30. Juni 2021 / 07:40 Uhr

Abschied von DHfK-Handballer Pieczkowski: "Leipzig war immer ein mentales Monster"

Abschied von DHfK-Handballer Pieczkowski: "Leipzig war immer ein mentales Monster"

Tilman Kortenhaus
Leipziger Volkszeitung
Zieht weiter und verlässt den SC DHfK: Handballer Niclas Pieczkowski.
Zieht weiter und verlässt den SC DHfK: Handballer Niclas Pieczkowski. © Christian Modla
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Er sagt beim SC DHfK Leipzig Adieu: Rückraumspieler Niclas Pieczkowski verlässt den Handball-Bundesligisten. Im SPORTBUZZER-Interview hat der 31-Jährige über die Rolle eines Star-Spielers, die grün-weiße Kabinen-Kultur und kommende Aufgaben beim neuen Club TSV GWD Minden gesprochen.

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Leipzig. Nach fünf Jahren beim SC DHfK verabschiedet sich Niclas Pieczkowski vom Leipziger Handball-Bundesligisten und wechselt zur kommenden Saison zum TSV GWD Minden. Zum Abschluss sprach er mit dem SPORTBUZZER über seine Karriere in der Messestadt, die Emotionalität bei den Grün-Weißen und was die Top-Klubs noch von den Sachsen unterscheidet.

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SPORTBUZZER: Herr Piezckowski, Ihr neues Team GWD Minden musste in dieser Saison lange um den Klassenerhalt zittern. Mit Blick auf das nächste Jahr: Können Sie eigentlich Abstiegskampf?

Niclas Pieczkowski: Das ist auf jeden Fall nichts Neues für mich. 2010 bin ich mit Essen aufgestiegen, 2011 wieder abgestiegen. In Lübbecke haben wir immer gegen den Abstieg gespielt. Und als ich 2016 nach Leipzig kam, ging es auch noch um den Klassenerhalt. Im ersten Jahr nach dem Aufstieg, da bist du voller Emotionen, hast unendlich Energie – das musst du aber für ein weiteres Jahr aufrecht halten. Viele Teams sind in ihrem zweiten Jahr wieder abgestiegen. Das wollten wir in Leipzig verhindern.

Dafür hatte man Sie ins Team geholt. Wie sind Sie damals mit dieser Rolle umgegangen?

Ich habe am Anfang einen großen Druck gespürt. Ich kam zu der Zeit noch als Europameister und Nationalspieler. Der mediale Fokus lag schon sehr auf mir, was ich eigentlich gar nicht wollte. Ein Reporter hat mich damals gefragt, ob ich jetzt der Star-Spieler sei. Diese Rolle wollte ich nicht haben.

In den vergangenen fünf Jahren sind Sie immer im Mittelfeld zwischen dem 8. und 11. Platz gelandet, vom Abstieg war keine Rede mehr. Sind Sie mit der Ausbeute zufrieden?

Ich habe in den ersten beiden Jahren in Leipzig gemerkt, wie entspannt es sein kann, Handball zu spielen. Gegen Ende der Saison hatten wir nicht mehr diesen ständigen Druck, dass wir in jedem Spiel gegen den unmittelbaren Abstieg kämpfen. Es war nicht mehr jeder Punkt essenziell wichtig. Wir mussten natürlich trotzdem liefern, aber es ist ein ganz anderes Gefühl. Ich war hier viel entspannter – das war echt schön.

Wie hat es das Team geschafft, sich so schnell in der Liga zu etablieren?

Da gab es mehrere Gründe. Zum einen war Leipzig immer ein mentales Monster. Hier hat niemand lockergelassen. Jeder Gegner, der nach Leipzig kam, wusste, hier wird es unfassbar schwer – die werden das Spiel nicht einfach abgeben. Zum anderen war es die Spielweise, diese echt eklige Deckung, die sich hier entwickelt hat. In Kombination mit der Emotionalität hat uns das viele Siege beschert.

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In den vergangenen Jahren war die Mannschaft gegen die starken Kontrahenten oft überragend und hat gegen vermeintlich schwächste gepatzt. Können Sie sich das erklären?

