22. Dezember 2020 / 20:14 Uhr

Alba Berlins Johannes Thiemann: "Der erste Gedanke war: Fußfessel!"

Alba Berlins Johannes Thiemann: "Der erste Gedanke war: Fußfessel!"

David Joram
Märkische Allgemeine Zeitung
Johannes Thiemann
Johannes Thiemann blickt auf ein ereignisreiches Jahr zurück. © Foto: Andreas Gora
Anzeige

Vor dem Euroleague-Spiel gegen Real Madrid am Dienstag (21 Uhr) spricht Alba Berlins Johannes Thiemann im SPORTBUZZER-Interview über krebskranke Kinder, die Basketball-Blase und Nudeln im Hotel.

Anzeige

SPORTBUZZER: Herr Thiemann, normalerweise besuchen Ihre Mitspieler und Sie in der Weihnachtszeit die Kinderkrebsstation des Virchow-Klinikums in Berlin und verteilen Geschenke. Corona verhindert dies, wie sehr schmerzt Sie das?

Anzeige

Johannes Thiemann (26): Das ist sehr schade, der Termin ist immer einer der wichtigsten im Jahr und gleichzeitig einer der bedrückendsten. Auf der einen Seite ist es schön, weil wir den Kindern ein Lächeln aufs Gesicht zaubern können. Andererseits ist es sehr traurig zu sehen, wie viel Leid es gibt, dass es so viele Kinder gibt, die Krebs haben. Das ist jetzt leider eines dieser sozialen Themen, die durch Corona wegfallen. Das tut mir schon sehr Leid.

Schärft das Ihr Bewusstsein für die Privilegien, die Profisportler gegenüber anderen Menschen genießen?



Manchmal vergisst man das ein bisschen, weil man in diesem abgeschotteten Raum ist. Mein Leben würde ohne Corona ja gar nicht so anders aussehen: Wir spielen, dann trainieren wir einen Tag, dann spielen wir wieder zwischen den Reisen. Der Spielplan ist eng getaktet. Da würde auch ohne Corona nicht viel Zeit bleiben, mal in eine Bar zu gehen oder sich mit Freunden zu treffen. Deshalb kann man manchmal etwas ausblenden, wie beschissen die Lage eigentlich ist.

In Bildern: Das sind die besten Corona-Mannschaftsfotos in Brandenburg.

<b>Das sind die besten Corona-Mannschaftsfotos in Brandenburg.</b> Zur Galerie
Das sind die besten Corona-Mannschaftsfotos in Brandenburg. ©

Sie können auch Albas Anhänger nicht mehr treffen, die normalerweise einen engen Draht zum Team pflegen. Wie sehr fehlt Ihnen der Austausch mit den Fans in der Halle?

Das fehlt total, jedes Spiel fühlt sich wie ein Trainingsspiel an. Die Atmosphäre ist eine ganz andere. Da wird einem erstmal bewusst, wie viel die Fans eigentlich ausmachen, wie viel Feuer da von außen kommt, gerade zu Hause. Aktuell macht das nicht so viel Spaß, es ist ein anderes Spiel, weil die Energie der Fans fehlt.

Rückt die Mannschaft durch den kleinen Kreis noch ein bisschen enger zusammen?

Anfang bis Mitte Dezember waren wir ja auf einem knapp zweiwöchigen Auswärtstrip: Eine Woche unterwegs, 16 Stunden zu Hause, dann wieder vier Tage unterwegs. Da taten die 16 Stunden schon mal ganz gut. Aber wir haben insgesamt eine super Teamchemie, das passt dann schon.

Sie spielen oft international, fliegen durch ganz Europa. Fliegt bei Ihnen wegen Corona auch manchmal ein mulmiges Gefühl mit?

Natürlich, es ist eine komische Situation, ein kleiner fader Beigeschmack ist immer dabei. Ich persönlich mache mir keine allzu großen Sorgen, dass ich einen schweren Verlauf kriegen könnte. Wir Spieler sind alle in einer guten körperlichen Verfassung. Aber unsere Trainer – gerade Chefcoach Aito (Aito Garcia Reneses, Anm. d. Red.) – sind alle etwas älter Wir müssen aufpassen, aber nicht nur auf den Reisen, denn anstecken kann man sich überall.

Im Oktober haben sich sieben Spieler von Alba mit dem Coronavirus infiziert. Im ersten Spiel nach der Quarantäne-Auszeit war Alba gegen Barcelona dann chancenlos. Wie schwer ist der Mannschaft die Rückkehr in den sportlichen Alltag gefallen?

