02. Mai 2021 / 17:51 Uhr

Abschied von einer DDR-Eishockey-Legende: Erinnerungen an Frank Braun

Abschied von einer DDR-Eishockey-Legende: Erinnerungen an Frank Braun

Steffen Enigk
Leipziger Volkszeitung
Eishokey zieht sowohl in Crimmitschau als auch Weißwasser die Sportfans magisch an.
Eishokey zieht sowohl in Crimmitschau als auch Weißwasser die Sportfans magisch an. © Thomas Heide
Anzeige

Frank Braun, Rekordspieler in Crimmitschau, war auch international einer der besten Verteidiger und für die DDR bei 15 Weltmeisterschaften am Start.

Anzeige

Crimmitschau. In den Dokumentarfilm „100 Jahre Eishockey in Crimmitschau“ hat es Frank Braun nicht mehr geschafft. Die Puckjäger-Legende verstarb vor wenigen Tagen im Alter von 72 Jahren in Weißwasser. „Wir wollten mit ihm drehen, jetzt ist es leider zu spät“, sagt Frank Hübschmann, Mitautor des Films und Chronist der Eispiraten. „Ich hatte das Glück, als Fan noch Spiele von ihm erleben zu dürfen und kannte ihn ganz gut“, erzählt der 65-Jährige, „zuletzt habe ich ihn 2019 getroffen. Er war ein angenehmer, eher ruhiger Typ, der aber auch Humor und immer einen Witz parat hatte. Auf dem Eis war er wie eine Mauer, an der fast alle abgeprallt sind – ein gefürchteter Verteidiger mit einem knallharten Schuss von der blauen Linie, zu seiner Zeit galt er als einer der besten der Welt.“ 270 Länderspiele absolvierte Frank Braun, belegt damit Rang vier der DDR-Rangliste. Kein Akteur aus Crimmitschau oder Weißwasser, wohin er 1970 zwangsweise wechseln musste, absolvierte mehr Einsätze im Nationaltrikot. Doch dazu später mehr.

Anzeige

Die Begeisterung war damals riesig

Frank Braun, am 9. September 1948 geboren, stammt aus dem Crimmitschauer Ortsteil Frankenhausen, einer Eishockey-Hochburg, die maßgeblich von Gerhard Kießling geprägt wurde, einst DDR-Nationaltrainer und nach seiner Flucht 1957 in den Westen auch Bundestrainer. Sohn Udo Kießling wurde dann der erste deutsche NHL-Spieler überhaupt. Aber zurück zu Frank Braun. Der Knirps wuchs hundert Meter entfernt vom Dorfteich auf, Schlittschuhe, Schläger und Puck waren da eine Selbstverständlichkeit. Als Sechsjähriger wurde er von Trainer Alfred Unterdörfel entdeckt, spielte im Nachwuchs des SC Wismut Karl-Marx-Stadt (die SG Frankenhausen war ins heutige Chemnitz delegiert worden). 1959 ging es zurück in den Heimatort, denn nun gab es die neu gegründete Armeesportgemeinschaft (ASG) Crimmitschau, aus der ein Jahr später der Armeesportklub (ASK) Crimmitschau wurde. 1964 war das offene Kunsteisstadion fertig.

Mehr zum Sport in und um Leipzig

Beste Bedingungen also auch für Frank Braun, der sich als begnadetes Talent erwies und 1966 schon als 17-Jähriger bei den ASK-Männern in der Oberliga debütierte. Am 16. Dezember 1967 folgte sein erstes Länderspiel gegen Polen. Die DDR-Oberliga umfasste acht Teams aus Berlin, Weißwasser, Rostock, Dresden, Karl-Marl-Stadt, Erfurt, Halle und eben Crimmitschau. „Die Begeisterung war damals riesig“, sagt Klaus Hübschmann, der sich auch gerne an ein besonderes Länderspiel in Crimmitschau erinnert: „1966 gegen Kanada bei minus 14 Grad, ich war als Elfjähriger unter den über 6000 Zuschauern. Die DDR gewann sensationell 3:1, es war der einzige Sieg gegen Kanada überhaupt.“ Allerdings noch ohne Frank Braun.

Angebot aus Weißwasser

Doch 1970 folgte der Schock. Die DDR-Führung reformierte das Sportsystem, auch Eishockey flog aus der Förderung. Eisschnelllaufen war weitaus medaillenträchtiger. Von den acht Oberliga-Mannschaften blieben nur Dynamo Berlin und Dynamo Weißwasser übrig. Erich Mielke war Eishockey-Fan und wusste, dass es weiter eine Meisterschaft geben muss, damit das Nationalteam bei Weltmeisterschaften starten darf. Die anderen Klubs wurden einfach aufgelöst. Eines Tages stand eine Offiziers-Delegation vor dem Stadion in Crimmitschau und verkündete das sofortige Aus. Die Spieler hatten ihre Spinde auszuräumen. Ende und vorbei.

Die besten Akteure erhielten das Angebot, in Weißwasser weiterzumachen. Auch Frank Braun, der bis dahin schon 43 Länderspiele und 14 WM-Partien auf dem Buckel hatte, zog mit seiner Familie in die Lausitz. Dort holte er acht DDR-Meistertitel und reifte zu internationaler Klasse. Als er 1983 seine Leistungssport-Karriere beendet, konnte er auf Starts bei fünf A- und zehn B-Weltmeisterschaften zurückblicken. Auf mehr Länderspiele als seine 270 kamen lediglich die für Berlin angetretenen Dietmar (315) und Roland Peters (279) sowie Dieter Frenzel (296).

"Das war ein unvergessliches Erlebnis"

Frank Braun blieb seinem Sport treu, wurde in Weißwasser als Eismeister angestellt und spielte fortan für Bad Muskau bei der so genannten Bestenermittlung der Betriebssportgemeinschaften. Zweimal lief er bei diesen Hobby-Wettkämpfen auch für seinen Heimatverein auf – die 1970 nach dem ASK-Aus aus der Taube gehobene BSG Einheit Crimmitschau.

Mehr zum Sport in und um Leipzig

Nach der Wende, im Mai 1990, wurde der ETC Crimmitschau gegründet und durfte in der Bayernliga antreten. Mit Rückkehrer Frank Braun, der in der Saison 1991/92 gemeinsam mit seinem Sohn Marco in der Mannschaft spielte und einen historischen Erfolg feierte: Der ETC wurde als erstes und einziges nicht-bayrisches Team Bayern-Meister. Nach einem 5:6 im Final-Hinspiel beim EHC Haßfurt half auch ein Treffer von Frank Braun, den Rückstand aufzuholen. Crimmitschau gewann 7:4, die Entscheidung im ausverkauften Stadion fiel erst im Penaltyschießen. „Das war ein unvergessliches Erlebnis, wir haben bis weit in die Nacht mit den Spielern in der Kabine Party gemacht“, erzählt Frank Hübschmann, "Frank Braun hat nach dem Aufstieg noch ein Jahr in der Regionalliga gespielt und 1993 endgültig aufgehört."

Frank Hübschmann aber war von 1998 bis 2011 Stadionsprecher in Crimmitschau, durfte in dieser Zeit drei Länderspiele und die U18-Weltmeisterschaft ansagen. Darauf ist er stolz, genauso wie auf die Bekanntschaft mit Frank Braun. Wann der eingangs erwähnte, fast fertige Film gezeigt wird, steht noch nicht fest. Die 2020 geplante 100-Jahr-Feier musste wegen der Pandemie verschoben werden. Klar ist: Frank Braun wird dabei eine Rolle spielen, auch wenn das Interview mit ihm nicht mehr zustande kam.