23. Mai 2020 / 05:00 Uhr

"Abpfiff – der Betzenberg-Krimi" von Udo Röbel - Kapitel 27: Der Zahlencode

"Abpfiff – der Betzenberg-Krimi" von Udo Röbel - Kapitel 27: Der Zahlencode

Udo Röbel
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Lest hier Kapitel 27 des Fußball-Krimis Abpfiff von Udo Röbel.
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Der nächste Teil von "Abpfiff – der Betzenberg-Krimi": Heute Kapitel 27, in welchem uns wieder einmal Murphys Gesetz über den Weg läuft und der Feldkamp den Zahlencode im Kalender vom Sandig entschlüsselt.

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Abpfiff - der Betzenberg-Krimi: KAPITEL 27

„Ich muss vielleicht ein bisschen weiter ausholen“, beginnt der Sapina erneut. „Und da fange ich am besten mit dem Gurlitt an. Den kennen Sie doch, Herr Feldkamp, den alten, gebrechlichen Kunstsammler aus Schwabing, den sie am Ende seines Lebens dann doch noch drangekriegt haben mit seinen von den Nazis geraubten Bildern? Also, an dem Tag, als sie den Gurlitt erwischt haben, saß da noch ein Mann mit im Zug. Nach allem, was ich weiß, ein honoriger Bürger unseres Landes, wenn nicht sogar ein sehr honoriger. Direkt eine Sitzreihe vor dem Gurlitt. Und auch mit einem Koffer, in dem Geld drin war. Aber nicht nur mit 9000, sondern mit 100000 Euro. Und der hat natürlich Blut und Wasser geschwitzt, als plötzlich der Zoll angefangen hat zu kontrollieren. Wie erleichtert der hinterher gewesen ist, dass nicht auch er gefilzt worden ist, kann man sich vorstellen. Leider aber waren die 100000 in seinem Koffer die ersten Euro, die er von seinem geheimen Bankkonto in der Schweiz in Sicherheit gebracht hatte. Da lag noch viel, viel mehr Schwarzgeld, das nach dem immer größeren Ankauf von Steuer-CDs durch deutsche Finanzminister und der zunehmenden Durchlöcherung des Schweizer Bankgeheimnisses nicht mehr sicher war vor der deutschen Steuer. Wie aber kriege ich nun auch mein restliches Geld sicher durch den Zoll, hat sich der Mann gefragt und sich nicht nur bei anderen braven Bürgern umgehört, die vor dem gleichen Problem standen. Aber auch für solche Probleme gibt es bei uns ja eine funktionierende freie Marktwirtschaft. Wo Nachfrage, da auch Angebot. Und so kam er schon bald in Kontakt mit diskreten Spezialisten, die sich anerboten, ihre Erfahrungen einzubringen bei der Lösung seines Problems. Gegen entsprechende Provision natürlich. Denn in gewissen Kreisen erkannte man sofort, dass sich hier gerade ein neuer, äußerst lukrativer Markt auftat.“

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Wieder macht der Sapina eine von seinen kleinen bösartigen Kunstpausen, um den Feldkamp so richtig schön auf die Folter zu spannen. Tupft sich den Mund ab, knetet seine mächtigen Hände und streicht sich noch einmal durch sein schütteres Haupthaar, ehe er fortfährt:

„Das Problem dieser Spezialisten allerdings war, dass diese neuen Kunden anders waren als ihre bisherigen. Die waren misstrauisch bis in die Haarspitzen, wem sie da ihr sauer verdientes Geld anvertrauen sollten. Die wollten hundertprozentige Garantien. Ja, manche waren noch nicht einmal bereit, ihren Geldkoffer aus den Augen zu lassen auf dem Weg von Zürich über die Grenze. Und das war dann doch etwas anderes, als einen kleinen Drogenkurier auf die Reise zu schicken, dessen Ausfall man im Notfall auch mal verschmerzen kann. Hundertprozentige Sicherheit? Die gab es wohl nur, wenn man auch hundertprozentig sicher wusste, wann und in welchem Zug der Zoll kontrolliert. Und vor allen Dingen: wer?“