Es gab ja keine wirkliche Vorbereitung nach dieser zweiwöchigen Quarantäne-Phase. Selbst als das Teamtraining wieder begann, fehlten noch einige. Das ist dann schwierig. Ein paar Push-ups und Sit-ups im Hometraining simulieren halt keinen Basketballbetrieb. Von der Trainingsintensität her haben wir das gut gesteuert, aber der Spielplan hat nicht zugelassen, dass wir langsam machen konnten. Deshalb haben wir jetzt den einen oder anderen Verletzten.

Mehr zu Alba Berlin

Denken Sie, dass die Mannschaft spielerisch wieder auf der Höhe ist?

Nein, davon sind wir noch weit entfernt. Es gibt noch zu viele Spiele, in denen man müde ist, in denen die Würfe nicht so fallen wie gewünscht; man geht nicht immer dahin, wo es wehtut, weil sowieso schon alles wehtut. Wir bräuchten mehr Trainingszeiten, um die Abstimmung wieder genauer hinzukriegen. Aber wir lernen dazu, sonst hätten wir in der Euroleague nicht den einen oder anderen Sieg geholt. Qualität und Potenzial im Team sind vorhanden.

Anzeige

Welchen Einfluss hat die Corona-Großlage auf die Psyche der Spieler?

Ich habe vorhin die Fans angesprochen: Der eine oder andere Spieler hat vielleicht etwas weniger Druck, wenn nicht so viele Leute zuschauen. Die Trainingsweltmeister profitieren. Aber grundsätzlich ist die ständige Unsicherheit für jeden eine Herausforderung.

Zählen Sie eher zu den Trainingsweltmeistern oder den Publikumstypen?

Mir gibt das eher nochmal einen Kick, wenn die Halle voll ist. Ich bin jemand, der sehr energetisch spielt. Wenn mir mal die Energie fehlt, gibt mir das Publikum einen Push. In einer leeren Halle ist es schwieriger, gerade wenn man mal müde ist, den Extra-Schritt zu gehen.

Das Meisterschaftsturnier im Juni in München fand drei Wochen lang in einer menschenleeren Halle statt. Sie meinten irgendwann, dass Sie das Essen satt hätten. Was gab’s denn Schlimmes?

Das Essen war gut, typisches Hotelessen, aber gut. Nur wenn man, übertrieben gesagt, eben drei Wochen lang mittags Reis und abends Nudeln kriegt, dann schmecken einem irgendwann auch die besten Nudeln nicht mehr.

Wie heftig war diese isolierte Basketball-Welt, jetzt mal vom Essen mal abgesehen?

Es war total komisch und sehr anstrengend. Trotzdem war es eine coole Zeit, was vielleicht auch am Titel liegt, der das versüßt hat. Und letztlich war das ja auch ein Privileg, dass wir dieses Turnier trotz aller Beschränkungen spielen durften. Am Anfang hatte diese Basketball-Blase etwas von Klassenfahrt und Jugendheim. Hinten raus war’s dann härter, weil um uns herum die Corona-Regeln wieder gelockert wurden, wir aber immer noch festsaßen. Das war anstrengend.

Zumal alle Basketballer Bewegungschips mit sich führen mussten.

Der erste Gedanke war: Fußfessel! Aber im Endeffekt war es eben eine Kontrolle, falls es zu einem Coronafall in dieser Basketball-Blase gekommen wäre. Dann hätte man diverse Kontakte zurückverfolgen können. Es war aber deshalb komisch, weil wir von der Liga zuvor nicht Bescheid bekommen haben, das fand ich ein bisschen blöd. Die Kommunikation davor hätte man besser lösen können. Ich finde es immer schade, vor vollendete Tatsachen gestellt zu werden und nicht mitreden zu dürfen.

Sie sagten mal, der gewonnene Titel entschädige für alles. Wenn Sie wählen müssten: Corona-Jahr und Deutsche Meisterschaft oder kein Corona-Jahr und kein Titel?

Keine Frage, was Corona mit so vielen Menschen gemacht hat, da würde ich selbstverständlich ein Jahr ohne Corona und ohne Titel wählen. Aber natürlich ist die Meisterschaft in diesem Jahr schön für uns, sie hat nicht nur unsere Arbeit der letzten Jahre bestätigt, sie hat auch für den Aufwand entschädigt, den wir betreiben mussten; die ganzen Regeln, die wir einhalten mussten, das war für uns Spieler ja auch nicht ohne.

Herr Thiemann, zum Abschluss: Was wünschen Sie sich zu Weihnachten?

Mein Wunsch fürs kommende Jahr ist, dass das Corona-Thema so schnell wie möglich beendet ist.