12. Juli 2020 / 12:16 Uhr

Abstiege, Enttäuschungen, Insolvenzen: Wie geht es mit dem Fußball im Osten weiter?

Abstiege, Enttäuschungen, Insolvenzen: Wie geht es mit dem Fußball im Osten weiter?

Clemens Behr
Die Saison 2019/20 verlief für viele Ost-Klubs enttäuschend. Bei Dynamo Dresden (Bild) stand am Ende der Abstieg in die 3. Liga. 
Die Saison 2019/20 verlief für viele Ost-Klubs enttäuschend. Bei Dynamo Dresden (Bild) stand am Ende der Abstieg in die 3. Liga.  © Getty Images
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Es war ein dramatisches Jahr für den Fußball in Ostdeutschland. In Dresden, Chemnitz und Jena stand am Ende der Abstieg, in Halle, Magdeburg die Enttäuschung über eine verkorkste Saison. Sportlich bleibt der Fußball im Osten auch mehr als 30 Jahre nach der Wiedervereinigung auf der Strecke. Und wirtschaftlich – das hat die Corona-Krise gezeigt – können viele Ost-Klubs in den Profiligen nicht mithalten.

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Es glich einem Hilferuf, als sich zuletzt namhafte Vertreter des Ostfußballs, darunter Hans-Jürgen Dörner und Jürgen Sparwasser, in einem offenen Brief an den Deutschen Fußball-Bund (DFB) und die Deutsche Fußball-Liga (DFL) gewandt hatten. Sie forderten eine Aussetzung der Abstiegsregelung in den ersten vier Ligen und ein Bekenntnis der Verbände "zur Bedeutung des Ostfußballs", bevor "die Sonne im Osten endgültig untergeht". Denn dort liegt der Fußball – bis auf ein paar wenige Ausnahmen in Leipzig, Berlin und Aue – wieder einmal am Boden.

Bei Dynamo Dresden steht nach dem Abstieg aus der 2. Bundesliga der nächste große Umbruch an. Die einzig positive Nachricht: Die wirtschaftliche Situation sei laut Verein deutlich besser als beim letzten Gang in die Drittklassigkeit vor sechs Jahren.

In der neuen Saison wird Dresden auf Hansa Rostock treffen, einen der wenigen sportlichen Lichtblicke im Osten der Republik. Bis zum letzten Spieltag hoffte Hansa auf den Aufstieg, der in Rostock zuletzt 2011 gefeiert wurde. In den davorliegenden Spielzeiten ging es eher gegen den Abstieg und nur knapp entging die Kogge einem finanziellen Schiffbruch. Langfristig können die Rostocker, die einen Schuldenberg von mehr als 20 Millionen Euro vor sich herschieben, aber wohl nur in der 2. Liga überleben.

Meister, aber kein Aufsteiger: Diese Teams sind in der Aufstiegsrunde zur 3. Liga gescheitert

So fühlt es an, wenn man zum dritten Mal in Folge in der Aufstiegsrelegation scheitert. Welches Team diesen traurigen Rekord hält und wer noch Erfahrung darin hat, die 3. Liga zu verpassen, seht Ihr in der Galerie. Zur Galerie
So fühlt es an, wenn man zum dritten Mal in Folge in der Aufstiegsrelegation scheitert. Welches Team diesen traurigen Rekord hält und wer noch Erfahrung darin hat, die 3. Liga zu verpassen, seht Ihr in der Galerie. ©

"Rattenrennen" um den Aufstieg in der 3. Liga

Die 3. Liga wird oft als "Durchgangs-" oder "Insolvenz-Liga" verspottet. Ein Großteil der Klubs macht in dieser Klasse Miese. Mindestens die Hälfte der Teams möchte daher aufsteigen – unter das Dach der DFL und an die großen Geldtöpfe der TV-Übertragung. Dafür wird viel investiert.

Doch im sportlichen und wirtschaftlichen Wettkampf des Profifußballs gilt: Wenige gewinnen, viele verlieren. Wirtschaftswissenschaftler verwenden dafür den Begriff des "Rattenrennens": Viele Ratten konkurrieren um ein Stück Käse und setzen dafür mehr Ressourcen ein, als sie haben, bis die ersten Tiere verhungern. In der 3. Liga wird dieses Rennen besonders verbissen geführt.

"In der 3. Liga gibt es traditionell eine hohe Ansammlung an Traditionsvereinen aus dem Osten", sagt Christoph Breuer, Professor am Institut für Sportökonomie und Sportmanagement an der Deutschen Sporthochschule Köln. "Die Medienerlöse sind dort deutlich geringer als in der 2. Liga. Gleichzeitig ist das Finanzrisiko eines Abstiegs in den Amateurfußball hoch und jetzt zudem der finanzielle Schaden durch Corona erheblich."

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Die Corona-Krise zwingt viele Vereine zum Sparen

Das 7,5 Millionen Euro schwere Hilfspaket der Champions League-Klubs und die 200 Millionen Euro Nothilfe des Bundes für den deutschen Profisport werden die Einnahmeverluste, die den Klubs durch den Zuschauerausschluss in Folge der Pandemie entstanden sind, nicht ausgleichen können. Vielerorts werden im Osten deswegen wieder kleinere Brötchen gebacken – wie in Halle und Magdeburg.

