06. April 2021 / 12:35 Uhr

Abschied von Wilko Finke: Eine Muldentaler Legende sagt Adieu

Abschied von Wilko Finke: Eine Muldentaler Legende sagt Adieu

Steffen Enigk
Leipziger Volkszeitung
Wilko Finke beim Fototermin Mannschaftsfoto SV Tresenwald
Rasender Reporter: Wilko Finke schießt ein Mannschaftsfoto beim SV Tresenwald. © Eberhard Westphal
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Seit 1992 hat Wilko Finke über das Sportgeschehen im Muldental berichtet. Jetzt geht der 70-Jährige in den Ruhestand und hat viel zu erzählen, auch von einer WM-Medaille. Ein Portrait über den ehemaligen Leistungssportler und emeritierten Journalisten.

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Muldental. Er war selbst ein begnadeter Sportler, ist auf Umwegen Journalist geworden und zu einer Institution im Muldental: Seit 29 Jahren berichtet Wilko Finke über das Geschehen zwischen Wurzen und Grimma, von der kleinsten Kinderklasse bis zur Floorball-Bundesliga. Er kennt jeden Fußballplatz, jede Halle, jeden Verein der Region – wer in die Zeitung sollte oder wollte, kam an ihm nicht vorbei. Doch jetzt, mit 70, geht „Mr. Muldental“ in den Ruhestand. Die Sportseiten werden nicht mehr im Hause Finke von ihm und seiner Ehefrau Bettina in Hohburg erstellt, sondern in Leipzig. „Die LVZ hat mir mit ihrer Entscheidung meine eigene abgenommen, ich wollte ohnehin in einigen Monaten aufhören“, sagt Wilko Finke, „alles hat seine Zeit, ich werde ja nicht jünger und fitter. Aber ein bisschen Wehmut ist schon dabei.“

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Immenses Sportwissen und exzellente Kontakte

Von seinen Mitstreitern wird er hoch geschätzt. „Ich hätte mir keinen besseren Kollegen wünschen können, habe oft über sein immenses Sportwissen und seine exzellenten Kontakte gestaunt“, meint Marc Bohländer, der sich künftig auch um die Muldentaler Seiten kümmern wird. „Ich ziehe vor seinen Leistungen den Hut, ohne ihn wird es komisch sein. Aber ganz verlässt er uns ja noch nicht, sondern bleibt in beratender Funktion erhalten.“

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Der gebürtige Dornreichenbacher Wilko Finke wuchs in Kleizschepa auf. Als Kind hatte er zu wenig rote Blutkörperchen und Sportverbot. „Ich bin trotzdem zum Turnen gegangen. Hätte es eine Fußballmannschaft gegeben, wäre ich wohl dort gelandet. Die Krankheit war dann plötzlich weg, und ich habe fast alles gemacht, bin zum Allrounder geworden.“ Er war ein Multitalent, spielte Volleyball und Eishockey, versuchte sich in der Leichtathletik, sprang von der Hohburger Schanze, wurde Bezirksmeister im Abfahrts- und Skilanglauf.

Doch gemessen an seinen Erfolgen im Kunstradfahren bei Traktor Großschzepa sind das Nebengeräusche. Er wurde mehrfacher DDR-Pionier- und Jugendmeister, trainierte nahezu täglich, fuhr als Zehntklässler zur Jugend-EM nach Prag und krönte sich zum Europa-Champion. Als Siegerpreis war eine riesige Vase vorgesehen. „Aber die hätte ich mit dem Zug nicht nach Hause gekriegt und habe mich für eine Uhr entschieden.“ Als Belohnung für den Titel wurde ihm die Astronomie-Prüfung erlassen, obwohl er kein Musterschüler war. „Da haben meine Leistungen unter dem Sport gelitten. Aber meine Eltern haben immer gesagt: So lange du nicht sitzenbleibst, ist alles gut.“

Ein Foto von Jimi Hendrix und Bronze in Ostrava

So schlimm kann es nicht gewesen sein, denn Wilko Finke absolvierte anschließend in Grimma eine Berufsausbildung mit Abitur als Chemieanlagenbauer. Nebenbei verdiente er bei Showauftritten mit Kunststücken auf dem Rad so manche Mark in der Umgebung. Bei seiner ersten Weltmeisterschaft 1967 wurde er „nur“ Sechster, gewann aber Freunde. „Ein Schweizer Athlet hat mir Zürich gezeigt und seine Cousine mir später regelmäßig die im Osten sehr begehrte Bravo geschickt. Fotos von Jimi Hendrix hatte in der DDR nicht jeder.“