So langsam beginnt es dem Feldkamp zu dämmern, worauf der Sapina hinauswill. „Ah, Sie meinen, den Sandig?“, fällt er dem Sapina ins Wort. „Unseren Zolloberinspektor Peter Sandig?“

„Genau den“, grinst der Sapina. „Der war nämlich im Milieu schon lange kein Unbekannter mehr, auch wenn er seinem Hang zu Nutten, Koks und Glücksspiel nie zu Hause nachging, sondern möglichst weit weg bei seinen Auswärtsspielen. Aber so etwas spricht sich irgendwann auch bis in die Heimat rum. Und dass ihn seine Freizeitvergnügungen immer mehr Geld gekostet haben natürlich auch. Um es kurz zu machen: ein bisschen beschatten, heimlich gemachte Fotos im Puff und ein paar passend arrangierte Pokerpartien, aus denen er nur mit einem Schuldschein rauskam – schon hing er an der Angel, der Sandig. Und ihn zu überreden, etwas behilflich zu sein, war ein Kinderspiel. Zumal er ja zu nichts Unrechtem gezwungen werden sollte, der Sandig. Zu keiner Straftat, zu keiner Dienstpflichtverletzung. Im Gegenteil. Man wollte von ihm ja nur, dass er ganz normal und gewissenhaft weiter seinem Job nachging. Und dabei konnte er kontrollieren wie immer und so oft und wen er wollte. Nur halt den einen Fahrgast nicht, der zufälligerweise mal mit einem Geldkoffer im Zug saß. Und darauf zu kommen, geschweige denn ihm das nachzuweisen, dass er mit Absicht einen nicht kontrolliert hat, war schlechterdings unmöglich. Und dass er für seine Arbeit jetzt auch noch ein zweites Gehalt bezog, ja, war das nicht ein verlockendes Angebot? Oder um es einmal so zu sagen: Für alle Beteiligten war das die klassische Win-win-Situation.“

Während der Herr Sapina jetzt erst einmal seine trockene Kehle befeuchten muss und sich dafür aus der Wasserflasche seines Anwaltes bedient, muss der Feldkamp an den Terminkalender denken, den er heute Morgen in der Uniformjacke vom Sandig gefunden hat.

Darum geht es in "Abpfiff – der Betzenberg-Krimi"

EC 115/3/64 – 500 EC 115/1/14 – 1500 EC 115/5/26 – 750 …

Und plötzlich fällt es ihm wie Schuppen von den Augen, was diese Buchstaben und Zahlen bedeuten müssen.

„Der Sandig musste also nur wissen, auf welchem Platz der Mann sitzen würde, den er zu übersehen hatte?“, fragt er den Sapina.

Der lacht und knufft seinem Anwalt ihn die Seite: „Na, Ackermann, habe ich es Ihnen nicht gesagt? Der Feldkamp ist von der schlauen Sorte.“

Dann spricht er den Feldkamp wieder direkt an: „Genau. Der Sandig brauchte nur die genaue Zugverbindung, die Wagennummer und vor allem die Nummer des Sitzplatzes, den die Kunden mit Kauf ihres Zugtickets reserviert hatten. Und schon war alles geritzt.“

EC 115/3/64.

Eurocity 115/Wagen 3/Platz Numero 64.

Fehlt nur noch, was die 500 oder die 750 dahinter zu bedeuten haben, überlegt der Feldkamp. Wahrscheinlich die 500 oder 750 Euro, die der Sandig jeweils für sein Wegschauen kassiert hat. Sozusagen sein Anteil an der Provision.

„Und das hat alles fabelhaft geklappt, nehme ich an, Herr Sapina?“, fragt der Feldkamp weiter.

