15. Juli 2020 / 17:47 Uhr

Ausfahrt ins Ungewisse: Diese Herausforderungen würden Ralf Rangnick beim AC Mailand erwarten

Ausfahrt ins Ungewisse: Diese Herausforderungen würden Ralf Rangnick beim AC Mailand erwarten

Tom Mustroph
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Ralf Rangnick ist beim AC Mailand als Trainer und Sportdirektor in Personalunion im Gespräch.
Ralf Rangnick ist beim AC Mailand als Trainer und Sportdirektor in Personalunion im Gespräch. © Getty Images/imago images (Montage)
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Ralf Rangnick drohen bei seinem mutmaßlich neuen Abenteuer beim AC Mailand ungewohnte Widerstände. Die Gegner bringen sich in Stellung. Und auch die Mannschaft, die derzeit von Superstar Zlatan Ibrahimovic überstrahlt wird, spielt auf einmal für den alten Trainer.

„Il Diavolo“, der Teufel, macht es schwer für den Professor, Ralf Rangnick. Der steht seit Monaten vor einem Engagement beim einstigen Großklub AC Mailand. Damals steckten die Rotschwarzen – das Rot soll das Feuer der Mailänder Teufel symbolisieren, das Schwarz die Angst der Gegner – in der Krise. Trainer Marco Giampaolo ist längst entlassen, Nachfolger Stefano Pioli tat sich schwer. Inzwischen hat sich das geändert. Milan kämpfte Tabellenführer Juventus mit 4:2 nieder, fertigte den Dritten, Lazio Rom, mit 3:0 ab und nahm am Sonntag einen Punkt aus Neapel mit.

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Seitdem herrscht Übermut in Milanello. „Rangnick, wer ist das?“, ließ Zlatan Ibrahimovic vernehmen. Der Schwede, seit Januar auf seiner Karriereabschluss-Runde in Mailand, wäre mit seinen 38 Jahren wohl kein Fixpunkt in der Kaderplanung des auf junge Spieler setzenden Rangnick. So stänkert er schon mal gegen den möglichen Neuen und forderte eine Aussprache mit Geschäftsführer Ivan Gazidis. „Das war notwendig. Ich habe für mich gesprochen und für die Mannschaft. Ich brauche Erklärungen für die Zukunft, für meine, und für die des AC Mailand“, sagte „Ibra“. Sein Fazit: „Es wird schwer, mich auch im kommenden Jahr in Mailand zu sehen.“

Milan will große Zukunft mit Rangnick

Das deutet auf Rangnicks Ankunft hin – denn der ist der Wunschkandidat von Gazidis, der allerdings selbst umstritten ist. „Erst hat er Arsenal zerstört, nun soll er Milan kaputt machen“, empörten sich Milan-Fans im Oktober, als Ex-Trainer Giampaolo entlassen wurde. Der sollte eigentlich machen, was in Zukunft von Rangnick erwartet wird: junge Spieler entwickeln, mit ihnen Transfererlöse erzielen und nebenbei den ein oder anderen Titel gewinnen, damit der Investmentfonds Elliott den Klub wieder veräußern und den erhofften Gewinn einfahren kann.

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Gazidis genießt das Vertrauen von Fondsmanager Paul Singer und dessen Sohn Gordon. Deshalb eisten sie ihn im Winter 2018 vom FC Arsenal los und feierten ihn als „Manager mit großem Talent, von dem wir erwarten, dass er den Klub dazu bringt, sein ganzes Potenzial zu entfalten“. Den Vorschusslorbeeren wurde Gazidis bislang nicht gerecht. Der neue AC Mailand ist noch immer weit entfernt von den Glanzzeiten unter Silvio Berlusconi, als dreimal die Champions League, zweimal der Cup der Landesmeister und achtmal die italienische Meisterschaft gewonnen wurden.

Gegen Gazidis, den wichtigsten Verbündeten von Rangnick in Mailand, spricht auch dessen durchwachsene und titellose Bilanz bei Arsenal. Damit Gazidis nicht als weiterer erfolgloser Manager in die Post-Berlusconi-Annalen eingeht, soll jetzt also Rangnick ran. Der kann natürlich junge Spieler entwickeln. Als Fußballrevolutionär war er aber vor allem mit den Reißbrettklubs TSG Hoffenheim und RB Leipzig erfolgreich. Dort war er der Boss, konnte von Beginn an die Marschroute festlegen und war durch keine Altlasten gehemmt.

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In Mailand ist das anders. Paolo Maldini, mehr als zwei Jahrzehnte Spieler bei den „Rossoneri“ mit insgesamt 627 Einsätzen und aktuell technischer Direktor, hält Rangnick, der seinerseits nur 294 Bundesliga-Spiele als Trainer aufweist, für „nicht geeignet für Milan“. Er warf dem Deutschen auch mangelnden Respekt vor, als dessen Ambitionen auf den Chefposten immer deutlicher wurden. Am Sonntag legte Maldini nach und bekräftigte, er würde seine früheren Aussagen wiederholen. Maldinis Widerstand ist nicht ganz uneigennützig. Seine Zeit als technischer Direktor wäre vorbei, wenn Rangnick in der in Italien bislang unbekannten Machtfülle als Trainer und Manager käme. Für diesen Fall darf Maldini immerhin mit Jobangeboten vom Fußballverband FIGC rechnen.


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Noch steht das Umfeld zu Interimscoach Pioli

Mit dem Weggang der Widersacher – als weiterer erklärter Rangnick-Gegner warf im März schon Zvonimir Boban das Handtuch – dürften dennoch nicht paradiesische Zeiten für den Neuen anbrechen. Das Gros der italienischen Fußballkommentatoren steht inzwischen treu zum braven Interimscoach Pioli.

Und auch auf Arbeitgeberseite wird es nicht kuschelig. Im Gegensatz zu seinen früheren Stationen Hoffenheim und Leipzig wird er es in Mailand nicht mit auf den Fußball bezogen eher mäzenatisch gesinnten Geldgebern zu tun haben, sondern mit einem Investmentfonds, der als sogenannter „Geierfonds“ eiskalt ein Land wie Argentinien ausnahm. Eine komplexe Aufgabe wartet auf den feinsinnigen Analytiker und Tüftler aus Backnang.