22. April 2020 / 12:00 Uhr

Mainz-Trainer Beierlorzer über Corona, Homeoffice und den Liga-Neustart: "Nicht der Fußball, den wir kennen"

Mainz-Trainer Beierlorzer über Corona, Homeoffice und den Liga-Neustart: "Nicht der Fußball, den wir kennen"

Roman Gerth
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Achim Beierlorzer ist seit November 2019 als Trainer bei Mainz 05 im Amt.
Achim Beierlorzer ist seit November 2019 als Trainer bei Mainz 05 im Amt. © Getty Images (Montage)
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Achim Beierlorzer, Trainer des 1. FSV Mainz 05, im exklusiven SPORTBUZZER-Interview: Der Coach der 05er spricht über Training in Zeiten der Corona-Krise, bevorstehende Geisterspiele und große Solidarität der Bundesliga-Profis.

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Die aktuelle Phase ist für einen Bundesliga-Trainer, der mit seinem Team im Abstiegskampf steckt, denkbar ungünstig. Doch Achim Beierlorzer lässt sich das kaum anmerken, wirkt beim Telefonat sehr entspannt. Der 52-Jährige heuerte im November wenige Tage nach seiner Entlassung beim 1. FC Köln bei Mainz 05 an. Im Interview mit dem SPORTBUZZER spricht der ehemalige Lehrer über seinen alten Job, die Arbeit während der Corona-Krise – und er lobt solidarische Bundesliga-Profis.

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SPORTBUZZER: Herr Beierlorzer, Sie haben im August 2019 Ihren Beamtenstatus verloren, waren vor Ihrer Trainerlaufbahn im Profifußball als Lehrer für Sport und Mathe tätig. Würden Sie mit Blick auf die jetzige Situation lieber Ihrem ehemaligen Beruf nachgehen?

Achim Beierlorzer: Nein, ich habe noch keinen Gedanken daran verschwendet, wieder zurück ins Beamtentum zu wollen. Ich fokussiere mich auf das, was jetzt gerade ansteht. Die Entscheidung im Sommer war, ob ich in die Schule zurückgehe oder weiterhin Trainer im Profifußball sein möchte. Und da gab es weder bei mir noch bei meiner Familie zwei Meinungen, dass ich mich für Letzteres entscheide.

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Wie ist der Kontakt zur Schule im bayerischen Eckental, wo Sie vorher gearbeitet haben?

Ich habe immer wieder daran gedacht, weil ich noch engen Kontakt zu ehemaligen Kollegen habe. Für Lehrer ist es derzeit auch nicht einfach, dort steht man kurz vor den Abiturprüfungen. Das weiß ich gut von meinem jüngsten Sohn, der sich gerade darauf vorbereitet. Und er steht wie alle anderen Schüler vor einer unsicheren Situation.

"Gewöhnungsbedürftig ohne Taktung von Training und Spiel"

Sie müssen sich derweil ebenfalls durch ungewisse Zeiten in der Bundesliga kämpfen. Welche Erfahrungen haben Sie in Ihrer Zeit im Homeoffice gemacht, ohne den gewohnten Kontakt zu den Spielern?

Es war gewöhnungsbedürftig, ohne die Taktung von Training und Spiel im bekannten Rhythmus zu arbeiten. Stattdessen haben wir uns im Trainer-Team intensiv um die Pläne für die Spieler gekümmert, damit sie diese ungewöhnliche Zeit bestmöglich überbrücken können. Außerdem haben wir uns das Entwicklungspotenzial jedes einzelnen noch mal genau angeschaut und daran in drei Gruppen gearbeitet.

Fortsetzung oder Abbruch: So ist der Stand in den internationalen Topligen

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Wie schwer fiel es Ihnen, die Spieler nicht wie sonst im täglichen Training beobachten und die Fortschritte kontrollieren zu können?

Heutzutage arbeitet man ja mit fortschrittlicher Technik wie Pulsuhren oder GPS-Empfängern. So können wir gut überprüfen, wie die Spieler arbeiten. Aber ich hatte definitiv den Eindruck, dass sie sich in dieser Situation, in der sie ohnehin wenig anderes machen können, richtig auf das Training gefreut und entsprechend Gas gegeben haben. Wir waren sehr zufrieden mit der Leistungsbereitschaft des Teams.

Dennoch wird es Sie und Ihre Mannschaft gefreut haben, als es endlich wieder auf den Platz ging. Inwiefern ist das, was unter Auflagen wie Kontaktreduzierung trainiert wird, überhaupt hilfreich für einen Profifußballer?

Diese Art von Fußballtraining, wie wir sie momentan durchführen, können wir eine gewisse Zeit machen, ähnlich wie in der Sommervorbereitung. Wir arbeiten ausgiebig im athletischen Bereich, können unter Einhaltung der behördlichen Vorgaben Passformen, Torschüsse und Staffeln trainieren – doch irgendwann fehlt der sportliche Wettkampf.

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Bei diesem Thema gibt es kontroverse Diskussionen. Die Sonderstellung von Profifußballern, sollte die Bundesliga wieder starten, wird durchaus kritisch gesehen. Wie bewerten Sie das?

Auf der einen Seite kann ich die Kritik nachvollziehen, weil Sport oft mit Entertainment und Spaß in Verbindung gebracht wird. Auf der anderen Seite geht es darum, dass die Spieler ihrem Beruf nachkommen wollen. Es gibt strenge Auflagen, an die wir uns halten. Wir sind gerade im Training auf große Flächen und hinterher in sechs Kabinen verteilt, damit der Sicherheitsabstand stets gewahrt werden kann. Wichtig ist auch: Sollte der Ligabetrieb wieder einsetzen, brauchen wir einen gewissen Vorlauf mit Mannschafstraining, das einheitlich für alle Klubs möglich sein muss. Und alle wissen, dass das, was wir dann spielen, vom Fußball, wie wir ihn kennen und lieben mit Fans und toller Atmosphäre im Stadion, möglicherweise weit entfernt sein wird.

Solidarität in Corona-Zeiten: "Das imponiert mir"

In der derzeitigen Situation helfen die Bundesliga-Spieler mit zahlreichen Aktionen: Sie verzichten auf Gehalt oder stoßen Spenden-Initiativen an. Ist das der einzig richtige Weg?

Ich finde, dass diese Aktionen und diese Solidarität zeigen, dass der deutsche Fußball und seine Protagonisten soziale Verantwortung ernst nehmen. Es ist ein wirklich gutes Zeichen. Die Spieler sehen, was sie an ihren Vereinen haben, und geben nun etwas zurück. Viele engagieren sich darüber hinaus in sozialen Projekten rund um Corona. Das imponiert mir.