16. November 2021 / 10:01 Uhr

Absagenflut in Sachsens Amateurfußball: "Der Aufwand war irre"

Absagenflut in Sachsens Amateurfußball: "Der Aufwand war irre"

Antje Henselin-Rudolph
Leipziger Volkszeitung
Zahlreiche Fußballplätze in Sachsen blieben am Wochenende unbenutzt.
Zahlreiche Fußballplätze in Sachsen blieben am Wochenende unbenutzt. © Thomas Kube
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Amateurfußball, Spielbetrieb und Kontaktbeschränkungen vertragen sich auf Landesebene nicht wirklich. Die große Mehrheit der Partien am vergangenen Wochenende wurde abgesagt. Wenn Vereine sich doch an die Austragung trauten, hatten sie mit einem ungeahnten Organisationswust zu kämpfen.

Leipzig. Sachsens Fußball und die Corona-Schutz-Verordnung, das bleibt eine Geschichte voller Missverständnisse. Und eine, die zu allerlei Spielabsagen führt. So wurden am vergangenen Wochenende lediglich zehn von 61 angesetzten Amateurbegegnungen im Erwachsenenbereich auf Landesebene auch tatsächlich angepfiffen – das Gros (vier Partien) im Sachsenpokal. Auch für den Buß- und Bettag lagen am Montag bereits zahlreiche Absagen vor.

„Die Vereine haben Angst“

„Es ist schade, dass wenig gespielt wurde und wird, obwohl es möglich gewesen wäre“, kommentierte Hermann Winkler, Präsident des Sächsischen Fußball-Verbandes (SFV), auf SPORTBUZZER-Nachfrage. „Wir haben versucht, Licht ins Dunkel der Regelungen zu bringen“. Doch das sei dem Verband nicht zu 100 Prozent gelungen. „Wir müssen unsere Kommunikation verbessern“, sieht sich der Verbandsboss selbst in der Pflicht, um im selben Atemzug noch einmal Richtung Landesregierung zu schießen. „Die Ursache liegt oben, in der überraschend über Nacht beschlossenen Verordnungslage.“ Dass die bereits seit Ende August so vorlag, sagt der SFV-Chef nicht.

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Die angesprochene Regelung im Freistaat geht so: Amateur- und Breitensport zählt als private Zusammenkunft, unterliegt in der aktuell geltenden Vorwarnstufe Kontaktbeschränkungen. Konkret dürfen sich nicht mehr als zehn Personen ohne 2G-Status treffen. Laut SFV sind dabei „Spieler, Auswechsler, Trainer, Funktionsträger, Schiedsrichter“ Kinder und Jugendliche bis 16 Jahren bleiben unberücksichtigt.

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Der SFV möchte Sport zwar nicht wie eine Geburtstagsfeier behandelt sehen, hat seine Vereine aber vor dem vergangenen Wochenende dazu aufgefordert, sich an die Regeln zu halten. Heißt: Die vorgesehenen Partien bleiben angesetzt, solange die beteiligten Clubs die Einhaltung der Corona-Schutz-Verordnung gewährleisten können. Winkler weiß: „Die Vereine haben Angst, dass sie etwas falsch machen, Angst vor Bußgeldern oder Haftungsansprüchen.“

Ein Verein, Aufwand x 18

Die Umsetzung der Regeln hat es tatsächlich in sich. Bei der SG Rotation 1950 hat sich der Vorstand darauf verständigt, soviel Spielbetrieb wie möglich aufrechtzuerhalten, solange es organisatorisch umsetzbar ist. Letzteres gilt vor allem für den Nachwuchsbereich. Heimspiele an der Delitzscher Straße werden grundsätzlich ohne Publikum ausgetragen. Sollen doch Gäste dabei sein, gelten für diese die 2G-Regeln. Über deren Einhaltung wacht die gastgebende Mannschaft. Da müssen dann auch die Eltern mit ran – Nachweise kontrollieren und Kontaktdaten erfassen.

„Der Aufwand für das letzte Wochenende war irre, für alle Spiele, also auch die, die abgesetzt wurden“, meinte Vereinschef Stephan Schmidt am Montag. 17 Partien und ein Bambini-Turnier mit Rotation-Beteiligung standen auf dem Plan, sieben Partien mussten wegen Corona abgesetzt werden. „Nicht immer wegen uns“, wie Schmidt betont. „Zu jedem dieser Spiele und dem Turnier gab es im Vorfeld mindestens Mailkontakt, in der Regel mehrfach. Dazu Kontakt zum Verband, zum Staffelleiter. Daran kann man den Aufwand schon erahnen. Das ist rein im Ehrenamt und nur abends nebenbei nicht zu bewältigen.“ Sein Dank gehe deshalb an alle, die aktiv mitgeholfen haben. Schmidt betont: „Der Aufwand ist nicht jedes Wochenende wiederholbar.“


Niedrige Impfquote in Sachsen

Fraglich ist, inwieweit er wiederholt werden muss. Denn am Montag wurde in Sachsen erstmals die Überlastungsstufe erreicht, sprich die Grenze von 1300 mit Covid-19-Patienten belegten Betten auf Normalstation überschritten. Bleibt das drei Tage in Folge so, treten noch einmal schärfere Kontaktbeschränkungen in Kraft. Der SFV hat angekündigt, den Ligenspielbetrieb auf Landesebene dann zu unterbrechen.

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Regeln und Aufwand sind aber nur ein Teil des Problems. Ein anderer Aspekt ist die niedrige sächsische Impfquote. Eine Tatsache, die diese Vermutung nahelegt: Im Bereich des Fußballverbandes der Stadt Leipzig (FVSL) war am Wochenende auf den Fußballplätzen deutlich mehr los als auf Landesebene. Dort gingen über 55 Prozent der 74 angesetzten Partien über die Bühne. Mit 60,5 Prozent liegt die Impfquote in der Stadt über dem Landesschnitt (57,5 Prozent) und weit über Landkreisen wie zum Beispiel dem Erzgebirgskreis (44,4 Prozent).

„Ich bin dafür, dass sich die Mitglieder impfen“, stellt Winkler klar. „Aber: Wir sind nicht der Reparaturbetrieb für nicht geschaffene Entscheidungen in der Politik.“ Winkler. Der SFV-Chef würde auch eine Impfpflicht befürworten. „Aber das muss die Politik entscheiden.“

Mit: Stephanie Riedel