17. August 2021 / 06:00 Uhr

DFB-Torhüterin Almuth Schult: Deshalb sollte die Olympia-Teilnahme wichtiger als die Bundesliga-Vorbereitung sein

DFB-Torhüterin Almuth Schult: Deshalb sollte die Olympia-Teilnahme wichtiger als die Bundesliga-Vorbereitung sein

Almuth Schult
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Almuth Schult hat 2016 Olympia-Gold gewonnen. In ihrer Kolumne stellt sie die Frage, ob der Männerfußball weiter an Olympia teilnehmen sollte.
Almuth Schult hat 2016 Olympia-Gold gewonnen. In ihrer Kolumne stellt sie die Frage, ob der Männerfußball weiter an Olympia teilnehmen sollte. © IMAGO/Sven Simon/Rene Schulz (Montage)
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Stefan Kuntz bekam als Trainer der deutschen Olympia-Mannschaft keinen vollständigen Kader zusammen. SPORTBUZZER-Kolumnistin Almuth Schult ist erstaunt darüber, wie gering die Bedeutung der Tokio-Spiele gegenüber der Bundesliga-Vorbereitung eingestuft wurde. Die Gold-Gewinnerin von 2016 fragt: Möchte der Männerfußball überhaupt weiter an Olympia teilnehmen?

Die Bundesliga der Männer ist wieder gestartet und doch war ich irgendwie noch nicht so richtig darauf eingestellt. Erst letzte Woche habe ich mich ehrlicherweise gefragt, wann die Liga genau losgeht und wer gegen wen spielt – Olympia war noch viel zu präsent. Vielleicht hatte es auch damit zu tun, dass ich ziemlich enttäuscht vom deutschen Fußball war, wie weit hinten die Olympischen Spiele in der Wichtigkeit kategorisiert wurden.

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Für fast alle Sportler ist eine Olympiateilnahme das Größte, was es überhaupt gibt – dagegen stand für viele Vereine der Männer-Bundesliga außer Frage, die Vorbereitung auf die neue Saison höher einzuordnen und Spieler für diese großartige Erfahrung nicht freizustellen. Ob es Spieler gab, die tatsächlich freiwillig verzichteten, kann ich mir nur schwer vorstellen. Vielmehr war in diesen Fällen wohl der Druck der Berater, der Trainer und der Klubs zu groß. Doch selbst wenn ein Profi durch seine Olympiateilnahme erst später in die Vorbereitung eingestiegen wäre, hätte ihn dieses Erlebnis meiner Meinung nach langfristig eher weitergebracht. Viele Spieler sind noch sehr jung und wollen keine Fehler machen, um ihre möglichst erfolgreiche Karriere im kurzlebigen Geschäft nicht zu gefährden. Vielleicht muss man unter diesen Umständen darüber nachdenken, ob der Männerfußball weiter an Olympia teilnehmen möchte und diesem historischen Kräftemessen der Besten der Welt wirklich gerecht wird.

Am ersten Spieltag habe ich deshalb mal nachgeschaut und festgestellt, dass auf viele von unseren Olympiafahrern trotzdem gesetzt wurde. Neun standen in der Startelf, vier wurden eingewechselt, einer saß auf der Bank. Diejenigen, die gar nicht spielten oder nicht zum Kader gehörten, waren entweder verletzt oder zählen ohnehin nicht zur "ersten Reihe" – mit oder ohne Olympia. Die Argumente, die von manchen Sportchefs oder Trainern mit Verweis auf die verminderte Leistungsfähigkeit nach einem solchen Trip angeführt wurden, hat Wataru Endo als bestes Beispiel widerlegt. Er führte den VfB Stuttgart als überragender Mann an die Tabellenspitze – er war nach seinem Olympiaeinsatz mit Japan übrigens exakt vier Tage im Training. Ich hoffe, die Olympioniken können dies die nächsten Spieltage genau so fortsetzen!

Für mich persönlich war die Teilnahme an den Spielen 2016 in Rio jedenfalls das absolute Highlight meiner Karriere, davon habe ich schon als Kind bei Jugend trainiert für Olympia geträumt. Wir hatten von Anfang an das Ziel, ins olympische Dorf einzuziehen, was für uns erst als Finalist möglich war, da unsere Spiele in anderen Städten ausgetragen wurden. Dieses Ziel stand für mich über allem.

Zum Glück haben wir es geschafft und durften diesen einzigartigen Ort namens "Olympisches Dorf" mit seiner Vielfalt an Ausnahmesportlern betreten. Man kann versuchen zu beschreiben, was dieses Besondere ist – aber man muss es einfach erlebt haben. Ich habe bis heute noch Freundschaften mit Athleten, die ich dort kennengelernt habe. Die Kontakte, die Abschlussfeier, das Deutsche Haus, die beiden Finals, die ich live erlebt habe (das Bronzespiel der Handballer sowie das Endspiel unserer Männer im Maracanã, als die Brasilianer mit Neymar Gold holten) werde ich nie vergessen. Die Goldmedaille – die übrigens viel größer und schwerer ist als alle Medaillen, die ich je gewonnen habe – hat dem Ganzen die Krone aufgesetzt. Dies alles zusammen war wertvoller als alle Saisonvorbereitungen dieser Welt.

Ich freue mich jetzt schon darauf, meine Medaille irgendwann mal meinen Kindern zu zeigen – genau wie die Bilder und all die wunderschönen Erinnerungen von Rio 2016.


Immer dienstags wechseln sich an dieser Stelle Bestsellerautor Ronald Reng, die deutsche Fußball-Nationaltorhüterin Almuth Schult, Sky-Kommentator Wolff Fuss und Jochen Breyer, Moderator des ZDF-"Sportstudios", mit Meinungsbeiträgen ab. Sie sind alle Kolum­nisten des SPORTBUZZER, des Sportportals des RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND).