07. April 2021 / 14:46 Uhr

Ein Kindsvater, zwei Familien: Für seinen TSV Kirchdorf ist dem Kapitän kein Weg zu weit

Ein Kindsvater, zwei Familien: Für seinen TSV Kirchdorf ist dem Kapitän kein Weg zu weit

Tobias Kurz
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Kirchdorfs Kapitän Alexander Kindsvater (re) mag es familiär.
Kirchdorfs Kapitän Alexander Kindsvater (re) mag es familiär. © deisterpics/Stefan Zwing
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Es ist heutzutage schon zur Floskel geworden, dass in Fußballvereinen von einer „familiären Atmosphäre“ gesprochen wird. Nicht immer wird dieses Ideal allerdings auch mit Leben gefüllt. Alexander Kindsvater ist jemand, dem man die familiäre Verbundenheit zu seinem Klub abnimmt. Der 28-Jährige spielt seit seiner ersten Männersaison für die Deisterstädter – eine Ausnahmeerscheinung im Amateurfußball.

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„Das gibt es heutzutage sehr selten. Ich finde das extrem geil“, sagt Trainer Christof Rosenbaum, der beeindruckt von der Treue seines Kapitäns ist. Zumal es nicht nur immer wieder attraktive Angebote für den Mittelfeldstrategen gab – auch aus pragmatischen Gründen hätte sich ein Wechsel längst angeboten. Denn zwei Jahre lang wohnte Kindsvater in Hildesheim, musste beruflich aber täglich nach Bad Pyrmont pendeln. Da passte regelmäßiges Training in Kirchdorf eigentlich nicht recht rein. „Das war teilweise echt hart“, gibt der Außenhandelskaufmann zu. „Es war mir aber immer klar: Für mich ändert das nichts.“

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Zwei- bis dreimal die Woche hieß es für ihn: Um 5 Uhr morgens mit dem Auto von Hildesheim nach Bad Pyrmont, dort arbeiten bis 16.30 Uhr und anschließend direkt weiter zum Training nach Kirchdorf. Da Rosenbaum ein Trainer ist, „der gerne mal überzieht“, kam es vor, dass Kindsvater erst nach 22 Uhr zu Hause war. „Klar hatte ich auch mal einen stressigen Tag auf der Arbeit und habe dann gesagt, das tue ich mir jetzt nicht an“, sagt der Kicker. Das war aber stets die Ausnahme, wie Rosenbaum bestätigt: „Immer wenn es ging, war er da.“

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Geld macht nicht immer glücklich, Freunde schon

Aber warum dieser ganze Stress? Was macht den TSV Kirchdorf so besonders, dass Kindsvater sich nicht einfach einen neuen Verein vor der Haustür suchte? „Ich hätte im Laufe der Jahre durchaus höherklassig spielen können, auch für ein bisschen Taschengeld. Aber ich weiß nicht, ob ich da glücklicher geworden wäre. Da bleibe ich lieber bei meinen Freunden“, erklärt er.

„Die meisten hier kennen sich seit 15 Jahren oder länger. Dieser familiäre Zusammenhalt ist ein besonderer.“ Nicht nur im übertragenen Sinne verhalf der TSV Kirchdorf Kindsvater zu einer Familie. Seit kurzem ist der 28-Jährige Vater einer Tochter – und daran hat zumindest ein Teamkollege einen gewissen Anteil.

Seine Freundin lernte der Kapitän nämlich bei einem Mannschaftsabend in der Stadt kennen. „Wir waren in Hannover unterwegs, und unsere Partykanone Niklas Eberhardt hat mit seinen wilden Dancemoves die Blicke der Damen auf sich gezogen. Eine davon fand ich ziemlich attraktiv – und die ist jetzt die Mutter meines Kindes“, erzählt Kindsvater lachend.

Die Geschichte passt zur „Kirchdorf-Verrücktheit“ der Kindsvater-Familie. Alexanders Schwester Milena ist zusammen mit ihrem Freund für die Social-Media-Kanäle des TSV zuständig. Und die Eltern der beiden schauen bei jedem Spiel zu, „auch wenn ich mal nicht da bin“, wie Kindsvater verrät. Die Wohlfühloase Kirchdorf will der Leistungsträger, der mit seiner Familie heute in Hameln wohnt und dort auch arbeitet, deshalb auch in Zukunft nicht verlassen. Vielmehr hat er noch große Ziele mit dem Kreisligisten.

Alexander Kindsvater (li) herzt seinen Kumpel und Partykanone Niklas Eberhardt.
Alexander Kindsvater (li) herzt seinen Kumpel und "Partykanone" Niklas Eberhardt. © Debbie Jayne Kinsey

„Ohne Kohle kommen solche Leute zu uns, da entsteht was, und da will ich Teil von sein.“

In der abgebrochenen Saison hatte der TSV gute Chancen auf die Aufstiegsrunde. Die Ambitionen sind über Jahre gewachsen. „Spätestens in zwei Jahren, will ich – wenn alles normal läuft – mit dem TSV Kirchdorf Bezirksliga spielen. Das ist meiner Meinung nach auch alternativlos“, sagt Kindsvater. Nicht nur er könnte anderswo Geld verdienen, auch Spieler wie Luca Ritzka (kam im Winter 2020 vom Regionalligisten HSC Hannover) entschieden sich bewusst für die Kreisliga – ohne finanzielle Anreize. „Wir haben ein richtig gutes Trainerteam mit einem klaren Plan. Der Transfer von Luca war dann ein Zeichen, wo man sagt: ‚Wow’“, sagt Kindsvater. „Ohne Kohle kommen solche Leute zu uns, da entsteht was, und da will ich Teil von sein.“

Routinier ist ein Führungsspieler der modernen Schule

Seinen Trainer freut das. Von seinem Kapitän spricht Rosenbaum in den höchsten Tönen: „Alex ist vielleicht der beste Fußballer, den wir haben. Technisch versiert und extrem spielintelligent.“ Darüber hinaus ist Kindsvater als Routinier im jungen Kirchdorfer Team ein Führungsspieler der modernen Schule. „Ich bin kein Schreihals, ich brülle keine Phrasen über den Platz“, erklärt er. „Ich spreche lieber mit vielen persönlich und würde niemals einen Teamkollegen über den Platz anpflaumen.“ Rosenbaum schätzt an ihm genau diesen besonnenen Führungsstil. „Er ist kein Lautsprecher, aber wenn er in der Kabine mal das Wort ergreift, dann hat er das Ohr der kompletten Mannschaft“, sagt der TSV-Coach. Das wird wohl auch in den nächsten Jahren so bleiben. „So lange wie die Knochen mitmachen, werde ich immer da sein“, sagt Kindsvater und lacht. Das kauft man ihm sofort ab, auch ohne Rumgebrülle.