Mit großen Ambitionen waren beide Vereine in die Saison gestartet. Der HFC peilte nach einer starken Vorsaison genauso wie Zweitligaabsteiger FCM den Aufstieg an – erst am vorletzten Spieltag sicherten sich beide Mannschaften den Klassenerhalt. Der HFC verzichtet vorerst auf eine geplante Etaterhöhung. Auch beim Chemnitzer FC will man nach dem Abstieg nicht vom sofortigen Wiederaufstieg aus der Regionalliga sprechen. Stattdessen geht es einmal mehr um die Existenz. Der Klub befindet sich noch im Insolvenzverfahren. Bis Mitte August braucht Chemnitz fast eine halbe Million Euro, sonst droht die Abwicklung des Vereins.

Nur im Westen ersetzen Emporkömmlinge Traditionsklubs

Regionalligist Lokomotive Leipzig wollte in diesem Jahr in den Profifußball zurückkehren. Doch die Sachsen zogen in der Relegation gegen den SC Verl den Kürzeren – ungeschlagen, wegen eines Auswärtstors weniger. Jetzt sind die Aussichten im Leipziger Stadtteil Probstheida nicht sehr rosig. Ein neuer potenter Hauptsponsor hat sein Engagement zurückgezogen, weil das an den Aufstieg in Liga drei geknüpft war.

Stattdessen wird im ostwestfälischen Verl in der Saison 2020/2021 erstmals Profifußball gespielt. Christoph Breuer sieht hier ein Phänomen, das den Osten und Westen Fußballdeutschlands unterscheidet. "Es gibt auch im Westen Traditionsvereine, die abstürzen – wie Kaiserslautern oder 1860 München –, doch die werden durch neue Klubs – wie Verl, Hoffenheim oder Heidenheim – ersetzt. Dieser ausgleichende Effekt ist in Ostdeutschland nicht zu beobachten." Scheinbar fehle im Osten die Finanzkraft, um nach einem Abstieg wieder aufzustehen.

Modell RB lässt sich nicht auf andere Klubs übertragen

In den oft strukturschwachen und weniger dicht besiedelten Regionen Ostdeutschlands sucht man die großen Geldgeber vergeblich. Bis heute hat kein einziger Dax-Konzern seinen Sitz in den Bundesländern der ehemaligen DDR.

Die Situation bei Champions-League-Teilnehmer RB Leipzig bezeichnet Breuer als "außergewöhnlich". Red-Bull-Gründer Dietrich Mateschitz hatte eine dreistellige Millionensumme für den Aufstieg des Klubs aus der Ober- in die Bundesliga investiert.

Ließe sich dieses Modell nicht auf Halle, Magdeburg oder Jena übertragen? "Die Anzahl an Unternehmen, die sich das leisten können, ist sehr überschaubar bis gar nicht vorhanden. Außerdem ist die Situation bei RB mit einem Investment in einen der genannten Klubs nicht vergleichbar", sagt Breuer. "RB hat einen weißen Fleck auf der Landkarte strategisch ausgewählt. Im Regelfall ist der Standort jedoch vorgegeben und ein Traditionsverein wird zu reaktivieren versucht."

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So geschehen in Jena. Dort war 2014 der belgische Investor Roland Duchatelet eingestiegen. Der Multimillionär investiert in ganz Europa in Fußball-Klubs. Vielen Jena-Fans ist Duchatelet ein Dorn im Auge, zu sehr mischt sich der Gesellschafter in das operative Geschäft des Vereins ein. Doch ohne sein Geld, wäre Jena vermutlich längst am Ende.

Dennoch stieg der FC Carl-Zeiss in dieser Saison als abgeschlagenes Tabellenschlusslicht ab. Eine schnelle Rückkehr in die 3. Liga haben sie in Jena scheinbar abgeschrieben. Duchatelet forderte, künftig vermehrt auf den eigenen Nachwuchs zu setzen.

Kein Profifußball mehr in Thüringen

In Thüringen ist die Geschichte des Profifußballs damit vorerst abgeschlossen. Das traurigste Kapitel schrieb in diesem Jahr wohl Wacker Nordhausen. Mit viel Geld und großen Namen wollte der Verein aus dem Südharz ins Profigeschäft stürmen. Die Realität: Insolvenz inklusive Rückzug aus der Regionalliga, ein Schuldenberg von neun Millionen Euro und Ermittlungen der Staatsanwaltschaft und des Landeskriminalamtes wegen Betrugs gegen Ex-Präsident Nico Kleofas.

In der Oberliga würde der Provinzklub aus Nordhausen auf den FC Rot-Weiß Erfurt treffen. Der muss nach der Insolvenz im Januar in der fünften Liga neu anfangen. Das Steigerwaldstadion, zwischen 2015 und 2017 noch für mehr als 42 Millionen Euro umgebaut und saniert, werden die RWE-Spieler künftig nur von außen sehen.

Der Fußball im Osten liegt im Jahr 2020 am Boden. Wie kommt er wieder auf die Beine? Sollte der Abstieg – wie Dynamo Dresden noch hofft – ausgesetzt werden? "Ein geschlossenes Ligensystem hätte beispielsweise Fehlinvestitionen in Arenen, die rückblickend einigen Klubs das Genick gebrochen haben, verhindern können", sagt Sportökonom Christoph Breuer dazu.

Bei dieser Diskussion komme es aber darauf an, welche Perspektive eingenommen wird: "Für die Liga ist egal, wer absteigt. Für den einzelnen Klub ist es brutal." Diese Brutalität bekommen Dresden, Jena und Chemnitz jetzt wieder zu spüren.