coladosen und Zigarettenschachteln gelegen hat, und schlägt den Spielplan für die 3. Liga auf: „Hier vielleicht. Oder da. Wäre doch interessant, zu wissen, ob der Sandig und die Lewitz schon einmal gemeinsam in einem Hotel übernachtet haben.“

Der Hofreiter sieht natürlich sofort, wie viel Arbeit da auf ihn zukommen könnte – auf dem Spielplan steht als Erstes 1860 München. „Bist du verrückt?“, knurrt er. „Weißt du eigentlich, wie viele Hotels es in München gibt. Da brauche ich ja Jahre, bis ich die alle abgeklappert habe.“

Dass er sich das gut vorstellen kann bei seiner Trottelhaftigkeit, das verkneift sich der Feldkamp. Stattdessen sagt er: „Da hast du recht. Deshalb würde ich an deiner Stelle auch erst einmal mit Orten anfangen, die nicht so groß sind. Hier, Meppen zum Beispiel oder Großaspach oder Zwickau.“

„Und was soll ich denen sagen? Wie soll ich denen begründen, warum ich wissen will, ob die bei denen übernachtet hat?“

„Ach Anton“, stöhnt der Feldkamp. „Dir geht aber auch jegliche Fantasie ab. Ich an deiner Stelle würde denen erzählen, dass diese Frau von Lewitz wahrscheinlich eine falsche Adlige ist und bei euch die Zeche geprellt hat und du wissen willst, ob sie auch schon andere Hotels mit dieser Masche reingelegt hat.“

Dass es eigentlich noch gescheiter und leichter wäre, erst einmal zu checken, in welcher Liga und wo und wann der Sandig im letzten halben Jahr gepfiffen hat, fällt dem Feldkamp erst auf dem Weg ins Restaurant ein. Aber dann denkt er: Lass ihn doch ruhig mal ein bisschen schwitzen und arbeiten, den Hofreiter, nicht verwandt und verschwägert mit dem gleichnamigen Politiker.

Trotzdem macht er noch einmal kehrt: „Ach ja, Anton. Was ich die ganze Zeit vergessen habe zu fragen: Wenn ich heute per Internet ein Zimmer buche, muss ich da nicht meine E-Mail-Adresse angeben? Und eine Telefonnummer für eventuelle Rückfragen?“

„Normalerweise schon.“

„Das ist gut. Dann schau doch einmal nach, ob und welche Nummer die Lewitz hinterlassen hat.“

Von Beginn an starten? Hier Kapitel 1 lesen

FORTSETZUNG FOLGT! Am Montagmorgen folgt hier im SPORTBUZZER Kapitel 22 von "Abpfiff – der Betzenberg-Krimi", in welchem der Feldkamp herausfindet, wer Frau von Lewitz wirklich ist, und mit ihr in einem Luxushotel Katz und Maus spielt.