07. Juni 2021 / 01:17 Uhr

Abschiede bei Wolfsburgs Fußballerinnen: "Ich muss immer wieder losheulen"

Abschiede bei Wolfsburgs Fußballerinnen: "Ich muss immer wieder losheulen"

Jasmina Schweimler
Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung
Wolfsburger Abschiede: Stephan Lerch mit Friederike Abt (l.), Lena Goeßling, Lara Dickenmann und Ingrid Engen (r. mit Sofie Svava und Lena Oberdorf).
Wolfsburger Abschiede: Stephan Lerch mit Friederike Abt (l.), Lena Goeßling, Lara Dickenmann und Ingrid Engen (r. mit Sofie Svava und Lena Oberdorf). © Roland Hermstein
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Die Saison der Frauen-Bundesliga ist vorbei - und beim VfL Wolfsburg flossen Tränen. Nicht wegen der verpassten Meisterschaft, sondern weil einige Spielerinnen zum letzten Mal für den Meister aufgelaufen waren.

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Die Überraschung blieb aus, der FC Bayern sicherte sich mit einem 4:0 gegen Eintracht Frankfurt die Meisterschaft in der Frauen-Bundesliga. Verfolger VfL Wolfsburg zeigte sich am letzten Spieltag in Baller-Laune und feierte mit dem 8:0-Erfolg gegen Werder Bremen seinen höchsten Saisonsieg in der Liga. In traurige Gesichter blickte man nach Abpfiff im AOK-Stadion trotz verpasster Meisterschaft nicht. Die Spielerinnen lagen sich in den Armen und trödelten nach und nach zu ihren Familienangehörigen und LebenspartnerInnen, die im Stadion anwesend waren. Kinder spielten auf dem Rasen, es wurde geredet, gelacht und sich von einander verabschiedet - und dabei kullerten auch vereinzelt Tränen.

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Lena Goeßling, Zsanett Jakabfi, Lara Dickenmann, Ingrid Engen, Fridolina Rolfö sowie Friederike Abt wurden vom Pokal-Sieger verabschiedet. Goeßling, die seit 2011 in Wolfsburg ist und wettbewerbsübergreifend 254 Spiele im VfL-Trikot absolvierte, durfte die Mannschaft gegen Bremen ein letztes Mal als Kapitänin aufs Feld führen. Dass es für sie in der Autostadt nicht weitergeht, hatte die Bielefelderin schwer getroffen. "Es war schön, noch mal 90 Minuten auf dem Platz zu stehen. Ich habe es geliebt, hier zu spielen", so die ehemalige Nationalspielerin. Die Kapitänsbinde tragen zu dürfen, war eine "schöne Wertschätzung und Anerkennung des Trainerteams, dass ich die Situation so angenommen habe. Dafür möchte ich mich bedanken". Sie sei aber auch erleichtert, dass das "letzte halbe Jahr jetzt vorbei ist". Dass das Ergebnis gegen Bremen so deutlich wurde, freut sie, denn "wir haben uns vorgenommen, uns mit Bravour zu verabschieden".

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Die Schalke in München: Das Original ging an den Meister, eine sicherheitshalber in Wolfsburg wartende Kopie wurde nicht gebraucht. Zur Galerie
Die Schalke in München: Das Original ging an den Meister, eine sicherheitshalber in Wolfsburg wartende Kopie wurde nicht gebraucht. ©

Für Jakabfi und Dickenmann hingegen waren es die letzten Spielminuten ihrer aktiven Karriere, beide hängen die Fußballschuhe an den Nagel und widmen sich anderen Herausforderungen. Jakabfi gehört neben Anna Blässe zu den dienstältesten VfLerinnen und kam 2009 aus Ungarn nach Deutschland. Als sie VfLerin wurde, spielte der Verein in der Frauen-Bundesliga noch keine große Rolle. Sie geht als zweifache Champions League-Siegerin, sechsfache Meisterin und achtfache DFB-Pokal-Siegerin. "Ich bin ziemlich leer und habe gerade noch kein Gefühl. Das kommt wahrscheinlich erst in ein paar Tagen oder Wochen", so Jakabfi. Gegen Bremen traf sie nur wenige Minuten nach ihrer Einwechslung. Jakabfi: "Das ist schön und kann man irgendwie gar nicht beschreiben. Das habe ich mir so gewünscht, es ist alles optimal verlaufen."



Ihre Karriere in einem fast leeren Stadion beenden zu müssen, bedauert sie. "Was ich viel mehr vermissen werde als den Fußball, sind die Leute. Meine beste Freundin Anna Blässe, Lara, Lena, Poppi, Almuth. Ich kenne sie alle seit Ewigkeiten. Man kann nicht einfach einen Cut machen", weiß Jakabfi. Den Fans möchte sie sagen: "Ich wünschte, dass wir es anders hätten lösen können. Ich habe sie heute gehört und möchte mich bedanken. Hoffentlich sieht man sich noch mal im Stadion!"

