13. Mai 2020 / 16:33 Uhr

Abwerben von Handball-Talenten? Vorgehen des VfL Wolfsburg sorgt für Ärger

Abwerben von Handball-Talenten? Vorgehen des VfL Wolfsburg sorgt für Ärger

Benno Seelhöfer
Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung
Diskussionspotenzial: Der VfL Wolfsburg (Spartenleiter Jens Wöhner, r.) sucht nach Handball-Talenten. Nicht nur bei Andree Klebba (Trainer bei der JSG Allertal, kl. Bild) sorgt die Art und Weise für Unmut.
Diskussionspotenzial: Der VfL Wolfsburg (Spartenleiter Jens Wöhner, r.) sucht nach Handball-Talenten. Nicht nur bei Andree Klebba (Trainer bei der JSG Allertal, kl. Bild) sorgt die Art und Weise für Unmut. © Boris Baschin
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Der VfL Wolfsburg will in der Region ein "Leuchtturm" in Sachen Frauen- und Mädchen-Handball werden und treibt große Umstrukturierungen voran. Doch bei anderen Vereinen sorgt das Vorgehen der Wolfsburger im Abwerben von Talenten für Ärger. Ärger, den der VfL-Spartenleiter zum Teil verstehen kann.

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Der VfL Wolfsburg, der mit seiner ersten Frauen-Mannschaft in der Handball-Oberliga vertreten ist, hat mit strukturellen Veränderungen begonnen. Die Reserve wird zur „Juniormannschaft“, der Verein etabliert einen „Leistungsbereich Handball“. Ziel sei es, "den Frauen-Handball hier in der Region wieder attraktiver zu machen. Wir wollen in der Region eine Art Leuchtturm werden", sagte Spartenleiter Jens Wöhner. Dazu will der Verein "langfristig wieder eine A- und eine B-Jugend melden können."

Doch irgendwo müssen diese Spielerinnen auch herkommen, deshalb buhlt der VfL um Talente anderer Vereine - und das sorgt für Ärger. Beispielsweise bei Andree Klebba, der bei der JSG Allertal eine B-Jugend trainiert, die nun in der Landesliga Meister geworden ist. "Wir müssen in Wolfsburg und Umgebung was tun in Sachen Frauen-Handball", sagt der Nachwuchs-Trainer. "Aber nicht so. Man muss die Vereine, die Jugendarbeit betreiben, integrieren. Hinterlistig Spielerinnen abzuwerben, ist nicht nachhaltig gedacht."

Handball-Oberliga: VfL Wolfsburg - HSG Plesse-Hardenberg. Zur Galerie
Handball-Oberliga: VfL Wolfsburg - HSG Plesse-Hardenberg. ©

Den Meister-Coach ärgert vor allem die Vorgehensweise des VfL. "Anstatt das Gespräch mit dem Verein zu suchen, werden sich Telefonnummern der Spielerinnen über Dritte besorgt. Wir sprechen hier von 16-Jährigen, die das zweite Jahr B-Jugend gespielt haben", beklagt Klebba, der aber dennoch vorschlägt: "Vielleicht sollte man mit einem finanzkräftigen Partner eine starke B- oder A-Jugend in der Oberliga ins Rennen schicken. Aber sowas funktioniert nur, wenn man miteinander spricht." Der JSG-Trainer betont aber auch: "Ich hätte mich auch bei jedem anderen Verein ohne weibliche Jugendarbeit über die Vorgehensweise geärgert. Jetzt ist es eben der VfL."

Würden wichtige Spielerinnen der JSG zum VfL wechseln, würde dass das Team von Klebba vor ein Problem stellen, schließlich will das Team auch in der kommenden A-Jugend-Saison wieder in der Landesliga antreten. Bei einem Wechsel könnten die Spielerinnen zwar noch mit einem Doppelspielrecht für die JSG auflaufen, aber "der VfL hat die Hand drauf und kann entscheiden, wo sie am Wochenende zum Einsatz kommen". Ein weiteres Problem: Eine Ausbildungsentschädigung wird bei einem Wechsel nicht fällig.

Auch von der Verbandsliga-B-Jugend des HSV Warberg/Lelm im Kreis Helmstedt hat der VfL drei Spielerinnen angesprochen. Coach Maximilian Gutzeit: "Es ärgert mich nicht, dass sie die Spielerinnen ansprechen, sondern wie sie es machen." Schließlich wende sich der VfL an die Leistungsträgerinnen des Teams, und das beeinflusse die Saisonplanung enorm. "Ich hätte es schöner gefunden, wenn sie offen und ehrlich mit den Trainern gesprochen hätten." Gutzeit habe das Gespräch mit dem VfL gesucht, doch sein Vorschlag einer Kooperation sei auf wenig Gegenliebe gestoßen, so der Coach.

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VfL-Spartenleiter Wöhner zeigt sich verständnisvoll - besonders bei den Coaches, aus deren Teams der VfL mit mehreren Spielerinnen in Kontakt ist: "Ich ich kann die Sorgen der Trainer nachvollziehen. Ich kann verstehen, dass sie unzufrieden sind, dass wir nicht vernünftig darüber gesprochen haben. Das müssen wir nachholen." Dennoch betont der VfLer: "Aber es ist nicht so, dass wir uns gezielt in einer Mannschaft von mehreren Spielerinnen Nummern besorgen. Wäre das in meinem Team so, wäre ich als Trainer auch sauer."

Die Spielerinnen, mit denen die Wolfsburger über einen Wechsel sprechen, seien vor allem Talente, die bereits in einer VfL-Jugendmannschaft gespielt hätten, bevor diese aufgelöst wurden, so Wöhner. "Sie haben immer in Richtung VfL gedacht." Wenn sich ihr eventueller Wechsel dann in einer Mannschaft rumspreche, sei das nur normal, dass sich vielleicht andere Spielerinnen anschließen wollen. Und: "Wenn einzelne Spielerinnen wechseln, ist das eben das Geschäft."

Darüber hinaus wehrt Wöhner sich gegen den Begriff "abwerben". Er verweist auf das Doppelspielrecht der Spielerinnen, will sich in Sachen Spieltage bestmöglich mit den Jugendteams absprechen und betont: "Wir sagen immer: Jugend geht vor Frauen." Aber: "Wenn wir in einer Frauen-Mannschaft mal eine dünne Personaldecke haben, muss man sich natürlich auch fragen, ob das so geht."