„Ja, natürlich. Wie am Schnürchen lief das. Über Monate. Mit immer höheren Umsätzen, wenn ich das mal so sagen darf. Denn inzwischen hatten das auch andere mitgekriegt, welch schöner Weg durch den Zoll sich da aufgetan hatte. Leute, die kein Schwarzgeldkonto in der Schweiz hatten und – sagen wir mal so – auch andere Güter gefahrlos über die Grenze bringen wollten. Ja. Das lief alles bestens. Alles wunderbar. Bis auf diesen idiotischen Tag dann, als mal wieder Murphys Gesetz zuschlug und alles schiefging, was nur schiefgehen konnte!“

Das ist der Autor Udo Röbel

Der Sapina fängt an zu glucksen. Und der Feldkamp sieht, dass er nur mit Mühe an sich halten kann, nicht gleich lauthals loszuprusten.

„Erst einmal ist dem Sandig an diesem Tag ein Frischling zugeteilt worden. Ein Zollinspektoranwärter im Vorbereitungsdienst, wie das so schön im Amtsdeutsch heißt. Ein Lehrling, der von Tuten und Blasen überhaupt noch keine Ahnung hatte. Und dann hat auch noch unsere liebe Deutsche Bahn an diesem Tag mal wieder rein gar nichts auf die Reihe gekriegt. Angefangen von der geänderten Wagenreihung über das Bordbistro, das aus technischen Gründen nicht geöffnet werden konnte, bis hin zur Klimaanlage und der elektronischen Sitzplatzreservierung, die beide auf einmal ausgefallen waren. Aber das war noch nicht alles, Feldkamp. Weil …, weil … an diesem Scheißtag … nämlich … noch … etwas passiert ist …“

Jetzt kann der Sapina wirklich nicht mehr das Lachen halten. Es bricht aus ihm heraus wie ein donnernder Wasserfall und will und will nicht enden. So lange nicht, bis der Feldkamp langsam genug hat und ihn etwas barsch auffordert, doch endlich weiterzuerzählen.

„Ist ja gut, ist ja gut, Feldkamp“, beruhigt sich der Sapina. „Aber entschuldigen Sie, die Geschichte ist so bizarr, dass man sie bis heute eigentlich nicht glauben mag. Dieser Zollinspektoranwärter im Vorbereitungsdienst nämlich, dieser Frischling, pickt sich bei der ersten Kontrolle seines Lebens ausgerechnet unseren Mann mit dem Koffer voll Falschgeld raus! Das muss man sich mal vorstellen! Unter Hunderten von anderen Fahrgästen ausgerechnet den. Und der Sandig? Der konnte das gar nicht verhindern. Weil er nicht wusste, wo an diesem Tag unser Mann saß. Der Sandig war zu diesem Zeitpunkt zwei Wagen weiter unterwegs und kam erst dazu, als ihn sein Lehrling anfunkte.“

Jetzt ist es an dem Feldkamp, dass er sich ein Lachen verkneifen muss. Hat der Sapina gerade nicht zweimal „unser“ gesagt? „Unser Mann“? Ja, das kommt davon, wenn man sich selbst zu sicher fühlt. Da genügt dann oft ein einziges Wort, um sich um Kopf und Kragen zu reden.

Dem Anwalt des Herrn Sapina scheint es auch aufgefallen zu sein, welcher Lapsus seinem Mandanten gerade unterlaufen ist. Denn der verzieht etwas schmerzlich sein Gesicht, was ganz bestimmt nicht an seinem kranken Magen liegt, worauf der Feldkamp jetzt wetten könnte. Und zum ersten Mal an diesem Abend ergreift jetzt auch der Herr Ackermann selbst das Wort: „Ich glaube, der Herr Feldkamp braucht erst einmal eine kleine Zigarettenpause“, sagt er zum Herrn Sapina.

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Lest auch Kapitel 28 von "Abpfiff – der Betzenberg-Krimi", in welchem der Sandig aus einem Koffer 200000 Euro klaut und der Feldkamp sich langsam reichlich doof vorkommt.