Die vierte WM-Teilnahme 1970 in Ostrava wurde seine schönste. „Ich hatte mein Programm tadelsfrei absolviert und hoffte, dass es für Bronze reicht. Aber das Kampfgericht zeigte unberechtigt hohe Abzüge. Ich verkroch mich in der Kabine, um meiner Enttäuschung Herr zu werden. Ich war mir sicher, mehr als Platz vier springt nicht heraus. Doch etwa 30 Minuten später kam mein Trainer und meinte: Du musst zur Siegerehrung.“ Wilko Finke hatte Bronze geholt, hinter zwei Westdeutschen.

Vom Sportlehrer und TZ-Chef zum Journalisten

Weil die danach zurücktraten und er Gold beim nächsten Championat witterte, ließ er sich von den Funktionären überreden, sein Sportstudium an der DHfK um ein Jahr zu verschieben und noch intensiver zu üben. „Beim Trainingslager einen Monat vor der WM kam aber der Radverbands-Vize zu mir und hat kleinlaut erklärt, dass die DDR nicht mehr an solchen Wettkämpfen teilnimmt. Das war bitter.“

Wilko Finke (l.) als 15-Jähriger mit Trainer Rudolf Haferkorn und Teamkollege Christian Grüger.
Wilko Finke (l.) als 15-Jähriger mit Trainer Rudolf Haferkorn und Teamkollege Christian Grüger. © Privat

Nach Leipzig zum Studium durfte er trotzdem und sich 1975 Sportlehrer nennen. Da es aber eine hauptamtliche Planstelle im Kunstradfahren für ihn nicht gab, ging er zum Handball-Trainingszentrum nach Wurzen. Dort blieb er bis zur Wende, wurde Chef, hatte 150 Nachwuchssportler unter sich. „Es gab mehrere Stützpunkte in der Umgebung. Die sportlich talentierten fuhren mit Schul- und Hortbussen zum Training nach Wurzen, kein Talent sollte verloren gehen. Das war perfekt organisiert.“

Nach dem Zerfall des DDR-Sportsystems musste er sich wie viele andere neu orientieren. Der Zufall half. „1992 bin ich auf dem Markt einem Bekannten vom Wurzener Tageblatt begegnet. Er erzählte, dass er aufhört und ich mich bewerben könne.“ So begann seine zweite, fast drei Jahrzehnte dauernde Sport-Karriere. „Ich hätte nie gedacht, dass ich mal Berichterstatter werde, ganz ohne Ausbildung. Ich habe weder den Duden noch den Journalismus erfunden und nicht immer jedes Wort richtig geschrieben. Aber ich kannte fast jeden Übungsleiter und die Strukturen im Sport.“

"Viel Zeit und Kraft investiert"

Also erkundete er die neue Welt, Learning by Doing. 1994 nahm er seine zweite, 16 Jahre jüngere Ehefrau Bettina mit ins Boot, die er beim Handball lieben gelernt hatte und die ihn beim Fotografieren fortan unterstützte. Gemeinsam zogen sie los auf die Schauplätze der Region, Wochenende für Wochenende. Am Samstagvormittag ging es zu Nachwuchswettkämpfen oder Meisterschaften, nachmittags zu Fußballspielen, abends noch in die Hallen. Die Sonntage waren ebenfalls prall gefüllt, zumal ja nun auf Honorarbasis die Sportseiten für den Montag gefüllt und produziert werden mussten. Früher waren die LVZ-Lokalausgaben für Grimma und Wurzen noch getrennt, es ging doppelt zur Sache.

„An einem Tag hatten wir mal vier große Sportseiten, da sind wir fast verzweifelt“, erzählt Wilko Finke, „wir haben immer viel Zeit und Kraft investiert, bei späten Redaktionsschlüssen auch bis Mitternacht gearbeitet. Aber wir konnten uns unser Programm selbst einteilen und hatten dann unter der Woche mal frei. Es hat bei allem Stress auch viel Spaß gemacht.“ Nebenbei fuhren die Finkes Ende der Neunziger noch ihre beiden Söhne viermal pro Woche nach Leipzig zum Fußball-Training beim 1. FC Lok. „Kevin, der jüngere, war das größere Talent, aber Steve hat mehr daraus gemacht und dann lange beim Halleschen FC gespielt“, erzählt Wilko Finke.

