28. September 2020 / 16:25 Uhr

Alkoholverbot ab 50 Zuschauern: Das sagen Fußballvereine aus Göttingen und der Region

Alkoholverbot ab 50 Zuschauern: Das sagen Fußballvereine aus Göttingen und der Region

Redaktion Sportbuzzer
RedaktionsNetzwerk Deutschland
„Bier und Bratwurst gehören zum Fußball dazu“: Das Alkoholverbot ab 50 Zuschauern sorgt bei Vereinen in Göttingen und der Region für Unmut.
„Bier und Bratwurst gehören zum Fußball dazu“: Das Alkoholverbot ab 50 Zuschauern sorgt bei Vereinen in Göttingen und der Region für Unmut. © Foto:
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Die neue Corona-Verordnung, nach der ab einer Zuschauerzahl von 50 Besuchern kein Alkohol mehr bei Spielen ausgeschenkt werden darf, sorgt weiter für Diskussionen. Wir haben uns bei Fußballvereinen aus Göttingen und der Region umgehört, wie sie das neue Bier-Verbot bewerten und welche Erfahrungen sie am Wochenende damit gemacht haben.

Arno Plumbohm, Teammanager Sparta Göttingen: Die Rechnung sei eigentlich ganz einfach, sagt Plumbohm: „Wir haben beim Heimspiel gegen den I. SC Göttingen 05 am Wochenende 50 Prozent weniger Einnahmen verbucht.“ Viele Leute gingen eben wegen Bier und Bratwurst zu einem Fußballspiel, das sei auch ein „gesellschaftlicher Akt“. Wenn dann kein Bier mehr getrunken werden dürfe, merke das der Verein beim Getränkeverkauf auch.

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Man habe zwar spontan zehn Kisten alkoholfreies Bier geordert, das sei aber bei weitem nicht so gut verkauft worden wie normales Bier. Die neue Verordnung mache es für die Vereine nun noch schwerer, Zuschauer zu den Heimspielen zu locken, sagt Plumbohm. Zumal die Entscheidung erst sehr kurzfristig mitgeteilt worden sei. „Da hatten wir für das Wochenende ja schon alles eingekauft.“ Der Verein überlege jetzt, mit anderen Aktionen gegenzusteuern.

Jens Schiele, Sportlicher Leiter SG Lenglern: „Das ist bitter für die Vereine, dass diese Einnahmen nun erst mal wegbrechen“, sagt Schiele. Zumal, wenn man so eben an der Grenze von 50 Zuschauern kratze. Ein Bier gehöre vor allem für die ältere Generation zu einem Fußballspiel dazu. Und wenn man das nicht mehr verkaufen dürfe, „hast du ganz klar Einnahmeverluste“. Schiele: „Wenn das noch länger so weiter geht, wird der Sport ganz allgemein am Boden liegen.“

Bovender SV startet Aktion "Kein Bier für 1 Euro"

Daniel Vollbrecht, Fußballabteilungsleiter Bovender SV: „Klar, wichtige Einnahmen brechen nun erst mal weg, daher kann ich den Unmut vieler Vereine verstehen“, sagt Vollbrecht. Für ihn sei es aber wichtiger, überhaupt wieder Fußball spielen zu dürfen. Also habe er sich mit anderen Mitgliedern des Klubs überlegt, „wie man das positiv drehen und mit einer Aktion verknüpfen kann“. Das Ergebnis: Der Bovender SV rief kurzerhand die Aktion „Kein Bier für 1 Euro“ ins Leben.

Das Procedere: Zuschauer können am Einlass oder am Getränkestand eine Wertmarke für einen Euro kaufen, die sie nicht einlösen können. Damit unterstützen sie die Jugendabteilung des BSV, die mit dem so eingenommenen Geld zwei Minitore für insgesamt 800 Euro anschaffen will. „So können die Leute, die kein Bier kaufen, auch noch etwas Gutes tun“, sagt Vollbrecht.

Das sei natürlich auch etwas selbstironisch gemeint. Dass die Aktion ankomme, bewiesen allerdings bereits zwei Rückmeldungen von Firmen, die sich mit 400 und 200 Euro an dem Kauf der Minitore beteiligen wollen. „Die erwarten dafür auch keine Gegenleistung, die finden unsere Aktion einfach lustig und kreativ“, sagt Vollbrecht.


