21. Juni 2019 / 19:10 Uhr

Allheilmittel Kunstrasen? Leipzigs Vereine kämpfen um immergrüne Spielflächen

Allheilmittel Kunstrasen? Leipzigs Vereine kämpfen um immergrüne Spielflächen

Anton Kämpf
Leipziger Volkszeitung
Leipziger Sportvereine wünschen sich beim Neubau von Kunstrasenplätzen mehr Unterstützung von der Stadt.
Leipziger Sportvereine wünschen sich beim Neubau von Kunstrasenplätzen mehr Unterstützung von der Stadt. © dpa-Zentralbild
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Um unter anderem Trainings- und Spielausfälle auf Grund des Rasens oder der Witterung zu vermeiden, kämpfen die Leipziger Vereine um den Bau von neuen Kunstrasenplätzen. Obwohl die Stadt ihnen entgegen kommt, sind sie auf großzügige Spenden angewiesen.

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Leipzig. „Modernes Fußballtraining kannst du nicht auf einem räudigen Platz machen“, stellt Thomas Wilhelm (46) fest. „In der Zukunft gehört der Kunstrasen wie das Tor zur Fußballausbildung dazu.“ Seit zwei Jahren arbeitet der Familienvater intensiv an der Finanzierung eines künstlichen Rasens in der Pistorisstraße 30 für den Leipziger SC 1901, seit sieben Jahren ist er Nachwuchstrainer beim Sportclub. Und trotz Förderzusage der Stadt im sechsstelligen Bereich mussten insgesamt 90 000 Euro an Eigenmitteln nachgewiesen werden. Dies wurde dank zahlreicher großer und kleiner Spenden und Sponsoren rechtzeitig zum Stichtag aufgebracht. Sehr viel für einen Breitensportverein mit ehrenamtlichen Mitarbeitern. Zu viel?

„Es ist fast nicht zu stemmen“, meint Lutz Lehmann, Präsident des SV Lokomotive Engelsdorf. Der engagierte Verein an der Hans-Weigel-Straße hofft auf eine Förderzusage im nächsten Jahr und versucht, bereits jetzt die notwendigen Gelder aufzutreiben. „Vielleicht müsste sich die Stadt irgendwo nochmal bewegen. Statt 80 eventuell 90 Prozent der Kosten übernehmen. Wir bauen auf Gelände der Stadt, dementsprechend kommt der Wertzuwachs auch Leipzig zugute.“ Die Lok dampft auch mit eigener Kraft. Bisher konnten 23 800 Euro an reinen Spenden gesammelt werden. 75 000 Euro sollen es bei Kassensturz sein. „Eine ganz schöne Summe“, weiß auch Lehmann, der sich bei einem Großspender vorstellen kann, den Platz nach ihm oder dessen Firma zu benennen.

„Der Kunstrasen ist nicht die Zauberformel“

Der Stadtrat hat die Schatulle auch etwas mehr geöffnet: Neben der regulären Investitionsförderung von zwei Millionen Euro kommen noch 500 000 Euro drauf. Im Zuge des „Sportprogramms 2024“ wolle man jährlich im Schnitt bis zu zwei Anlagen fördern. Auch für andere Sportarten: So bekommt die Hockeyabteilung des ATV 1845 ein neues Feld, der in die Jahre gekommene Kunstrasenplatz soll erneuert werden. Ähnlich wie bei Lok Engelsdorf und beim LSC werden Spenden und Sponsoren durch eine eigens erstellte Website akquiriert. Ob noch mehr ginge? Weitere Förderungen scheitern auch an den verschiedenen Interessen von Land und der Stadt. Kerstin Kirmes erklärt: „Bei uns hat zum Beispiel ein neuer Rasen beim mitgliederstark gewordenen FC Blau-Weiß Priorität, beim Land hat er Nachrückerstatus.“ Die Leiterin des Amtes für Sport führt für die derzeitige Entwicklung in den Leipziger Fußballclubs, beim LSC kicken über 250 Kinder, auch den „RB-Effekt" an. Die Vereine wachsen, müssen teilweise Spieler und Spielerinnen wegschicken. Wenn es so weitergeht, brauchen wir neue Flächen.“

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Dennoch warnt sie: „Der Kunstrasen ist nicht die Zauberformel, um alles zu lösen. Die Vereine müssen ihr Pflegemanagement professionalisieren, da er leider eine kürzere Lebensdauer als ein ordentlich gehaltener Naturrasen hat. Bei gutem Greenkeeping muss der Belag nach zehn bis zwölf Jahren gewechselt oder überarbeitet werden. Betriebswirtschaftlich ist im Freizeit- und Breitensportbereich ein gut gepflegter, echter Rasen mitunter die bessere Variante.“ Zudem unterstreicht Kirmes: „In Leipzig herrscht das 1992 beschlossene Prinzip: fast alle Sportanlagen sind langfristig an gemeinnützige Vereine verpachtet. Sie arbeiten mit der Investitionsförderung durch Kommune und Land. Somit ist der Verein Bauherr. Der Fördermittelbescheid definiert jeweils Auflagen und Bedingungen, sozusagen das Kleingedruckte.“

„Viele sagen: Du bist doch bekloppt“

Einen Strich durch die Rechnung für zukünftige Kunstrasen-Projekte könnte die EU und eine nicht zu unterschätzende Kleinigkeit machen. Berechnungen des Fraunhofer-Institut für Umwelt-,Sicherheits- und Energietechnik, kurz UMSICHT, haben ergeben, dass Sportplätze und insbesondere das Kunststoffgranulat des Plastikgrüns die drittgrößte Quelle für Mikroplastik in Deutschland sind. Im März hat die Europäische Chemikalienagentur bei der Europäischen Kommission einen Vorschlag vorgelegt, nach dem unter anderem die Verbreitung von Kunststoffrasensystemen, die eben dieses Granulat verwenden, künftig verboten werden sollen.

Der Deutsche Fußball Bund und der Deutsche Olympische Sportbund beteiligen sich daher am laufenden EU-Konsultationsverfahren, eine Arbeitsgruppe bestehend aus Mitgliedern verschiedener Sportverbände und der Wissenschaft beschäftigt sich mit Lösungen und möglichen Folgen eines Verbots. In einer Pressemitteilung des DOSB wird beispielsweise eine Übergangsfrist von sechs Jahren gefordert, um „die hohen Investitionen für die Sanierungen der mehr als 6000 kommunalen und sportvereinseigenen Kunststoffrasenspielfelder unterschiedlichsten Alters in Deutschland leisten und gleichzeitig den Sportbetrieb auf den betroffenen Anlagen aufrechterhalten zu können.“ Außerdem sei eine bundesweite Sportstättenstatistik der Länder „zwingend erforderlich“. Das letzte Mal wurde diese 2002 erhoben. Lutz Lehmann ist seit 2005 Lok-Präsident. Seit über einem Jahr engagiert sich sein Verein für einen Kunstrasen. „Viele sagen: Du bist doch bekloppt“, so der 66-Jährige, „ich habe damit Tage und Wochen meines privaten Lebens verbracht. Es ist für unsere Jugend und unseren Nachwuchs. Ich will das gerne machen!“ Aus den selben Gründen wie der LSC und Thomas Wilhelm: „Zu viel Spiel- und Trainingsausfall im Winter, zu wenig Hallenzeiten, zu wenig Platz. Jeder würde lieber auf einem geilen Naturrasen spielen, aber es ist offensichtlich, dass es so nicht weitergeht.“

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