Carlos Alberto und die Königin der Nacht

Aufwendig war früher das Entwickeln der Filme in der Dunkelkammer. „Dann habe ich in einem Supermarkt einen Automaten dafür gefunden, das hat viel Zeit gespart.“ Die ersten guten Digitalkameras kosteten bis zu 20.000 Mark. „Aber die Kosten für die Leasingraten waren nicht höher als die für das Entwickeln. Es lohnte sich, zumal wir die Bilder sofort zur Verfügung und mehr Auswahl hatten.“ Wenn er heute darauf angesprochen wird, dass seine Frau die besseren Fotos macht, dann nimmt er das mit Humor. „Es stimmt ja. Ich sage dann immer, dass ich aber der bessere Chauffeur bin.“

Wilko Finke bei der Archivierung von Bildern über das Brandiser Fußball-Geschehen.
Wilko Finke bei der Archivierung von Bildern über das Brandiser Fußball-Geschehen. © Privat.

Seit einigen Jahren hat Bettina Finke noch einem anderen Job, weil die von den Redaktionen bestellten Seiten nicht nur weniger, sondern auch kleiner wurden und die Honorare geringer. Sinkender Platz für den Lokalsport in der Zeitung bedeutete für Wilko Finke auch, dass er nicht mehr alle Wünsche der Vereine erfüllen konnte. „Ich habe mich immer bemüht, auch die sogenannten Randsportarten und den Nachwuchs zu berücksichtigen, aber das wurde schwieriger. Wir haben Floorball-Bundesliga, 2. Volleyball-Bundesliga, für die ich 23 Jahre lang selbst berichtet habe und darauf stolz bin, die Oberliga-Fußballer und vier Landesklassisten. Auch die unteren Spielklassen wollen etwas über sich lesen.“

Wer wie er im Lokalen unterwegs ist, staunt schon mal über Treffen mit Prominenten. Eines Tages stand Wilko Finke im Grimmaer Sportlerheim Carlos Alberto gegenüber, brasilianischer WM-Kapitän 1970 und Final-Torschütze beim 4:1 über Italien. „Er war als Nationaltrainer des Oman für ein Testspiel zum SV 1919 Grimma gekommen, wir haben im Kabinengang ein paar Worte gewechselt. Das hat mich beeindruckt, auch wenn mein Englisch schlecht ist. Danach gab es noch eine Pressekonferenz mit Übersetzung.“ Gut erinnern kann er sich auch an einem Abend in Otterwisch. „Wir saßen nach einem Spiel zusammen, als gegen 21 Uhr plötzlich mein Telefon klingelte und jemand schrie: Die Königin der Nacht, die Königin der Nacht!“ Beim örtlichen Fußball-Chef Lutz Grohme war eine nur wenige Stunden blühende Kakteenart zu voller Schönheit erwacht und sollte professionell abgelichtet werden. Wilko Finke fuhr sofort los.

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Künftig als Berater

Im Laufe der Zeit hat er in den Vereinen ein dichtes Kontaktnetz geknüpft und Leute gefunden, die Artikel und Informationen für ihn liefern. „Ich habe stets das Ohr an der Basis, erfahre fast alles, schreibe aber nicht alles, was ich weiß. Vertrauen ist entscheidend, ich bin fast mit jedem gut ausgekommen. Und wenn es mal Differenzen gab, wurden sie schnell ausgeräumt. Deshalb möchte ich allen danken, die mir in den vielen Jahren bei den vielen Seiten geholfen haben.“

Aber ganz loslassen will und muss Wilko Finke noch nicht. Er wird das SPORTBUZZER-Team künftig als Berater unterstützen, mit Neuigkeiten aus dem Muldental versorgen und bei der Themenfindung helfen. Außerdem möchte er sein riesiges Fotoarchiv in Ordnung bringen. „Die Negative von früher sind schon ganz gut sortiert, unsere weit über 100.000 Digitalbilder aber noch nicht. Ich habe meinen Sohn jetzt um eine große Festplatte gebeten.“

Weil der Sport und die Zeitung für die Finkes stets wichtiger waren als Ferien, sind sie in der vergangenen drei Jahrzehnten nie über Kurzurlaube hinausgekommen und wollen sich irgendwann nach Corona mal Korsika, die Algarve und Südfrankreich anschauen. Und dann sind da noch fünf Enkelkinder und ein 2.000 Quadratmeter großer Garten. „Es war nie langweilig und wird es hoffentlich auch nicht werden“, sagt Wilko Finke.