Vorerst soll die Aktion „Kein Bier für 1 Euro“ auf die Heimspiele der ersten und zweiten Mannschaft beschränkt sein. Start ist am kommenden Wochenende. „Der Fußball steht im Vordergrund“, sagt Vollbrecht. Und zwei Stunden am Sportplatz zu verbringen, das sei auch mal ohne Bier möglich. „Wir wollen einfach aus der Mecker-Stimmung rauskommen und ein positives Signal setzen.“

"Keiner trinkt dafür eine Flasche Wasser"

Jürgen Engelhardt, Geschäftsführer SV Bilshausen: Als „völlig daneben“ bezeichnet das langjährige SVB-Vorstandsmitglied diese Entscheidung. „Wir hatten im Bezirkspokal gegen La/Seu am Sonnabend so schlechtes Wetter, dass wir nicht mal auf 50 Zuschauer gekommen sind. Die durften dann sogar stehend zuschauen und Bier trinken. Aber normalerweise kommen zu den Derbys 150 Zuschauer und dann sind es bei gutem Wetter und entsprechenden Temperaturen auch schon mal 30 Kästen, die über den Tresen gehen.“

Der Getränkeverkauf sei eine feste Einnahmequelle im Etat des Vereins. „Und keiner trinkt dafür eine Flasche Wasser, wenn es kein Bier gibt. Da spielt auch der Geselligkeitsaspekt eine Rolle“, sagt Engelhardt, der sich vor allem über den Veröffentlichungszeitpunkt dieser Vorgabe geärgert habe. „Freitagnachmittag um 14.30 Uhr. Da ist das Bier für das Wochenende längst geliefert.“

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Bernd Deppe, Vorsitzender SV Germania Breitenberg: „Überall war viel Kritik zu hören. Für die Zuschauer gehören Bratwurst und Bier nun einmal zum Besuch auf dem Fußballplatz dazu. Statt mehreren 100 Flaschen Bier sind im Pokalderby gegen den Nachbarn SG Bergdörfer lediglich drei Kisten alkoholfreies Bier über die Theke gegangen. Diese Entscheidung ist völlig überzogen und reißt Löcher in die Kasse, aus der wir die laufenden Kosten bestreiten."

"Diese Vorgabe und all die Hygiene- und Abstandsauflagen mit der entsprechenden Sitzplatzpflicht fordern uns kleine Vereine schon enorm. Wir haben in dieser Saison nicht viele Derbys. Am nächsten Wochenende kommt der SV Rotenberg, dann dürfen wir wieder kein Bier ausschenken. Diese Vorgabe gilt ja zunächst bis zum 8. Oktober. Da fehlt uns schon eine Menge Geld“, sagt Deppe.

"Total an der Realität vorbei"

Bernd Mühlhaus, Seniorenspielleiter des SV Rotenberg: „Die Reaktionen der Zuschauer sind moderat ausgefallen, weil sie es vorher schon in der Zeitung gelesen hatten. Während des Spiels wurde kein Bier ausgeschenkt, anschließend haben aber beide Mannschaften eine Kiste in die Kabine bekommen.“ Für den Vereinsfunktionär geht diese Vorgabe „total an der Realität vorbei“.

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Bier und Wurst gehöre für viele zum Besuch auf dem Fußballplatz dazu. „Es müssen doch alle montags wieder los, da wird doch nicht maßlos getrunken. Bei uns werden bei den Heimspielen so acht bis zehn Kisten Bier ausgeschenkt. Die Einnahmen fehlen im Moment. Nicht jeder greift deshalb zu alkoholfreiem Bier oder Weizen.“

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Umfrage: SPORTBUZZER-User kritisieren Verordnung mehrheitlich

Die neue Corona-Verordnung in Niedersachsen war am Freitag in Kraft getreten und hatte bereits da zu heftigen Reaktionen geführt. „Für die Vereine ist es schon schlimm genug, sie haben ausreichend Probleme mit den bisherigen Corona-Beschränkungen. Nun denkt man, dass es vielleicht besser wird, und da wird einem so ein Knüppel zwischen die Beine geworfen“, sagte Thorsten Tunkel, Abteilungsleiter des Fußball-Oberligisten SVG Göttingen und Mitglied des Bezirksspielausschusses.

Und auch die SPORTBUZZER-User haben eine klare Meinung zu dem Thema. „Was haltet ihr von der neuen Corona-Verordnung und dem Alkoholverbot ab 50 Zuschauern auf Fußballplätzen?“, hatten wir gefragt, und knapp 60 Prozent der rund 200 Teilnehmer (Stand Montagnachmittag) ist der Meinung: „Das ist absolut übertrieben“. Etwa 30 Prozent der Teilnehmer waren gar der Meinung, dass man den Vereinen mit der neuen Regelung schade. Lediglich etwa zehn Prozent der User konnten der neuen Verordnung auch etwas Positives abgewinnen. Die Umfrage ist weiter geschaltet, erreichbar über diesen Link.

Von Andreas Fuhrmann und Kathrin Lienig