23. Februar 2021 / 21:10 Uhr

Als am Bückeberg das Licht angeht

Als am Bückeberg das Licht angeht

Uwe Kläfker
Schaumburger Ztg. / Schaumburger Nachrichten
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Stolz wie Bolle: Kurz vor dem Einweihungsspiel gegen den ASC Nienburg posieren die Vereinsgründer Karl Stiefelmeier (von links), Ferdinand Tielke und Karl Nickel mit den Teams für das Erinnerungsfoto. © Privat
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Der damalige TSV Eintracht Wendthagen installierte 1968 das erste komplette Flutlicht im ehemaligen Fußballkreis Schaumburg-Lippe

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Das Mühlenbachstadion in Wendthagen ist ein echtes Schmuckstück. Die überdachte Tribüne sorgt für Oberliga-Flair beim in der 1. Kreisklasse beheimateten TSV Eintracht Bückeberge, das Sporthaus ist mit Balkon ausgestattet und eine Flutlichtanlage gibt es auch. Letzteres ist heute auf den meisten Sportplätzen Standard.

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Aber die pfiffigen Wendthäger waren 1968 die Ersten, die im damaligen Fußballkreis Schaumburg-Lippe eine komplette Flutlichtanlage mit vier Masten aufstellten. Das sagt zumindest Rudolf Seiger, der damals als Jugendleiter maßgeblich an der Umsetzung beteiligt war. „Stadthagen oder Bückeburg? Da waren wir als TSV Wendthagen schneller.“

Was bringt so ein Flutlicht überhaupt? Heute ist das klar, damals tappten die Vereine noch im Dunkeln. Um sich diese Frage zu beantworten, spielten Seiger und der damalige Vorsitzende Wilfried Becker Kundschafter. „Auf dem Sportplatz des TSV Hespe waren damals zwei Flutlichtmasten in Betrieb“, erinnert sich Seiger. Also nix wie hin, dachte man sich am Bückeberg. „Wir nahmen eine Tageszeitung mit und haben überprüft, ob man die auf der Platzmitte noch lesen konnte.“ Erstaunlicherweise sei das der Fall gewesen, so Seiger.

300 Meter Kabelgräben mussten etwa 70 Zentimeter tief in Handarbeit und mit Muskelkraft ausgeschachtet werden

„Dann machen wir das mal.“ Also wurde auf einer Vorstandssitzung die Umsetzung des Projekts beschlossen – in Eigenleistung. Sporthallen gab es kaum, Hallenzeiten für Fußballer waren rar. „Unser Ziel war es, in der dunklen Jahreszeit endlich draußen trainieren zu können und Spiele durchzuführen“, sagt der Wendthäger.


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Rudolf Seiger (links) und „Strippenzieher“ Hans-Hermann Lampe erinnern sich gern an den Bau der Flutlichtanlage zurück. © Uwe Kläfker

Der kleine Verein betrat Neuland, musste sich um Genehmigungen, Kostenvoranschläge für Masten und Strahler sowie Kabel und Zuschüsse kümmern. Wo waren überhaupt Masten zu bekommen, wer sollte sie aufstellen und die Frage aller Fragen: Wer kam für die Stromkosten auf? Auch bei diesem Thema war man findig, einigte sich auf eine Pauschale, die die Stadt übernahm. Alles, was darüber hinaus ging, musste der Verein bezahlen. Dazu sei es aber nie gekommen, „das Licht wurde immer schnell ausgeschaltet“.

Minibagger waren noch nicht auf dem Markt. „Unseren zahlreichen ehrenamtlichen Helfern wurde viel abverlangt“, sagt Seiger. Wie viel? „Eine Menge.“ 300 Meter Kabelgräben mussten etwa 70 Zentimeter tief in Handarbeit und mit Muskelkraft ausgeschachtet werden. „Das war auf dem steinreichen Lehmgelände mit der Pickhacke sehr schweißtreibend.“

Einer hatte was gegen das Treiben auf dem Sportplatz, zum Glück war das nur ein (riesiger) Findling, den Seiger mit Trecker und Seilwinde aus der Erde bugsierte. „Den haben wir zum 60. Vereinsgeburtstag als Gedenkstein umfunktioniert“, so der TSV-Ehrenvorsitzende. Aber die Kärrnerarbeit ging weiter, die stählernen Ungetüme mussten ja zwei Meter tief in der Erde versenkt werden. Einen Kran gab es nicht. Bauer Horst Thürnau half mit Trecker und Frontlader aus. „Das war für die vielen Helfer eine Heidenarbeit“, weiß Seiger.

Daumenfrühstück vom Dorfmetzger Nickel ('Die beste Sülze') und Kaltgetränke, das reichte als Motivation

Ein Mast kippte um, der Schaden wurde behoben und weiter ging’s. Den Beton bezahlte ein Sponsor, die Elektrik verlegte Vereinsmitglied Hans-Hermann Lampe – ohne etwas dafür zu verlangen. Daumenfrühstück vom Dorfmetzger Nickel („Die beste Sülze“) und Kaltgetränke, das reichte. „Es war eine einmalige Kameradschaft, es machte Spaß“, erinnert sich Lampe. Viele Helfer seien gar nicht im Verein gewesen. „Es war auch die Gemeinschaft im Dorf.“ Sogar sonntags („Da hatten wir Zeit“) sei gearbeitet worden. Am Nachmittag kamen dann die Ehefrauen mit Kindern und Topfkuchen auf den Platz. „Aber nicht, um zu schimpfen oder uns abzuholen“, sagt Lampe und lacht.

Am 2. August 1968 feierte das Mühlenbachstadion nach einem halben Jahr Bauzeit während der weithin bekannten und von Karl-Heinz „Kiste“ Hartmann organisierten Sportwerbewoche Flutlicht-Premiere. Als Gegner hatte man sich den (damals) zwei Klassen höher spielenden ASC Nienburg auserkoren. Das Spiel wurde 1:6 verloren, geschenkt. Mehr als 800 Zuschauer sahen alle Tore, sogar die Gäste aus der „Hauptstadt“ des Nachbarkreises Nienburg waren – sozusagen – hell begeistert. „Und wir so stolz, was wir als kleiner Verein mit 120 Mitgliedern geschafft hatten“, sagt Seiger.

Die Mühen um das ehrgeizige Projekt trugen Früchte, die Wendthäger Fußballabteilung boomte fortan. Innerhalb von zwei Jahren habe sich die Mitgliederzahl verdoppelt.

Weil die „Macher“ mitgedacht und an der Mittellinie Anschlüsse verlegt hatten, war die Aufstockung auf sechs Masten im Jahr 1975 kein Problem. Es gab fortan noch mehr Durchblick auf dem Platz. 2004 wurden drei ersten Masten auf Geheiß des TÜV ausgewechselt.

Aber beim TSV denkt man schon wieder weiter, träumt davon, die alten Strahler mit neuester LED-Technik auszustatten. „Das senkt die Energiekosten und sorgt für viel helleres Licht“, weiß Seiger. „Vielleicht gibt es ja mal einen großzügigen Sponsor.“