Darüber haben wir viel gesprochen. In Leipzig wird immer von dir erwartet, emotional auf absolutem Top-Level zu spielen, dich voll reinzuhängen. Das ist aber nicht immer möglich. Du kannst nicht sagen: In diesem Spiel geht es um Alles! Und im nächsten Spiel sagst du wieder: Jetzt geht es um Alles! Das schafft man einfach nicht. Der Kopf braucht auch Erholung. Irgendwann muss man in einen Arbeitsmodus kommen. Der THW Kiel ist dafür ein tolles Beispiel. Die Jungs haben diese Überzeugung, kennen ihre Stärken und können eine Partie auch ganz trocken runterspielen.

In Leipzig gab es also nie den „Kieler Arbeitsmodus“?

Das war aus meiner Sicht der Nachteil unserer Emotionalität. Gegen die Großen waren alle voll da, wollten gut spielen und haben es geschafft, weil sie alles reingeworfen haben. Aber gegen die eher schlechten Teams hat uns oft noch die Coolness gefehlt. Aber die Mannschaft ist auf einem guten Weg. Wie sich das Team gegen Coburg wieder gefangen hat, hat mich beeindruckt.

Nach der langen Reha nach Ihrer Schulter-OP haben Sie erneut einen Schlag auf die Wurfschulter bekommen. Was ging Ihnen durch den Kopf?

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Ich hätte demjenigen an die Gurgel springen können. Ich war wirklich auf 180, aber konnte mich noch kontrollieren. Ich habe in mich gehorcht, habe versucht, die Schulter zu bewegen und gemerkt, dass es funktioniert. Ich habe seit 2017 immer wieder mit der Schulter zu tun. Im ersten Moment war es wirklich ein riesiger Schock. Dass es nur eine Prellung war, hat mich sehr erleichtert.

In Minden wartet Ihr Ex-Teamkollege Maximilian Janke auf Sie. War das auch ein Grund für den Wechsel?

Davon war meine Entscheidung nicht abhängig, aber ich freue mich schon sehr darauf, wieder mit Max zusammen zu spielen. Wir hatten hier eine super Zeit, haben uns immer sehr gut verstanden. Ich habe die bewegliche 6:0-Abwehr neben ihm immer sehr gemocht und freue mich schon darauf, in Minden wieder ganz ähnlich zu spielen.

Ihr künftiger Trainer Frank Carstens sagte zuletzt, dass er vor allem Ihre Erfahrung schätzt. Was werden Ihre Aufgaben bei GWD?

Max und ich bringen sicherlich viel Bundesliga-Erfahrung mit und können damit eine junge Mannschaft unterstützen. Er hat übrigens auch gesagt, dass Minden ein Ausbildungsverein ist, der in den letzten Jahren vergessen hat, dass er ein Ausbildungsverein ist (lacht). Die Beschreibung ist schon super. Ich glaube, dass ich den jungen Spielern wichtige Tipps geben kann.

Sie können bereits auf viele Jahre in der ersten und zweiten Liga zurückblicken. Haben Sie in dieser Zeit eine Veränderung wahrgenommen?

Das Tempo wurde auf jeden Fall angezogen, die Belastung ist noch einmal gestiegen – vor allem in dieser Saison. Ich finde es persönlich, aber auch ein bisschen schade, dass diese Kabinen-Kultur in den letzten Jahren etwas verloren gegangen ist. Ich nehme mich davon nicht aus, aber es wird inzwischen nach dem Spiel sehr viel auf das Smartphone geschaut und Social Media gecheckt. Das ist ein bisschen ein Stimmungskiller.

Was werden Sie aus Leipzig in Erinnerung behalten?

Ich werde die Teilnahme beim Final Four in Hamburg nie vergessen. Das war etwas ganz Besonderes. Die Stimmung, die Atmosphäre. Auch Leipzig werde ich in guter Erinnerung behalten. Ich bin hier vom Buben zum Mann geworden, habe hier meine Familie gegründet und werde die Stadt sehr vermissen. Gut möglich, dass wir irgendwann zurückkehren.

Wollen Sie den Fans zum Abschied noch etwas mitgeben?

Ja, ein riesiges Danke! Vorneweg an die Feuerbälle, die gefühlt bei jedem Auswärtsspiel dabei waren. Danke an den Verein, die Geschäftsstelle und die Sponsoren. Danke für die tollen Erinnerungen.