Dickenmann zeigte sich nach Abpfiff traurig und glücklich zugleich. "Es war eine schöne Karriere", so die 35-Jährige. Sie gehört längst zu den erfolgreichsten und wichtigsten Sportlern in der Schweiz. Dickenmann: "Ich habe ja immerhin selber entschieden, dass ich aufhören möchte. Aber die letzten zwei Tage waren sehr emotional, ich muss immer wieder losheulen, auch wenn ich gar nicht will. Es überkommt mich einfach." Sie spiele zwar wahnsinnig gerne Fußball, aber jetzt sei es Zeit für den nächsten Schritt. Die Schweizerin wird zur kommenden Saison General Managerin beim Grasshopper Club Zürich.

Rolfö musste verletzungsbedingt passen, nachdem sie sich im DFB-Pokal-Finale gegen Eintracht Frankfurt leicht verletzt hatte. Dass die Schwedin nicht noch mal in Grün-Weiß auflaufen konnte, bedauert sie, aber: "Ich habe hier eine super Zeit gehabt und jeder Titel war ein Highlight, auch das Champions-League-Finale." 2019 kam die Flügelstürmerin ablösefrei aus München nach Wolfsburg. "Glückwunsch nach München zur Meisterschaft. Sie haben eine starke Saison gespielt und sich das verdient! Wir hatten unsere Chancen, es aber verpasst, sie zu nutzen", findet die 27-Jährige.

Über den guten Abschluss freute sich auch Abt, die in der neuen Saison für Bayer Leverkusen das Tor hüten wird. "Es wäre schön gewesen, wenn wir noch Meister geworden wären, aber das war ein wirklich starkes Spiel von uns. Wir können stolz darauf sein", so die Torfrau. In den letzten zwei Jahren "konnte ich so viel lernen und mitnehmen. Ich werde viele Menschen sehr vermissen und werde sicherlich noch mit einigen in Kontakt bleiben."

"Heute hat es wirklich viel Spaß gemacht. Das Spiel war super von uns", sagte Engen. Erst danach, so die Norwegerin, "wurde es für mich Wirklichkeit. Ich bin traurig, aber auch sehr dankbar für diese besondere Zeit. Ich habe sehr viel gelernt, als Mensch und fußballerisch." Besonders in Erinnerung bleiben wird ihr vor allem das vergangene Pokal-Finale gegen die Eintracht. "Ich war so erleichtert nach dem Tor von Ewa", beschreibt Engen, denn: "Das war so wichtig, auch nach dieser schwierigen Saison. Es war toll, dass wir noch mal zusammen feiern konnten."

Lerch: "Alles raushauen, was im Tank ist"

Die Meisterschaft haben die Wolfsburgerinnen verpasst, das Fazit von Trainer Stephan Lerch, der nun als Coach in den Nachwuchs von 1899 Hoffenheim wechselt, fällt trotzdem positiv aus. "Noch mal so ein Ergebnis hinzulegen, ist sensationell. Da muss ich ganz klar den Hut vor ziehen, denn wir wollten alles raushauen, was im Tank ist", so der 36-Jährige. Man könne dennoch auf eine gute Saison zurückblicken. Vom Ergebnis der Bayern erfuhr Lerch in der Halbzeit. "Da kam die Info, wie die Chancen stehen. Da wurde signalisiert, dass es aus unserer Sicht nicht mehr gut aussieht. Ich habe es aber nicht dauernd verfolgt", so Lerch ehrlich, der Glückwünsche Richtung München schickt: "Ich kann sie nur beglückwünschen! Sie haben eine tolle Saison gespielt."

Vergangenen September wurde der Abschied verkündet, nun war der letzte Tag an der Seitenlinie des VfL da. Lerch: "Ich muss schon sagen, dass viel Wehmut dabei ist. Bei Abpfiff kam schon ein kleiner Kloß in den Hals. Da wusste ich, dass wars und jetzt ist es endgültig." Er blicke auf eine tolle Zeit zurück, es überwiegen Stolz und Dankbarkeit. Dass die Spielerinnen, die den Verein verlassen, noch mal Spielzeit bekommen, war ihm wichtig. "Sie haben sich das über viele Jahre erarbeitet. Es war emotional, und das ging schon los, als Ingrid vom Platz ging und alle Spielerinnen zu ihr gegangen sind. Das geht auch mir nahe", gibt Lerch zu. Und "als Jay sogar noch ihr Tor gemacht, gab es ein bisschen Gänsehaut. Aber es ging nicht um Tore und nicht nur um heute. Was diese Spielerinnen für den Verein gemacht haben, wie sie ihnen gelebt haben, das ist nicht in Worte zu fassen".